Das sich nördlich anschließende Sylt ist bekannter, ebenso wie die Insel Föhr an ihrer Wattseite. Dennoch ist die wie ein Halbmond geformte Insel Amrum im nordfriesischen Wattenmeer ein ungewöhnliches, ein besonderes Erlebnis. Zur Freiheit des hohen Horizonts und zur friesischen Unabhängigkeit gesellt sich eine erstaunlich unberührte Natur. Text: Dieter Klaas

Die beiden Schwesterschiffe »Uthlande« und »Schleswig Holstein« treffen sich vor einer der schönsten Meereskulissen an der Nordsee: vor dem Hafen von Wyk auf Föhr. Im Hintergrund trotzen die Gehöfte der Halligen  auf angeschütteten Hügeln, den so genannten markanten Warften, den Gezeiten. All dies bildet eine perfekte Nordseekulisse und ,  seitlich etwas verdeckt, liegt die Insel Amrum, auf die die »Schleswig Holstein« zusteuert. Aus den großen Panoramafenstern kann man den Anblick bewundern, der auch bei schlechterem Wetter eindrucksvoll ist.

Die »Uthlande« und die »Schleswig Holstein« sind Personen- und KfZ-Fähren, die die Nordseeinseln mit dem Festland verbinden. Die Überfahrt bis Amrum dauert zwei Stunden. Wer sich mit den Einheimischen unterhält, wird  vielleicht zunächst Schwierigkeiten haben, denn hier wird noch friesisch gesprochen,  anderswo an der Küste längst in Vergessenheit geraten . Ömrang, wie die Einheimischen zu ihrer Insel sagen, ist eben besonders, vor allem weil es sich – im Gegensatz zum nördlich gelegenen  Sylt – viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat bzw. bewahren müssen.

Lewwer duat üs slaav

Hoher Himmel und die Weite des Horizonts empfangen mich auf der Insel. Ebenso wie  freundliche Einheimische, deren Mentalität  der Dichter Detlev von Liliencron aus Pellworm in seiner Ballade über einen Sylter Fischer namens »Pidder Lüng« mit der Zeile »Lewwer duat üs slaav« (Lieber tot als Sklave) am besten wiedergibt und  die friesische Tradition und Geschichte beschreibt. Frei, unabhängig aber immer der Naturgewalt des Meeres unterworfen, die man schweren Herzen akzeptieren und aushalten musste – so kann man sich die Grundeinstellung der Friesen vorstellen. Ein hartes Leben, unabhängig von unmittelbarer Herrschaft aber unterworfen den Elementen – ein Überlebenskampf.

Heute ist es der Tourismus, der Überleben sichert, und das nicht schlecht. Das Besondere: trotz einiger weniger »Bausünden« im Hauptort Wittdün ist der Großteil der Insel im Wesentlichen authentisch um nicht zu sagen unberührt – Nordfriesland wie vor dreihundert Jahren sozusagen. Hier hat in der Tat mancherorts die Ehrfurcht vor der  Schöpfung und der gewaltigen Natur die Gier nach schnellem finanziellem Profit besiegt – und dies ist nicht ganz selbstverständlich in der Welt in der wir heute leben.

Verrückt zahme Tierwelt

Auf Amrum finde ich ein »Naturreservat«, wo ich Tieren begegne, die fast keine Scheu vor den Besuchern zeigen. Damit meine ich nicht die frechen Möwen, die überall an der Küste »angefüttert« worden sind und schon einmal aggressiv werden können, wenn es um ihr Mittagessen geht.

Es sind die eigentlich Scheuen, die mit ihrer Zutraulichkeit beeindrucken. Eine solche Zutraulichkeit, ein solch einvernehmliches gemeinsames Leben wie auf Amrum ist mir bislang nirgendwo an der Nordsee begegnet. Sei es der Fasan, der einem ins Haus folgt, oder die Wildkaninchen, die nur weghoppeln wenn man näher als fünf Meter herangeht, oder die vielen Tausend Enten und Gänse, die sich beim Brüten nicht stören lassen, oder völlig ungerührt mit ihren Jungen im Watt oder auf den Wiesen weiden.

Mir nach ihr Gössel

Fast gewinnt man den Eindruck, dass die Graugans- und die Kanadagössel (Gössel nennt man die »Küken«) nur darauf warten, dass man wie zu Zeiten Irenäus Eibl-Eibelfelds, dem Vater der Verhaltensforschung, ihre Vater- oder Mutterschaft übernimmt, und sie nicht mehr hinter ihrer Gänsemama, sondern hinter einem selbst herwatscheln wollen.

Gänse auf Amrum

Dieter Klaas

Vorsicht ist allerdings bei den kleinen Zwergseeschwalben geboten- kleine, blitzschnelle, tapfere Vögel, die ihr Nester in den Vordünen gegen alles verteidigen, was vorbeikommt.

Dieses symbiotische Leben entsteht aber nur dadurch, dass die Vorschriften des Naturparks  buchstabengetreu eingehalten werden.

Der Kniepsand wächst und gedeiht

Was ebenfalls einmalig erscheint auf Amrum, das ist der »Kniepsand«. Viele Inseln rühmen ihre Strände und viele müssen Jahr um Jahr darum kämpfen, dass die Strandkörbe überhaupt noch auf ein paar hundert Metern Sand stehen. Nicht so Amrum, was die Schwester Sylt im Norden an Sand verliert,  das wird auf der Sandbank in Amrum angeschwemmt.

Vielleicht ist es manchem Urlauber im Sommer sogar eher beschwerlich , über den langen Weg des Kniepsandes die Brandung des Meeres zu erreichen. Fast 15 Kilometer lang und bis zu zwei Kilometer breit zieht sich die Sandbank bis zum Meer. Umso erfrischender ist dann das Bad. Der Kniepsand ist der gesamten Westküste der Insel Amrum vorgelagert und geht unmittelbar in die tatsächlich zur Insel gehörenden Sanddünen über. Ein ungewöhnliches Phänomen, denn der Kniepsand wird weiter wachsen. Allerdings  wird das schon einige Jahrzehnte brauchen. So lange bauen die vielen Kinder, die den Strand bevölkern weiter ihre Burgen an Ort und Stelle.

Der kleine Henry aus dem Schullandheim ist jedenfalls ganz begeistert vom Kniepsand. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie viele Sperrwerke, Sandburgen und Kanäle seine Klasse in dem feinen Sand gebaut hat. Für viele Schulklassen ist es  eine  erste wunderbare intensive Begegnung mit der Welt des Watts dem Strand und der Brandung.

Ungestörte Stunden

Und dann begegnet man am Strand auch den freundlichsten Menschen auf Amrum: den Strandkorbvermietern. Sie begrüßen jeden, der an den Strand kommt als hätten sie alte Freunde nach Jahren zum ersten Mal wiedergesehen. Sicher haben sie auch ihre Strandkörbe im Sinn,  die an die Frau bzw. an den Mann gebracht werden sollen.

Teilweise stehen die Körbe weit draußen auf dem Kniepsand. Ein langer Weg, aber belohnt wird man mit dem unumschränkt alleinigen Dasein im Angesicht der Brandung.

Und noch eine Besonderheit hat Amrum: kilometerlange und mit viel Fleiß erhaltene Bohlenwege, die das Kleinod des Dünengürtels schützen und dem Wanderer unbeschwertes Vorankommen  ermöglichen.

 

Bohlenweg auf Amrum

Dieter Klaas

Eine wunderschöne Wanderung beginnt an der Vogelkoje, wo die Amrumer früher Wildgänse gefangen haben, um ihren kargen Mittagstisch auch einmal festlich zu decken. Man geht dann auf dem Bohlenweg durch eine schier endlose Dünenlandschaft bis zum Quermarkenfeuer,  einem kleinen Leuchtturm.

Leuchtturm auf Amrum

Canadastock/Shutterstock.com

Innerhalb von einer Stunde wandert man an allen Dünentypen,  an Dünen jeden Alters vorbei  – bis hin zu den größten und ältesten, den bis zu 32 Meter hohen Sandbergen, entstanden über lange Jahrzehnte aus dem angeschwemmten  Sand und dem Flugsand.

Diesen beeindruckenden Weg würde ich ausklingen lassen, indem ich ein Stück im Kniepsand und dann am Wriaksee entlang  in Richtung Wittdün gehe und  ganz andere, aber genauso faszinierende Landschaftseindrücke in mich aufnehmen kann.

Die Schönste Nordfrieslands

Amrum – das ist der hohe Himmel und die Weite des Kniepsandes. Das sind beeindruckende zugängliche Dünenlandschaften, und ein wunderbarer Dünensee, der Vogelreichtum der Wattlandschaft und ausgedehnte Wälder. Weiter im Osten schließen sich Heidelandschaften an,  die wiederum in Felder übergehen, und an der Wattseite Wiesen und fruchtbares Marschland, das durch Deiche geschützt wird.

Manche sagen Amrum sei die schönste und vielseitigste Insel in Nordfriesland – und in meinen Augen ist sie das auch. Man sollte sich selbst davon überzeugen.

 

Anreise. Ob mit der Deutschen Bahn, mit dem eigenen Auto oder mit dem Flugzeug über Hamburg anreisen. Von Hamburg aus mit dem Mietwagen weiter. Ab Strucklahnungshörn/Nordstrand fährt die High-Speed-Fähre „Adler-Express“ durch das Halligmeer direkt nach Wittdün in 90 Minuten.  Informationen unter Tel.: 01805 123344 und unter www.adler-schiffe.de

Unterkunft. Modernes Vier-Sterne-Hotel mit Spa: Hotel-Restaurant Seeblick, Doppelzimmer im Friesenstil mit Balkon, zwischen € 110 und € 166 die Nacht je nach Saison, www.seeblicker.de; Gemütliches, familiengeführtes Hotel mit friesisch-modernem Charme: Mein Inselhotel, Doppelzimmer € 70 die Nacht, www.mein-inselhotel.de

Reisezeit. Im Juli und August ist die Nordsee meist so warm, dass man gut baden kann. Wer nicht unebdingt baden muss, reist am besten im Mai und Juni auf die Insel. Auch der Winter hat seinen Charme in rauer Natur und Einsamkeit.

Info. Amrum Touristik Wittdün, 25946 Wittdün, Tel.:04682 94030, info@amrum.de, www.amrum.de

 

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