Eine Reise nach Japan gleicht einem Traum. Nicht nur, weil das Land wunderschön ist und tiefe Einblicke in eine völlig andere Gesellschaft gewährt. Nein, auch die Erlebnisse vor Ort prasseln ungeordnet und teils völlig fern der bekannten Logik auf das eigene Bewusstsein ein. Mal wie in Zeitlupe, mal irre schnell. Redakteurin Marie Tysiak nimmt uns mit nach Japan, wo Ästhetik und Chaos, Minimalismus und Überfluss, Langsamkeit und Fortschritt, und, ja, auch Tradition und Moderne kein Widerspruch
sein müssen.

Mit ihren filigranen Fingern fährt sie an der Kante der Box entlang, macht bei dem kleinen Metallhaken Halt und klickt den Verschluss auf. Beide Hände heben den Deckel ab, das glatte Holz klappt so auf, dass es meine Sicht auf das Innere verdeckt. Aus einem seidenen Tuch, bestickt mit Blumenmuster, rollt sie vorsichtig zwei dünne Essstäbchen aus Bambusholz.

Nun nimmt sie den Deckel vollständig ab und legt ihn, Oberseite zuerst, auf den leeren Sitz neben sich. Mir eröffnet sich der Blick auf die erste Ebene ihrer Bento-Box, fein säuberlich zusammengestellt und in einzelnen kleinen Kisten voneinander getrennt: marinierte Algen, hier eine Sushi-Rolle mit frischem Thunfisch, dort ein kleiner Happen Omelett, eingelegte Früchte, natürlich Reis, in der Etage darunter. Und sogar eine Art Miso-Suppe findet sich in einem Schraubglas wieder.

Die Bento-Box ist die wohl schönte Brotdose der Welt.

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Sie wählt mit Bedacht ihren ersten Gang, das Omelett. Rechteckig zugeschnitten, saftig und kalt, so wie ich es in Tokio nach meiner Ankunft zum ersten Mal aß. Seit dem fünften Jahrhundert speisen die Menschen in Japan unterwegs aus Bentō. Eine mannigfache Brotdose mit Tradition, wunderschön dazu.

Bekanntschaften im Zug

Während die junge Frau, die mir auf der Fahrt von Kyoto nach Hiroshima gegenübersitzt, pünktlich zur Mittagszeit ihre Suppe schlürft, wende ich meinen Blick zum Fenster. Geräuschlos sausen wir durch den brütend heißen Sommertag. Doch unser Shinkansen scheint räumlich und zeitlich von der Welt dort draußen, den unendlichen grünen Hügeln am Horizont, den letzten grauen Hochhäusern von Osaka, das wir nur kurz nach unserer Abfahrt in Kyoto als ersten Halt angesteuert haben, getrennt.

Unsere Autorin war auf ihrer Traumreise durch Japan mit dem Zug unterwegs.

Ramon Kagie

Eine Zeitkapsel, die mit einer stetigen Raumtemperatur von 20 Grad und einer fast konstanten Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometern Reisende in eineinhalb Stunden von der Kulturhauptstadt Kyoto in die Friedensstadt bringt, wie sich Hiroshima im Westen von Honshu symbolisch nennt. Mit dem Auto bräuchte man sechs Stunden für die Strecke.

Aber in Japan fährt kaum jemand lange Strecken mit dem Auto. Denn die Fernverkehrszüge verbinden fast stündlich alle großen Städte auf exklusiven Gleisen auf die Sekunde pünktlich – oft schneller als das Flugzeug.

Eine Traumreise nach Japan ist nur komplett, wenn man mit dem Zug fährt.

John Cameron

Wo Fahrkartenkontrolleure sich verbeugen

Der Fahrkartenkontrolleur betritt das Abteil. Eine kurze Verbeugung. Weiße Handschuhe greifen nach den Zetteln, die ihm wortlos entgegengereicht werden. Stets mit beiden Händen. Ich schäme mich für meinen Japan-Railpass, dem man seine letzte Woche in Hosentaschen ansieht. Er wirft einen Blick darauf, nickt und führt seine Runde fort.

Der Schaffner verbeugt sich vor jedem Abteil auf unserer Traumreise durch Japan.

Victoriano Izquierdo

Mein Blick folgt ihm fasziniert, bis er sich am Ende des Wagens noch mal umdreht, seine Mütze berührt und sich diesmal tief vor uns Passagieren verbeugt. Dann verschwindet er im nächsten Abteil. Ich sehe ihn erst eine Stunde später, als er mir beim Aussteigen, wie jedem Gast, hinterherwinkt. Auch die Frau, die ihr Mittagsmenü verspeist hat und später, als wir ganz dicht an der pompösen Himmelsburg von Himeji vorbeifuhren, mein Staunen mit einem lieben Blick würdigte, verlässt den Shinkansen an der Hiroshima Station.

Ankunft in Hiroshima

Menschen wuseln an mir vorbei, ohne mich zu berühren. Jeder und doch keiner scheint mich wahrzunehmen. Fast alle Damen tragen eine Pony-Frisur. Die Herren weiße Hemden. Es dauert keine Minute, und der 40 Grad heiße Hochsommer treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Ich bewege mich und werde Teil des Gewusels, hinter den Schranken und der Eingangshalle beginnt die Stadt, die mich mit hellem Sonnenschein empfängt, sodass ich meine Augen zu Schlitzen verengen muss. Die Friedensstadt Hiroshima, heute passend gehüllt in weißes Licht.

Hiroshima Station ist auch Halt auf unserer Traumreise nach Japan.

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Ich spaziere Richtung Südwesten, passiere die erste Brücke, die einen der Ausläufer des Ōta Rivers überspannt, der sich weiter nördlich unzählige Male teilt und so die Stadt in ihre Viertel zersplittert, bevor das Flussdelta in die Hiroshima-Bucht mündet. Geschichtsträchtige Straßen unter meinen Füßen, daneben Hochhäuser aus den Fünfzigern. Lauter Verkehr. Dazu die Hitze. Großstadtfeeling. Ein jäher Kontrast zu Kyoto, dessen Schönheit ich mich heute früh entzogen habe.

Hiroshima ist heute wieder eine Millionenmetropole.

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In der prunkvollen Kaiserstadt endet jeder Weg vor einem geschichts- trächtigen, goldüberzogenen Tempel, den jährlich Millionen Touristen bestaunen. Geishas trippeln in kleinen Schritten, von ihren engen Kimonos eingeschränkt, vorbei an den holzverkleideten Eingangstüren, bis sie an ihrem Teehaus angelangt sind. Das Klackern ihrer traditionellen Holzschuhe hallt noch lange in den Gassen der Altstadt nach.

Eine brutale Geschichte

Nicht so in Hiroshima. Hier gibt es keine Altstadt mehr, kaum eine Geisha-Kultur. Als am Morgen des 6. August 1945 etwa 600 Meter über der Innenstadt die erste Atombombe explodierte, nahm die Geschichte der Stadt schlagartig und für immer einen anderen Lauf.

Auch ich bin nun dort angekommen, was früher das Herz der Industrie- und Militärmetropole war. Dort, wo der Fluss mit seinen Verästelungen ins Meer fließt, dort, wo sich das Land ebnet und die umliegenden Berge das Zentrum einkesseln. Genau diese Topografie wurde der Stadt zum Verhängnis, denn die feindlichen Amerikaner wollten mit ihrem ersten Atombombeneinsatz maximale Zerstörung anrichten.

Alles war genau berechnet: Wenn sich morgens die meisten Menschen in der Stadt aufhielten, sollte die Druckwelle der Explosion die Innenstadt zerstören, deren Häuser zumeist aus Holz errichtet waren. Das anschließende Feuer sollte auch auf die umliegenden Industrieanlagen übergreifen, und zu guter Letzt sollte die austretende Strahlung noch so viele Menschen wie möglich nachhaltig schädigen.

Erinnerungen an die Tragödie

Die Rechnung ging auf. Das Ausmaß der Brutalität lässt sich im Hiroshima Peace Memorial Museum erahnen, wo man sich in einer bedrückten Menschenmasse an verbogenen Stahlträgern, Abschiedsbriefen und den Kranichen der krebskranken Sadako Sasaki schiebt. Sie ist eine der unzähligen Hibakusha, eine Überlebende des Atombombenabwurfs. Damals war sie noch ein Kleinkind, doch als das athletische Mädchen später an Leukämie erkrankte, zeigten sich auch bei ihr die langwierigen Folgen des Abwurfs.

Der Kranich ist heute das Symbol von Hiroshima.

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In der Hoffnung auf Heilung bastelte sie im Krankenhaus Papierkraniche, nach einer Legende brächten 1.000 dieser Origami-Figuren Gesundheit. Nicht so bei Sadako, sie starb im Alter von gerade einmal zwölf Jahren und hinterließ Tausende der aufwendig gefalteten Papiertiere – das heutige Symbol der Stadt.

Noch immer basteln Kinder aus aller Welt für den Frieden Kraniche – und schicken sie nach Hiroshima. In einer Glasvitrine, ganz nah der Statue von Sadako Sasaki, sind sie ausgestellt. Denn: Heute ist Hiroshima wieder eine prächtige Industrie- und Hafenstadt, mehr als eine Million Menschen wohnen hier. Auch einer der schönsten Schreine des Landes prangt vor der Bucht rot im Wasser, die alte Burg wurde aufwendig restauriert. Nach nur wenigen Tagen war die Strahlung verebbt, Jahrzehnte sind vergangen.

Der Verkehr von Hiroshima auf unserer Traumreise nach Japan.

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Die Stadt erwacht als Friedensstadt wieder

Doch man nutzt die weltweite Berühmtheit für einen wichtigen Appell. Man lädt die Menschen aus aller Welt in die Stadt ein, im Namen des Friedens. Das ehemalige Stadtzentrum, eben genau dort, wo die Bombe explodierte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem gigantischen Park, der Besuchern zur Besinnung und Erinnerung dienen soll. Die Blumenkränze, Kerzen, Statuen und Gedenktafeln dienen einem Zweck: Sie fordern eine atomwaffenfreie Welt.

Der Kranich ist heute das Symbol von Hiroshima.

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Nach meinem Museumsbesuch schlendere ich durch die symmetrisch konstruierte Anlage und lasse mich an einem der vielen Flussläufe nieder, den Blick direkt auf den A-Bomb-Dome gerichtet. Die ehemalige Industrie- und Handelskammer ragt als letzte Ruine mahnend am anderen Ufer empor.

Zwischen den modernen Hochhäusern wirkt das Gebäude wie aus der Zeit gefallen, und das ist es auch. Während die gesamte Stadt neu aufgebaut wurde, erklärte man dieses einst prächtige Haus zum Unesco-Welterbe, und die Überreste sollen der Menschheit stets das verheerende Ausmaß von atomaren Kriegen vor Augen führen. Sehr gelungen, wie ich finde.

Der Friedenspark von Hiroshima.

Marie Tysiak

Das ganz normale Leben beherrscht Hiroshima

Das Lachen von Kindern, die im Park spielen, holt mich zurück in die Gegenwart. Der Duft von frischem Barbecue zieht von einem Izakaya, einem traditionellen Speiselokal, herüber. Eine Tradition aus dem nahen Kōbe, wo man sich bestes Rindfleisch eigens am Tisch auf einem kleinen Grill brutzelt.

Doch mir steht heute der Sinn nach Sushi. GoogleMaps hilft mir, schnell ein passendes Restaurant ein paar Straßen weiter ausfindig zu machen. Sowieso, das Smartphone hilft in Japan ungemein, fast überall gibt es offenes WLAN, Bus- und Zugverbindungen beim großen Maps-Anbieter stimmen auf die Minute, Gleisnummer und Buslinien werden auf Englisch angezeigt – ein Segen, wie ich schnell lerne.

Izakayas – ein Muss auf jeder Traumreise nach Japan

Eine hell leuchtende Papierlaterne zeigt an, dass der Laden geöffnet hat. Ich schiebe die hölzernen Shoji-Türen auseinander und betrete den Vorraum. Während ich meine Schuhe ausziehe, so wie ich es bereits kennengelernt habe, kommt auch schon eine Kellnerin und verbeugt sich tief vor mir. Über Tatami-Matten folge ich ihr auf Socken ins Restaurant.

Viele Tempel warten in Kyoto.

Masaaki-Komori

Von draußen bekommt man nichts von der Welt hinter der Fassade mit: Ein langer Raum zieht sich weit nach hinten, auf den Reismatten stehen eckige, flache Tische, um sie herum sitzen – ja hocken – die Gäste auf dem Boden und schmatzen und plaudern laut. Es wird geraucht und getrunken, viele Gäste tragen noch ihre Business-Kleidung vom Arbeitstag, der mitunter noch nicht vorbei ist, da der Chef zum Essen eingeladen hat. Sehr üblich in Japan, auch das Rauchen ist in Restaurants erlaubt, auf der Straße aber oft strengstens verboten.

Bei einer Traumreise nach Japan darf ein Besuch im Izakaya nicht fehlen.

Marie Tysiak

Sowieso: In Izakayas findet ein großer Teil des japanischen Lebens statt, sie sind quasi die Wohnzimmer der Städter, deren Wohnungen aus Platzgründen meistens zu klein sind.

Sushi vom Feinsten

Da es keinen freien Tisch mehr gibt, weist die Frau mir einen Platz an der Theke zu. Das finde ich gar nicht schlimm, denn zum einen erweist sich das traditionelle Auf-dem-Boden-Sitzen für mich als höchst unbequem, mein Rücken dankt es mir nicht. Und zum anderen sitze ich nun dem Sushi-Master direkt gegenüber, zu erkennen an seiner weißen Kochtracht und dem um den Kopf gebundenen Band, ebenfalls in Weiß, und kann ihm über die Theke und auf die Finger schauen.

Der Sushi Master richtet an.

Marie Tysiak

Mal wirbeln die Messer wild, mal schneidet er geduldig ein Millimeter dünnes Stück Fisch von einem großen rosa Thunfisch ab. Alles, was ich sehe und mir gefällt, bestelle ich mir gleich auf meinem persönlichen Tablet am Tisch, das – praktischerweise – mit Bildern ausgestattet ist. Als der Sushi-Master sieht, wie ich mit meinem ersten Nigiri und den Stäbchen kämpfe, schreitet er ein und zeigt mir, wie ich es richtig zu essen habe: Wasabi auf den Fisch, dann nur diese Seite ganz kurz in die Soja-Soße tunken und schnell in den Mund.

Sashimi vom Feinsten.

Marie Tysiak

Ich schenke ihm einen Daumen hoch, er mir ein fast zahnloses Grinsen. Ich freue mich schon auf Osaka, wo es um die Dōtinbori Street die besten Meeresfrüchte ganz Japans geben soll. Es ist die nächste Station auf meiner Reise.

Nächstes Ziel der Traumreise nach Japan: Osaka

Am späten Abend nehme ich also auf Gleis 27 meinen Platz in der Schlange für den Zug gen Osaka ein. Eine gute Stunde dauert die Fahrt. Markierungen auf dem Boden weisen Passagiere daraufhin, wo welcher Teil des Zuges hält, Platzreservierungen sind kostenfrei und jeder wartet geduldig in der Reihe auf das Einfahren des Zuges, um dann ohne Gerangel den Sitzplatz einzunehmen.

Die Japaner sind extrem freundlich.

Marie Tysiak

Für heute sind meine Eindrücke gesättigt. Der Tag in der Friedensstadt Hiroshima muss noch in meinem Kopf zur Realität werden, genauso wie die prunkvollen Tempel von Kyoto. Doch morgen schon möchte ich wissbegierig weiter dieses Land erkunden. Denn: Japan ist ein Traum, den man selbst erlebt haben muss.

Als wir den Bahnhof pünktlich verlassen, steht eine eigens dafür angestellte Dame am Ende des Gleises – und winkt meinem Zug nach. Da erkenne ich: Egal, wie viel ich noch in diesem Land sehen werde, ganz verstehen werde ich Japan wohl nie.

Viele Tempel lassen sich auf einer Traumreise nach Japan erkunden.

Marie Tysiak

Infos.

Anreise: Swiss Air fliegt ab März 2020 von Frankfurt a. M. nach Osaka. Mehr Infos zur Airline findet ihr hier.

Japan Rail Pass.
Mit dem Zugpass können Touristen für einen Zeitraum von einer (€ 245), zwei (€ 390) oder drei Wochen (€ 497) nahezu alle Züge im Land ohne Reservierung benutzen. Auch die Hochgeschwindigkeitszüge Shinkansen mit bis zu 320 Kilometer pro Stunde können benutzt werden. Mehr Infos hier.

Der Zugpass ist ein wichtiges Utensil auf der Traumreise durch Japan.

Marie Tysiak

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