Linda (19) hat ihr Abitur in der Tasche. Studium? Ausbildung? Hat noch Zeit, sagt sie sich. Erst mal soll es ins Ausland gehen. Nach Costa Rica. In ihrem Feature berichtet sie über die schönen Stunden, aber auch über die Schattenseiten ihrer Volunteering-Zeit in Costa Rica. Text: Linda Ruckes

»Ich kann da nicht hin«, waren meine ersten Gedanken. Ich war den Tränen nahe. Ich hatte mich so auf diese E-Mail gefreut. Endlich sollte ich erfahren, in welcher Gastfamilie ich in Costa Rica leben würde. Und jetzt das: eine Familie mit vier Hunden. Ein Albtraum. Ich habe seit meinem dritten Lebensjahr panische Angst vor Hunden. Ich kann unmöglich mit vier Hunden zusammen leben.

Schon in den Wochen zuvor lief es nicht wirklich nach Plan. Meine Freundin Katharina wollte gemeinsam mit mir ein Volunteering-Jahr in Costa Rica verbringen. Dann hatte sie es sich anders überlegt. Jetzt ist sie in Köln gelandet. Im Zoo. Gut, dachte ich mir, dann gehe ich eben alleine ins Ausland. Jetzt ist es so weit. Ich bin nur noch einen Mausklick entfernt.

Irgendwo im Nirgendo

Ich bin neugierig. Wo soll mein künftiges Zuhause sein? Schnell Google Maps geöffnet. Eine Adresse, die gibt es nicht. Nur eine Wegbeschreibung. Mata de plátano (=Bananenstaude), auch El Carmen de Guadalupe genannt, soll mein neuer Wohnort sein. Ich lande mit meiner Maus im Nirgendwo.

Oje. Ich werde nervös und schreibe der costa-ricanischen Botschaft in Berlin eine E-Mail: Wie um Himmels willen soll ich da hinkommen? Nach ein paar Stunden flattert die Antwort aus der Botschaft schon in mein Postfach: Buslinien wie bei uns gäbe es nicht, einen geregelten Fahrplan erst recht nicht, und die letzten Busse fahren zwischen 22 und 23 Uhr. Egal, denke ich. Ich mache es. Trotz Pampa. Trotz Hunden.

Tiere pflegen, Nationalparks instand halten oder im Waisenhaus helfen

Costa Rica steht bei Volunteers hoch im Kurs. Man lernt Land und Leute kennen, hilft ein paar Stunden täglich und kann dann am Wochenende die Gegend bereisen. Bekannt ist das Land als Naturparadies. Es gibt viele Tierschutz- und Nationalparkprojekte – ideal für Freiwilligendienste. Man kann entweder in einer Rettungsstation arbeiten, kranke Tiere pflegen und füttern, Meeresschildkrötenprojekte unterstützen oder dabei helfen, die Nationalparks instand zu halten.

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Außerdem spielen Ökotourismus und Umweltschutz eine große Rolle. Man kann zum Beispiel bei Umweltprojekten helfen. Aber all das ist nichts für mich. Ich will mit Menschen zusammenarbeiten. Am liebsten mit Jugendlichen und Kindern. Auch dafür gibt es etwas: Man kann in Schulen oder Waisenhäusern helfen. Genau mein Ding, dachte ich mir. Im Hospicio de huérfanos (= Waisenhaus) in Vista de Mar sollte ich die Möglichkeit haben, die Pflegemütter zu unterstützen. Vista de Mar ist ein Stadtteil von Goicoechea in der Provinz San José.

Sechs Jahre Spanischunterricht in der Schule haben meinen Spanisch-Hunger noch nicht gestillt. Ich wollte mehr über die Sprache erfahren, fließend spanisch sprechen. Da hätte sich Spanien angeboten, aber nein, Spanien war mir zu langweilig. Ich wollte raus aus dem bequemen Leben, wo Mutti sich um alles kümmert und man selber noch nicht einmal einen Termin beim Arzt vereinbaren kann. Ich wollte in die weite Welt hinaus, neue Kulturen erfahren, vielleicht auch meine Vorurteile ablegen. Ich wollte wissen, wie es ist, in einem Entwicklungsland groß zu werden und sich mit uns so fernen Problemen beschäftigen zu müssen. Außerdem wollte ich helfen, Gutes tun.

Linda Ruckes

Durch Recherchen und das Besuchen einiger Messen, wo sich Organisationen vorgestellt haben, bin ich auf Cas (= Costa-Rica-Austausch-Service) gestoßen. Eine kleine Organisation mit Sitz in San José, die jeden persönlich kennt. Definitiv cooler als eine der staatlichen Organisationen, bei denen man zwar nichts bezahlen muss, aber gar nicht weiß, mit wem man es zu tun hat. Außerdem konnte ich flexibel über Start- und Endpunkt meines Freiwilligendienstes bestimmen. Durch die Organisation bin ich überhaupt erst auf Costa Rica aufmerksam geworden.

Umworben wird es als eines der sichersten Länder Lateinamerikas, mit Traumstränden, Vulkanen und exotischen Tieren.

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»Da will ich hin!« Knappe 5.000 Euro musste ich dafür an die Organisation zahlen, exklusive Flug, Reiseversicherung und Taschengeld.

Voller Enthusiasmus stürzte ich mich in die Vorbereitungen: notwendige Impfungen vornehmen, Ablaufdatum meines Reisepasses überprüfen, Kreditkarte besorgen, meinen Eltern erklären, wie Skype funktioniert, und natürlich Koffer packen. Doch die größte Hürde folgte noch. Sich am Flughafen von seinen Eltern und Geschwistern zu verabschieden, kannte ich bis dato nur aus Filmen. Plötzlich war ich Teil eines solchen Films. Den ganzen Tag über, auch während der Fahrt zum Frankfurter Flughafen, war ich relaxed, doch spätestens als ich den Abschied von Mama und Papa hinter mir hatte und meinem Bruder verheult in die Arme gefallen bin, gegrunzt habe wie ein Schwein und komplett unentschlossen in meinem Vorhaben war, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Acht Monate ohne meinen Bruder waren noch schlimmer, als acht Monate mit vier Hunden zusammen leben zu müssen.

Zur Ankunft: Reizüberflutung, Müdigkeit und Kuhwiesen

Alle Tränen waren getrocknet, und auf einmal überwiegte die Neugier. Die Neugier auf das, was mich erwartet, wenn ich aus dem Flugzeug steige. In welcher Welt ich mich wiederfinden werde. Und es war eine andere Welt – definitiv. Chaotisch, hektisch und laut, Stromleitungen schmücken die ganze Stadt, hupende Autos, so weit das Auge reicht. Die Häuser, allesamt sahen sie aus wie Gefängnisse, vergittert von oben bis unten, teilweise mit fünf Schlössern verriegelt. Keine Ahnung, wie lange es gedauert hat, bis das Taxi vor einem Tor stehen blieb. „Schwarzes Tor auf der linken Seite in der Kurve”, ach ja, so war die „Adresse”.

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Ich schaute mich um. Grüne Wiesen, ein Dutzend Kühe unterhielten sich lautstark miteinander. Wo bin ich denn hier gelandet? Und wie kam das Haus auf die Kuhwiese? Vollkommen durcheinander und noch nicht in dieser neuen Welt angekommen, betrat ich das Haus. Dunkle Möbel, viel Krimskrams und Teppiche erinnerten mich an die Wohnung meiner Großmutter. Zwillinge saßen auf dem Sofa. Zwillinge? Hatte ich etwas überlesen? Aber nein, es waren meine Gastmutter und ihre Tochter. Mit ihren dunklen Haaren und dem gerade geschnittenen Pony, der bräunlichen Haut und ihren neonpinken Pullovern sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Meine Gastmutter ist sehr kommunikativ, sie redet unablässig. Auf Spanisch oder Englisch, ich weiß es nicht mehr. Das Einzige, was mich interessierte, waren das WLAN-Passwort und ein Bett. Beides bekam ich, aber an schlafen war nicht zu denken, denn meine Gastschwester wich nicht von meiner Seite, beobachtete mich schweigend, und ihre Blicke stellten mir tausend Fragen. Und die wichtigste aller Fragen: Willst du mit mir spielen?

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Alles Pura vida

Am nächsten Tag lerne ich auch meinen Gastvater kennen. Auf die Frage nach seinem Wohlbefinden antwortete er mit »pura vida«. »Pura, was?«, schwirrte mir durch den Kopf. Doch schon in den ersten Wochen lernte ich das wohl absolut wichtigste Merkmal der costa-ricanischen Mentalität genauer kennen, denn es ist nicht zu übersehen bzw. -hören. Übersetzt heißt pura vida so viel wie pures Leben und gilt als Phrase, die in jeder Lebenslage Verwendung findet. Sie beantwortet Fragen nach dem Wohlbefinden, dient als Begrüßung oder ersetzt ein einfaches Okay. Die am Anfang versprühte Gelassen- und Unbekümmertheit kann einem nach geraumer Zeit ziemlich auf die Nerven gehen, wenn man nicht mal mehr ein einziges Souvenir ohne den Schriftzug finden kann. Aber vielleicht sind wir Deutschen auch zu eingefahren, wenn es um Werte wie Zuverlässig- und Pünktlichkeit geht.

Verwirrend für mich waren anfangs auch die sprachlichen Unterschiede im Vergleich zu dem Spanisch, das wir aus der Schule kennen. Anstelle von tú (du) wird man mit usted (Sie) angesprochen, und Vokabeln haben meist amerikanische Einflüsse: carro (Auto) anstelle von coche, celular (Handy) anstelle von móvil, gefolgt von vielen weiteren Fällen. So hatte ich anfangs meine Probleme, weil ich nicht wusste, ob meine Gastoma mich direkt angesprochen oder mir eine Story über die Putzfrau erzählt hatte. Usted wird nämlich gleich konjugiert wie die dritte Person Singular. »Cómo está?« könnte demnach fragen, wie es dir/Ihnen oder wie es ihm/ihr geht. Aber auch das hatte man schnell verinnerlicht. Ansonsten gab es, bis auf kulturelle Unstimmigkeiten, nie Verständigungsschwierigkeiten.

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Ob ich einen Kulturschock erlitten habe, wurde ich immer wieder von Freunden gefragt. Nun ja, man gewöhnt sich an ein deftiges Frühstück. Gallo Pinto, das Nationalgericht Costa Ricas, bestehend aus Reis und Bohnen, wird mit Kartoffelrösti bereits morgens aufgetischt. So war ich am ersten Morgen ziemlich perplex, als ich die Küche betrat und meinen vollen Teller sah. Leicht verwirrt habe ich erstmal die Uhren verglichen. Es war tatsächlich sieben Uhr morgens und nicht Mittagessenszeit. Ob es mir schmecken würde, fragte mich meine Gastoma, die jeden Morgen mit mir zusammen frühstückte. Und einmal an den Geschmack gewöhnt, schmeckte es mir tatsächlich.

Der viel größere Kulturschock: In weiten Teilen des Landes ist es verbreitet, dass es kein Abendessen gibt. Zwischen 15 und 17 Uhr wird cafecito (Verniedlichung von Kaffee) getrunken, in Begleitung eines kleinen Snacks. Hungrig ins Bett gehen war dann auch keine Seltenheit mehr. Mit dem Hunger umzugehen lernt man leider trotzdem nicht.

Kulinarische Köstlichkeiten? Fehlanzeige.

Je süßer, desto besser könnte pura vida starke Konkurrenz machen. Alles, wirklich alles, war einfach nur süß. Ich lernte, auf Kuchen und Limonade zu verzichten und nur noch halbwegs Herzhaftes zu mir zu nehmen. Ticos, so nennen sich die Einwohner des Landes liebevoll, weil sie Wörter mit -tico oder -tica verniedlichen, nicht aber wie in Spanien üblich mit -tito oder -tita.

Für sie ist es selbstverständlich, dass Vegetarier Hühnchen essen. So verbringt man die erste Zeit damit, ihnen diesen Irrglauben auszureden. Generell ist die costa-ricanische Küche nicht sehr abwechslungsreich. Reis und Bohnen begleiten quasi jede Mahlzeit, gefolgt von gebratenen Kochbananen (an die habe ich mich nie gewöhnt) und Hühnchen. Wie sehr ich ein einfache Scheibe Vollkornbrot mit Gouda vermisst habe? – Sehr!

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Eine Welt abseits der grauen Hauptstadt

Einem leichten amerikanischen Einfluss unterliegt die ganze Stadt. Hier reihen sich unzählige Fast-Food-Ketten und Shoppingmalls aneinander, von denen ich in meinem Leben noch nie etwas gehört habe. Strahlende Hühnergesichter verzieren nicht nur Schnellimbisse, sondern auch Supermärkte. Meine Vegetarier-Albträume bekamen ein neues Gesicht.

Doch konnte ich mich glücklich schätzen. Kino, Shopping, Museen und Märkte sorgten an den Wochenenden für Unterhaltung. Zudem gibt es in San José alle Busbahnhöfe, von denen aus man das ganze Land bereisen kann. Diese eröffneten mir Tore in andere Welten, die nichts mit der dreckigen Hauptstadt gemein haben. Alle Ortschaften hingegen teilen sich eines: Männer, pfeifend oder hupend, begeistert von blonden Haaren und blauen Augen. Ja, es gibt sie tatsächlich, die Latino-Machos.

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Das glücklichste Land der Welt

Gleich am Anfang durfte ich weitere Charaktereigenschaften der Ticos kennenlernen. Es ist ein unglaublich herzliches und hilfsbereites Volk, an Gastfreundlichkeit kaum zu übertreffen, bieten sie einem alles an, was sie besitzen (und das ist oft nicht viel). Sie sind sehr an unserer Kultur interessiert und verwickeln einen schnell in Gespräche, sei es im Bus, an der Supermarktkasse oder auf der Straße. Oft aber sehnte ich mich nach der deutschen Ehrlichkeit und unserer direkten Art. Konfliktsituationen aus dem Weg gehen, Probleme ignorieren und tendenziell keine Hilfe annehmen wollen:

pura vida macht sie zu einem der glücklichsten Länder der Welt. Klar, wo keine Probleme angesprochen werden, gibt es augenscheinlich auch keine.

Die Zusammenarbeit wird dadurch keinem vereinfacht. Die Freiwilligen, oft bemüht, aber leider sprachlich noch etwas eingeschränkt, bekommen keine Anweisungen. Die Pflegemütter, wohlbemerkt genervt von dem zigsten Freiwilligen, haben doppelte Arbeit und falten die Wäsche noch einmal neu oder putzen erneut über den Fußboden. Aber erklären, wie es richtig geht? Fehlanzeige. Jeden Tag wurde uns nach dem Mittagessen die Wäsche auf die Kommode geworfen. Kein Blickkontakt, keine Anweisungen, nichts. Wir haben also feinsäuberlich, wie wir es von Mutti kannten, die Wäsche gefaltet und sortiert. Strampler nach links, Unterhemden nach unten und Schlafanzüge nach rechts. Offensichtlich nicht zufrieden mit dem Ergebnis, machten sich die Pflegemütter zehn Minuten später selbst ans Werk und falteten alles neu.

Kurzerhand habe ich einen Entschluss gefasst: Hier möchte ich nicht weiter arbeiten. Ich möchte niemandem zur Last fallen, mich aber auch nicht ständig aufdrängen. Spanisch sprechen kann man ja angeblich sowieso nicht und einem dabei helfen, die Sprache zu lernen, war zu viel verlangt. So wurden aus acht Monaten anderthalb. Die Vorstellung, den Kindern Zuneigung zu schenken, zerplatzte. Zurück ließ ich also Kinder in ihrer tristen Weltvorstellung und ohne Zukunftsperspektive. Aber das »Helfen«, das hatte ich mir anders vorgestellt.

Qué linda!

Neues Projekt, neues Glück. Durch meine Gastmutter, die Englisch-Lehrerin ist, bin ich in ihrer Schule untergekommen. Für die Organisatoren war das kein Problem. Kurzes Gespräch mit der Direktorin, und dem Wechsel stand nichts mehr im Weg. Aufgeregt war ich, aber allzu hohe Erwartungen hatte ich nicht. Ich wusste ja bereits, wie sie ticken, die Ticos.

Ich kam mir vor wie eine exotische Tierart, so wie ich in Empfang genommen wurde. Jeder starrte mich an, war überfreundlich und machte mir Komplimente über meine schönen großen blauen Augen. »Linda, qué linda«, wurde im Lauf der Zeit zum Running-Gag. Übersetzt ist mein Name mit dem Adjektiv schön oder niedlich gleichzusetzen. Na, der passt ja wie die Faust aufs Auge, wollten sie mir wohl mitteilen.

Facbook ist Bildung. Bildung ist Facebook

Schüler und Lehrer waren freundlich, wussten die Arbeit von mir zu schätzen und waren sehr dankbar. Dankbar und doch ohne Verständnis. Ohne Verständnis darüber, dass ich meine Zeit opfere und ihnen helfe, meine Arbeit gründlich mache und mich über keine Aufgabe beschwere. Ohne Verständnis auch darüber, dass ich immer unauffällig aufs Handy gucke, um nicht gesehen zu werden. Denn ganz anders als bei uns in Deutschland wird das Handy permanent gezückt, auf Facebook gesurft und laustarke Videos angeguckt.

Und die Krönung: Die Lehrer machen es den Schülern vor, betonen zig-mal, wie wenig Lust sie auf Unterricht hätten. Stattdessen telefonieren sie mit ihrer besten Freundin. Die pummelige Mathelehrerin, stets aufgedonnert mit viel Bling-Bling, zeigte mir in der zweiten Stunde die Kommunionsfotos ihrer Tochter, die sie schon fleißig auf Facebook gepostet hatte. Dann erreichte sie ein Anruf, und sie verließ quatschend die Klasse. Der Traum eines jeden deutschen Schülers.

Doch leider litt die Qualität des Unterrichts darunter enorm. Wenn dies eines der ausgezeichnetsten Bildungssysteme in Lateinamerika sein soll, so möchte ich nicht wissen, wie es in den anderen Ländern aussieht.

»Today is a sunny day«, trällerten die Schüler jeden Tag ihrer Englischlehrerin nach, obwohl man draußen vor lauter Wolken und Nebel seine eigene Hand nicht sehen konnte.

Die Sprachkenntnisse der Lehrerin waren nach Studium und 20 Jahren Berufserfahrung leider eher mit denen eines deutschen Zehntklässlers zu vergleichen, aber niemand beschwerte sich. Mein Vorhaben, die Welt zu verbessern, legte ich schnell ab und passte mich dem System an. Eines aber haben die Kinder gelernt: Deutschland ist ein Land der Welt, wo Deutsch gesprochen wird und man mindestens zehn Stunden hin fliegt. Immerhin das habe ich erreicht.

Papperlapapp Visum, wir reisen lieber nach Nicaragua

Beim Einreisen nach Costa Rica schon wird ein Rückflug- oder Ausreiseticket verlangt, das die Ausreise innerhalb von 90 Tagen bestätigt. Dann ist das visumsfreie Aufenthaltsrecht für deutsche Staatsbürger abgelaufen. Ein Dreivierteljahr vor Reiseantritt wollte ich nun ein Visum für die acht Monate beantragen. »Ein Visum zu beantragen lohnt sich nicht mehr, das bekommst du dann frühestens in zehn Jahren.« Pura vida durch und durch. Gut, demnach musste ich, und viele weitere Freiwillige, nach 90 Tagen das Land verlassen.

Nicaragua im Norden und Panama im Süden sind da allseits beliebte Destinationen. Da das Arbeiten hier zur Nebensache und das Reisen zum eigentlichen Schwerpunkt wurde, entschied ich mich für Nicaragua und nahm mir gleich vier Tage Zeit. Meine Organisation besorgte mir im Vorfeld das Busticket. Die Ausreise erschien mir also recht unkompliziert. Nichts da. Komplizierte Grenzübergänge sind wir in Europa nicht gewöhnt. Wir müssen keine Tickets oder Reisepässe vorlegen, auch keine Einreise- und Ausreisedokumente ausfüllen, geschweige denn Ausreisesteuern zahlen. Doch nicht so unkompliziert, wie ich dachte. Das Abenteuer konnte beginnen.

Bei der Busfahrt fühlte ich mich, als sei ich von Drogenschmugglern umgeben. Klimaanlage defekt, steinige Straßen und die Gesangskünste des Busfahrers machten die acht Stunden Fahrt zu einem nicht enden wollenden Albtraum. Doch bei der Ankunft in Granada war all das wieder vergessen.

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Mich faszinierten die prächtigen Kolonialbauten. Gelb, rot, blau, grün. So viele bunte Häuser an einem Fleck hatte ich noch nie gesehen. »Wo bin ich hier? Und was mache ich in San José, wenn es Städte wie diese hier gibt?« und ähnliche Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Ja, ich habe mich verliebt. Nein, nicht in meinen Freund, der neben mir stand. In Granada. Vier Tage blieben unserer Romanze.

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Erster Programmpunkt: mit der Pferdekutsche durch die Stadt. Ich lernte in drei Stunden mehr über Nicaraguas Kultur und Geschichte als in den acht Monaten über die Costa Ricas. Ticos und – ja, so nennen sich die Bewohner Nicaraguas – Nicas sind nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen.

»Pura vida hier, pura vida da. Nur weil sie das reichste Land Zentralamerikas sind, macht es sie nicht zu den Besten der Welt«, so unser Tourguide Gustavo.

Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land Lateinamerikas. Dementsprechend unsicher war ich in meinem Verhalten, Kamera und Handtasche stets umklammert. Straßenkinder bettelten um die Wette, doch war von der enormen Armut nicht so viel zu spüren. Touristenstadt eben. In den nächsten Tagen durfte ich noch den Masaya-Vulkan besteigen, mich durch die berühmten Isletas treiben lassen und das bunte Treiben der Stadt genießen, ziemlich erfreut über die doch günstigen Preise. Noch schnell ein paar Souvenirs eingekauft, und dann hieß es auch schon Abschied nehmen. »Bis bald, Granada.«

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Geld regiert die Welt

Nie habe ich es bereut, den Schritt ins Ausland gewagt zu haben. Doch umso mehr war ich von dem Freiwilligendienst enttäuscht. Die Organisationen prahlen im Vorfeld mit tollen Projekten, wo man willkommen geheißen wird. Damit, dass man Teil der Gastfamilien wird und somit Einblick in deren Kultur erlangt. Auch heißt es, die Organisation sei immer zu erreichen, Probleme können direkt angegangen werden. Na ja, mit offenen Armen wurden wir in den Projekten leider nicht empfangen. Dazu muss gesagt werden, dass wir dafür bezahlen, dort arbeiten zu dürfen. Etwas verdienen tun wir nicht.

Weiterer Punkt: Erreichbarkeit der Organisation. Tendenziell hatten wir immer einen Ansprechpartner, wenn es nicht gerade nach Feierabend (15 Uhr) oder am Wochenende war. Auch wusste man nicht, wann die Freiwilligen aufgrund des nicht vorhandenen Visums ins Ausland reisten. Ein Anruf oder eine SMS hätten gereicht, um sich zu erkundigen, ob alles geklappt hat. Schließlich war das Überqueren der Grenze nicht ganz unkompliziert.

Die Situationen in den Gastfamilien sind unterschiedlich, doch zieht sich ein roter Faden durch deren Vorhaben: Geld, Geld, Geld. Dass denen unser Geld zugutekommt, steht außer Frage, und sie können damit tun und lassen, was sie wollen, aber ich möchte auch die mir versprochenen Leistungen bekommen.

Man ist leider nur einer von vielen

Den Familien geht es meist nicht darum, uns an deren Leben und Kultur teilhaben zu lassen. Vielmehr fühlt man sich als Freiwilliger wie jemand, der zum alleinigen Versorger der Familie wird, um deren Essen und Trinken, Strom- und Wasserrechnungen zu bezahlen. Die Familien kalkulieren genau, wie viel Geld für den Freiwilligen ausgegeben wird und wie viel sie sich in die eigene Tasche stecken. Nach dem 15. Freiwilligen ist das schließlich schon Routine.

Ich sollte mich nicht beschweren. Meine Gastfamilie war stets bemüht, besorgt und hat sich um alles gekümmert. Ich wurde zu ihrer zweiten Tochter, Schwester und Enkelin. Ich durfte sie kennenlernen wie meine eigenen Eltern und habe nun eine zweite Familie gefunden.

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Doch auch ich hatte Auseinandersetzungen, wenn Ende des Monats der Kühlschrank leer war, weil angeblich schon das Geld aufgebraucht war. Auch ich hatte Auseinandersetzungen, weil ich oftmals nur eine Mahlzeit in der Familie zu mir genommen habe. Mittagessen gab es in der Schule, und der Snack zum Cafecito zählt für mich nicht als Abendessen. Auch hatte ich Auseinandersetzungen, wenn es kein Geld gab, um Essen zu kaufen, die Oma aber plötzlich mit fünf neuen Blusen zur Tür hineinkam.

Keine Frage: Vom Volunteer-Markt profitieren einige Akteure in Costa Rica. Die vielen Organisationen in dem Segment zeigen, wie stark die Nachfrage ist. »Was machst du nach dem Abitur?« – »Erst mal ins Ausland.« Den meisten Abiturienten ergeht es so. Das wissen die Organisationen. Genug Geld verlangen kann man von den Freiwilligen, denn oft sind es die Eltern, die ihren Kindern diesen Traum erfüllen und sie finanziell unterstützen.

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It’s good to be back, isn’t it?

Wieder in Deutschland angekommen, sehne ich mich nach einer Portion Gallo Pinto, empfinde die Busfahrten über frisch geteerte Straßen als langweilig und bin genervt von der deutschen Korrektheit. Wieso muss meine Mama immer alles mit mir ausdiskutieren? Und wer spielt jetzt mit mir? Ich habe nicht als Touristin, sondern als Tica das Land verlassen und seine Gepflogenheiten lieben gelernt. Wieso nicht um fünf Uhr aufstehen und um 21 Uhr schlafen gehen? Ist doch prima. Was ich jetzt mit meinem Leben anfange? Pura vida.

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