Am Western Cape hat die Mantis-Hotelkette auf der Fläche von 19 ehemaligen Farmen einen 540 Quadratkilometer großen Naturpark geschaffen, in dem man die Tier- und Pflanzenwelt Südafrikas ohne Tourismustrubel und ungefiltert genießen kann. Mit etwas Glück begegnet man hier einem weißen Löwen. Text: Markus Grenz

»Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie keine Großtiere treffen«. Die Betreiber und Angestellten stapeln gerne tief, bevor man das Sanbona Wildlife Reserve unter die Räder nimmt. Dabei ist so viel Understatement gar nicht nötig, denn was sich in der Vergangenheit inmitten der »Little Karoo «-Halbwüste am Fuße des Warmwater-Berges getan hat, ist wirklich erstaunlich. Dreieinhalb Autostunden entfernt von Kapstadt haben die Mitarbeiter der Mantis-Hotelgruppe aus ehemaligem Agrarland und zudem in einer rauen Landschaft ein lebendiges Naturreservat geschaffen, in dem sich auch anspruchsvolle Großtiere der afrikanischen Steppe wohlfühlen. Die weißen Löwen gehören dazu. Enttäuscht werden sollte ich also bestimmt nicht.

Nur einen Steinwurf entfernt taucht der erste Elefant plötzlich vor unserem Geländewagen auf. Bedächtig wackelt er mit seinem gigantischen Kopf, während er in leicht wiegendem Gang die geschätzten dreieinhalb Tonnen Gewicht Richtung Wasserloch schiebt.

Elefant in Südafrika

Anna Om/Shutterstock.com

Ranger Andrew stoppt den Jeep, und wir beobachten das Schauspiel, das sich zum Greifen nah vor unseren Augen abspielt. Nacheinander stampfen 13 Dickhäuter an uns vorbei. Langsam und gebieterisch schwenkt die Kuh vorneweg ihren Rüssel, während uns der Kleinste mit dem seinen frech zuwinkt. Zwei noch nicht ganz ausgewachsene Exemplare bringen ein wenig Unordnung in den Trott der Truppe, toben herum, verstellen sich den Weg und stecken sich spielerisch gegenseitig die Stoßzähne ins Maul. Fasziniert und amüsiert schauen wir dabei zu, wie sich die Herde der Reihe nach rund um das Wasserloch aufstellt, uns die Gesäße entgegenstreckt und die Rüssel ins kühle Nass taucht. Wir lassen noch kurz dieses Bild voll der Eintracht auf uns wirken, dann lässt mein Fahrer wieder den Diesel an: Schließlich sind wir auf der Jagd nach den weißen Löwen.

Reicht die Vegetation für die neuen Tier-Bewohner? Diese Frage stand im Raum

Doch bis die ersten zwei Exemplare des »White Lion Projects« im Sanbona Wildlife Reserve Ende 2003 ausgewildert wurden, gab es für die Pioniere einige grundlegende Aufgaben zu bewältigen. Über viele Jahre hinweg waren die Ziegen und Schafe der Farmer die häufigsten Vierbeiner weit und breit. Bis sich Kudu, Zebra, Elefant oder Gämsbock wieder an die Umgebung gewöhnen würden, aus der sie zum Teil 250 Jahre lang verschwunden waren, würde es eine Zeit dauern.

Würde die nur schwer nachwachsende Vegetation für eine gehörige Anzahl wild lebender Tiere eigentlich reichen? Dies war eine der ersten und wichtigsten Fragen, die sich die Experten stellen mussten. Denn zunächst füllte man eine Arche Noah mit den Vegetariern, die sich vom bräunlich- dornigen Grün rund um die sanften Hügellandschaften ernähren. Gefüttert werden sollen die Bewohner nur im Ausnahmefall, etwa während einer Dürreperiode. »Die Pflanzen reichten bislang«, weiß man heute und behält die Balance von Vegetation und Tieren genau im Auge. Nur wenn diese in der Waage ist, funktioniert auch die weitere Nahrungskette. Mit der nächsten Stufe kamen die Jäger.

Kudu

Sam Cole/Shutterstock.com

»Piep, piep, piep«, macht das Empfangsgerät in Andrews linker Hand, während er mit der rechten ein Drahtgestänge in die Höhe hält, das an eine vorsintflutliche Zimmerantenne erinnert. Zwar ist das »Sanbona« mit seinen 540 Quadratkilometern im Vergleich mit dem 37-mal größeren »Krüger-Nationalpark « ein regelrechter Zwerg. Dennoch ist die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen wahrscheinlich einfacher im Vergleich zu unserer Aufgabe, mindestens einen der weißen Löwen auf einer hügeligen und von Senken durchzogenen Fläche auszumachen, die immerhin noch mehr als doppelt so groß ist wie die Stadt Frankfurt. Wenn die weißen Löwen nicht kleine Sender in ihren Halsbändern tragen würden, würde man sie wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen. Das Signal wird stärker, der Ton lauter. Andrew grinst zufrieden. Wir sind auf der richtigen Fährte.

Nein, die kleinen Lebewesen springen den Besuchern nicht gleich vor die Linse. Man muss die Augen offen halten

Nein, auf Schritt und Tritt präsent sind die Tiere im »Sanbona Wildlife Reserve« nicht, zumindest wenn man kein Auge hat für die kleinen Lebewesen. Vorhanden sind sie dennoch, immerhin sollen hier allein 200 verschiedene Vogelarten leben. Fragt man die Betreiber des Parks nach der genauen Zahl der Bewohner, so halten sich die Verantwortlichen vornehm zurück. Einige Tausend werden es sein, mehr ist nicht zu erfahren, zum Schutz der Tiere vor Wilderern, heißt es. 2005 waren alle Arten an Bord der Arche Noah. Und dass es ihnen hier nicht schlecht gefällt, scheint sicher.

Durch die vielen wild geborenen Nachkömmlinge hat sich die reine Anzahl der Tiere mittlerweile um mehr als ein Drittel erhöht. Giraffen, Geparden oder Flusspferde bewegen sich ebenso frei wie kleinere Tiere, etwa das »Riverine- Kaninchen«, das zu den meistgefährdeten Tierarten der Welt gehört. Viele der Vierbeiner sind Bestandteil von Forschungsprojekten. Doch so ganz offensiv will die Mantis-Gruppe ihr kleines Königreich der Tiere mit diesen nicht vermarkten, betont stärker die einmalige und einheimische Pflanzenwelt des »Zurück-zur-Natur-Projektes« und die sehr begrenzte Anzahl von Besuchern, die durch die lediglich drei vorhandenen luxuriösen Lodges von vornherein limitiert ist. Doch die Tourismusprofis wissen auch, dass es die »Big Five« sind – Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard –, die die Besucher wie magisch anziehen.

Zebra

Joyce Koornneef/Shutterstock.com

Zwei Leoparden machen sich über eine erlegte Kudu-Kuh her

Uns auch. Und so steigt die Spannung langsam in unserem Geländewagen, als uns zwei alte Bekannte mit geschmeidigen Bewegungen entgegenschreiten. Schon gestern konnten wir den beiden Leoparden Auge in Auge dabei zusehen, wie sie sich über eine erlegte Kudu-Kuh hergemacht haben. Auf weniger als fünf Meter konnten wir uns den schwarz gepunkteten Katzen nähern, die nach dem üppigen Mahl ihre Siesta hielten. Doch was im Umgang mit ihnen unbedenklich ist, kann bei den Löwen ganz schön böse ins Auge gehen. Sie sind viel angriffslustiger, und auch die Leoparden machen große Bögen um sie. »Ich denke, die beiden weichen einem Löwen aus«, stellt Andrew fest.

Er startet seinen Wagen mit dem Wissen des erfahrenen Rangers: Diese Suche wird nicht umsonst sein. Nach zehn Minuten Schaukelfahrt verstummt der Diesel erneut, und unser Führer hält wieder sein Drahtgestell in Richtung des strahlend blauen Himmels. Deutlich vernehmbar piepst es im Empfänger, wir sind ganz nah dran. Vor uns liegt ein Hang, das Gelände davor durchzogen von schwer einsehbaren Senken. Hin und wieder ist das Braun unterbrochen von grünen Tupfern. Angestrengt versuche ich, irgendetwas zu erkennen, aber für den Laien wirkt die Landschaft völlig unbelebt. Unbeteiligt zwitschert ein Vogel seinen Artgenossen auf der Überlandleitung über uns an, sonst ist es völlig still. »Da ist er«, sagt Andrew, reicht mir sein Fernglas. Und dann sehe ich ihn auch.

Die ersten beiden weißen Löwen konnten sich zunächst nicht völlig frei bewegen

Die ersten beiden weißen Löwen kamen 2003 ins Sanbona Wildlife Reserve. Entgegen der allgemeinen Annahme sind sie keineswegs Albinos. Aufgrund einer genetischen Eigenheit können sie sich nicht auf eine gelbbraune Tarnung verlassen, sondern müssen viel zu häufig ihr weißes Fell zu Markte tragen. Deshalb leben die meisten von ihnen in Gefangenschaft, die sie vor Wilderern und natürlichen Feinden schützt. Auch hier haben die Parkbetreiber zunächst einen 4,3 Quadratkilometer großen Schutzraum errichtet, in dem sich das Pärchen so prächtig einlebte, dass es kurz darauf zwei kerngesunde Jungen auf die Welt brachte. 2006 war es dann an der Zeit, sie auszuwildern. Schnell schlossen sie Bekanntschaft mit den »normalen« Löwendamen im Park. Schon ein Jahr später freute sich das Ursprungspärchen noch einmal über Nachwuchs und durfte Mitte 2008 ebenfalls in die große weite Welt außerhalb des Schutzzauns ziehen.

Begegnung mit dem weißen Löwen

JONATHAN PLEDGER/Shutterstock.com

Ohne Fernglas sieht das helle Objekt, das sich in nur ein paar Hundert Metern Entfernung den Hang herunter bewegt, fast aus wie ein Eisbär. Mit Vergrößerung jedoch kann ich sogar die einzelnen Barthaare unter der schwarzen Stupsnase der Löwin erkennen. »Das ist die Mutter«, kommentiert Andrew. Kaum 20 Meter unter der weißen Löwin bewegt ein Springbock mit ruckartigen Drehungen den Kopf. Er hat die Anwesenheit des größten Landraubtiers Afrikas natürlich auch schon bemerkt. Werden wir jetzt Zeugen einer Jagd? Nein, hinter der Mutter tapsen zwei Jungtiere den Hang hinunter. Der Springbock macht seinem Namen alle Ehre und ist im Handumdrehen aus dem Blickfeld verschwunden.

Ein eindrucksvolles Löwen-Schauspiel vor unseren Augen

Auch einem Schakal am Fuße des Hangs ist das Löwentrio nicht geheuer, und er macht sich schnell aus dem Staub. Dafür nähert sich die Kleinfamilie mehr und mehr unserer Sandpiste. Unser Fahrer lässt den Motor an, fährt ein paar Hundert Meter vor, um die hellen – aber nicht blütenweißen – Tiere abzupassen, wenn sie die Straße überqueren. Elegant bewegt sich die rund 1,70 Meter lange Löwin auf uns zu. Deutlich ist das Muskelspiel unter der Haut zu erkennen, während die beiden Nachkommen abwechselnd vor, hinter oder neben ihr im Laufschritt die Welt erkunden. »Ein Mädchen und ein Junge«, erklärt Andrew, dem die weißen Löwen ganz besonders ans Herz gewachsen sind. Angst oder zumindest erhöhte Aufmerksamkeit ist den Raubkatzen nicht anzumerken.

Der Mutter sind die Jungen jedoch zu unruhig, mit ihren zentimeterlangen Hauern packt sie eines von ihnen im Nacken und trägt es über die Straße. In weniger als zehn Metern Entfernung ziehen sie vor unserem Kühler vorbei, aus dieser Nähe tatsächlich ein eindrucksvolles Schauspiel. Lange schauen wir ihnen noch nach, bis sie sich in der monochromen Landschaft wieder in Stecknadeln im Heuhaufen verwandelt haben. Wir wenden und fahren mehr als zufrieden zurück in unsere Lodge. Nein, enttäuscht worden sind wir hier ganz bestimmt nicht.

Anreise. South African Airways fliegt täglich von Frankfurt a. M und München über Johannisburg nach Kapstadt.

Info. South African Tourism, Friedensstraße 6-10, 60311 Frankfurt. Tel.: 069 9 29 12 911, .

Übernachtung. In den Lodges der Mantis-Gruppe kann man im Sanbona Wildlife Reserve übernachten. Perfekt für Familien: die Gondwana Familiy Lodge. Von Oktober bis April ab € 440 p. P. die Nacht inkl. VP und 2 Safari-Touren. Kinder zwischen vier und elf Jahren zahlen die Hälfte. Mehr Infos gibt es hier.

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?