Wer an die Küste Pommerns reist, wenn es noch kalt ist, sieht merkwürdige Dinge: Skifahrer am Strand und Menschen, die sich ins eiskalte Wasser stürzen: Es ist die beste Zeit den »Schatz der Ostsee« zu heben. Text: Stefan Weißenborn

Als der Motorroller näherkommt, sieht man zwei in dicke Jacken verpackte Menschen im Sattel. In einer Halterung steckt wie eine Antenne ein Käscher mit abgeflachtem Ring. Es sind Bernsteinfischer, die die Küste bei Leba absuchen. Bereit, mit ihren Watstiefeln zu früher Stunde bei noch tief stehender Morgensonne in die eiskalten Fluten zu steigen, um im Tang zu stochern. Denn die letzten Tage war es stürmisch.

»Nach Stürmen herrschen die besten Voraussetzungen, Bernstein zu finden«,

sagt Ewa Lehmann-Bärenklau Besitzerin des Hotel Neptun. Das ehemalige Kurhaus ruht mit seinen zwei Türmchen oberhalb auf einer Düne und verleiht der Strandszene etwas Barockes.

Hotel neptun in Leba, Polen

Stefan Weißenborn

Wäre da nicht das Grüppchen von Leuten, die sich hektisch am Strand warmlaufen, sich dann ihrer Kleidung entledigen und tatsächlich in der Ostsee schwimmen gehen, als wäre es schon Sommer. Doch es ist frühes Frühjahr. Auch in der Nebensaison hält die charmante ältere Frau mit den blondierten langen Haaren den Betrieb aufrecht; gut für die, die Bernstein suchen wollen. Denn mit einem Schritt vor die Tür, steht man fast schon im Sand.

Schatz, zeig dich an der Küste bei Leba

Die Ausbeute des Morgens ist jedoch mau, besser gesagt: Es gibt sie nicht. Nicht ohne Grund sind die Bernsteinfischer auf dem Motorroller heute vorbei gebraust. Selbst kleine Körnchen des versteinerten Baumharzes finden sich nicht zwischen den Miesmuscheln im Babystadium, den größeren Muscheln, die mit feinsten Eiskristallen übersät sind wie ein Magnet mit Eisenpulver, den eisumhüllten Halmen von irgendeinem Seegras. An den Holzpflöcken der Buhnen haben sich wie die Orgelpfeifen Eiszapfen gebildet. Reich an bizarren Muster und Eindrücken ist der baltische Morgen am Meer in jedem Fall.

Strand in Leba

Stefan Weißenborn

Dass pommersche Ostseestrände im Winter bis in den April gute Chancen für Bernsteinsucher bieten, darüber täuscht dieser aber Tag hinweg. Doch wenn das Wasser kalt und schwer ist, bekommt Bernstein aufgrund seines im Vergleich zu warmem Wasser im Sommer geringeren spezifischen Gewichts mehr Auftrieb. Und ist die See dann noch aufgewühlt, wirft sie umso mehr Bernstein an den Strand, der sich oft in Saum aus Algen und Treibgut findet.

Ab ins Museum

Doch viele Bernsteintouristen, die es darauf anlegen, gibt es offenbar nicht. Denn viel los ist auch im Ort selbst nicht: herunter gelassene Rollläden, zugenagelte Buden und kaum ein Mensch auf den Straßen. Wer zum Anfang des Jahres kommt, könnte vermuten, die Einwohner hätten das im Sommer so vibrierende Leba mit den bekannten Wanderdünen in der Nähe fluchtartig verlassen. Immerhin das Bernsteinmuseum hat geöffnet.

Bersteinmuseum Danzig - Polen

Stefan Weißenborn

Mariusz Baranski führt Gäste durch die Ausstellung, und man erfährt Grundsätzliches. Zum Beispiel, was Bernstein, in Polen »Bursztyn« genannt, überhaupt ist. Denn ist das Baumharz jünger als fünf Millionen Jahre, könnte man es zwar für Bernstein halten. »Doch es handelt sich um Copal«, erläutert Mariusz, also die noch nicht ganz versteinerte Vorstufe. »Es ist zu weich, um es zu Schmuck weiterzuverarbeiten.« Und damit eher wertlos.

Teils kostbarer als Gold

Bei einem Alter von 5 bis 20 Millionen Jahren, werde von jungem Bernstein gesprochen, ab 20 Millionen Jahren von Bernstein. Der in Polen und der Ostsee vorkommende Baltische Bernstein sei um die 40 Millionen Jahre alt. Zwar gebe es noch älteren, so sei in Kanada Bernstein im Alter von 200 Millionen Jahren gefunden worden, doch der baltische ist der variantenreichste. Es gibt ihn honigfarben, mal transparent, mal undurchsichtig, mal grünlich, und mal elfenbeinfarben: die seltenste Sorte, die aufgrund vieler kleiner Lufteinschlüsse so hell ist. Je nach Qualität, so Mariusz, wird Bernstein für 5.000 Euro bis zu 50.000 Euro das Kilo angekauft. Damit ist Bernstein teils kostbarer als Gold.

»Dass Pommern so reich an Bernstein ist, liegt am Eridanus, einem großen Fluss«,

erläutert der Experte. Vor Jahrmillion transportierte der urzeitliche Strom Sedimente und Reste eines einst riesigen Koniferenwaldes, der heute »Bernsteinwald« genannt wird, in die Gegend der heutigen Danziger Bucht, wo er in einem großen Delta mündete. »600.000 Tonnen liegen noch in den Böden Polens verborgen«, sagt Mariusz.

Bernstein-Experte

Stefan Weißenborn

Der überwiegende Großteil des in Polen zu Schmuck verarbeiteten versteinerten Harzes stamme indes aus einer Bernsteinmine in der russischen Exklave Kaliningrad. Ein nicht mehr aktives Tagebaugebiet ist der Bernsteinberg »Bursztynowa Góra« südwestlich von Danzig, wo schon im 10. Jahrhundert nach Bernstein gegraben wurde. Er kann heute besichtigt werden.

Bernstein-Diebe und Imitate sind ein großes Problem

»Aber illegaler Abbau ist ein Problem«, sagt Mariusz. Kriminelle graben dazu tiefe Löcher in den Waldboden und füllen sie mit mindestens zehnprozentigem Salzwasser. Ist Bernstein vorhanden, steigt er in dieser Lösung langsam an die Oberfläche. »Der Nebeneffekt ist, dass der umliegende Boden unfruchtbar wird. Außerdem können später Wanderer in die Löcher fallen«, klagt Mariusz. In einer Nacht könnten die Gauner Bernstein im Wert von 10.000 Zloty gewinnen, die Strafen hingegen lägen nur bei 500 Zloty (umgerechnet rund 2.400 bzw. 120 Euro). Mit maximal nur fünf Prozent ihres Ertrages müssen die Bernstein-Diebe ihre Taten bezahlen.

Doch auch Fälschungen sind ein Problem, mit denen es die Chemikerin Agnieszka Klikowics-Kosior und ihr Mann Michal Kosior von der International Amber Association (IAA), der Danziger Bernsteinverarbeiter-Verband zu tun bekommen.

»Jeden Monat erhalten wir Fake-Bernstein, künstlich hergestellt oder gepressten Bernstein«,

sagt Agnieszka. In ihrem Labor in der Danziger Rechtstadt nimmt sie ein schön gearbeitetes Schmuckstück in die Hand. Es ist seifengroß und zeigt die Gravur eines Fisches und eines Vogels. »Man könnte es für echt halten«, sagt die Expertin und hält das Stück in den Strahl einer Schwarzlicht-Taschenlampe: »Wie bei einem echten Bernstein haben die Fälscher fluoreszierende Teilchen eingearbeitet.« Die Expertin ist besorgt, wie gut mittlerweile gefälscht wird.

Der Fälschung auf der Spur in Danzig

Damit solche Stücke es möglichst erst gar nicht in den seriösen Handel schaffen, vergibt die IAA an ihre Mitglieder, Händler aus weltweit 32 Ländern, Echtheitszertifikate aus, und umgekehrt können Kunden mit erstandenen Schmuckstücken, etwa aus einer der vielen Bernstein-Galerien Danzigs, ins Labor in die ulica Warzywnicza 1 kommen und die Echtheit kostenlos überprüfen lassen.

Agnieszka betrachtet den Einkauf zunächst mit dem bloßen Auge, weisen zum Beispiel die Steine einer Kette identische Farbmuster auf, liegt die Fälschung auf der Hand.

Gefälschtes bBrstein-Armband

Stefan Weißenborn

Die Struktur von gepresstem Bernstein erkennt die Expertin oft erst unter dem Mikroskop.

»Habe ich bei gut gemachten Fakes immer noch Zweifel, kommt unser 40.000 Euro teures Spektralphotometer zum Einsatz.«

Das Gerät im Format eines PC-Druckers durchleuchtet den Bernstein, analysiert das reflektierte Licht nach Farben und spuckt das Ergebnis als wellenförmigen Graphen aus. »Hier sehen Sie es«, sagt die Chemikerin und zeigt auf einen Knick in einer der Wellen am Laptop-Bildschirm, »das ist die Baltische Schulter. Wenn Sie die sehen, ist der Bernstein echt.«

Mach mich schön: Wundermittel Bernstein

Ob jegliche Schmuckstücke, Broschen, Ketten, Figürchen, Amulette, Ringe oder Armbänder, die man in der selbst ernannten »Welthauptstadt des Bernsteins« in den vielen Galerien kaufen kann, echt sind, daran hat Touristenführer Krzysztof Kester seine Zweifel.

Auslage_Ulica_Mariacka2

Stefan Weißenborn

In der ulica Mariacka zeigt er auf einen Holztisch mit der Auslage einer Boutique: »Solche großen Stücke können nicht echt sein, sonst lägen sie geschützt in einer Vitrine.« Auf der jährlich stattfindenden Bernsteinmesse Ambermart oder im Kunsthandwerk mit Fälschungen zu hantieren, wäre dagegen äußerst rufschädigend. Stadtweit bekannt sind die Manufakturen »Michel« oder »Nac Amber«. In der Schmuckherstellung entsteht ein Nebenprodukt, das Bernstein weitere Sphären öffnet: Bernsteinpuder. Statt Weihrauch wird es bei Zeremonien in der Kirche verbrannt. Und die Wellness-Welt bereichert es.

Beispielsweise der Kosmetiksalon »Balola« in Zoppot, dem Seebad Danzigs, bezieht das fein gemahlene Urzeit-Baumharz von Nac Amber für sein Ganzkörper-Peeling, das neben Bernstein unter anderem aus Shea-Butter, Sojaöl und Rohrzucker besteht. Auch das »Mera Spa« im Luxushotel Marriott, direkt am Strand des Ostseebads gelegen, an den auch manches Original angeschwemmt wird, setzt auf die heilende Kraft von Baltic Amber als Bestandteil seiner Massageprodukte und hat sogar eine Kosmetik-Marke ins Leben gerufen.

Bernstein ist eben ein Glücksfall

»Seit der Steinzeit verwenden Menschen Bernstein für medizinische Zwecke«, sagt Spa-Supervisor Karolina Peplińska. Vor allem der in der äußersten Schicht vorkommenden Bernsteinsäure wird heilende Kraft zugesprochen.

Spa des Maritim-Hotel - Polen

Stefan Weißenborn

Der Effekt, zum Beispiel auf die Atemwege oder das Nervensystem, trete schon bei Hautkontakt ein.

»Außerdem hilft es bei der Produktion des Glückshormons Serotonin«,

sagt Karolina. Gegen Leiden des Verdauungstrakts, Schnupfen und Erkältungen oder auch Migräne und Rückenschmerzen soll eine Tinktur helfen, die aus kleinsten Steinen und 95-prozentigem Spiritus angesetzt wird. Ob es wirkt?

An den Stränden der Danziger Bucht, wo Bernsteinfischer schon in nächtlicher Dunkelheit mit UV-Licht-Lampen den Sand absuchen, ist es für Hobby-Bernsteinsucher oft das größere Rätsel, das versteinerte Harz überhaupt zu erkennen. »Da wäre die Temperatur. Bernstein ist wärmer als Stein und natürlich viel leichter«, erläutert Michal vom IAA. Lasse sich seine Oberfläche mit einer Nadel leicht ankratzen, handele es sich nicht um einen normalen Stein. »Und wenn man es reibt, riecht es nach Harz. Gehen Sie an den Strand von Sobieszewo, südlich von Danzig, da werden Sie sicher was finden.«

Vom Suchen und finden

Am nächsten Morgen hat die Sonne die Luft über der ruhig daliegenden Ostsee am Sobieszewo-Strand immerhin so weit erwärmt, dass sich kleine Wölkchen von Seenebel gebildet haben. Noch ist der breite, schneebedeckte Strand, den später in gebückter Haltung einige Spaziergänger und sogar ein Mann auf Langlaufski entlang wandern werden, menschenverlassen. Es ist noch mal klirrend kalt. Wir sind mit der Familie unterwegs.

Strand von Sobieszewo nahe Danzig

Stefan Weißenborn

Dann urplötzlich: »Ich habe einen Bernstein! Und hier, noch einer!« In einem Muschelstreifen liegen auf der Fläche von einer Spielkarte gleich fünf kleine Bröckchen. Es dauert nicht lange, da haben die Kinder eine Handvoll gesammelt. Die großen Brocken haben sich womöglich die Profisammler bei UV-Licht noch in der Nacht geholt; an einem Strand in Danzigs Nähe wurde sogar erst im vergangenen Jahr ein Exemplar mit einer eingeschlossenen Eidechse gefunden. So einen großen Ostsee-Schatz hebt die Familie an diesem Tag zwar nicht, doch ein Blick in die Gesichter der Kinder verrät: Es muss etwas dran sein an der Geschichte mit dem Glückshormon.

Info.

Anreise. Mit dem Auto nach Leba zum Beispiel von Berlin in rund sechs Stunden. Alternativ mit dem Zug nach Danzig. Mit dem Zug dauert die Anreise ohne Umsteigen ebenfalls sechs Stunden, Sparangebote bei der Deutschen Bahn ab 120 Euro hin und zurück.

Unterkunft und Wellness. In Leba zur Wintersaison geöffnet hat das Hotel Neptun, ein über 100 Jahre altes Kurhaus direkt am Strand, die Nacht im Doppelzimmer kostet dann ab 100 Euro. Im Seebad Zoppot direkt an der Strandpromenade liegt das Marriott, das in seinem Spa Bernsteinbehandlungen und –Massagen anbietet, Doppelzimmer ab 90 Euro. Körperbehandlungen unter Verwendung von Bernstein-Puder bietet auch der Kosmetiksalon Balola.

Bernstein suchen und finden. Im Winter findet man oft viel mehr Bernstein als im Sommer, besonders an der Pommerschen Ostsee und speziell den Stränden der Danziger Bucht, zum Beispiel dem Stogi-Strand in Danzig oder dem etwas außerhalb der Stadt gelegenen Strand von Sobieszewo.

Bernstein sammeln am Strand von Sobieszewo nahe danzig

Stefan Weißenborn

Die Gefahr, dass man dabei an das leicht entzündliche Phosphor als manchmal angespülter Rest einer Brandbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gerät, ist nach Auskunft der International Amber Association (IAA) gering. Sicherheitshalber sollten Fundstücke aber nicht in die Jackentasche wandern, wo Reibung für Wärme oberhalb des Flammpunktes sorgen kann. Wer Bernstein kaufen möchte, ist in Danzig bestens aufgehoben, die meisten Galerien finden sich in der Ulica Mariacka in der Rechstadt. Beim Kauf sollte darauf geachtet werden, dass der Händler zertifiziert ist. Wer Bernstein kostenfrei auf Echtheit überprüfen lassen möchte, kann die IAA aufsuchen (Warzywnicza 1). Interessante Fundstücke und Kunsthandwerk aus mehreren Jahrtausenden zeigen das Bernsteinmuseum (Targ Weglowy 26, Danzig; Eintritt: 2,40 Euro) oder das Museum für Bernsteininklusionen der Universität Danzig (Wita Stwosza 59; Eintritt: frei).

Auskunft bekommt man beim Polnischen Fremdenverkehrsamt oder unter diesem Link.

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