Schön, schöner, British Columbia. Das ist das Fazit nach einer Rund­reise von Vancouver über die sogenannte Sunshine Coast nach Vancouver Island und wieder zurück. Flüssig erzählt, würde es einen Roman füllen. Deswegen erzähle ich es in drei Episoden. Text: Jennifer Latuperisa-Andresen

Das schwarze Gold liegt auf einem Creme fraîche-Bett, welches wiederum auf einem Stück Lachs gebettet ist, vor mir und schreit regelrecht: »Verzehr mich!« Doch die Geschichte hat einen Haken. Kaviar ist nicht mein Ding. Ganz im Gegenteil. Das Gefühl, ein platzendes Fischei im Mund zu haben, das einen salzig-schleimigen Geschmack hinterlässt, löst eher negative Empfindungen aus. Aber der Job will es so. Der Zeitpunkt ist gekommen, um den mich wahrscheinlich einige Feinschmecker beneiden. Ich schließe die Augen, öffne langsam den Mund, während mein rechter Zeigefinger und der Daumen das Kaviar-behauptete Lachs-Crostini langsam Richtung Zunge führen.

Kaviar aus British Columbia

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Ausflug mit Wow-Effekt: zwei Meter lange Stör-Damen

Stunden zuvor. Ein lautes »Ah« geht durch die Reihen der Touristen, als Theressa Logan die Plane des Wassertanks lüftet und wir einen Blick auf die ausgewachsenen, circa zwei Meter langen Stör-Damen werfen dürfen. Zwölf Jahre sind diese nun alt. Aufgewachsen in runden 12.000 Liter großen Behältern, die mit frischem Süßwasser der umliegenden Berge gespeist werden. Die Touristen tunken ihre Hände ins Wasser, um über die Fischwuchtbrummen zu streicheln. Diese werden nur noch ein paar Tage leben. Schließlich wird aus ihnen die Delikatesse Kaviar gewonnen. Hat man im Hinterkopf, dass ein Stör über 100 Jahre alt werden kann, zuckt das schlechte Gewissen.

Kaviar Ernte

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Doch ehrlich, wer Fisch und Fleisch isst, darf bei dem Anblick dieses ökologisch vertretbaren Projekts nicht jammern. Denn der wilde Stör ist, insbesondere im Kaspischen Meer, vom Aussterben bedroht. Der ausschlaggebender Grund dafür ist, dass kriminelle Banden verbotenen Wildfang betreiben. Das hat zur Folge, dass auch der weltweite Kaviar-Markt stark eingebrochen ist. Ein Markt, der durchaus seine treuen Fans besitzt, und besaß. Zar Peter der Große beispielsweise hatte zu seinen Lebzeiten allein 50 Fischer engagiert, die exklusiv für ihn den Kaviar beschafften.

Fein und leicht nussig schmeckt der Kaviar in British Columbia

Auf die allererste Ernte des Weißen Störs, eine nordamerikanische Art, musste der Investor der Target Marine Hatcheries zwölf Jahre warten. Zwölf Jahre Geldfluss, ohne letztlich zu wissen, ob das Produkt, das ganz langsam gedeiht, am Ende attraktiv für die Gastronomie sowie den privaten Verzehr ist. Welch eine Wohltat müssen die zahlreichen Lobeshymnen der Gourmetkritiker Kanadas gewesen sein, die den Northern Divine Kaviar in den höchs­ten Tönen loben, insbesondere aufgrund seines feinen, leicht nussigen Geschmacks.

Madeira Park, Harbour, British Columbia

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Bereits beim ersten Biss landen meine Schneidezähne in den gesalzenen Fischeiern aus Sechelt. Das Restaurant im Painted Boat serviert den Zuchtkaviar mit viel Stolz: Chefkoch Spencer Watts ist von dem erstklassigen Produkt überzeugt und serviert ihn vor allem, weil es ein Erzeugnis der Region ist. Vier weitere Häppchen warten dort noch auf mich. Und ich gebe zu, es ist wirklich Jammern auf sehr hohem Niveau. Dennoch handhabe ich es wie einen Zahnarztbesuch. Dort tröstet mich immer der Gedanke: »Wenn ich abends im Bett liege, ist alles vorbei.« Dementsprechend schaue ich auf das bezaubernde Panorama der Berge, das Meer, die Boote. Sehe der Sonne dabei zu, wie sie langsam im tiefen Blau des Wassers versinkt, und verspeise sie gänzlich, die Kaviar-Lachs-Happen.

Die schönste trostlose Meeresenge

George Vancouver war ein angesehener Seefahrer und Entdecker, der über Nordamerika und Hawaii bis nach Australien sein Schiff gesteuert hat. Er war ein Offizier der Royal Navy und mit der Aufgabe betraut, die Westküste Amerikas zu kartografieren. Dies gelang ihm so ausgezeichnet, dass seine Karten noch im 20. Jahrhundert zu einer exzellenten Navigation verhelfen konnten. Sein Verdienst für die britische Krone wurde derart hoch geschätzt, dass man gleich mehrere Städte nach ihm benannte.

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Dennoch zweifele ich an seinem Urteilsvermögen. Ich stehe im Desolation Sound Provincial Marine Park und starre wie gebannt auf seine Worte.

»Nicht eine einzige schöne Aussicht war dabei.« Das schrieb George Vancouver 1792, als er Desolation Sound entdeckte.

Dies ist auch der Grund, warum das Meeresschutzgebiet diesen unattraktiven Namen trägt. »Trostlose Meeresenge«. »Wie bitte?«, möchte man ihm heute gern ins Grab hinterherbrüllen.

Über Schönheit lässt sich streiten. Da bin ich mir sicher. Aber über die Pracht dieser Region wohl kaum. Man stelle sich ein Folgendes vor: Links der aufregende, wellenumtriebene Pazifik, rechts malerische Buchten, von denen mit Douglasien bewachsene Hänge teilweise sanft, teilweise steil emporragen. Hinter den Fjorden sitzen die ewigen Wächter, die Coast Mountains. Ein 85 Millionen Jahre alter Gebirgszug.

Paddeln ist hier eine sehr gute Idee

Den besten Blick auf die Berge, die sich wie Giganten – immerhin ist Mount Waddington 4019 Meter hoch – von der glatten Wasseroberfläche gen Himmel ziehen, hat man von der Wasserseite. Grund genug also, eine Paddeltour zu unternehmen. Adam, Besitzer von Powell River Sea Kayaks, hat verschiedene Ausflüge im Programm. Mit und ohne Camping, einen ganzen Tag oder nur ein paar Stunden. Wer den majestätischen Anblick der »trostlosen Küste« samt Coast Mountains genießen will, muss mindestens eine Tagestour buchen und einen ordentlichen Kanutenschlag vorweisen. Denn ab der Heimatbucht Okeover sind es ein paar Kilometer Paddelarbeit zu den Coast Mountains.

Kayak Powell River

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Doch es lohnt sich. Die Wasserstraße im dunklen Blau ist gespickt mit allerlei Überraschungen und Geschichten, die Adam immer mal wieder einstreut, um die Neugier zu erhalten. Dabei ist das nicht nötig. Die mitschwimmenden Robben sind Unterhaltung genug, oder das Gleiten durch Tausende von Mond-Quallen, die die Meeresbucht alljährlich im Mai bevölkern.

Nach ein paar Stunden im Boot allerdings schlafen mir die Füße ein, der Rücken schmerzt und der Hunger kommt. Gut, dass Adam hier jeden Stein und jede Kurve kennt. Denn spätestens in dieser Situation hätte ich George Vancouver verständnisvoll zugenickt. Die Küste hier in British Columbia ist nämlich ungnädig. In jeder Himmelsrichtung nur glatt emporragende Felsen. Keine Möglichkeit zum Anlegen. Jetzt wird mir klar, was George Vancouver so wütend machte: Er konnte seine hölzerne Lady nirgends parken. Und ich bin froh, dass ich Adam, den Entdecker, bei mir habe.

Whalewatching

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Wahrhaft britischer Humor

Wortwitzig mit Fingerspitzengefühl. Das Boot, auf dem ich just über das Meer schwebe, heißt Prince of Whales. Whales, zu Deutsch Wale, weil es ein Walbeobachtungsboot ist. Doppelt pfiffig ist der Name, weil der Heimathafen Victoria ein sehr britisches Städtchen ist, das nicht nur nach der englischen Königin Victoria benannt wurde, sondern auch weiterhin mit dem englischen Touch kokettiert. Aber zurück zum Boot, auf dem der Wind selbst bei sommerlichen Temperaturen eiskalt um die Ohren pfeift. Wir befinden uns auf der Juan-de-Fuca-Wasserstraße. Das Gewässer, das Kanada von den USA trennt. Aber mein Ziel ist nicht die Landesgrenze, sondern die Ansicht der Wale. Kleiner und großer Willys. Wie im gleichnamigen Film: »Free Willy«. Kurzum Orcas.

 

Der Orca hat eine ähnliche Bedeutung für Victoria, wie es Eisbär Knut einst für Berlin hatte. Ein Symbol, ein Anziehungspunkt, ein Teil der Faszination. Die verspielte große Schwertwalart lebt vor der Küste Vancouver Islands. An dessen südlichster Spitze sich die Stadt Victoria befindet, immerhin Hauptstadt der Provinz British Columbia. Vom Hafen der 330.000-Einwohnerstadt ziehen achtmal täglich Boote aus, um einen der rund 80 Wale aufzuspüren, die hier in den Sommermonaten leben und sich hauptsächlich vom Chinook-Lachs ernähren. Diesen Ökotyp des Wals nennt man »residents« – also Anwohner.

»Sie kommen im Frühsommer und essen sich am Lachs satt. Aber sie sind weise und essen nicht alles auf, so wie wir Menschen.«

Heather ist Meeresbiologin und Tourguide auf dem Schiff, das nunmehr seit zwei Stunden auf der erfolglosen Suche nach einem Orca ist. Ein Job mit einem unterstrichenen ABER.

Die riesigen Schiffe sind ein Problem für die Wale

Die Population der »resident«-Orcas ist seit einer Dekade ungefähr gleich groß geblieben. Wenige Jungtiere werden geboren und die letzten zwei Kälber, die in eine Familie hineingeboren, wurden, starben alsbald. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Eine Möglichkeit wäre der ständige Lärm der Schiffe, der sich auf die Psyche der Tiere auswirkt. Und wenn ich Heather so reden höre, wie sie gegen den Schiffsmotor anschreit, wundert mich das keineswegs, dass der permanente Bootsverkehr, der sich ja teilweise den Orcas an die Flossen hängt, das Sonar der Wale stört und diese unter Stress setzt.

»Doch dieses Jahr wurde wieder ein Kalb gesichtet. Und wie es aussieht, ist es stabil und wird überleben.« Ab und an kommen auch Spezies einer anderen Unterart, den Wanderern (»transits« genannt), vorbei. Vor ihnen gilt es das Kalb zu schützen. Ernähren diese sich doch von größeren Meeresbewohnern, wie Robben oder kleinen Walen. Der Name Killerwal ist auf das Jagdverhalten der »transients« zurückzuführen, die in der Gruppe das Opfer gemeinsam niederstrecken.

Nichts als Wasser. Erfolgloses Whalewatching

Giga Khurtsilava

Nach drei Stunden Tour kehren wir zurück in den Hafen, wo lebhafter Trubel herrscht. Ein Studentenchor singt a capella einen Welthit, Touristen klatschen und Möwen kreischen. Der Ausflug war erfolglos, denn die Orcas hielten sich versteckt. Nur eine Flosse eines Zwergwals, der ein paar Kilometer entfernt schwamm, habe ich gesehen. Das stört die neue Fuhre an Touristen wenig, die schon auf dem Steg ungeduldig auf ihre Besichtigungstour warten und sich nicht durch die enttäuschten Gesichter und Kommentare unsererseits verunsichern lassen.

Trost im Restaurant über den verpatzten Bootsausflug

Es ist Abend. Die Enttäuschung über den verpatzten Bootsausflug liegt mir noch auf dem Gemüt, als ich das kleine Restaurant in der Seitengasse betrete. Es ist voll, Menschen lachen, Kellner wuseln und in der offenen Küche wird gerade ein köstlich aussehendes Dessert flambiert. Es fühlt sich an, als hätte man meine gute Laune angeknipst.

Köstlichkeiten im kanadischen Restauraant

Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Während im Hintergrund eine tiefe Soulstimme Evergreens anstimmt, bringt mir die Kellnerin ein Glas Bier. Ein Mix der Kulturen, eine Weltreise auf Tellern. Arabische Falafeln neben thailändischen Zitronengras-Hühnchen, indischen Linsen und spanischen Fischgerichten. Praktisch sinnbildlich für die feine Küche Victorias, die sich auch über die Landesgrenzen einen Namen gemacht hat. Fusion-Küche auf bestem Niveau, dank des Schmelztiegels an Kulturen, das dieses Inselstädtchen durchaus ist.

Von den Köstlichkeiten begeistert, muss ich vom Bier allerdings dringend und ausdrücklich abraten. Name: Driftwood Ale. Geschmack: So als würde man auf frisch gepflücktem Hopfen knabbern. Staubtrocken und wahnsinnig bitter. Die Namensgebung »Dunkles Treibholz Bier« hätte mich aber auch warnen müssen. Oder ob das auch wieder ein Aufflackern des schwarzen britischen Humors ist? Genauso wie der Afternoon Tea im Fairmont Hotel Empress. Der startet bereits um 12 Uhr, wird aber auch noch um 21 Uhr serviert. Pfiffig, die Menschen in British Columbia.

Rundreise. Ein Mietwagen in British Columbia ist Pflicht. In Anbetracht der Straßenverhältnisse empfehlen wir allerdings einen SUV, www.alamo.de. Insgesamt sind auf dieser Tour vier Fährverbindungen nötig. Weitere Infos zu den Zeiten und Kosten finden Sie unter www.bcferries.com

Schlafen. An der Sunshine Coast, Nähe Sechelt, empfehlen wir das neue Painted Boat Resort, wo man in luxuriösen Ferienwohnungen nächtigt. Preis ab € 160 pro Person. www.paintedboat.com
Bei Powell River empfehlen wir das Stillwater Beach House, das Teil eines kleinen Bed&Breakfast ist und unmittelbar am Meer liegt. Wunderschön eingerichtet, inkl. Kitchenette. Preis pro Nacht ca. € 121. http://stillwaterbeachhousebb.ca

Kaviar. Touren über die Stör-Farm Northern Divine in British Columbia sind nach Absprache möglich, der Kaviar kann vor Ort gekauft werden. 30-Gramm-Dose kostet etwa € 80, 7333 Sechelt Inlet Road, Sechelt, www.northerndivine.com

Infos. Weitere Informationen über British Columbia gibt es hier.

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