Romeo und Julia oder lieber die Zauberflöte? Schwanensee, Aida, Fidelio? Seit über einem Jahr sind die meisten Theater geschlossen, steht Kultur still. reisen-EXCLUSIV-Autorin Simone Sever fehlen die Kulturstätten. Nun ist ihr ein Trip zu den schönsten Opernhäusern weltweit gelungen. Vorhang auf!

Zugegeben, die Reise, zu der ich mich jetzt aufmache, hat eher wenig mit echter Reiserealität und »A night at the opera« zu tun. Aber, was soll ich machen? Die Bretter, die für so viele die Welt bedeuten, liegen schon viel zu lange wegen der weltweiten Pandemie im Dunkeln. Auf den Theaterbühnen weltweit brennt kaum ein Licht. Dort, wo normalerweise die Stimmen der Startenöre zu hören sind und die Spitzentänze der Ballettkompanien das Publikum verzaubern, herrscht Stille. Keine Anna Netrebko, die stimmgewaltig in ihren Bann zieht, keine Zuckerfee beim Spitzentanz, keine orchestrale Untermalung. Kein Räuspern, kein Husten, kein drittes Klingeln und auch kein Blick in den Theatersaal – oder doch?

Saal im Coliseum in London mit viel rotem Samt und Gold

Guillaume de Laubier/Knesebeck Verlag

Reisetraumziele sind für die einen schneebedeckte Achttausender, die sie bezwingen wollen. Für andere sind es Unesco-Weltkulturerbestätten, Luxushotels, Inseln, Länder … Opernhäuser sind ganz klar auch eine Lieblingszielliste wert. Den Beweis in Form eines großformatigen Coffeetablebooks liefern der Fotograf Guillaume de Laubier und sein journalistischer »Partner in Crime« Antoine Pecqueur. Die beiden Herren entführen Leser und Betrachter in eine Welt voller Eleganz und Opulenz, von schlichter Schönheit und Einzigartigkeit und erzählen Geschichte und Geschichten von 32 Opernhäusern, die allein wegen ihrer Architektur und ihres Interieurs einen Besuch wert sind. Von dem, was auf den Bühnen geboten wird, ganz zu schweigen.

Bolschoi-Theater, Moskau

Eine der begehrtesten Bühnen der Welt ist das Bolschoi-Theater in Moskau. Auf meiner »Da muss ich unbedingt noch hin«-Liste liegt das Große Theater, wie der Name verrät, ganz sicher unter den Top Ten. »Der typisch neoklassizistische Giebel wird von einer von Apollo gelenkten Quadriga überragt, die zum Sinnbild des Gebäudes geworden ist«, lese und erkenne ich, denn das Bild der Außenfassade habe ich schon so häufig sehnsuchtsvoll angeschmachtet. Ein Blick von der Bühne in den rotgoldenen Saal mit über 1.700 Sitzplätzen wird dem Namen gerecht. Abend für Abend finden hier vor allem Ballettvorstellungen statt, denn Russen sind ballettverrückt. Genau wie ich.

Treppenstufen im Inneren des edeln Bolschoi-Theater-Theaters in Moskau, einem der schönsten Opernhäuser weltweit

Guillaume de Laubier/Knesebeck Verlag

Den Norske Opera & Ballett, Oslo

Nach dem Coliseum in London und dem Cuvilliés-Theater in München, die ebenfalls mit Samt und Rot auf die Plätze locken, lege ich einen längeren Halt in Norwegen ein. Kein Samt, kein Protz, dafür modernes Design mitten im Hafen, dazu der Blick auf den Fjord, das ist Den Norske Opera & Ballett in Oslo. Eine Verbindung zwischen Stadt und Natur. Lichtdurchflutet, funktionell und preisgekrönt mit dem Mies van der Rohe Award, der von der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur verliehen wird. Dieses skandinavische Opernhaus ist ein echter Hingucker, dem man sogar aufs Dach steigen kann. Es hat sich gerade auf einen der vordersten Plätze meiner Liste gebeamt.

Interior-Details in der Oper in Oslo

Max van den Oetelaar

Metropolitan Opera House, New York

Auch im abendlichen Lichterglanz betrachtet, ist das Gebäude der Metropolitan Opera im Herzen Manhattans nicht unbedingt das Herausragendste, was die Architektur im Big Apple hervorgebracht hat. »Die Schätze liegen im Innern« verrät uns unser seitenstarker Leitfaden. »Das Metropolitan Opera House in New York City kann sich rühmen, erstklassige Kunstwerke zu besitzen. Kaum hat der Besucher die in Rot und Gold gehaltene Vorhalle betreten, fallen ihm die Bronzeskulpturen von Aristide Maillol ins Auge …«, die inklusive der prachtvollen und übrigens in Wien angefertigten Kristalllüster ein so schönes Bild ergeben.

Vorplatz des Metropolitan Opera House in New York City

Guillaume de Laubier/Knesebeck Verlag

Wiener Staatsoper, Wien

Apropos Wien, die Wiener Staatsoper im Herzen der österreichischen Metropole war nicht immer so beliebt wie heute, wurde sie doch nach der Fertigstellung herablassend »versunkene Kiste« und auch »Bahnhof« genannt. Inzwischen lieben nicht nur die Wiener das Erste Haus am Platz. Die großformatige Abbildung der Haupttreppe des Hauses, die im Stil der italienischen Neorenaissance auf die Stiegen lockt, ist nur ein kurzes Blättern vom imposanten Innenraum entfernt: Logen, Lüster, Graben und Gemälde … es scheint beinahe, als würde gleich ein Wiener Walzer erklingen.

Treppenaufgang in der Wiener Staatsoper

marcobrivio.photo/Shutterstock.com

Palais Garnier, Paris

Auf den Abbildungen der Pariser Opéra Garnier kann man sich beinahe hinter den Säulen des Spiegelsaals verstecken, so detailgetreu sind die Fotografien. »Die doppelläufige Treppe trägt in einem Rausch aus Marmor, Skulpturen und Kandelabern ihren Luxus zur Schau« beschreibt Pecqueur das Wahrzeichen des Palais Garnier in der Seine-Stadt. Der Zuschauersaal, ein Rausch aus rotem Samt und Gold, wird getoppt vom farbenfrohen Deckengemälde Marc Chagalls, in dem der Meister des 20. Jahrhunderts nicht nur die berühmten Opern und Ballette Carmen, Schwanensee, Giselle, Romeo und Julia verewigt hat.

Der Palais Garnier in Paris ist eines der schönsten Opernhäuser weltweit

Andrea Izzotti/Shutterstock.com

Ob großes Theater wie im Moskauer Bolschoi oder dem Royal Opera House in London, ob eine zeitgenössische Perle wie das Aalto-Musiktheater in Essen oder das zauberhafte barocke Zámecké barokní divadlo im tschechischen Český Krumlov, jede der Bühnen ist die nächste Reiseplanung wert. Doch bevor es sich wieder sicher planen und reisen lässt, sind die perfekt komponierten Fotografien im kiloschweren Wälzer eine wundervolle Ablenkung. Stoff, aus dem Träume gemacht sind, denn schließlich lassen sie für eine Weile den pandemischen Alltag vergessen. Zudem entführen sie hochglänzend direkt zu den Bühnen der Welt.

Ich freue mich darauf, wenn endlich wieder Platz genommen wird im Zuschauerraum. Wenn schnell noch mal gehustet wird und geraschelt, bevor endlich die Vorstellung beginnt. So lange blättere ich noch einmal durch das Prachtexemplar des Buches »Die schönsten Opernhäuser der Welt« von Guillaume de Laubier und Antoine Pecqueur, erschienen im Knesebeck Verlag.

»Die schönsten Opernhäuser der Welt« von Guillaume de Laubier und Antoine Pecqueur, Knesebeck Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-86873-641-0, €49,95