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Die japanische Teezeremonie gilt als spirituelle Kunstform, als Akt der Achtsamkeit, als Weg zur inneren Stille. Für mich war sie vor allem eines: eine Prüfung für meine Knie, mein Durchhaltevermögen und mein Talent, grüne Flüssigkeit mit möglichst kontrollierter Miene zu trinken. Teil 13 unserer Reise-Fail-Serie.

Chakai, Cha-cha-cha: Ein Tee-Abenteuer beginnt

Natürlich wollte ich alles richtig machen. In Kyoto hatte ich eine Chakai-Zeremonie gebucht – die informelle, angenehm einstündige Variante der berühmten japanischen Teezeremonie. Keine Kaiseki-Menüs, kein dicker Koicha, sondern eine Süßigkeit und ein Schälchen Usucha, also dünner Matcha, kunstvoll angerührt mit einem Bambusbesen. Easy, dachte ich. Ein bisschen Sitzen, ein bisschen Schlürfen, ein bisschen Zen.

Was ich nicht wusste: informell bedeutet in Japan nicht bequem.

Knie im Koma: Mein Showdown mit dem Schneidersitz

Eine Frau bei einer Teezeremonie in Japan.

Illustration: Gemini

Der Teeraum war wunderschön: minimalistisch, Tatami-Matten, ein feines Blumenarrangement, eine Kalligrafie an der Wand. Nur eines fehlte: Stühle. Stattdessen Bodensitz. Wahlweise im Fersen- oder Schneidersitz. Ich entschied mich für die Variante, bei der ich nicht sofort umkippe.

Nach fünf Minuten stellte mein linkes Knie den Betrieb ein. Nach sieben Minuten meldete sich der rechte Fuß mit einem beharrlichen Kribbeln. Und nach zehn Minuten fragte ich mich, ob es gesellschaftlich akzeptabel wäre, sich einfach langsam auf die Seite zu legen wie ein erschöpfter Koifisch.

Doch ich wollte respektvoll sein. Respekt ist eines der vier Grundprinzipien der Teezeremonie. Also lächelte ich. Saß still. Und tat so, als wäre das alles Teil eines sehr tiefen inneren Prozesses.

Grüner wird’s nicht: Mein Matcha-Moment

Illustration einer Frau, die Matcha trinkt.

Illustration: Gemini

Der Tee kam. Zeremoniell angerührt, schaumig geschlagen mit dem Chasen. Wunderschön. Nur leider: Ich mag keinen Matcha. Schon der Geruch reicht aus, um meine Begeisterung in sehr überschaubare Bahnen zu lenken. Aber nun gab es kein Zurück.

Die Gastgeberin verbeugte sich leicht, ich nahm die Schale mit beiden Händen, drehte sie zweimal und trank. Drei Schlucke wären korrekt gewesen. Ich schaffte zwei. Beim letzten verzog ich kurz den Mund, fing mich aber sofort wieder und schaute andächtig in die Schale, als hätte ich gerade eine philosophische Offenbarung erlebt.

Der Tanz der Taubenfüße: Wieder aufstehen mit Würde

Illustration einer Frau, die mit Rückenschmerzen aufsteht.

Illustration: Gemini

Nach dem Tee folgte der Teil, vor dem niemand warnt: das Wieder-Aufstehen. Ich wartete, bis alle anderen Gäste sich erhoben hatten, suchte mit den Augen eine Wand, eine Bank oder irgendetwas Standfestes und arbeitete mich langsam nach oben.

Mit einer Mischung aus Konzentration, Körperspannung und sehr viel innerem Stolz gelang es mir schließlich. Wabi-Sabi in Reinform: Schönheit im Unvollkommenen.

Was bleibt: Lektionen aus der Teeschale

Trotz Kniekrise und Matcha-Skepsis war die Teezeremonie ein besonderes Erlebnis. Sie folgt einer Philosophie aus Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille – geprägt vom Zen-Buddhismus und vom Gedanken des Wabi-Sabi.

Ich nehme mit: Bequeme Kleidung ist kein kultureller Affront. Ein kleines Kissen kann Leben retten. Und nicht jede spirituelle Erfahrung schmeckt automatisch gut.

Noch ein paar Fakten für die Kultur-Freaks

Illustration einer Frau in Tokio.

Illustration: Gemini

Matcha ist pulverisierter Grüntee, bei dem das ganze Blatt mitgetrunken wird. Intensiv, bitter, gesund – und leider nicht mein Ding.

Der Tee wird mit dem Chasen, einem Bambusbesen, schaumig geschlagen.

Gäste drehen die Schale zweimal, trinken in drei Schlucken, schlürfen beim letzten. Alles ist Ritual.

Die Ästhetik folgt dem Prinzip Wabi-Sabi: Schönheit im Unvollkommenen.

Zen kommt manchmal nicht durch Erleuchtung, sondern durch Muskelzittern, bittere Getränke und den festen Glauben daran, dass es bald vorbei ist. Und das ist – im besten Sinne – genau der Geist von Sadō: den Moment zu akzeptieren. Auch wenn er nach Algen schmeckt.


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