Dr. Wachsmuth legt drei Finger um mein linkes Handgelenk: »Ein kleiner, leichter Puls.« Zuvor hat er mir tief in die Augen geblickt: »Ich sehe da sehr viel Vata – die Augen glänzend, der Blick offen.« Und auf meinen hellen Teint: »Aber auch Pitta – Sie haben sehr viele Muttermale.« Sein Blick auf meinen Dosha-Fragebogen macht die Diagnose perfekt: »Sie essen gerne süß.« Kurzum: Ich bin Vata-Pitta-Kapha. Bäh. Wie langweilig, denke ich – Ayur-Wischi-Veda-Waschi, ein bisschen von allem. Dr. Wachsmuth blickt irritiert: Im Ayurveda gibt es keine Wertung. Man ist, was man ist und eben isst. Text: Manuela Raudasch

Ich bin im frisch renovierten Parkschlösschen – der Ayurveda-Hochburg – in Traben-Trarbach an der Mosel. Mit seinen fünf funkelnden Sternen gilt es seit seiner Eröffnung 1993 als das erste reine Ayurveda-Hotel der Luxuskategorie in Europa. Damit das klar ist:

»Wir sind kein Wellnesshotel«,

sagt Martina Trautner von der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Stimmt! Panchakarma, die zehntägige Entgiftungskur, ist kein Zuckerschlecken. Sie ist der Klassiker im Hause und wird von den meisten Gästen gebucht. Die wiederum im Schnitt 45 Jahre alt sind, Tendenz sinkend, und eher weiblich (60 Prozent), Tendenz männlicher.

Das Schlösschen im schönen Park mit den großgewachsenen Bäumen und dem klaren, rauschenden Bach versprüht mit seiner gelebten Ruhe und vornehmen Zurückhaltung eher den Charme eines feinen Sanatoriums. Seine Geschichte begann 1809, als hier eine Thermalquelle entdeckt wurde.

 

 

1883 wurde das erste Holzbadehaus errichtet, kurz darauf das Kurhaus. Der bekannte Berliner Jugendstil-Architekt Bruno Möhring fügte 1905 einen fünfgeschossigen Bau hinzu. Die Besitzer wechselten, bis im Jahr 1990 Familie Preuß das Anwesen erstand – und es nach den Prinzipien der vedischen Baubiologie renovierte: die Teppiche aus reiner Wolle, die Tapeten aus Seide, alle Kabel doppelt ummantelt. Im Parkschlösschen finden heute rund 60 kurende Gäste Platz, selbst in der Hochsaison von Oktober bis April wird es nicht eng.

Die drei Doshas bestimmen den Charakter

»Noch ein wenig warmes Wasser?«, fragt mich die freundlich-gesund dreinblickende Dame vom Service. Ja, bitte, denn es schwemmt vortrefflich die bösen Schlacken (»Ama«) aus meinem Vata-Pitta-Kapha-Körper, sagt der Ayurveda. Aber wer ist das eigentlich, dieser Ayurveda? Ayurveda ist Sanskrit und bedeutet das »Wissen vom Leben«. Die Säulen dieser jahrtausendealten indischen Heilkunst mit dem ganzheitlichen Anspruch sind Entgiftung, spezifische Kräuterpräparate, eine Kost, die auf tierische Proteine weitgehend verzichtet, und das Herzstück: harmonisierende Ölmassagen, die von zwei Therapeuten synchron ausgeführt werden.

 

 

Der Ayurveda unterscheidet drei Typen, die sogenannten Doshas – drei Kräfte, die auf allen Ebenen unseres Organismus wirken. Vata stellt das Bewegungsprinzip dar, Pitta verkörpert das energetische Prinzip und steuert alle Stoffwechselprozesse. Kapha bildet das Strukturprinzip und gibt dem Körper Festigkeit und Stabilität. Die drei Doshas bestimmen auch den Charakter und den Typus eines Menschen. Der Vata-Typus ist schlank, begeisterungsfähig und schnell. Der Pitta-Typus ist von geschmeidiger Muskulatur, scharfsinnig und hungrig. Kapha-Typen sind kräftig, langsam und geduldig.

Das ganze Haus ist Therapie

Wenn Dr. Dietrich Wachsmuth, Facharzt für Allgemeinmedizin sowie Naturheilverfahren und Ayurveda-Spezialist, seine drei Finger auf mein Handgelenk legt und meinen Puls liest, dann erfährt er nicht nur, welcher Konstitutionstyp (»Prakriti«) ich bin, sondern auch, welche Doshas aus dem Gleichgewicht geraten sind (»Vikriti«). Wer zum Beispiel zu hektisch ist, hat bestimmt eine Vata-Störung, wer oft zu Müdigkeit neigt, womöglich eine Kapha-Störung. Die richtige Ernährung, Heilkräuter und Massagen bringen die Doshas wieder ins Gleichgewicht. Und deshalb: Genug der Theorie, auf zur Massage – in den schönen Kern des Parkschlösschens. Auch der Weg dorthin ist ayurvedisch: Architektur und Raumgestaltung des Hotels basieren nicht auf aktuellen Trends, sondern auf Naturgesetzen. Das ganze Haus ist Therapie! Unten nimmt mich eine kräftige Blondine mit zunächst zartem Händedruck in Empfang.

»Sie bekommen eine Kalari-Massage …«

– und die hat es in sich, bearbeitet sie doch mit Inbrunst das »Marma-Nadi-System«, das System der vitalen Punkte und Energiebahnen. Am Ende werden alle Blockaden gelöst. Ich will aber gar nicht ans Ende, denn Kalari ist wunderbar – ölig, kräftig, wahrlich vitalisierend. Die Therapeutin hat Kalari unter Anja Pennemann von der Europäischen Akademie für Ayurveda (REAA) gelernt – wie alle Therapeuten hier – und scheinbar das ganze Personal des Parkschlösschens. Hier hat jeder Ahnung von Ayurveda – das Servicepersonal empfiehlt den richtigen Tee, die Rezeption vermittelt die passende Kur und der Koch … zaubert Ayurveda-Gedichte auf den Teller.

Erst süß, dann herzhaft

Eckhard Fischer heißt der erste Mann in der Küche – er hat ganz schön viel Pitta, das er gerne in seinen beliebten Kochworkshops in der gemütlichen Lehrküche weitergibt. Fischer ist gar kein ausgebildeter Koch, sondern Kaufmann. Nach langen Jahren im Kloster, des Studiums der Veden und vielen Reisen ließ er sich 1993 als Küchenchef für das Parkschlösschen gewinnen. Sein Wissen um die rechte Zubereitung des Essens ist viel mehr als angelesen – es ist intuitiv, das Ergebnis: köstlich.

»Bestellen Sie sich ruhig noch nach«,

sagt Christine Huesgen, Trautners Kollegin. Und ich will-will-will tatsächlich mehr von der Mango in Kokoscreme, mehr von der roten Linsensuppe, mehr vom pikanten Apfelreis mit Karottencurry und gefüllter Teigtasche. Der Auftakt sollte immer süß sein, denn für diese Geschmacksrichtung benötigt der Körper die meisten Verdauungsenzyme.

 

 

Der tägliche Speiseplan ist dann gesund, wenn er neben frischen Zutaten alle sechs »Rasas« enthält: süß, salzig, scharf, sauer, bitter und zusammenziehend. »Jede gute Volksküche ist im Sinne des Ayurveda gesund«, verrät Fischer, der die Klaviatur der Rasas perfekt beherrscht, was nicht allein an der Frische-Küche und ihren feinen Gewürzen liegt, sondern vor allem daran, dass er mit Liebe kocht.

Alle sind im Einklang

Und die Liebe zu den Gästen – hach, der Ayurveda hat mich schon ganz weich gemacht – hat auch das Parkschlösschen fest im Griff. Alle wirken sanft und gütig – die Therapeuten, einerlei ob an der Massagebank, auf der Yoga- oder Pilatesmatte, die Ärzte, die Gästebetreuer, die Referenten der abendlichen Vorträge, das Team von Rezeption und Verwaltung, die Putzfrauen, ach, bestimmt auch der Gärtner und die Damen aus dem feinen Hotelshop. Ob es Letzteren wohl gefällt, dass ich plötzlich vor lauter Einklang mit mir selbst auf die sündhaft teuren Ohrringe von David Aubrey, dem New Yorker Schmuckdesigner, verzichten kann und stattdessen im Shop zu Amla-Fruchtmus greife? Einerlei, ich komme hoffentlich wieder …

Parkschlösschen Bad Wildstein. Wildbachstraße 201, 56841 Traben-Trarbach, Tel.: 06541 7050, Fax: 0651 705120, E-Mail: info@parkschloesschen.de, www.parkschloesschen.de

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