Früher musste einem Auto ein Mann mit einer Flagge vorauslaufen. 1896 wurde diese Regel abgeschafft. Die frühen Automobilisten feierten das mit einer Triumphfahrt von London nach Brighton. Der London to Brighton Veteran Car Run feierte 2016 seinen 120. Geburtstag. Teilnehmen dürfen wie immer nur Vehikel, die vor 1905 gebaut wurden. Text: Stefan Weißenborn

Das Taxi fährt pünktlich um fünf Uhr morgens vor. Es ist noch dunkel, und wir müssen nach London, zum Hyde Park. Obwohl noch kein Berufsverkehr herrscht, sind wir zum Schleichen verdammt. Der Nebel ist dicht. England zeigt sich von seiner stereotypen Seite, und das Fahrtempo wird zum Rest des Tages passen. Am Hyde Park angekommen, hat sich der Nebel längst noch nicht verzogen. Trotz Herrgottsfrühe und fünf Grad über null gibt es einen Menschenauflauf, denn heute ist kein gewöhnlicher Tag. In der Luft riecht es nach von alten Motoren verbranntem Gemisch. Willkommen beim London to Brighton Veteran Car Run!

Die Veranstaltung, oft fälschlicherweise als das »älteste Autorennen der Welt« bezeichnet, ist ein Spektakel, das seinesgleichen sucht. Der Veranstalter spricht vom »the world’s longest running motoring event«. Tatsächlich gibt es weltweit keine bessere Gelegenheit, so viele Autodinosaurier zu Gesicht zu bekommen, wie jedes Jahr am ersten Sonntag im November zwischen London und dem Seebad an der Südküste Englands. Zugelassen sind ausschließlich Fahrzeuge, die vor 1905 gebaut wurden. An der Startlinie schwenkt ein Mann einen Union Jack. Unter Applaus tuckern die alten Autos los, es wird nicht der letzte Jubel sein. Einer der knapp 400 Starter ist Mike Mutters. Wie viele steckt er heute in historischer Kleidung, Schiebermütze und dicker Ledermantel. Wir dürfen auf seinem De Dion-Bouton von 1904 mitfahren. Die französische Marke war einst größter Autohersteller der Welt, in der Startliste finden sich weitere Markenamen einer vergangenen Epoche: Panhard et Levassor, Cleveland, New Orleons, Darracq, Adler.

London to Brighton Veteran Car Run erstmals 1896

Die erste automobile Ausfahrt von London nach Brighton fand im Jahr 1896 statt. Damals war die Veranstaltung kein Spektakel, das dem Selbstzweck genügte. Man feierte einen Sieg über die Pferdelobby: »Es wurde darauf verzichtet, dass ein Mann vor dem Auto laufen musste«, sagt Mutters. Vorgesehen hatte das der Locomotive Act, ein Gesetz zur Steigerung der Verkehrssicherheit, etwa an Kreuzungen, die meist noch Pferdefuhrwerke passierten. Ampeln gab es noch nicht. Eine frühere Version des Gesetzes hatte festgelegt, dass der vorauseilende Mann eine rote Flagge mit sich führen musste.

London to Brighton Veteran Car Run

Stefan Weißenborn

Das brachte dem Gesetz den Namen Red Flag Act ein. 1896 wurde dieses Gesetz in den Highway Act reformiert, der die erlaubte Höchstgeschwindigkeit für »leichte Lokomotiven«, wie die Autos der ersten Stunde auf der Insel genannt wurden, von 4 Meilen in der Stunde auf 14 mph heraufsetzte – also von rund 6,4 auf 22,5 Kilometer pro Stunde. Pünktlich um 7.22 Uhr darf Mutters mit seinem De Dion-Bouton an die Linie rollen. Er lässt den Motor mit einem irgendwann nachgerüsteten automatischen Anlasser an, die Startkurbel unter dem Kühler braucht er nicht mehr. Unter dem Allerwertesten vibriert das Auto, als säße man auf einer Rüttelplatte vom Bau. Es ist laut, kein Dach, keine Frontscheibe schützt die Mitfahrenden.

Die ersten Pannen lassen sich nicht lange auf sich warten …

Schon auf den ersten Metern kriecht den Mitfahrenden die Kälte in die Knochen. Bevor es so richtig losgegangen ist, gibt es die ersten Pannen und Startschwierigkeiten zu beobachten. Ein Mann liegt zur Hälfte verborgen unter einem der alten Wagen. Auto zu fahren, das erforderte einmal das Wissen eines Mechanikers. Auch diesen London to Brighton Veteran Car Run werden nicht alle Teilnehmer erfolgreich abschließen. Jedes Jahr bleiben einige Teilnehmer irgendwo in der schönen Landschaft von Surrey oder Sussex stecken.

Noch vor dem großen Verkehrsaufkommen, das London auch an einem Sonntag heimsucht, hat Mutter seinen De Dion-Bouton durch Lambeth und Brixton ins Ländliche gesteuert. Erster Checkpoint, auf halber Distanz zum Ziel, ist die Stadt Crawley. Auf einem Parkplatz gegenüber einem heruntergekommenen Bürokomplex sammeln sich die Autogreise, darunter Dampfwagen und uralte Elektroautos, die trotz Kälte und uralter Batterietechnik die volle Distanz erstaunlich oft meistern.

Mit der Startnummer 36 hat auch Ulrich Brunner aus Bayern eingeparkt, besser gesagt: Sein Sohn Hubertus half ihm einzuschieben, denn einen Rückwärtsgang hat ihr Benz-Patent-Wagen von 1896 nicht. Nun gießen sie Öl nach, denn nach knapp 50 Kilometern verlangt der deutsche Autopionier nach mehr.

London to Brighton Veteran Car Run

Stefan Weißenborn

Nachdem der Motor seine Ration bekommen hat, kramt Brunner eine Wurst hervor, schneidet dicke Scheiben und schiebt sie in ein Brötchen, das er mit ölverschmierten Fingern aufgerissen hat. Noch mampfend wirft Sohn Hubertus das Schwungrad an, beim zweiten Versuch springt der Motor an, erst dann schließt er die hölzerne Motorklappe. Die beiden springen schnell auf und tuckern von dannen.

Englands Sehnsuchts nach der guten alten Zeit

Auch Mike Mutters bittet wieder zum Aufsteigen. Während des London to Brighton Veteran Car Run zeigt sich, wie autoverrückt die Briten sind. Es scheint, als müsse eine ganze Nation an diesem Tag eine Leere füllen, die die einst große Automobilindustrie Großbritanniens hinterlassen hat. Denn Autos in großem Maßstab werden in England schon lange nicht mehr gebaut. Vorbei sind die Zeiten von Morris oder Austin, Jaguar ist seit Jahren in ausländischer Hand, ebenso Bentley und Rolls-Royce. Also wird alles aufgeboten, was man noch so in der Garage hat.

Unter die Veteranen mischen sich Jaguar E-Types, MGs, Morgans oder Triumph Spitfi res. Die Landstraßen sind gesäumt von autobegeisterten Zuschauern, die es sich auf Campingstühlen bequem gemacht haben. Sie winken, feuern die Autodinos an oder schwenken Fahnen, sobald einer der Veteranen in Sicht kommt.

Zuschauer beim London to Brighton Veteran Car Run

Stefan Weißenborn

»Es ist eine Party im November.« Mutters lacht und winkt zurück. »Bei Regen ist es das gleiche Bild, dann stehen die Leute da halt mit dem Regenschirm.« Einmal hält unser Fahrer an einem Pub an. Es wird ein Ginger Ale mit Whiskey geschlürft, dann geht es weiter. Man wird sich ja schließlich mal aufwärmen dürfen.

Finale am Madeira Drive in Brighton

Später, als sich der De Dion-Bouton und andere Teilnehmerautos des Runs in einem Stau vor Brighton wiederfinden, bricht die Sonne hervor. Selbst auf dem offenen Autogreis im englischen November wird es warm, und die Mitfahrenden ziehen sich die dicke Kleidung über die Ohren. Dann der Zieleinlauf am Meer: Mutters steuert seinen Veteranen auf den Madeira Drive, der Flaniermeile an der Küste. Wieder säumen Tausende die Absperrungen. Auch der alte Dampfwagen mit der Startnummer eins, ein 1888er Truchutet, hat es geschafft. Er gilt nun als das älteste Auto, das den Run erfolgreich abgeschlossen hat. Zu jedem einfahrenden Vehikel eilt ein Mann mit Mikrofon und erkundigt sich, wie das Rennen so war. Kalt, langsam, neblig – und ein riesiger Spaß, das sind die Antworten. Den London to Brighton Veteran Car Run, das weltweit älteste Auto-Event, wird es wohl noch eine Weile geben.

Der London to Brighton Veteran Car Run findet 2018 am 4. November statt. Die teilnehmenden Autos sind mit Bildern und Informationen auf der Webseite des Veranstalters  unter dem Stichwort »Entry List« aufgeführt. Das Rahmenprogramm beginnt am vorangehenden Donnerstag, es besteht unter anderem aus der Regent Street Motor Show und einer Versteigerung von Autoveteranen durch das Auktionshaus Bonhams. Die Autos, die unter den Hammer kommen, dürfen teils am Car Run teilnehmen.

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