Kairo ist chaotisch, unübersichtlich und verbreitet einen ohrenbetäubenden Lärm. Muss das sein? Aber ja. Ein Besuch des Khan-el-Khalili-Basars und ein Ausflug zu den Pyramiden von Gizeh entschädigen für all den Rummel. Text: Frank Störbrauck

Es sind noch ein paar Hundert Meter, der Fahrer manövriert den Wagen souverän durch das Stadtgewühl. Mopeds knattern vorbei, setzen an zu waghalsigen Überholmanövern rechts und links, man kann gar nicht so schnell schauen. Zwischendurch springen scheinbar lebensmüde Fußgänger auf die Straße, um einen günstigen Moment zum Überqueren der Verkehrsadern zu erwischen. Doch der Fahrer ist die Ruhe in Person, schnell noch über eine der übereinander gestapelten Hochstraßen, an der nächsten Kreuzung einen U-Turn gemacht, und schon ist man da.

Mit den Worten »See you later« verabschiedet er sich und braust davon. Nun stehen wir mitten auf dem Khan-el-Khalili-Markt im Zentrum Kairos (arabisch: al-Qāhira, »Die Siegreiche«), dem größten orientalischen Basar im Nahen Osten. Auf den ersten Blick erinnert der Markt an eine außer Rand und Band geratene Mischung aus verblichenem Gemälde, wucherndem Basar und Nachrichten über Afrikas großzügigem Umgang mit den Bauvorschriften. Nach dem Staunen folgt die Ratlosigkeit. All die Lichter, Autos und Menschen, die gleichzeitig auf die Sinne einwirken: die verschlungenen Gassen, die einem »Komm her, entdecke mich« entgegenzurufen scheinen, die fliegenden Händler und Imbissverkäufer, die arabischen Schriftzeichen, der krächzende Muezzin von der benachbarten Saiyidna-el-Husain-Moschee.

Die Seele eines Dorfes inmitten der Millionenmetropole

Doch Zeit zum Innehalten bleibt nicht. »Please, take a look. Very nice«, flüstert mir der erste Händler ins Ohr und zeigt stolz auf sein breites Sortiment: gewebte Baumwolltextilien, Gold- und Silberschmuck, Porzellan, Wasserpfeifen, Messingteller und Gewürzsorten wie Safran, Paprika und Curry. Wer nur einen Blick zu viel auf die Sphinx-Figuren wirft, die in allen möglichen Größen- und Farbkreationen feilgeboten werden, befindet sich schon mitten im Feilschen: »Only 50 Pounds for the Sphinx«, ruft mir der Verkäufer entgegen. Sechs Euro? Das ist natürlich viel zu viel, und eine Kunststofffigur »Made in China« kommt mir sowieso nicht in die Tüte. Denke ich.

Bazar in Kairo

Mohamed Mekhamer/Shutterstock.com

Unser Weg führt tiefer hinein ins Gewirr der Gassen – bis wir ein kleines Café entdecken, das so viel orientalischen Kitsch versprüht, dass wir einfach einen Stopp einlegen müssen. Flott schwingt sich der Kellner zwischen die fliegenden Verkäufer und gießt uns grünen Tee mit frischer Pfefferminze in die Tassen. Wir sitzen auf kunstvoll gezimmerten Holzstühlen, vor uns ein kleiner, runder Messingtisch, und beobachten das Treiben in den Gassen. Die Atmosphäre passt: Denn wenn es stimmt, dass die Megapolis Kairo durchaus Plätze hat, in denen die Seele eines Dorfes zu spüren ist, dann kann es gut sein, dass man sie am ehesten in einer der wunderschönen Basargassen entdeckt.

Morgens um zehn Uhr in Gizeh – die Welt ist in Ordnung

Der Höhepunkt unseres Kairo-Besuchs erwartet uns bereits am nächsten Morgen: Unser Fahrer chauffiert uns zum Rand der Wüste, zu den berühmten Pyramiden von Gizeh, rund 15 Kilometer vom Stadtzentrum Kairos entfernt. Mir kribbelt der Magen, schließlich geht es zum ältesten Weltwunder der Antike – und gleichzeitig zum einzigen, das die Jahrtausende überlebt hat. Morgens um zehn Uhr ist die Welt in Gizeh noch in Ordnung, nur rund ein Dutzend Reisebusse mit Touristen sind da, der Rummel hält sich angenehm in Grenzen.

Pyramiden in Gizeh

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Die Pyramiden dienten als Grabmale der Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos, deshalb sind sie auch nach ihnen benannt worden. Bis in das Mittelalter hinein war die Cheops-Pyramide das höchste Gebäude der Welt, stolze 146 Meter ragte sie in den Himmel – heute, viereinhalb Jahrtausende später, sind es rund neun Meter weniger. Man würde am liebsten hinaufsteigen, doch das ist nicht (mehr) erlaubt. »Zu gefährlich. Zu viele Touristen sind in der Vergangenheit böse abgestürzt«, klärt uns unser Guide auf.

Im Schatten der Sphinx

Ich verlasse für einen Moment den touristischen Parcours und suche mir in der Nähe der Großen Sphinx, der 20 Meter hohen Statue eines Löwen mit Menschenkopf, einen ruhigen und schattigen Platz. Der Ausblick legt sich wie ein Sedativum aufs Gemüt. In meinen Gedanken stolpere ich ehrfurchtsvoll durch viereinhalbtausendjährige Geschichte. Staune mit offenem Mund über die Höhe der Pyramiden zu einer Zeit, als die Menschen im Vergleich zu heute nur einfache Hilfsmittel kannten, und versuche zu verstehen, wie diese zweieinhalb Tonnen schweren Gesteinsbrocken so akribisch zu Pyramiden aufeinandergebaut werden konnten, stelle mir die Frage, was wohl aus der fehlenden Nase der Sphinx geworden ist. Jede Minute trage ich neue Bilder in meine Gedankenhöhle.

Jäh durchbricht ein fliegender Händler meinen Traum. Ein älterer Herr, Ende 70 vielleicht. Ob ich nicht einen Blick auf die Sphinx-Figuren werfen möchte, fragt er mich in gebrochenem Englisch. Möchte ich. Die Figur ist aus Kunststoff. »Only 100 Pounds«, sagt er. Ich denke an den Besuch auf dem Basar zurück und ärgere mich über das nicht gemachte Schnäppchen. Mein Blick schweift zur Sphinx. Dann zücke ich mein Portemonnaie, überreiche ihm wortlos das Geld und stecke die Figur in meinen Rucksack. Der Zauber soll noch ein bisschen weiter wirken. Auch wenn er nur »Made in China« ist.

Tipps zur Anreise und zur Übernachtung

Anreise. Star-Alliance-Mitglied Egypt Air bedient Kairo von Frankfurt, München, Berlin, Düsseldorf, Genf und Wien. Der Preis für einen Hin- und Rückflug beträgt rund 400 €.

Übernachten. In der Nähe des Midan-Tahrir-Platzes und direkt am Nilufer befindet sich das Fünf-Sterne-Boutique-Hotel Kempinski Nile Hotel, 191 Zimmer, ein exquisite Mischung aus europäischen Stilelementen und prunkvollem, ägyptischem Dekor. Persönlicher Butler-Service, Minibar und Internetzugang inklusive. Kempinski Nile Hotel, 12 Ahmed Ragheb Street, Cornish El Nile, Garden City, Kairo, Tel. +20 2 279 80000.

Info. Ägyptisches Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 64, 60329 Frankfurt, Tel. 069 252153.  

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