Neufundland (übrigens gesprochen: nufenländ) ist der Rockstar unter den kanadischen Provinzen. Warum? Das Image ist ein wenig unnahbar, die äußere Erscheinung anmutig bis ruppig. Der eigentliche Charakter wiederrum ist dann weniger ausdrucksstark und eventuell auf den ersten Blick leicht enttäuschend. Doch wer nicht sofort aufgibt, der wird ihn finden, den wahren, wunderbaren Kern, um ihm dann gänzlich und unwiderruflich zu verfallen. Text: Jennifer Latuperisa-Andresen

Die anfängliche Fanphase. Die Kamera fährt über schroffe Felsen und moosbedeckte Steine. Ein krummes Holzhäuschen in blutroten Holzpaneelen steht am Klippenrand, während Kinder in handgestrickten Wollpullovern über die sattgrünen Wiesen rennen und dabei die blökenden Schafe verscheuchen. Im Hintergrund erklingen keltische Rhythmen mit flehenden Melodien – die typische Musik für diese Region. So ähnlich sieht der Werbefilm für die kanadische Provinz Neufundland und Labrador aus. Ein Traum – der irgendwie unerreichbar fern scheint. Absolut grundlos.

Der Himmel über dem Humber Valley Resort ist glasklar. Nach der fünften Sternschnuppe fallen mir keine Wünsche mehr ein und die Augen zu. Dabei konnte ich bereits bei der Anreise mein Glück kaum fassen. Hatte ich doch bei dem fünfeinhalbstündigen Hinflug mit dem Gedanken gespielt, meine erste Nacht in einer schiefen Holzhütte zu verbringen, wo es nach getrocknetem Fisch riecht. Aber die Realität sah in der Tat sehr luxuriös aus.

Das Ferienhäuschen war eine Villa mit bescheidenen fünf (!) Schlafzimmern und sechs Bädern; die weiteren Details spare ich mir, denn bei dieser Größe kann man bereits damit rechnen, dass auch an sonstigem Luxus nicht gespart wurde. Das Reizvolle ist: Ein derartiges Domizil kostet kein Vermögen. Das Haus ist nicht teuer, Land auch nicht – für das Geld einer Kölner Eigentumswohnung, wo gerade einmal drei Personen genügend Raum finden, bekommt man in Neufundland ein Anwesen mit einem Chalet. Und die Aussicht ist garantiert besser. Nicht unwahrscheinlich, dass es ein Strandabschnitt ist, definitiv ist man aber in der Nähe eines Waldes oder eines Sees.

Hier leben mehr Menschen, als ich dachte

Anfängliche Hektik am nächsten Morgen. Eine Bootstour ist gebucht. Nur wo ist der Hafen? Süden, Osten, Westen – als Europäer hat man es nicht so mit den Himmelsrichtungen. Wo ging noch mal die Sonne auf und wo steht sie jetzt? Dementsprechend fahre ich auch schnurstracks in die falsche Richtung. Eine aufschlussreiche Angelegenheit, bemerke ich doch währenddessen, dass Neufundland dichter besiedelt ist als gedacht.

Zahlreiche Autos schlängeln sich über die langen und breiten betonierten Straßen gen Deer Lake im Wes­ten der Insel. Weggewischt ist mein Bild von Schotterpisten und verdreckten Jeeps mit Vierradantrieb. Einkaufs­enklaven im Plattenbaustil stehen ebenso am Straßenrand wie Fast-Food-Ketten, in denen die Nordamerikaner so gerne ihren Kaffee kaufen. Ein kleiner Riss im perfekten Bild vom Paradies oder vielleicht die Enttäuschung darüber, das Schiff verpasst zu haben?

Der wahre Kern. Hat mir am Tag zuvor noch die Einsamkeit gefehlt, werde ich bei der Fahrt in den Gros-Morne-Nationalpark schlagartig milde gestimmt, als bereits nach der ersten Kurve die Schönheit dieses Ortes offensichtlich ist. Sonnenlicht reflektierende Seen buhlen mit dicht gedrängten sattgrünen Wäldern, die sich die Berge hinaufziehen, um die Gunst des Betrachters.

Niemand kann sich der einzigartigen Atmosphäre und Faszination dieses 1805 Quadratkilometer großen Nationalparks entziehen. Dennoch befinden sich am Leuchtturm von Lobster Cove nur eine Handvoll Menschen, als eine Familie Zwergwale (immerhin auch noch achteinhalb Meter lang) in die Bucht schwimmt. Es wäre nicht unüblich, wenn sich Kanuten in der gleichen Bucht befinden würden und sanft um die Meeressäuger paddeln könnten.

Auf Gedeih und Verderb dem Kabeljau ausgeliefert

Louise Decker ist eine der ersten Fischerinnen Neufundlands gewesen. Mit 15 Jahren hat sie einen 15 Jahre älteren Mann geheiratet. Das ging auch damals schon nur mit Sondererlaubnis der Eltern. Heute ist die 54-Jährige bereits Großmutter und hat es sich zur Aufgabe gemacht, interessierten Touristen die kulturelle Bedeutung des Kabeljaus nahezubringen, der über Jahrhunderte den Lebensrhythmus der Einheimischen bestimmt hat. Kabeljau ist auf der Insel in aller Munde – damit dies auch im Winter der Fall ist, wird er in Salz konserviert, und genau das zeigt Louise den Besuchern in Green Point.

Neben dem Kabeljau sorgt das Elchfleisch für nahrhafte Vorräte im Winter. Die Elche wurden zu diesem Zweck 1904 (zwei Bullen und zwei Kühe) nach Neufundland gebracht. Ihre Population stieg seitdem stetig. Heute wird der Bestand auf 150000 Tiere geschätzt. »Zu viel«, findet Rick Young vom Gros-Morne-Nationalpark.

»Elche sind die größten Hirsche der Welt. Das bedeutet, sie brauchen reichlich Futter. Bis zu 25 Kilo am Tag.«

Das Problem sei, so erzählt der Ranger, dass sich die Tiere liebend gern über junge Tannen und Birken hermachen und sich der Wald dadurch nicht mehr regenerieren kann. Im Nationalpark leben sieben Elche auf einem Quadratkilometer. Dass dies majestätische Tiere sind, hatte ich eine Nacht zuvor entdeckt, als plötzlich eine Elchkuh im Straßengraben stand und graste. Ich konnte kaum glauben, wie unglaublich groß und kräftig dieses Tier ist. Insbesondere bei Dämmerung müssen die Autofahrer aufpassen – denn ein Zusammenprall mit einem Elch kann tödlich enden.

Eine spannende Region für Geologen

Rick Young weiß aber noch mehr zu berichten, als er mich über die kargen Tableland-Berge unweit von Woody Point führt. Dieser Ort ist insbesondere für Geologen unglaublich spannend. Denn immerhin wurde diese Hochebene geschaffen, als die Urkontinente Laurentia und Gondwana zusammenstießen und dies wiederum die Ursache dafür war, dass das Erdinnere nach außen sprudelte. Das liegt 470 Millionen Jahre zurück, allerdings enthält der Boden der Tablelands weiterhin so giftige Schwermetalle, dass die Vegetation eher bescheiden aussieht.

Realitätsbeginn. Der größte Nationalpark Kanadas hat allerdings noch einen Zauber parat. Bereits der Weg zu der Anlegestelle des Schiffchens ist eine Wanderung durch eine Traumlandschaft. See, Moor, Moos, Bäume oder Berge (die bis zu 1,25 Milliarden Jahre alt sind und somit älter als die Alpen oder der Himalaja) – kurzum alles, was das Naturliebhaberherz begehrt.

Darauf folgt eine Bootstour auf einem der reinsten Gewässer der Welt – auf dem Western Brook Pond. Bis zu 700 Meter hohe Felswände umschließen den 16 Kilometer langen Fjord, der durch einen geschmolzenen Gletscher aus der Steinzeit entstand. Langsam tuckert das Boot entlang der atemberaubenden Schönheit dieser Natur. Ein Zauber liegt in der Luft, der mich sofort in seinen Bann zieht. Wasserfälle tosen die Felsen hinab, Seevögel kreisen und setzen sich auf Findlinge hernieder und plötzlich habe ich das Gefühl, angekommen zu sein.

Die Studenten sorgen in St. John’s für Lebendigkeit

Doch trotz Idylle musste ein Tapetenwechsel her; St. John’s, die Provinzhauptstadt, ist Pflicht auf einer Neufundlandreise. Das schönste Hotel ist das Ryan Mansion mit einem besonderen Bezug zur Titanic, die im Jahr 1912 nur etwa 592 Kilometer vor der Küste der Insel gesunken ist. Hier im Haus, das zur selben Zeit erbaut wurde wie das untergegangene Passagierschiff, kann in ähnlichem Ambiente ein Sechs-Gänge-Menü serviert werden, dass sich an der Originalspeisekarte orientiert. Zudem wird von einem Porzellan wie dem der White Star Line diniert. Ein einzigartiges und beliebtes Erlebnis. Vielleicht auch wegen der exzellenten Küche des Hotels, die schon Prince Charles genossen hat.

Allgemein hat St. John’s eine hohe Lebensqualität. Und wer meint, dass dort abends die Bürgersteige hochgeklappt werden, hat seine Rechnung ohne die dort lebenden 18.000 Studenten gemacht. Denn dank ihnen wird die George Street abends zur gepflegten Partymeile, wo man bei einem lokalen Quidi-Vidi-Bier exzellenter Livemusik lauschen kann.

In Bully Bay kann man Papageientaucher bestaunen

Wer im Osten dem angenehm quirligen Stadtleben entfliehen will, dem sei Bulls Bay empfohlen. Denn dort kann man auf Zodiacs nicht nur Walen begegnen, sondern auch den berühmten Papageientauchern, den Schönheiten unter den Seevögeln. Joe O’Brien, der diese Touren organisiert, empfiehlt, im Frühjahr wiederzukehren. »Dann kannst du zwar nicht im T-Shirt hier sitzen, aber dafür die Wanderung der Eisberge beobachten. Und das ist ein wirkliches Naturschauspiel.« Die meisten der Eiskolosse, die entlang der »Iceberg Alley« an der Ostseite Neufundlands zu sehen sind, stammen von Grönlands gewaltigen Gletschern. Mit dem kalten Labradorstrom treiben die Eisberge dann gen Süden an Neufundland vorbei. Bryan Adams, Tina Turner und David Bowie haben bei Joe O’Brien schon dieses Schauspiel erlebt. Mich wundert es nicht, schließlich ist Neufundland der Rockstar unter den kanadischen Provinzen – und ich bin seit dieser Reise ein ganz treuer Fan.

Anreise. Mit Iceland Air über Island nach Halifax. Von dort aus mit Air Canada nach Deer Lake oder St. John’s.

Fortbewegung. Ein Mietwagen ist für Neufundland unerlässlich und kann an den Flughäfen bei den üblichen Anbietern angemietet werden Gros-Morne-NationalPark.

Unterkunft. Neddies Harbour Inn in Norris Point, ab € 113 pro Nacht im DZ. Ryan Mansion Hotel & Spa. 21 Rennies Mill Road, St. John’s, Nacht im DZ inkl. Titanic-Dinner kostet etwa € 179 pro Person,

O’Brien’s Boat Tours. Hier können Touren zu den Walen, den Papageientauchern (puffins) oder den Eisbergen gebucht werden.

Info. Weitere Informationen über Neufundland gibt es hier.

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