Im Shangri-La Hotel at the Shard gibt es zwei Sorten Gäste: Die einen verfallen in einen Höhenrausch. Die anderen plagt Höhenangst. Schlafen auf höchstem Niveau bekommt im Luxushotel an der Themse eine neue Dimension. Text: Ulrike Klaas

Ich schwebe in anderen Sphären. Ich meine das weder pathetisch noch in einem höheren Sinne. Ich schwebe tatsächlich – über London. Rechts hält die Tower Bridge die Ufer zusammen. Links lugt die Spitze des Eye of London hervor. Englands Hauptstadt liegt mir zu Füßen. Im Luxushotel Shangri-La at the Shard schrumpft die sonst so übermächtig erscheinende Stadt auf Modelleisenbahn-Kulisse.

London von The Shard

Ulrike Klaas

Was in der Lobby schon zur Schnappatmung führt, steigert sich im Zimmer fast zum Atemstillstand. Die Badewanne ist das Prunkstück meines marmorverkleideten Badezimmers. Sie steht direkt vor der Fensterfront, ausgerichtet auf Themse und Tower Bridge. Der Boden wärmt die Füße, ein TV-Bildschirm in der Spiegelfläche ermöglicht Nachrichtengucken beim Zähneputzen, und die japanische Hightechtoilette heizt dem Popo ein. Ob man bei Dunkelheit bedenkenlos im Lichtschein ein Bad einnehmen kann?

Ein Fernrohr auf dem Hotelzimmer?

Ein Hubschrauber bringt unter mir die Luft kurz zum Vibrieren. Kein Gebäude befindet sich auf Augenhöhe. Sorgloses Planschen ist garantiert. Was die Badewanne im Bad, ist das Bett in meinem Iconic-CityView-Zimmer. Die Anziehung ist zu groß. Ich bette mich mit diversen Kissen im Rücken. Einzig der große Fernseher stört meine London-Sightseeing-Tour vom Bett aus. Es klopft. Ein heißer grüner Tee zur Begrüßung. Ganz nebenbei holt der elegant gekleidete Mitarbeiter ein Fernrohr aus einer edlen Holzschatulle auf meinem Schreibtisch und reicht es mir, damit ich Tee trinkend die chinesische Gastfreundlichkeit genieße und dabei London bestaune. Schnell rückt er noch den Obstteller sowie das Schälchen mit Macarons und Pralinen zurecht und ist beim nächsten Wimpernschlag lautlos verschwunden.

Shangri-la London

Ulrike Klaas

Ganz in Shangri-La-Manier. Fürsorglich und dabei zurückhaltend, ohne die Privatsphäre zu stören.

Imposant von außen wie von innen

Die chinesische Luxushotelgruppe ist der größte Mieter der 72 Stockwerke hohen Pyramide The Shard. 19 Etagen, ein Sechstel der Fläche, nimmt das Luxushotel ein. Daneben füllen Büroräume, Restaurants, Luxusappartements und eine Aussichtsplattform die Etagen. The Shard ist imposant – von außen wie von innen – und hat die Skyline an der Themse verändert. Kritiker würden sagen, unwiederbringlich verschandelt. Erbauer und Stararchitekt Renzo Piano sagt:

»Es braucht Zeit, bis man gute Architektur erkennt und sie zu schätzen weiß.«

Fest steht: Der Architekt hat der Ansicht und der Aussicht auf London einen neuen Blickwinkel verschafft. Renzo Piano baute schon Meilensteine der Architektur wie das Centre Pompidou in Paris. Und dann The Shard. Ein Glanzlicht. Das Gipfelkreuz des Wolkenkratzers ist für jedermann zugelassen. »The View from the Shard« wurde ziemlich schnell nach seiner Eröffnung zu »Londons kultureller Attraktion 2014« gekürt.

The Shard London

Ulrike Klaas

Renzo Piano hat die letzten Stockwerke zur Aussichtsplattform auserkoren. The Shard – übersetzt: »die Scherbe« – ragt 310 Meter in die Höhe. Noch darf das Gebäude sich mit dem Titel »höchstes Gebäude Londons« schmücken. Wegen seiner Pyramidenform und seiner gläsernen Fassade, in denen sich die Stadt spiegelt, ist das Gebäude ein herausragender Hingucker im Häusermeer Londons und Orientierungspunkt für Touristen und Einheimische wie der Dom in Köln.

Kaufen, wonach der Sinn steht

Auch vom benachbarten Borough Market aus ist das wie ein Kaleidoskop glitzernde und flirrende Gebäude aus zu bewundern. Wir begleiten Küchenchef Emil Minev auf den bekannten Markt. Oder besser: Er geleitet uns, und wir, die Gäste des Shangri-La dürfen einkaufen, wonach uns der Sinn steht. Küchenchef Minev kommt die Herausforderung zuteil, daraus ein erstklassiges Abendmenü zu kreieren. So kaufen wir an einem Stand lila Blumenkohl, am nächsten Zucchiniblüten und dort etwas Lauch.

Shangri-La Küchenchef auf dem Bourough Market in London

Ulrike Klaas

Mit vollen Einkaufstüten gleiten wir lautlos in den 35. Stock. Katapultartig in unter 30 Sekunden. Die Höhe merke ich lediglich an einem dezenten Ohrendruck. Die Lobby des Shangri-La Hotels strahlt eine helle, nüchterne und elegante Effizienz aus, wie sie nur die Asiaten kreieren können – und sie duftet. Vanille. Sandelholz. Moschus. Frisch. Intensiv. Ein Geruch mit Wiedererkennungswert. Die »Essence of Shangri-La«, die den Gästen weltweit in allen Lobbys in die Nase steigt. Wie Motten vom Licht zieht die übermächtige Glasfront die Gäste an, die der Aufzug mit einem Pling ausschüttet. Die überlegene Perspektive auf die Hauptstadt lässt Neuankömmlinge für Minuten wie Schlafwandler mit starrem Blick verharren.

Shnagri-La The Shard in London

Ulrike Klaas

Die Gäste, die bereits seit Längerem hier weilen, erkennt man leicht: Sie werfen London im Miniaturformat höchstens einen kurzen Seitenblick zu. Das Besondere wird schnell selbstverständlich. Dazwischen tapsen wie kleine Kätzchen bei ersten Gehversuchen diejenigen, die die Höhe plagt. Schrittchen für Schrittchen nähern sie sich der Glasfront, als könne jeden Moment der Boden nachgeben und sie in die Tiefe reißen. Zu viel Glas auf schwindelerregender Höhe.

Rendevous in der Badewanne

Am Abend habe ich ein Rendezvous. Mit London. Ich liege in der Badewanne, und ein Meer an Lichtern breitet sich vor mir aus. Ich bin mittendrin, aber dennoch unerreichbar. Ein schönes, seltenes Gefühl. Gleichzeitig frage ich mich, wie mein Leben ab morgen aussehen wird. Im dritten Stock. Mit einer Badewanne, von der aus ich statt der flackernden Lichter einer Metropole weiße Kacheln zähle, und einem Bett mit Blick auf die nächste Häuserwand. Das Shangri-La at the Shard ist wirklich Schlafen auf höchster Ebene. Scherben bringen eben bekanntlich Glück!

 

Hotel. Shangri-La Hotel at the Shard, 31 St Thomas Street, London, SE1 9QU, United Kingdom, Tel.: +4420 7234 8000

Aussichtsplattform. The View from the Shard kostet ca. € 32 p. P.

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