Eine Safari ist nur das Abhaken der »Big Five« auf der Checkliste? Nichts da. Ein Aufenthalt im Wildreservat Sabi Sabi in Südafrika bietet tiefste Einblicke in die Schönheit der Schöpfung. Und dafür reicht tatsächlich schon ein verlängertes Wochenende. Text: Jan Schnettler

Behutsam setzen die Streicher ein. Hier ein zaghaftes Zirpen, dort ein vorsichtiges Vibrieren: Das Orchester räkelt sich. Es beginnt zu flirren, zu summen, Töne kreuchen und fleuchen, wabern mal allegro, mal adagio hin und her. Beim ersten Ohrenspitzen klingt das alles noch nach einem kunstvollen Durcheinander, doch schon schwillt es zu einer Melodie heran: Immer neue Stimmen gesellen sich hinzu, unterschiedlichste Tonhöhen und Tempi, traumwandlerisch im Takt und perfekt aufeinander abgestimmt.

Und dann tiriliert bereits der ers­te Solist los, sotto voce und mit glockenklarem Timbre. Ja, hier musizieren wahre Naturtalente! Doch wie sollte es auch anders sein, auf dieser urgewaltigen Bühne, unter dieser majestätischen Kuppel? Blitzlichtgewitter. Verbeugung. Danke, danke. Plötzlich brummt ein Bass, elefantös. Denn unten beim Wasserloch zieht eine Herde der Dickhäuter vorüber. Ja, so kommt sie daher, die geballte Natur in Sabi Sabi in Südafrika: wie ein monumentales Konzert, in dem jede der unzähligen Stimmen einem Meister seines Fachs gehört.

Mittendrin im Geschehen

Besonders lautstark und lebensfroh dann, wenn die Sonne gerade untergegangen ist und die Nacht heraufzieht, idealerweise garniert mit einem polternden Wetterleuchten am 360-Grad-Horizont. Dann quaken Frösche, fiepen Zikaden, zwitschern Vögel, surren Libellen, zischen Eidechsen, schreien Äffchen, murmeln Erdmännchen und wimmelt es im Unterholz, während der Vollmond die Kulisse erleuchtet und der Wind im hohen Gras nestelt.

Jenes Gras, das genau dort beginnt, wo die Terrasse der luxuriösen Suite endet und somit die Grenze zur Wildnis markiert. Und der Mensch? Ist Zaungast dieser Symphonie, auch ohne jeden Zaun, ist Beobachter, aber eben nicht nur dabei wie ein Zoobesucher – sondern mittendrin, mit einem Logensitz ausgestattet.

Earth Lodge in Südafrika

Jan Schnettler

Stellt sich Furcht ein, Angst gar, weil sich jederzeit ein Leopard, Löwe, Nashorn, Skorpion, Python, Elefant oder Krokodil aus der heraufdämmernden Dunkelheit schälen könnte? Nein. Aber Respekt. Und vor allem: Ehrfurcht. Ehrfurcht vor dem Einklang, den die Schöpfung widerspiegelt, wenn man ihr nur respektvoll und ehrfürchtig begegnet.

Mit dem Propellerflieger schnell zu allen Highlights

Es sind diese Momente, die dem Aufenthalt am Rande des Krüger-Nationalparks eine erhabene Note verleihen. Wer glaubt, dass eine Safari nichts weiter sei als das mit ein bisschen Nervenkitzel gepaarte Abhaken der »Big Five« auf der Checkliste, sieht sich schnell getäuscht. In Sabi Sabi in Südafrika gibt jeder der zwei täglichen »Game Drives« tiefe Einsichten darüber, wie das Große mit dem Kleinen, das Tote mit dem Lebendigen und das Schillernde mit dem Unscheinbaren verwoben ist – denn auch der Tourist aus dem Großstadtdschungel bekommt schon binnen weniger Tage ein Gefühl dafür, in der so fremden, aber doch so seltsam vertrauten Natur zu lesen wie in einem offenen Buch.

Dieser Baum da drüben stirbt in Kürze ab, weil Elefanten seine Rinde abgeschabt haben. Zerkaut man jene Pflanze und streicht die Paste auf die Wunde, wird das Gift des Skorpions wirkungslos. Diese Vögel dort sind derart unruhig, dass mit Sicherheit eine große Schlange im Geäst ruht. Hier ist eine Giraffe ausgerutscht und ins Trudeln geraten. Jene winzige Wolke da hinten – nein, nicht diese, diese ist harmlos – wird sich im Laufe des Nachmittags auftürmen, bald den ganzen Himmel bedecken und höchstwahrscheinlich auch abregnen.

Elefantenbaby im Wildreservat Sabi Sabi in Südafrika

Jan Schnettler

Verschiedene Camps zur Auswahl

Und das vielleicht Überraschendste: Das alles ist nur einen Nachtflug sowie einen Hüpfer mit einer Propellermaschine entfernt und lässt sich folglich auch an einem verlängerten Wochenende erleben. Auf ebendiese Gäste mit engem Zeitplan konzentriert sich das Unternehmen Sabi Sabi, das in dem weitläufigen Reservat Sabi Sands vier Lodges betreibt. Little Bush Camp, die kleinste mit nur sechs Suiten, zeichnet sich durch ihre familiäre Atmosphäre aus, die größte und ebenso zeitgenössische Bush Lodge mit 25 Suiten verfügt mit dem »Elefun-Camp« über eine Art Kindertagesstätte und richtet sich – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal – an Familien.

Das Selati Camp (acht Suiten) mit seinen romantischen Öllampen, seinen dunklen Hölzern und seinen liebevollen Reminiszenzen an eine historische Eisenbahnlinie versprüht einen kolonialen Charme und repräsentiert im Sabi-Sabi-Konzept eine Reminiszenz an die Vergangenheit des Safari-Tourismus, das Flaggschiff, Earth Lodge, wiederum dessen Zukunft. Und diese wird, schenkt man der Architektur Glauben, bodenständig. Oder anders ausgedrückt: unterirdisch gut.

Denn der Komplex scheint zur Front hin in den Sand versenkt zu sein wie ein Bunker, in den man hinunterklettert, während Restaurant, Spa und die 13 Suiten rückwärtig terrassenartig und ebenerdig in den Busch münden. Stilisierte, von den Decken hängende Wurzeln, das verwendete Baumaterial (mit Schilfrohr und Naturstein vermischter Beton), das geschickte Spiel mit unterschiedlichen Landschaftsniveaus, Kunstwerke aus Treibholz sowie die Termitenhügel-Optik der Villendächer runden das Bild ab: Hier fügt sich etwas schmiegsam in die Natur ein, das in keinem Widerspruch zu ihr steht.

Rundum-Betreuung: Ohne die Ranger läuft nichts

Doch hin und wieder vermag auch ein unrundes Bild zu verzücken – wie das eines Elefantenbullen, der in der Abenddämmerung auf eine Flugzeug-Landebahn trottet, während dort bereits etliche Kudus herumturnen. Denn da, auf dem von der Sonne aufgewärmten Asphalt, tummeln sich nicht wenige der »Big Five« und ihrer Konsorten regelmäßig, weshalb die Ranger vor einer Landung oder einem Start auch schon einmal ein paar Nashörner fortscheuchen müssen.

Überhaupt die Ranger: Die hervorragend ausgebildeten, eloquenten und überaus unterhaltsamen Busch-Führer sind das Herzstück jeder Safari in Sabi Sabi. Sie manövrieren die imposanten Landrover in die unwegsamsten Dickichte, sorgen mit ihrer Flinte für ein Sicherheitsgefühl und – im Verbund mit den Trackern, also den Spähern und Fährtenlesern – dafür, dass möglichst viele Tiere aufgespürt werden, denen dann respektvolle und behutsame Besuche abgestattet werden.

Ranger Nico im Wildreservat Sabi Sabi in Südafrika

Jan Schnettler

Sie tischen unterwegs Snacks und die obligatorischen, hemingway’schen »Sundowner« à la Gin Tonic auf, beim mondänen Abendessen sind sie mit Anekdoten aus der Weite Afrikas zur Hand. Selbst danach noch begleiten sie den Gast zur Traumsuite, damit diesem nicht die allzu wilde Natur in die Parade fährt – um dann um 5.30 Uhr bereits wieder als menschlicher Weckruf munter an die Tür zu klopfen.

Mitten im Löwenrudel

Man kann gar nicht anders, als ihnen zu glauben, dass auch nach Jahren noch jeder Game Drive etwas völlig Neues ist – und man anfangs nie weiß, was einen erwartet. Zwei Stunden stumm inmitten eines Löwenrudels stehen? Das wird nie langweilig, versprochen. Einem übermütigen Baby-Elefanten dabei zusehen, wie es beim Aufplustern stolpert und das kleine Malheur ziemlich menschlich kaschieren will, nämlich indem es so tut, als habe es gerade nur etwas fressen wollen, da unten, in dieser kleinen Grube? Unbezahlbar. Ein verlorenes Zebra zu beobachten, das sich ersatzweise einer Impala-Herde anschließt? Dito.

Der »Kill«, das Beute-Reißen eines Raubtiers, gilt gemeinhin als Höhepunkt jeder Safari, doch auch mit weit weniger lässt sich im abendlichen Gespräch mit den anderen Gästen Staat machen: Was, schon bei der zweiten Ausfahrt einen Leoparden getroffen? Das australische Ehepaar, das speziell für dieses Erlebnis ein zweites Mal nach Südafrika zurückgekehrt ist und noch immer kein Glück hatte, runzelt eifersüchtig die Stirnen. Die Region rühmt sich, zusammen mit der Südhälfte des Krüger-Parks, dessen südwestliches Ende an Sabi Sabi in Südafrika grenzt, der weltbeste Ort für Leoparden-Sichtungen in freier Wildbahn zu sein: Die Dichte der Raubkatzen ist hier schlichtweg am höchsten. Und der große Vorteil Sabi Sabis gegenüber dem Nationalpark ist wiederum: Die Tiere sind etwas weniger scheu, weil die Ranger hier off-road fahren dürfen und ihnen Menschenergo geläufiger sind.

Von Tierattacken sind die Gäste gottlob bisher verschont geblieben

Sabi Sabi ist seit 30 Jahren am Markt und folglich längst als nachhaltiger Safari-Hotspot bewährt; Angriffe von Tieren auf Gäste gab es in all der Zeit nicht ein einziges Mal. So wenig wie möglich wird in den natürlichen Lauf der Dinge eingegriffen, die Populationen im die Lodges umgebenden Großreservat Sabi Sands regulieren sich selbst, und nur zu anderthalb Seiten hin ist das Reservat eingezäunt – die einzigen potenziellen Störenfriede im Gleichgewicht der Savanne sind Nashorn-Wilderer, die seit einigen Jahren vermehrt speziell den Krüger-Park heimsuchen, seitdem sich in Vietnam das Gerücht verbreitet hat, das zerriebene Horn helfe gegen Krebs.

Nashörner imWildreservat Sabi Sabi in Südafrika

Jan Schnettler

Und so behutsam die Lodges von Sabi Sabi in die Natur integriert sind, so verwoben sind sie auch mit der Außenwelt. Wie die täglich von der Bush Lodge aus angebotene »Community Tour« in die umliegenden Dörfer zeigt (sehenswert: der Besuch beim charismatischen Medizinmann Matovo in Huntingdon), dient das Unternehmen den Einheimischen nicht nur als wichtiger Arbeitgeber, sondern finanziert beispielsweise auch Schulen im Umland. Wer sich diesen malerisch schönen Flecken Welt nordöstlich von Johannesburg für sein Safari-Erlebnis aussucht, lernt folglich nicht nur das Land, sondern auch die Leute kennen.

Zu Fuß in den Busch nur mit einem bewaffneten Guide

Und wer ihm dann noch einen zusätzlichen Blickwinkel (und Adrenalin-Kick) abgewinnen möchte, der sollte sich unbedingt zu Fuß in den Busch wagen. Selbstverständlich nur im Gefolge eines bewaffneten Rangers, bei einer »Walking Safari«. Denn aufrecht auf zwei Beinen ist der Mensch urplötzlich das, was er auf einem kraftstrotzenden Landrover sitzend eben nicht ist: eine Gefahr – oder gar ein Beutetier. Da stieben Antilopen plötzlich aufgeregt davon, während sie angesichts des Fahrzeugs völlig gelassen geblieben waren. Dabei sollte jedes Aufsetzen der Fußsohle wohlüberlegt sein.

Da wirken die Eulen in den Baumwipfeln plötzlich noch etwas größer als »nur« ein Meter groß. Da gewinnt das einzige Geräusch weit und breit, das Kauen eines Nashorns, eine ganz besondere Tiefe, ein bisschen wie das Rauschen des Meeres – und das Tier selbst, das übrigens bis zu 50 Stundenkilometer schnell werden kann, löst noch einmal deutlich mehr Ehrfurcht in seinem Betrachter aus. Ganz nebenbei lassen sich auch noch diejenigen Tiere aufstöbern, die in Anlehnung an ihre großen Pendants scherzhaft die »Small Five« genannt werden – Ameisenlöwe, Nashornkäfer, Elefantenspitzmaus, Büffelwebervogel und Leopardenschildkröte.

Abgekämpft von so vielen Sinneseindrücken? Gemach, gemach, es ist schließlich noch lange nicht wieder 5.30 Uhr. Der Amani-Spa der Earth Lodge bietet diese großartigen afrikanischen Rungu-Techniken an. Der Weinkeller hält 6.000 Flaschen mit edlen Tropfen vor. Die Chancen, dass während des abendlichen Fünf-Gänge-Menüs unter freiem Sternenhimmel eine Elefantenherde in Sicht- und Hörweite vorbeiparadiert, stehen gut. Und dann ist da ja zu guter Letzt noch die Terrasse, die am Buschgras endet – die Terrasse mit dem Logenplatz für das Konzert des Lebens.

Tipps zur Anreise und Unterkunft

Anreise. Nachtflüge mit South African Airways sieben mal wöchentlich ab und nach Frankfurt a. M. Nahtloser Weiterflug von Johannesburg mit Federal Air (deren kleine Lounge am O.R. Tambo International Airport sehr empfehlenswert ist).

Unterkunft. Zwischen € 400 (Little Bush Camp) und € 702 (Earth Lodge), Präsidentensuiten von € 626 (Bush Lodge) bis € 1252 (Earth Lodge). Alle Preise verstehen sich pro Person pro Nacht inkl. Vollpension mit Getränken und zwei täglichen Wildbeobachtungsaktivitäten. Buchung. www.sabisabi.com/bookings. Weitere Informationen. DiaMonde, www.diamonde.de oder South African Tourism: www.dein-suedafrika.de

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