Viele Völker Asiens wohnen in Singapur Tür an Tür. Kultur kompakt. Erst durch das Viertel des Drachen marschieren, dann unter den Augen Shivas Fischköpfe verspeisen und zu guter Letzt einen Milchtee an der goldenen Moscheekuppel schlürfen. Text: Markus Grenz

Liebe geht durch den Magen?

Wenn dies tatsächlich wahr ist, dann startet meine Romanze mit der Stadt des Löwen (»Singa«) um sieben Uhr morgens beim Frühstück nicht gerade appetitanregend. Nicht nur, dass mir diese unmenschliche Zeit von jeher schwer im Magen liegt. An Nahrungsaufnahme ist nur schwer zu denken. Unberührt warten die drei chinesischen Ravioli, Jaozi genannt, vor mir auf ihre Bestimmung. In brauner Soja-Essig-Tunke schaukeln Ingwerstücke ungestört vor sich hin. Jetzt eine Hackfleischfüllung? Saure Sauce? Oder ein Geduldsspielchen mit Essstäbchen? Nein, danke.

Die Dame mir gegenüber verspürt hingegen einen großen Appetit. Sie schlürft abwechselnd lautstark ihre scharfe Suppe, nippt am Jasmintee und knabbert an ihrer Hühnerkralle. Lächelnd hält sie mir ein zweites Exemplar unter die Nase. Dem armen Tier haben sie ja nicht einmal die Zehennägel vor dem Exitus geschnitten. Ich beschließe, mein Frühstück auf einen humanen Zeitpunkt zu verlegen, und schiebe meinen Teller der immer noch hungrigen Dame hinüber. Sie verputzt meine Portion auch noch restlos, wischt sich mit der Serviette über den klebrigen Mund und spuckt zum Abschluss noch einmal herzhaft auf den Betonboden. Genau so startet man in Chinatown in einen gelungenen Tag. Meiner, so viel sei verraten, sollte besser werden.

Welcome in Chinatown

Am malerischen Rand des Singapurer Geschäftsviertels regt sich das Leben bereits früh. Fürsorgliche Mütter kümmern sich um ihre Babys oder entleeren die Waschschüsseln im Rinnstein. Zahnlose Greise rücken Pekingoper-Plastikmasken zurecht – »Originale«, versteht sich. Gemächlich wandern die Ruheständler mit ihren »Weiqui«- und »Mahjong«-Spielbrettern zu den öffentlichen Tischen zu Füßen des »Buddha Tooth Relic Temple«. Bald werden ihnen zahlreiche »Kiebitze« bei ihren Zügen über die Schultern schauen: Im Kontrast zur modernen westlichen Businesshektik der Stadt kann man hier in ein typisches Stück Asien in seiner gemütlichen Variante eintauchen.

Joan Campderrós-i-Canas/flickr.com

Im Schatten der Glastürme reihen sich die liebevoll restaurierten Kolonialbauten in engen Gässchen oder Nebenstraßen aneinander. Es dominiert das Rot des Drachen: Rot sind die frisch getünchten Fensterländen, rot strahlen die – entlang der Straße oder quer darüber gespannten – Lampions, rot leuchten dem Besucher die »Hanzi« genannten Schriftzeichen entgegen. Hier nahm einst Singapurs Karriere als Handelsplatz seinen Anfang. Doch seit der Gründung 1819 ist viel passiert, und für die mittlerweile 3,5 Millionen Chinesen in Chinatown, knapp 80 Prozent der Bevölkerung, reicht der Platz längst nicht mehr.

Sightseeing quer durch die Kulturen

Für meinen morgendlichen Spaziergang vorbei an Apotheken mit getrockneten Seepferdchen und Goldschmiedeläden nehme ich mir viel Zeit. Während ich mein ausgefallenes Frühstück mit ein paar saftigen Mangos nachhole, stimme ich mich mit einem Besuch des 100 Jahre alten »Sri Mariamman«-Hindutempels schon einmal auf die nächste Etappe ein. In der Stadt des Löwen (»Singa«) wohnen die Götter nämlich Tür an Tür. Dass dabei mitten in Chinatown eine der wichtigsten Gebetsstätten der Inder und Tamilen steht, stört niemanden.

Martin Garrido/flickr.com

Ihre »Zelte« haben die Zuwanderer vom Subkontinent ein paar Kilometer entfernt, im Norden der Stadt, aufgeschlagen. Die hohe Luftfeuchtigkeit schafft nicht das geeignete Klima für einen Wandertag, und ich nehme lieber ein Taxi. Inmitten von Göttern und Gewürzen entlässt mich mein Fahrer in die Hitze. Frauen in bunten Saris drängeln sich an mir vorbei. Ein stattlicher Sikh mit Turban und Vollbart knattert auf seiner Vespa heran. Eingerahmt von leuchtend gelben Blumengirlanden, blitzt mir das blaue Antlitz Shivas entgegen. Gelbe und rote Berge von frischem Currypulver unterlegen das Treiben mit ihrem markanten Duft. Langsam meldet sich mein Magen.

Schaut exotisch aus, schmeckt aber köstlich

Um an eine typische Spezialität von »Little India« zu kommen, muss ich einen schlaksigen Kerali in seiner Siesta stören. Freundlich grinsend, mit zustimmendem Kopfwackeln, streicht er sich seinen »Dhoti« glatt und wendet sich dem Fischkopf-Curry zu. Das schaut ein wenig exotisch aus, schmeckt aber köstlich. Hinter den Glotzaugen befindet sich nämlich zartestes, weich gekochtes Fleisch, das mir fast von allein auf meine Gabel fällt. Die Augen lässt der Kenner in der würzigen Sauce liegen. Glück gehabt.

Frisch gestärkt, verliere ich mich in den kommenden Stunden im regen Treiben zwischen den bunt gestrichenen Minishops.

Überall leuchtet mir Jasmin, die Blume der Glückseligkeit, in Gelb, Rot oder Weiß entgegen.

Die neuesten Hits aus Bollywood liefern mit ihrem Mickey-Maus-Gesang den passenden Soundtrack. Ich beobachte, wie man kunstvoll ein Henna-Tattoo auf die Haut malt, wie steinalte Inderinnen mit ihren Papageien zukünftiges Glück voraussagen und sich zierliche Prinzessinnen beim Sari-Shopping in fast sechs Meter lange Stoffbahnen einwickeln. Dann reißt mich die tief stehende Sonne aus dem indischen Mikrokosmos. Ich habe noch etwas vor.

Ab zur Sultan-Moschee

Zum »Maghrib«, dem vierten Gebet des Tages, abgehalten nach dem Sonnenuntergang, will ich an der »Masjid Sultan«, der Sultan-Moschee, sein. Nur eine kurze Wegstrecke entfernt von der Kleinausgabe Indiens, liegt das größte Gebetshaus der Muslime mitten im arabischen Distrikt am Ende einer palmengesäumten Allee. Rings herum kann man zu Fuß ein wenig »1001 Nacht«-Luft schnuppern. In den Shisha-Cafés saugen die Männer an ihren Wasserpfeifen, während Frauen unter Kopftüchern oder Schleiern vorbeiflanieren. Kleine Lädchen sind mit bunten Textilballen vollgestopft. Aus den Parfümshops weht mir ein süßlich-schwerer Geruch entgegen. Ich muss mich beeilen.

Jason Powers/flickr.com

Stetig füllt sich der Vorplatz unter der großen goldenen Kuppel der Sultan-Moschee. 5.000 Gläubige passen hinein, so viele Araber und vor allem Malaien kommen aber heute nicht in ihren Sandalen angeschlurft. Knapp 500 werden es aber schon sein, die schlückchenweise, mit den Tretern unter dem Arm, in das rund 90 Jahre alte Gebäude hineintröpfeln. Mit einem frischen arabischen Milchtee, dem Cai, habe ich es mir vor den blütenweißen Mauern gemütlich gemacht und genieße die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Da rufen schon der Muezzin und mein Magen. Zeit für mich zum Abendessen. Aber bitte ohne Hühnerkralle.

Anreise. Singapore Airlines fliegt täglich zwei Mal von Frankfurt a. M. nach Singapur

Info. Singapore Tourism Board – STB, Hochstraße 35-37, 60313 Frankfurt, Tel.: 069 9 20 77 00, www.visitsingapore.com

Übernachten. Auf der angrenzenden »Sentosa Island« liegt das Fünf-Sterne-Resort »Capella Singapore«.

 

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