Im August 2026 bringt A24 mit »Tony« einen Film in die Kinos, der dorthin zurückkehrt, wo alles begann: Provincetown, 1976, eine heiße Sommerküche an der Küste von Cape Cod. Dominic Sessa spielt den neunzehnjährigen Anthony Bourdain, neben Antonio Banderas, Emilia Jones, Leo Woodall und Stavros Halkias, Regie führt Matt Johnson (»BlackBerry«). Bourdains Nachlass hat das Projekt freigegeben und betont, es sei »kein Standard-Biopic, das ein Leben zusammenfasst«. Ein guter Anlass, sich an jene Tische zu setzen, an denen Bourdain später am liebsten saß. Sechs Lokale, die er liebte, kommentierte, in seinen Sendungen verewigte. 

1. Bún Chả Hương Liên, Hanoi

Mai 2016. Plastik­hocker in der Lê Văn Hưu, zwei Etagen über einer Straße, auf der die Mopeds nicht aufhören zu dröhnen. Neonröhren, ein Ventilator, der seine besten Tage hinter sich hat. Anthony Bourdain sitzt einem Mann gegenüber, der in diesem Moment noch der mächtigste der Welt ist: Barack Obama. Auf dem Tisch dampfen Schweinebällchen in einer süß-sauren Brühe, daneben Reisnudeln, Kräuter, Chili. Zwei Flaschen Hanoi-Bier. Rechnung: sechs Dollar. Bourdain zahlt.

Screenshot: YouTube/CNN/Parts Unknown

»Low plastic stool, cheap but delicious noodles, cold Hanoi beer«, schreibt er später über die Szene. Genau darin lag sein Punkt. Kein Banketts­aal, kein namhaftes Weltklassehotel, keine Asia­fusion-Klimaanlage, die der Secret Service bevorzugt hätte. Stattdessen ein Laden, der seit Jahren genau das macht, was die Nachbarschaft will: Bún chả. Bourdain bestand auf diesen Ort, weil hier das Vietnam ist, das er kannte und liebte, und weil ein Präsident, der sich an einen wackligen Hocker setzt und mit den Stäbchen nicht ungeschickt umgeht, eine andere Geschichte erzählt als jedes Foto auf einem roten Teppich.

Bun Cha auf dem Tisch in Hanoi. Das Gericht was Anthony Bourdain mit Barack Obama gegessen hat.

Foto: Thomas Hoang

Das Restaurant heißt heute bei vielen nur noch »Bún Chả Obama«. Der Tisch der beiden steht unter Glas, Foto­kopien aus der CNN-Episode von »Parts Unknown« an den Wänden, Touristen schlangestehend vor der Treppe. Die Besitzer­familie führt das Lokal weiter wie zuvor, nur mit mehr Andrang. Wer dem Bourdain-Skript folgen will, bestellt die »Obama-Combo«: Bún chả, ein paar Nem, ein Hanoi-Bier.

BÚN CHẢ HƯƠNG LIÊN
Adresse: 24 Lê Văn Hưu, Hai Bà Trưng, Hanoi
Öffnungszeiten: täglich ca. 8:00–20:30 Uhr

2. Sukiyabashi Jiro, Tokio

Eine Treppe hinab in die Tokioter U-Bahn-Station Ginza, eine schmale Tür, ein Tresen aus Hinoki-Holz, zehn Plätze. Mehr Theater als Restaurant. Hinter dem Tresen Jiro Ono, jahrzehnte­lang mit drei Michelin-Sternen dekoriert, fast schon eine Statue seiner selbst. Vor ihm: ein Stück Thunfisch, ein Klumpen körper­warmer Reis, eine Hand, die seit über sechzig Jahren Nigiri formt. Bourdain rutscht auf seinen Platz, ein Tuch im Schoß, kaum Worte. Es gibt hier nichts zu plaudern. Es gibt zu essen, und zwar präzise.

Das Restaurant Sukiyabashi Jiro in Tokio.

Das Restaurant Sukiyabashi Jiro in Tokio. I Foto: Betsy Kling

Für die britische Tageszeitung »The Guardian« beschrieb Bourdain »Sukiyabashi Jiro« als den Ort, an den er für sein letztes Essen kommen würde. Wie ein alter Löwe, der sich ins Gebüsch verzieht, schrieb er, nur eben in seinem Fall an diesen Tresen aus Hinoki­holz, vor ein 22- oder 23-gängiges Omakase. In seinen Sendungen sprach er von Jiro mit einer Mischung aus Ehrfurcht und beinahe sport­licher Bewunderung: ein Mann, der jeden Fisch auf eine exakte Temperatur bringt, der den Reis so formt, dass er im richtigen Moment im Mund zerfällt, der die Hand seiner Gäste taxiert, bevor er das nächste Stück baut.

Ein Thunfisch Nigiri auf schwarz mit Stäbchen

Im Sukiyabashi Jiro wird der Fisch mit den Fingern gegessen. Nicht mit Stäbchen. I Foto: Curated Lifestyle.

Die Erfahrung dauert kürzer, als die meisten erwarten. Zwanzig, vielleicht dreißig Minuten, dann steht man wieder oben in der Ginza. Reservierungen sind schwierig, die Preise hoch, der Zugang oft nur über Hotels und Concierges. Eher eine Pilger­fahrt als eine Routine­buchung. Aber genau das war Bourdains Punkt: Manche Orte verdienen, dass man sich Mühe gibt.

SUKIYABASHI JIRO HONTEN
Adresse: Tsukamoto Sogyo Building, B1F, 4-2-15 Ginza, Chuo-ku, Tokio
Reservierung: traditionell nur über Concierge ausgewählter Hotels in Tokio

3. Asador Etxebarri, Axpe (Baskenland)

Ein Steinhaus in einem grünen Tal, hinter Bilbao, weit weg von der Welt. Ziegen auf der Wiese, Wolken, die sich über die Hügel schieben, ein paar geparkte Autos vor der Plaza San Juan. Drinnen riecht es nach Eichenrauch und langsam ziehendem Holzfeuer. Victor Arguinzoniz, der Küchenchef des »Asador Etxebarri«, hat für fast jede Zutat einen eigenen Grill­rost entwickelt: für Garnelen einen feinen, für Chorizo einen gröberen, für Kaviar einen so subtil temperierten, dass der Rauch nur einen Hauch hinterlässt.

Garnelen auf einem Teller

Foto: KI-generiert/Gemini

Bourdain setzte das Restaurant auf seine Liste der Orte, an denen man gegessen haben muss, bevor man stirbt. Was ihn faszinierte, war keine Show oder eine molekulare Spielerei. Es war ein Mann, der das Grillen wieder zu dem gemacht hat, was es eigentlich ist: ein Dialog zwischen Hitze und Zutat. »Reine, rauchige Klarheit«, wie er es einmal beschrieb. Eine Tomate, am Stiel über glühender Holzkohle gewärmt, mit Olivenöl und Salz, und plötzlich versteht man, was eine Tomate kann.

Szene mit Anthony Bourdain

Screenshot: YouTube/CNN/Parts Unknown

Die Karte besteht aus einem saisonalen Degustations­menü. Was kommt, hängt davon ab, was die Fischer aus Bermeo am Morgen angeliefert haben, was im Garten reif ist, was Arguinzoniz heute über das Feuer legen möchte. Etxebarri taucht regelmäßig in den oberen Rängen der sogenannten World’s 50 Best auf, Reservierungen liegen Monate im Voraus. Wer hierher kommt, kommt nicht zufällig vorbei.

ASADOR ETXEBARRI
Adresse: Plaza de San Juan 1, 48291 Axpe-Marzana, Bizkaia

4. Barney Greengrass, New York City

Amsterdam Avenue, Upper West Side, ein verwitterter grüner Schriftzug über dem Eingang. Drinnen die Stimmung eines Vormittags, die seit 1929 immer wieder derselbe ist: Kühlvitrinen mit Stör, Lachs, Hering, ein paar verkratzte Spiegel an der Wand, Mitarbeiter die eifrig sind und jeden kennen zu scheinen. Bourdain bestellt das, was er immer bestellt: Stör-Platte, Nova-Eier mit karamellisierten Zwiebeln, einen Bagel ohne Belag, dazu Kaffee. Vor ihm liegt eine Ausgabe der New York Times. Die Yankees haben verloren, also ist die Laune zumindest theoretisch schlecht.

Lachs Bagel im Banreys Greengrass. Bourdain sagte hier bekäme an das beste Frühstück der Welt.

Foto: KI-generiert/Gemini

In seiner Serie »A Cook’s Tour« sagte er den Satz, mit dem das Lokal seither lebt: »Das beste Frühstück im Universum.« Bourdain liebte »Barney Greengrass« für das, was es nicht war. Kein Brunch. Kein Konzept. Keine Avocado. Kein Chichi. Stattdessen: ein jüdisches Delikatessengeschäft mit über hundert Jahren Geschichte, ein Stück Manhattan, das noch nicht saniert wurde, ein Störfilet, das so dicht und buttrig auf einem Bagel sitzt, dass man begreift, warum ein Senator den Namen vor fast neunzig Jahren zum »Sturgeon King« erweitert hat.

Barney Greengrass Front in New York City

Foto: Betsey Kling

Als Bourdain im Sommer 2018 starb, deckten die Greengrass-Leute einen leeren Tisch mit seinem üblichen Frühstück. Wer heute kommt, sollte hungrig und mit Bargeld erscheinen, das Restaurant nimmt keine Karten, montags geschlossen.

BARNEY GREENGRASS
Adresse: 541 Amsterdam Avenue, New York, NY 10024
Öffnungszeiten: Di–Fr 8:30–16:00 Uhr, Sa & So 8:30–17:00 Uhr, Mo geschlossen

5. Musso & Frank Grill, Los Angeles

Hollywood Boulevard, 6667. Dunkles Holz an den Wänden, rote Ledersitze, Kellner in weißen Jackets, deren Schritte über den Teppich kaum zu hören sind. Auf dem Tisch ein Martini, der so kalt serviert wird, dass das Glas beschlägt. Drei Oliven. Daneben ein Steak, dessen Garpunkt seit über hundert Jahren in derselben Küche getroffen wird. Bourdain liebte diese Art von Bar: old-school, ohne Augenzwinkern, ohne Concept-Storytelling.

Musso and Frank in Los Angeles. Das älteste Restaurant Hollywoods.

Foto: Elliott Cowand Jr/Shutterstock.com

»Oh, I love the bar at Musso & Frank’s«, sagte er 2016 dem LA Weekly. Mehr Bekenntnis brauchte er nicht. »Musso & Frank« existiert seit 1919, ist das älteste Restaurant Hollywoods, hatte als erstes einen Stern auf dem Walk of Fame direkt vor der Tür. Charlie Chaplin saß hier. Raymond Chandler. F. Scott Fitzgerald, falls die Anekdoten stimmen. Bei Tarantinos »Once Upon a Time in Hollywood« spielt sich die halbe Handlung in genau diesem Interieur ab.

Musso and Frank Restaurant

Foto: Betsey Kling

Die Karte liest sich wie ein Manifest gegen Beliebigkeit: New York Steak, Ribeye, Filet Mignon, Prime Rib. An bestimmten Wochentagen Klassiker, die anderswo längst verschwunden sind, etwa Sauerbraten mit Reibekuchen am Donnerstag oder Bouillabaisse am Freitag. Dazu Creamed Spinach, Lyonnaise Potatoes. Bourdain mochte solche Karten, weil sie nichts behaupten und alles halten.

MUSSO & FRANK GRILL
Adresse: 6667 Hollywood Blvd, Hollywood, CA 90028
Öffnungszeiten: Di–Sa 17:00–23:00 Uhr, So 16:00–22:00 Uhr, Mo geschlossen

6. Tawlet / Souk el Tayeb, Beirut

Mar Mikhael, ein Viertel im Osten Beiruts, das in den vergangenen Jahren so viel erlebt hat, dass es eigentlich keine Energie mehr für Optimismus haben dürfte und sie doch hat. In einer Seitenstraße liegt Tawlet, das Restaurant von Kamal Mouzawak und seinem Projekt Souk el Tayeb. Ein heller Raum, eine offene Küche, ein langes Buffet. Wer heute kocht, steht groß auf einer Tafel: eine Frau aus dem Süden, eine aus der Bekaa, eine drusische Köchin aus dem Chouf. Jede bringt ihre eigenen Gerichte mit, ihre eigenen Geschichten, ihre eigenen Trau­matas.

Tawlet Restaurant in Beirut

Foto: Andrei Antipov/Shutterstock.com

Bourdain saß hier mehrfach. In »Parts Unknown« stellte er die berühmte Frage in den Raum: »Am I wrong to love this place?« Beirut war für ihn der komplizierteste Ort, an dem er je gearbeitet hatte. 2006 wurde eine seiner ersten Dreh­reisen vom Libanon­krieg unterbrochen, er flog auf einem US-Marine­schiff aus, eine Erfahrung, die ihn umkrempelte. Er kam zurück, und er kam wieder, und jedes Mal saß er irgendwann bei Tawlet. Weil hier Essen genau das tat, was er der Welt zu zeigen versuchte: Menschen verschiedener Herkunft an einen Tisch holen, ohne dass jemand seine Geschichte aufgeben muss.

Falafel mit Humus und Zitrone in Beirut

Foto: Pablo Merchan Montes

Werktags öffnet »Tawlet« mittags. À la carte am Vormittag, Lunch-Buffet ab 13 Uhr. Auf dem Buffet liegen Mezze, Eintöpfe, Gegrilltes, Süßes, alles nach Haus­rezepten der jeweiligen Köchin des Tages. Die Preise bewegen sich um 28 bis 33 Dollar pro Person. Wer kommt, isst nicht nur, sondern lernt auch jemanden kennen. Genau das machte für Bourdain den Unterschied zwischen einem Restaurant und einem Ort, an dem etwas passiert.

TAWLET MAR MIKHAEL
Adresse: Sector 79, Naher Street, Mar Mikhael, Beirut
Öffnungszeiten: Mo–Sa 9:00–17:00 Uhr (Lunch-Buffet 13:00–16:00 Uhr)

Sechs Tische, ein Lebensgefühl

Ein Plastik­hocker in Hanoi, ein Hinoki-Tresen in der Ginza, ein Grill­rost im Baskenland, ein verkratzter Tisch auf der Upper West Side, ein Martini-Glas in Hollywood, ein Buffet in Beirut. Sechs Orte, an denen Anthony Bourdain weniger Tourist war und mehr Gast. »Tony« kommt im August 2026 in die Kinos und erzählt vom Sommer 1976 in Provincetown, lange vor all dem. Eine gute Gelegenheit, sich noch einmal an seine späteren Tische zu setzen, oder zumindest in seinen Sendungen.

HÄUFIGE FRAGEN
Wer war Anthony Bourdain?
Anthony Bourdain (1956–2018) war Koch, Autor und Moderator. Bekannt wurde er als Küchenchef der Brasserie Les Halles in New York und als Erzähler einer neuen Art von Reise­fernsehen: ehrlich, direkt, oft politisch, immer mit dem Essen als Eintrittskarte in die Kultur eines Ortes.
Wie ist er berühmt geworden?
Sein Aufstieg begann 1999 mit dem Essay »Don’t Eat Before Reading This« im New Yorker, gefolgt vom Buch »Kitchen Confidential« (2000), das die unschöne Wahrheit über Restaurant­küchen so unterhaltsam erzählte, dass es ein Welt­bestseller wurde. Daraus entstanden die Fernseh­serien »A Cook’s Tour« (Food Network), »No Reservations« (Travel Channel) und schließlich »Parts Unknown« (CNN).
Auf welchen Pfaden ist er gewandelt?
Bourdain drehte in über 80 Ländern, vom Iran über Kongo, Libyen, Kolumbien bis nach Bhutan. Er suchte selten die Postkarte und meistens das Gespräch: Garküchen statt Stern­restaurants, Wohn­küchen statt Hotel­bars, Konflikt­zonen statt Strand­promenaden. Sein Stil prägte eine ganze Generation von Reise­journalismus.
Was muss man von ihm gesehen oder gelesen haben?
Für den Einstieg: das Buch »Kitchen Confidential«. Für die Reise­seite: die »Parts Unknown«-Folgen Hanoi (mit Obama), Beirut, Iran, Tokio und Buenos Aires. Für das Gesamtbild: die Doku­mentation »Roadrunner« (2021) und ab August 2026 der Spielfilm »Tony« mit Dominic Sessa, der sich auf den jungen Bourdain in Provincetown konzentriert.
Welches seiner Lieblings­restaurants ist am einfachsten zu besuchen?
Bún Chả Hương Liên in Hanoi und Barney Greengrass in New York. Beide sind ohne Reservierung zugänglich, beide haben tägliche Öffnungs­zeiten, beide kosten überschaubar. Sukiyabashi Jiro und Asador Etxebarri verlangen Monate Vorlauf und einen Concierge im Rücken.
Wann startet »Tony« in den Kinos?
Im August 2026, produziert von A24, Regie Matt Johnson, mit Dominic Sessa (»The Holdovers«) in der Titelrolle. Der Film folgt dem neunzehn­jährigen Bourdain durch einen Sommer in einer Restaurant­küche in Provincetown, Massachusetts. Bourdains Nachlass hat das Projekt offiziell freigegeben.