Contemporary Art und Artenschutz: Im privaten Schutzgebiet Phinda in Kwazulu Natal in Südafrika erleben Urlauber nicht nur die Big Five, sie helfen auch Tierschützern bei der Arbeit – und logieren in einer stylishen Villa samt Koch, Butler und Ranger. Text: Stefanie Bisping

Am Morgen ist es kalt, der Himmel im Schutzgebiet Phinda grau. »Ideales Katzenwetter«, sagt Ranger Dylan Royal. Löwen, Geparden und Leoparden setzten ihre nächtlichen Aktivitäten unter dichter Wolkendecke fort, anstatt träge – und unsichtbar – im Schatten zu dösen. Schon nach wenigen Minuten Fahrt entdeckt Bennie Mnguni, der Fährtenleser, von seinem Aussichtsplatz auf der Motorhaube des Jeeps Löwenspuren, so groß wie Frühstücksteller.

Phinda Game Drive

Phinda Homestead

Es sind alte Abdrücke, stellen die Ranger fest – auf ihnen befinden sich jüngere Spuren von Insekten. Trotzdem löst das Wetter sein Versprechen ein. Ein Stück weiter erweisen sich helle Flecken im Gras als Löwenpaar. Allerdings als ein in Folge amouröser Aktivität ziemlich schläfriges. Dylan fährt weiter, bis er in einiger Entfernung ein Impala nervös hin und herlaufen sieht. Ohne Fernglas ist es gerade noch erkennbar. Sekunden später schießt ein Gepard auf das Tier zu und reißt es zu Boden.

Geparden in Phinda

Stefanie Bisping

Die Ranger jubeln, Dylan gibt Gas und hält in der Nähe. Abwechselnd machen sich zwei Geparden über die Beute her. »Es sind zwei Brüder, sie jagen immer zusammen«, weiß Dylan. Ein Tier frisst, während das andere wachsam die Umgebung beobachtet.

»Erst fressen sie die nahrhaftesten Teile, falls sie gestört werden und die Beute aufgeben müssen. Den Magen rühren sie nicht an, der riecht am meisten und würde Hyänen und Löwen anlocken.«

Nach dem Frühstück der Geparden frühstücken wir erst einmal

Das Detailwissen der Ranger ist ähnlich erstaunlich wie der Tierreichtum im Phinda Game Reserve. Zwei Großkatzenbegegnungen vor dem Frühstück sind indes auch hier ungewöhnlich genug, um William De Jager, den 29-jährigen Manager der Lodge Phinda Homestead, vor Begeisterung außer sich geraten zu lassen. Nach jeder Pirschfahrt erwartet er seine Gäste am Eingang, um ihnen die Höhepunkte des nächsten Essens anzukündigen und alle Einzelheiten ihrer Wildbegegnungen zu erfahren. Denn wie jeder, der im Schutzgebiet arbeitet, ist auch er von der Fauna Afrikas besessen.

Tiere im Phinda Homestead

Phinda Homestead

Vor dreißig Jahren ließen sich hier allenfalls eine Baumschlange oder ein paar Warzenschweine blicken. In der Provinz Kwazulu Natal wurde die letzte wilde Löwenherde im Jahr 1938 gesehen. Das heute so artenreiche, knapp dreißigtausend Hektar große Gebiet mag als Beweis dafür gelten, dass die ökologische Uhr sich auch zurückdrehen lässt. »Phinda«  bedeutet in der Sprache der Zulu Rückkehr, der Name verweist auf das Großwild, das hier nun wieder heimisch ist.

Löwen in Phinda

Stefanie Bisping

Das Reservat entstand 1990 mit dem Kauf von  zunächst dreizehntausend Hektar ausgelaugten Farmlands durch das Reiseunternehmen andBeyond. Ein Jahr später eröffnete die erste Lodge und es wurden dreizehn Geparden aus Namibia angesiedelt. Bald darauf folgten einundzwanzig Breitmaulnashörner, dreizehn Löwen, eine Elefantenherde und später Büffel und Leoparden. Seit 2004 sind auch die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner in Phinda heimisch. Allein in den vergangenen sechs Monaten wurden vier Jungtiere geboren; ihr Bestand wächst in Phinda um fünf Prozent im Jahr.

Nashörner im Visier der Jäger

Die Wiederansiedelung verdrängter Arten ist eine Wissenschaft für sich. Denn die Tiere können in eingezäunten Schutzgebieten nicht wandern und somit weder einander noch Dürren und anderen Gefahren ausweichen. Sieben Leute arbeiten in Phinda im Wildlife Research Team; ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Bestände in dem Gleichgewicht zu  halten, das die Natur in einem geschlossenen System nicht selbst herstellen kann. Sie erzählen aber auch den Safari-Gästen von ihrer Arbeit und lassen sie an Einsätzen teilnehmen. Hundert Löwen, vierundfünfzig Geparden und hundertzwanzig Breitmaulnashörner aus Phinda sind bislang in andere Schutzgebiete in Südafrika, nach Botswana und Malawi umgesiedelt worden; letztere nicht nur aus Platzgründen, sondern auch zu ihrem Schutz.

Nashorn in Afrika

Lucas Alexander

»In den letzten zehn Jahren hat das Wildern von Nashörnern extrem zugenommen«, erklärt Craig Sholto-Douglas, Biologe im Forschungsteam. Viele Menschen aus den wachsenden Mittelklassen Chinas und Vietnams wünschten sich ein Horn als Accessoire fürs Wohnzimmer.

»Wenn es so weitergeht, ist das Nashorn in zehn Jahren ausgestorben.«

Zwanzig Nashörner wurden deshalb betäubt und an Hubschraubern hängend nach Botswana geflogen, das bis vor kurzem als sicher galt. Seit 2016 wird allen Tieren im Reservat – wie mittlerweile in den meisten privaten Schutzgebieten Südafrikas – das nachwachsende Horn abgenommen und »an einem sicheren Ort verschlossen«, so Craig. Noch haben Löwen nicht bemerkt, dass die Nashörner quasi unbewaffnet umherlaufen. Aufgrund der hohen Dichte an Beutetieren seien Angriffe durch Raubtiere aber unwahrscheinlich.

Nur wenige Unterkünfte im Phinda-Schutzgebiet

Dass das Haupttor zum Schutzgebiet an einen Berliner Grenzübergang vor dem Mauerfall erinnert, liegt ebenfalls an der Gefahr durch Wilderer. »Wir haben Leute aus der Umgebung angestellt, die hier jeden Stein und jeden Strauch kennen, und ihnen gezeigt, wie man die Tiere verteidigt«, sagt Craig mit mehr Wut als Genugtuung. »Sie lehren jeden, der einzudringen versucht, Furcht vor Gott.«

Damit nicht nur Touristen, sondern vor allem die Menschen aus der Nachbarschaft wilde Tiere als schützenswert begreifen, werden regelmäßig Schulklassen, aber auch Erwachsene zu Game Drives eingeladen. Finanziert wird alles – ebenso wie fünfzehn Kindergärten, ebenso viele Schulen und eine Klinik für die umliegenden Gemeinden – durch Urlauber. Fünf kleine, luxuriöse Lodges liegen im Schutzgebiet, dazu als Juwel der Kollektion die nur exklusiv zu mietende Lodge Phinda Homestead.

Schlafzimmer im Phinda Homestead

Phinda Homestead

Nach einem Feuer wurde sie komplett neu ausgestattet und im Herbst 2018 neu eröffnet – in einem zeitgenössischem afrikanischen Design, das auf Naturfarben sowie traditionellen Materialien und Mustern der Zulu basiert. Dekoriert ist sie mit afrikanischen Kunstobjekten. Hier und da erinnert das Motiv einer Ananas auf einem Kissen an die Vergangenheit der erfolglosen Obstplantagen. Doch das Leitmotiv ist die moderne Interpretation des Zulu-Erbes bis hin zur traditionellen Boma, dem Grillplatz, dessen runde Mauer von Zulu-Frauen erbaut wurde. Außer Lehm und Gras verwendeten sie Elefanten- und Nashorndung anstelle des sonst üblichen Kuhdungs.

Türen bleiben geöffnet, Speisekarten existieren nicht, Uhren sind überflüssig

Jeweils zwei Doppelzimmer mit Zulu-Kunstobjekten, eigenen Terrassen und Innen- sowie Außenbad liegen zu beiden Seiten des gemeinschaftlich genutzten Bereichs aus Wohn- und Esszimmer, Terrasse, Pool, Bibliothek, Fitnessraum und einer um die offene Feuerstelle gruppierte Sofalandschaft. Hinzu kommt ein Zimmer mit zwei Etagenbetten für vier Kinder oder weitere Mitreisende. So bietet die Lodge bis zu zwölf Gästen Platz.

Badezimmer Phinda Homestead

Phinda Homestead

Küchenchef Lucky, der Butler mit dem schicksalhaften Namen Welcome und der vor eloquenter Herzlichkeit sprühende William lassen dieses glückliche Dutzend vergessen, dass es Hotels gibt, die man sich mit Fremden teilen muss. Nie wird eine Tür abgeschlossen. Speisekarten gibt es nicht, Menüfolgen werden persönlich erörtert. Uhren sind überflüssig.

Koch im Phinda Homestead

Phinda Homestead

Der Weckruf zum morgendlichen und der Aufbruch zum nachmittäglichen Game Drive strukturieren den Tag. Im Dunkeln kehren die Gäste zurück, wo William und Welcome sie bereits erwarten. Die Gäste sammeln sich am Feuer, schauen nach Sternschnuppen und lauschen dem Geschrei der Frösche, bis Lucky zum Essen bittet.

Outdoor-Essenstisch im Phinda Homestead

Phinda Homestead

Auch im Hauptgebäude gibt es einen offenen Kamin, vor ihm ruht ein Sessel, der 2015 in einer Ausstellung von Zulu-Kunst in der Tate Modern in London zu sehen war. Anstelle eines traditionellen Safari-Looks mit Schädeln und Geweihen vergegenwärtigt in der Lounge der monumentale Schädel eines im Kampf mit einem Artgenossenen gestorbenen Elefanten Lage und Leitmotiv der Lodge. Ansonsten diktiert das Gemeinschaftserlebnis die Ausstattung: vom Essbereich mit dem sechs Meter langen Tisch aus südafrikanischem Holz und seinem Pendant auf der Terrasse über die Open-Air-Bar bis zur Küche, in der die Gäste im Morgengrauen am Granittresen ihren ersten Kaffee trinken.

Artenschutz wird großgeschrieben

Neben Annehmlichkeiten wie der guten Küche, der ständigen Verfügbarkeit hervorragender Weine und der Tatsache, dass das Zimmer aufgeräumt ist, wann immer der Gast es betritt, sind die Einblicke in den Artenschutz der eigentliche Bonus des Aufenthalts. Alle zwei Monate kommen Ornithologe James Rawdon und Biologin Laura Mansfield ins Schutzgebiet, um Vögel zu zählen, zu messen und zu beringen. Die Urlauber schauen zu oder beteiligen sich. Wer in der Lodge zu Gast ist, wenn ein Nashorn enthornt wird, darf ebenfalls dabei sein. Fällt der Besuch in die Zeit zwischen November und April, wenn Meeresschildkröten in der nahen Sodwana Bay zur Eiablage an Land gehen oder junge Tiere schlüpfen, führt eine nächtliche Pirschfahrt ans Meer.

Artenschutz-Helfer im Einsatz in Südafrika

Phinda Homestead

Schon die Fahrt von der Lodge zur Einfahrt des Schutzgebiets entwickelt Dynamik, wenn eine Elefantenherde nur zögerlich den Weg frei gibt. Der Strand ist während dieser Zeit bei Dunkelheit nur für die Besucher aus Phinda und den Wissenschaftler Peter Jacobs zugänglich, der hier die Bewegungen der Schildkröten aufzeichnet, Nester markiert und jedes Tier an seinem Panzer erkennt.

Sogar der Leuchtturm wird abgeschaltet, um die Schildkröten nicht zu irritieren. Vier bis fünf Karett- und Lederschildkröten – wie alle sieben Meeresschildkrötenarten vom Aussterben bedroht – graben in Dezembernächten am Strand der Sodwana Bay ein Loch, legen ihre Eier und buddeln das Nest wieder zu, bevor sie ins Meer zurückkriechen.

Meeresschildkröte am Strand

Robert_Schroeder/Shutterstock.com

In dieser Nacht am Anfang der Saison ist es nur eine einzige Karettschildkröte. Jacobs identifiziert sie anhand einer Markierung am Panzer: 1979 schlüpfte sie an diesem Strand und kam zuletzt vor zwei Jahren an Land. Erst kurz vor der Morgendämmerung kehren die Gäste nach Phinda zurück. Im Zimmer brennt die Nachttischlampe, das Bett ist aufgeschlagen. Es ist, als käme man nach Hause.

Übernachtungstipps für Phinda

Phinda Homestead: Die Lodge mit vier Doppelzimmern und einem Zimmer für vier Kinder ist inklusive Koch, Butler, Ranger und Fährtenleser sowie Vollpension, Getränken, Wäscheservice und Aktivitäten für 5090 Euro pro Nacht zu mieten. Mehr dazu hier.

Phinda Private Game Reserve: Wer in kleinerem Kreis reist, hat die Wahl unter fünf Lodges im Schutzgebiet. Der Veranstalter Abendsonne Afrika bietet sechs Nächte z.B.  in der Phinda Mountain Lodge mit Transfers, Vollpension, Getränken und Game Drives für 4259 Euro pro Person im DZ an.

 

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