Ist Wien das neue Berlin? Oder zumindest eine trendige Szene-Metropole? Autor Markus Lust weiß es besser. In dem Buch »111 Gründe, Wien zu hassen« knöpft er sich seine Wahlheimatstadt vor und zeigt die Stadt von ihrer schlechtesten Seite. Interview: Frank Störbrauck

Herr Lust, pfiffige Marketingstrategen verkaufen Wien gern als das »neue Berlin«. Mussten Sie lachen oder weinen, als Sie das das erste Mal lasen?

In echter Wien-Art war es eher ein hysterisches Lachen unter Tränen – also beides ein bisschen. Wie ich im Buch auch schreibe, ist schon was dran, dass Wien wie Berlin ist. Nur eben wie das Berlin der 00er-Jahre, weil wir immer noch dieselbe gigantische Zeitverzögerung haben, die schon Gustav Mahler sagen ließ: »Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles fünfzig Jahre später.«

In Ihrem Buch attestieren Sie Wien die Flucht in eine Traumwelt, »wo das 19. Jahrhundert noch nicht aufgehört hat und Wien gemeinsam mit Paris, London und New York die kosmopolitische Vierfaltigkeit darstellt«. Woran machen Sie das fest?

Wenn Wiener Nichtwienern erklären, was an Wien super ist, fallen immer dieselben angestaubten Argumente: Weltstadt, Kultur, Kaffeehaus, Schnitzel. Nur, dass die Weltstadt über ein Jahrhundert her ist, die Kultur genauso lange im Tiefschlaf liegt, die Kaffeehäuser längst kein Künstlerort mehr sind und das Schnitzel ganz nebenbei aus Mailand kommt. Wir hängen an dieser Zeit, als wir bedeutsam waren, weil es nicht leicht ist, sich diese Phase namens »20. Jahrhundert« einzugestehen. Darum verstehen wir unter Kultur auch mehr eine Art reaktionäres Monarchisten-Cosplay. Während in Paris, London und New York immer noch an der Zukunft gebastelt wird.

Wien wird oft als Theaterstadt besungen, das Burgtheater als eine der bedeutendsten Bühnen Europas. Da muss Ihnen als Wiener doch ganz warm ums Herz werden …

Das stimmt. Aber ich verstehe das mit der Theaterstadt ein bisschen anders. Für mich ist Wien eine Theaterstadt, weil jeder hier so tut, als würde er oder sie zum Ensemble gehören und die Touristen wären das Publikum, dem man was vorspielt. Wenn man in Wien eine Eigenschaft besonders verachtet, dann ist das nämlich Ehrlichkeit. Wer Dinge direkt sagt und noch dazu so meint, kann nur dumm oder ein Deutscher sein. Was die Theater selbst angeht; klar, da haben wir ein, zwei berühmte zu bieten. Aber man darf nicht vergessen, was Theater für einen Großteil der klassischen Theatergeher und Abokarten-Besitzer ist: Eine Ausrede, wie man saufen und socializen kann, ohne schlechtes Gewissen haben zu müssen. Immerhin ist es ja Hochkultur. Ob diese Leute die Brisanz eines Faust verstehen oder für einen neuen Goethe offen wären, wage ich zu bezweifeln.

Kommen wir mal auf die Wiener an sich zu sprechen. Was sind die typischen Aufreger im Alltag?

Für den typischen Wiener? Ausländer, die »ausländisch« sprechen, womit meistens alles außer Deutsch und Englisch gemeint ist. Fußgeher, die bei Rot über die Kreuzung gehen. Und vielleicht nicht ganz so häufig, aber mir schon passiert: Jemand, der eine am Gehsteig weggeworfene Zigarette austritt und dazu schreit »Jedes Jahr brennen wegen genau sowas ganze Wälder ab!!!«, obwohl weit und breit kein Wald zu sehen ist. Einfach, weil eine Sache prinzipiell in einem anderen Zusammenhang beklagenswert sein könnte. Das ist Wien in Reinform. Für mich selbst sind es die Leute, die sich über all das aufregen – was mich zu dem Typen macht, der sich über Typen aufregt, die sich über alles aufregen. Also wahrscheinlich kein bisschen besser.

Wie kommen Sie mit dem Wiener Schmäh zurecht?

Ganz gut, wenn man erst einmal verstanden hat, dass nichts daran wirklich lustig, sondern alles ernst gemeint ist.

Touristen und Wiener Neubürgern wird geraten, sich erst gar nicht selbst am Wiener Schmäh zu versuchen. Stimmen Sie zu?

Der Wiener Schmäh ist nicht nur schwierig zu dekodieren für Menschen, die so etwas wie einen moralischen Kompass und ein aufrichtiges Gemüt haben. Er ist auch ein Erkennungsmerkmal unter Wienern. Sich als »Außenstehender« daran zu versuchen, ist für Wiener wahrscheinlich zirka so, wie es für einen Schwarzen ist, wenn jemand außerhalb der eigenen Ethnie das N-Wort benutzt.

Apropos Sprache. Das »Küss die Hand, schöne Frau« hat ja schon einen gewissen Charme, nicht wahr?

Natürlich; wenn man gern durch die Blume »Leck mich am Arsch« ins Gesicht gesagt bekommt. Eine andere Verwendung hat die Phrase kaum noch.

Wenn ich möglichst wenig Wien in Wien erleben will, was empfiehlt der Experte Markus Lust dann? Wie sähe das alternative Sightseeing aus?

So sehr Experte bin ich dafür dann gar nicht. Wenn ich mich von allem Hassenswerten gut genug fern halten könnte, hätte ich ja das Buch nicht schreiben können. Als Wiener zieht einen ja genau das, worüber man sich am liebsten aufregt, geradezu magisch an. Aber ziemlich super ist der 22. Bezirk jenseits der Donau – dort wo Wien wenigstens noch ehrlich kleingeistig und voller Schrebergärten ist und dafür schöne Naturgebiete wie die Lobau hat. Was ich auch schön finde, ist zum Beispiel der 17. Bezirk, Hernals. Da gibt es sehr unfreundliche kroatische Grill-Lokale, Bier-Beisl (typisches Wiener Esslokal, die Red.), in denen obdachlose Verschwörungstheoretiker mit einem über Milton William Cooper diskutieren und immer wieder Duftwolken aus Hopfen, die sich mit Schwaden aus Schokolade mischen.

 

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