Peru ist ein magisches Reiseziel, reich an Geschichte und beeindruckender Natur. Die meisten Menschen verbinden mit dem Andenstaat wohl die mysteriöse Ruine Machu Picchu. Doch auch abseits davon hält Peru auf einer Reise zahlreiche Sehenswürdigkeiten und Erfahrungen bereit, wie unser Reporter Andreas Dauerer feststellen durfte.
Es ist wie immer: Kaum habe ich mir einen Ort ausgeguckt, an dem wenigstens einmal kontemplatives Verweilen geplant ist, ist es damit auch schon vorbei. Instagram lässt grüßen und mir wird augenblicklich klar, dass Reisen im 21. Jahrhundert in der Konsequenz vor allem digitale Bilderwelten im Schlepptau hat. Jedenfalls sehe ich plötzlich nur noch posierende und poussierende Pärchen auf Pferderücken oder eng aneinandergeschmiegt vor dem wohl am stärksten frequentierten Social-Media-Hotspot im Norden Perus: den Gocta-Wasserfällen. 771 Meter fällt das Wasser auf zwei Etappen nach unten. Weil das so grandios aussieht, gibt es eine Handvoll Aussichtspunkte auf dem Weg vom Örtchen Cocachimba hin zum Fuß des Wasserfalls. Sowohl Wandern als auch Reiten sind möglich.
Gocta-Wasserfälle: 771 Meter Wasser und ein Pferdepaar nach dem anderen
Aber natürlich muss das Ganze für die Daheimgebliebenen, und manchmal auch für mich selbst, den Handyspeicher füllen. So wird Pferdepaar um Pferdepaar zunächst auf den gemauerten Balkon geführt. Weil jedoch niemand nur den Hintern von Ross und Reiter samt fernem Wasserfall auf dem Foto sehen möchte, werden die Tiere vom jeweiligen Guide einmal herumgeführt. Anschließend gibt es genaue Anweisungen an den Fotografen: in Pose geworfen, so gut das auf dem Pferderücken eben geht, wird gelächelt und gelacht, ehe die Tiere sich wieder auf den Pfad zum Wasserfall machen dürfen. Am Ende zähle ich immerhin 17 Tiere samt Reiterinnen und Reitern in vier Gruppen und zwischendrin ganze neun unerschrockene Wanderer, mich einmal ausgenommen.
Natürlich drängt sich die Frage auf: Wenn schon Peru, warum dann nicht gleich Machu Picchu? Ein berechtigter Gedanke. Schließlich handelt es sich um das Land der Inkas und um einen der sagenumwobensten Orte Südamerikas. Doch was bedeuten schon 26 Menschen, die sich an einem Hotspot gegenseitig die Klinke in die Hand geben, im Vergleich zu jenen Tausenden, die sich in Cusco und Umgebung tagtäglich durch das Heilige Tal in Richtung Machu Picchu schieben? Eben. Eine ausgesprochene Wohltat.
Cajamarca: Wo der letzte Inkakönig sein Ende fand
Ein paar Tage zuvor bin ich in Cajamarca gelandet. Dort lief der letzte Inkakönig Atahualpa etwas nonchalant ins spanische Messer und fiel am Ende genau jenem zum Opfer. Nach neun Monaten der Goldbeschaffung für die Spanier, gedacht als Lösegeld, folgte dennoch der Tod. Eine tragische Geschichte, die sich im Cuarto del Rescate fast körperlich nachvollziehen lässt. In diesem rund 35 Quadratmeter großen Raum hielt der Eroberer Francisco Pizarro Atahualpa gefangen, nachdem dieser die Spanier und ihre Gefolgschaft nicht ernst genug genommen hatte, als sie immer tiefer in sein Gebiet vordrangen.
Rund um die Stadt standen Tausende Inkakrieger bereit. Zahlenmäßig waren die Spanier deutlich unterlegen. Pferde, Glocken und Schusswaffen kippten jedoch das Kräfteverhältnis. Eine kleine Truppe, Quellen sprechen von 100 bis 250 Mann, überlistete die Einheimischen, nahm den König gefangen und richtete nebenbei ein Blutbad an.
Atahualpa versprach, den Raum bis zur Höhe seines ausgestreckten Arms mit Gold und Silber zu füllen, um sich die Gunst der Spanier zu erkaufen. Das Metall ließ er aus allen Teilen des Reichs herbeischaffen. Genützt hat es ihm nichts. Im August 1533 wurde er auf der Garrotte erdrosselt. Das Gold landete eingeschmolzen auf Schiffen Richtung »Alte Welt«. Der Gedanke an die zahllosen Kunstschätze, die so ein jähes und unwürdiges Ende fanden, schlägt auf den Magen. Für die Inkas war Gold nie ein wertvolles Gut im eigentlichen Sinne. Schmuck für den Adel, Tauschware, mitunter kaum mehr wert als eine bunte Feder im Haar.
Obwohl in Cajamarca noch heute Gold abgebaut wird, hat die Stadt an Strahlkraft eingebüßt. Und doch beginnt hier jede Reise. Am einst wichtigsten Knotenpunkt der Inkas zwischen dem Süden ihres Reichs und dem Norden, der sich vom heutigen Chile bis weit nach Ecuador erstreckte, ebenso zwischen Pazifikküste und Anden, laufen die Wege bis heute zusammen.
Die Straße nach Chachapoyas
Besonders die Route in Richtung Chachapoyas, ins peruanische Amazonasgebiet, hält allerlei Überraschungen bereit. So viel Offenheit muss sein: Bequem ist der Weg nicht. Gebraucht wird ein Auto mit guten Stoßdämpfern, idealerweise ergänzt um einen noch besseren Fahrer. Meiner heißt Witman Rodriguez, stammt aus der Gegend um Chiclayo und vereint einige Talente. Besonnen, ruhig, vielleicht auch wortkarg, dabei nett und ausgesprochen höflich. Vor allem aber fährt er so akkurat wie die Linien seiner Kurzhaarfrisur.
Das verdient Erwähnung, denn die Bergstraßen befinden sich selbst für peruanische Verhältnisse in armseligem Zustand. Umso erstaunlicher wirkt die Fahrt ins Hochland östlich des Río Marañón. Sie ist derart spektakulär, dass die Ahs meist dem gelten, was draußen am Fenster vorbeizieht, und weniger den erschrockenen, stöhnenden Lauten, die durch den Bus hallen, wenn Witman wieder einmal ein Schlagloch frontal nehmen muss und der Hintern kurzzeitig aus dem Polster hüpft. Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Da muss ich jetzt durch.
Durch alle Klimazonen der Erde in einem Tag
Das Ziel liegt im Gebiet der Chachapoya, jenem Volk, das den Inkas bis zuletzt erbitterten Widerstand leistete. Eine vielschichtige, hoch entwickelte Gesellschaft, bei deren Erforschung die Wissenschaft in vielen Punkten noch im Dunkeln tappt, sagt Guide Julio Porras. Mühsam ziehen sich die Serpentinen nach oben, vorbei an Ziegen, Farnen und Zedern, gelegentlich unterbrochen von ein paar versprengten Hütten.
Ob hier bereits Amazonasgebiet beginnt, klärt sich schnell, sobald die vielen Höhenmeter wieder nach unten führen. Bei der Überquerung des Río Marañón zeigt das Thermometer im Tal über 34 Grad. Der kurze Fußweg über die Brücke wirkt entsprechend wie ein Dampfhammer. Auf der anderen Seite wartet nicht nur das Reich der Chachapoya, sondern vor allem Witman mit einem Grinsen. Beim Obstbauern hat er frische Mangos besorgt, die nach der ganzen Durchschüttelei besonders süß schmecken.
Es ist ein Ritt durch gefühlt sämtliche Klimazonen der Erde. Mit jedem Höhenmeter verschwindet die üppige Vegetation, der Anstieg zieht sich vorbei an einem kleinen Viehmarkt mitten im Nirgendwo der Anden. Je höher es geht, desto kühler wird die Luft. Nebel schiebt sich ins Bild, allmählich verschwindet auch das Licht. Schließlich liegt das kleine Örtchen Leymebamba vor mir. Ein wenig unscheinbar, ruhig, mit niedrigen Häusern und einem Platz, auf dem ein paar Kinder spielen.
Leymebamba: Ein Museum voller Mumien
Hier war lange nichts, erklärt Julio. Bis oben in den Bergen etwas gefunden wurde, das besser verborgen war als Gold: die Laguna de los Cóndores. Allein der Name klingt nach Mythos. Ein abgelegener See, erreichbar nur über einen zweitägigen Marsch durch dichten Regenwald. Ende der 1990er-Jahre wurden dort über 200 Mumien der Chachapoya entdeckt, die seit Jahrhunderten in Felsspalten und Grabnischen auf ihr zweites Leben warteten.
Das kleine Museum von Leymebamba widmet sich den Chachapoya, ihrer erstaunlich ausgefeilten Webkunst, zeigt, wie sie in ihren fensterlosen Rundhäusern lebten, und nimmt sich ausführlich des Totenkults an, samt Sarkophagen und Mumien.
Schließlich stehe ich vor einer großen Glasscheibe. Julio muss den Museumswärter bitten, er möge das Licht anschalten, damit die kleine Kammer ausgeleuchtet wird. Und dann sehe ich sie. Klein, hockend, in Textilien gewickelt, die trotz der Jahrhunderte noch Muster zeigen. Manche Schädel sind deformiert, womöglich von ärztlichen Eingriffen, andere haben Haare, Zöpfe. Stumm gucken sie einen an und jede erzählt doch eine Geschichte. Von Bauern, Kriegern, Kindern. Von Widerstand und dem Weiterleben nach dem Tod.
Warum sie bestens konserviert in aufwendigen Sarkophagen schließlich in unerreichbaren Felsnischen die letzte Ruhe gefunden haben: Man weiß es nicht. Gesichert ist, dass sie die Plätze nicht zufällig wählten, denn das Mikroklima dort war ausgerichtet auf Trockenheit, die im Bergnebelwald eher weniger zu finden ist. Warum das alles? Wir können mutmaßen, wissen tun wir es nicht, sagt Julio. Das klingt logisch, weil sie kein Schriftbild hatten. Dazu klingt es traurig und tröstlich zugleich. Wie schön, wenn man mal etwas nicht weiß, sondern das Kopfkino anwerfen kann.
Kuélap: Die Festung der Wolkenmenschen 3.000 Metern
Davon braucht es am nächsten Tag etwas weniger. Von Leymebamba führt der Weg ins heilige Zentrum der Chachapoya nach Kuélap. Hoch oben auf einem Bergrücken erstreckt sich eine gewaltige Anlage, die an eine Festung erinnert. Seit einigen Jahren lässt sich der Aufstieg bequem per Seilbahn bewältigen, hinauf auf 3.000 Meter Höhe. Bis zu 1.000 Besucher pro Stunde sollen so nach oben gelangen. Zumindest in der Theorie. An diesem Oktobertag bleibt es ruhig. Eine Handvoll Touristen, ein paar Schulklassen, einige einheimische Besucher.
Pünktlich zu Beginn des etwa 20-minütigen Fußwegs zu den Ruinen setzt Nieselregen ein. »Wolkenmenschen« nannten die Inkas die Chachapoya, was auch sonst. Auf über 3.000 Metern Höhe lebt es sich fast automatisch über den Wolken.
Vier Zugänge besitzt die Zitadelle. Jeder zwingt Besucher durch einen teils bis zu 60 Meter langen Mauerkorridor, ehe am Ende jeweils nur eine Person durch den Torbogen passt. Wie viele Pfeile oder Speere hier potenzielle Eindringlinge getroffen haben könnten, mag ich mir kaum ausmalen. Die schiere Größe der Anlage beeindruckt. Rund 300 Rundhäuser standen einst auf dem Bergrücken, mit bis zu sieben Meter hohen, bunt bemalten Dächern. Dazu kamen zwei Tempel, ein Marktplatz und ein ausgeklügeltes Abwassersystem. 2.000 bis 3.000 Menschen sollen hier in der Blütezeit gelebt haben.
Kunst statt Krieg
So sehr Kuélap an eine Festung erinnert, war es wohl keine. Eher eine Stadt der Künste, der Keramik, der Textilien, der Krieger und des Handels. Da auf dieser Höhe kaum etwas angebaut wurde, musste die Nahrung aus dem Umland herangeschafft werden. Genau das wurde den Chachapoya Ende des 15. Jahrhunderts zum Verhängnis, als die Inkas die Versorgung kappten und Kuélap schließlich einnahmen.
Unterworfen haben sie sich dennoch nie wirklich. Eigene Bauwerke entstanden weiterhin, eine stille Form des Widerstands gegen die ungeliebten Eroberer. Vielleicht ahnten sie bereits, dass die Herrschaft der Inkas ihrem Ende entgegenging. Vielleicht waren sie schlicht eigenwillig und renitent. Oder, wie Julio es so treffend formulierte: Ach, manchmal ist es doch einfach schön, wenn Dinge nicht ganz genau erklärbar sind, oder?
Alle Informationen zur Reise
- Allgemeine Infos über Peru gibt es beim offiziellen Fremdenverkehrsamt www.peru.travel/de oder bei www.promperu.de
- Mit dem Mietwagen lässt sich der Norden Perus flexibel erkunden. Ohne Spanischkenntnisse empfiehlt sich eine Tour mit lokalem Guide und Fahrer, buchbar über Reisebüros oder direkt vor Ort in Cajamarca. Angesichts wechselnder Straßenverhältnisse ist diese Option besonders sinnvoll.
- In Cajamarca gilt das Hotel & Spa Laguna Seca etwas außerhalb der Stadt als gute Adresse. Heiße Quellen sorgen für Entspannung nach langen Fahrten oder Wanderungen. Junior-Suite mit großem Bad und Warmwasserbecken ab etwa 190 Euro. https://lagunaseca.com.pe
- Die Gocta Lodge in Cocachimba punktet mit Zimmern inklusive Balkon, Blick auf die Wasserfälle und zwei Außenpools. Ausflüge in die Umgebung lassen sich direkt im Hotel organisieren. Doppelzimmer ab etwa 160 Euro, Suiten im Haupthaus ab etwa 240 Euro, jeweils inklusive Frühstück. www.goctalodge.com








