Goethe zufolge versammelten sich auf dem Brocken im Harz einst die Hexen des Landes zur düsteren Walpurgisnacht. Vor Hexen blieb ich bei meinem Besuch des nördlichsten Gebirges Deutschlands verschont, dafür war meine Zeit mit mächtig Adrenalin verbunden. Denn der Harz ist nicht nur Kurort und Skigebiet, im Sommer wartet Action auf Groß und Klein. Wir haben es ausprobiert. Text: Marie Tysiak

Warum habe ich mich nur darauf eingelassen? »Rauf« ist im wörtlichen Sinne und mit einem Blick in die grüne Tiefe untertrieben gemeint. Während ich mich mit beiden Händen an das Sicherheitsseil klammere, versuche ich in luftiger Höhe vorsichtig meinen rechten Fuß in die nächste Schlaufe zu zwängen, was einen halben Spagat erfordert. Zwischen den zwei im Wind wackelnden Tauen klafft die Tiefe. Ich zucke leicht zusammen, als ein Kuckuck im Wipfel der ebenso hohen Fichte nebenan – gefühlt 50 Meter über der Erde – laut anfängt zu krakeelen. Die Sonne lugt hinter den schneeweißen Wolkentürmen hervor und ich merke, wie das Adrenalin mir Schweißperlen auf die Stirn treibt. Okay, tief ein- und ausatmen. Wäre es nur nicht so verdammt hoch. Dabei hatte der Urlaub im Harz so entspannt angefangen.

Treffpunkt im Besucherzentrum in Torfhaus

Ein Rückblick auf den gestrigen Tag: Im beschaulichen Torfhaus beginnen wir unsere Wanderung durch den Nationalpark Harz, der Teile Sachsen-Anhalts und Niedersachsens umfasst. Das Besucherzentrum im Giebeldachhaus mit Holzfassade in Torfhaus bietet viele Informationen rund um die Region, was es zu einem guten Startpunkt für große und kleine Streifzüge durch das Wald- und Hochmoorgebiet macht. Vergessen sollte man auf keinen Fall warme Regenkleidung und wasserfeste Wanderschuhe: 1600 Millimeter Niederschlag prasseln hier im Jahresdurchschnitt nieder – damit schafft der Harz es nur knapp am Titel »außertropischer Regenwald« vorbei, für den knapp 200 Millimeter mehr gelangt hätten. Zwar verlaufen einige Wege auf Holzstegen, vielerorts geht es allerdings über Stock und Stein durch den dichten Nadelwald.

Gut ausgerüstet stapfen wir in Begleitung von Diplom-Biologin Maret Heydenreich los, die in ihrer Nationalpark-Kluft wie eine waschechte Rangerin aussieht. Seit vielen Jahren arbeitet sie im Nationalpark, leitet das Besucherzentrum und führt Wanderer durch das Naturschutzgebiet. Bevor wir ins Dickicht der hohen Fichten- und Buchenstämme eintauchen, bietet sich uns der eindrucksvolle Blick über das bergige Panorama: Hügel um Hügel schmiegen sich die Wälder aneinander, die wie ein mysteriöses Mosaik verschiedenste Grüntöne in einem Farbspiel vor uns ausgebreitet liegen – ähnlich des Fenstermosaiks, das Besucher im Bahnhof Bad Harzburg empfängt. Nebel vom morgigen Regen steigt zwischen den spitzen Baumwipfeln auf, vereinzelt ragen kahle Stämme einsam in die Höhe.

Im Wald ist es still …

… sogar die Geräusche der vielbefahrenen Fernstraße durch Torfhaus werden verschluckt, nur in der Ferne singt wieder der hier beheimatete Kuckuck. Mein Blick schweift unablässig in den dichten und dunklen Wald hinein. Ich möchte unbedingt einen Luchs sehen. Die braungraue Wildkatzenart wurde 2000 wieder hier ausgewildert und zieht seither in den Wäldern umher; ein lebensgroßes Holzexemplar empfing uns bereits vorm Besucherzentrum.

Luchs

Rudmer Zwerver/Shutterstock.com

Derweil erzählt Maret Heydenreich begeistert vom hier geschützten Lebensraum (wahrscheinlich hören uns die Luchse sowieso aus weiter Entfernung). Früher war der Wald alles andere als geschützt, denn der Boden liefert viel Torf, der die Bäche dunkel färbt. Er wurde häufig als Brennstoff abgebaut, und auch das Holz des Waldes wusste man zu nutzen. Nach aufwändiger Bewaldung ist der Nationalpark heute wieder von bis zu 500 Jahre alten Fichten- und Buchenwäldern nahezu flächendeckend bedeckt.

Nur der Brocken, der höchste Berg Norddeutschlands, aus Sagen auch als der Hexenberg Blocksberg bekannt, liegt kahl dar. Als wir eine Lichtung erreichen, verzieht sich der Schleier aus Nebelwolken und gibt die Sicht auf die dunkle Kuppe frei. 1141 Meter ragt er in die Höhe und auf seinem Gipfel, der sich in einem Tagesmarsch erklimmen lässt, herrscht ein windiges und raues Klima. Nicht umsonst entstanden allerlei Mythen um und über den Berg, der ein Drittel des Jahres mit Schnee bedeckt bleibt.

Natur Natur sein lassen

Am Rande der Lichtung ruht eine Gruppe von Fichten; kahl und blätterlos ragen ihre Spitzen in den Himmel. Einige umgestürzte Stämme sind mit giftgrünem, feuchtem Moos übersäht. Ihre blätternde Rinde lassen die Bäume krank, nahezu bedrohlich, aussehen. »Totholz«, beantwortet Marit Heydenreich meine unausgesprochene Frage, die meinem schockierten und fragenden Blick gefolgt war. Sie erzählt, dass Totholz ein ganz natürlicher Bestandteil des Waldes sei.

»Manche alte Bäume sterben oder fallen dem Borkenkäfern zum Opfer. Hier im Nationalpark lassen wir die Natur Natur sein, auch wenn das bedeutet, dass teilweise große Flächen vom gefräßigen Insekt zerstört werden«, fügt sie hinzu.

Als wir ein Stück weiterlaufen, wird die Lichtung breiter und der leicht schlammige Pfad geht in einen Steg über. Was rechts und links aussieht wie Gestrüpp und Wiese, sollten wir besser nicht betreten. »Zum Einen versinkt man, zum Anderen schaden wir so dem empfindlichen Lebensraum«, lässt uns Marit Heydenreich wissen, als ich mit einem Stock neugierig hineinpikse. Schnell lasse ich den Stock fallen. Die Hochmoore, die für die Landschaft im Harz prägend sind, entstehen durch Regenwasser, von dem es hier ausreichend gibt. Wenn man vom Teufel spricht. Als hätte die Natur Angst, ihre Moore könnten austrocknen, fängt es just in diesem Moment an zu regnen. Dabei hatte eben noch die Sonne geschienen.  Aber wir sind bestens ausgerüstet und der Blick entbehrt allemal für das bisschen nass werden: Auf dem Brocken scheint noch etwas Sonnenlicht, der Nebel kriecht hinauf und wird von einem leichten Regenbogen umspannt.

Brocken im Harz

LianeM/Shutterstock.com

Schlafen am Nationalpark in grüner Umgebung

Trotzdem freue ich mich auf die Sauna später, zugegeben. Übernachtungsmöglichkeiten bietet der Harz sowohl in Bad Harzburg, als auch unmittelbar am Nationalpark. Eine dieser ist die Vier-Sterne-Anlage Harzresort Torfhaus, die neben dem Besucherzentrum des Nationalparks zu Hause ist. Gäste haben die Wahl zwischen komfortablen Doppelzimmern oder einer Ferienhütte mit Selbstverpflegung und eigener Sauna. Die freistehenden Ferienhäuser und das Haupthaus mit Sauna und Fitnessraum schmiegen sich an den Waldrand – und fügen sich, nahezu vollständig aus Holz, nahtlos in die Umgebung ein. Auch von Innen besticht edles Holz und große Fotografien der Umgebung die Einrichtung – was einen das Gefühl verleiht, direkt im Wald zu wohnen. Immerhin beginnt der Nationalpark nur wenige hundert Meter entfernt.

Aber Sauna, das war gestern. Heute ist – wie versprochen – Action angesagt. Erste Anlaufstelle für Adrenalin-Junkies ist der Bocksberg in Hahnenklee, den auch wir am verregneten Morgen ansteuern. Der verschlafene, zeitlich irgendwann vor der Wiedervereinigung steckengebliebene Ort ist keinen Besuch wert. Aber von hier aus klettert die Seilbahn, die mit ihren alten und klapprigen Gondeln als historisch durchgehen könnte, auf den Gipfel.

Dieser knapp 750 Meter hohe Berg verspricht Fun und Action. 2011 übernahm Betriebsleiter Uwe Hartwick den Berg von der Stadt Goslar und steckte viel Arbeit in die in die Jahre gekommene Anlage. Mit Erfolg: Ein neuer Park für Mountainbiker, der mit einem hügeligen Mini-Trail auch die ganz Kleinen lockt, wächst seither jährlich Trail um Trail und soll dieses Jahr 10.000 Bike-Fans anlocken.

Mountain-Biker

Oleksiy Rezi/Shutterstock.com

Action auf der Sommerrodelbahn

Wahlweise stehen allerlei andere sonderbare Fahrgeräte bereit, mit denen die Abfahrt genommen werden kann. Zu gerne würde ich mit dem »Monster-Roller« oder »Mountain-Cart« hinabgedüst, dessen Reifen an die eines Rutschreifens im Schwimmbad erinnern. Leider ist die Strecke heute gesperrt – zuviel Regen in den vergangenen Tagen hat die Wege aufweichen lassen. Seh ich ein, aus dem Schlamm gezogen werden möchte ich nicht. Die Sommerrodelbahn ist dafür immer offen. Die längste ihrer Art in Norddeutschland, düst sie im Affenzahn kurvenreich ins Tal hinab. Wer sich den absoluten Kick gönnen möchte, lässt das Bremsen sein. Ich nehme den Hinweis an und werde mit reichlich Fahrtwind (der mein unkontrolliertes Schreien übertönt), vorbeiflitzendem schemenhaften Grün und einer Menge Spaß belohnt!

Ganz Mutige stürzen sich von der Neun-Meter-Plattform des BagJumps in ein übergroßes blaues Luftkissen, der Newcomer des Sommers. Auch diese Herausforderung lasse ich mir nicht entgehen. Schwupps, stehe ich oben, die grandiose Aussicht über die umliegenden Hügel vor lauter Nervosität nur halbherzig genießend. Gar nicht erst nachdenken oder gar runterblicken, sage ich mir und stürze mich ohne einen Verweilmoment wagemutig und brav mit dem Allerwertesten zuerst hinab.

Eine ganz gute Entscheidung, wenn ich so manchen Springer nach mir zögernd an der Kante stehen sehe. Ich lande weich in dem leicht einsinkenden Kissen; Dank des Regens sammelt sich sogleich das Wasser in der Kule im mich herum. Mit nassem Hintern geht’s nochmal die Sommerrodelbahn hinunter, was soll’s, es macht nicht weniger Spaß! Hier könnte ich definitiv einen ganzen Sommertag verbringen – im besten Fall natürlich bei Sonnenschein (und trockenem Hintern). Stärken kann man sich in der Restaurant-Hütte, die vom Kaffee und Kuchen über Pasta und Pommes mit deftigen und simplen Speisen niemanden hungern lässt.

Nächster Stop: die Hochseilkletteranlage Skyrope

Mittlerweile habe ich den linken Fuß in die nächste Schlaufe getastet und den Blick möglichst nach vorne und auf keinen Fall nach unten gerichtet. Nach Bagjump und Sommerrodelbahn am Vormittag jetzt das hier! In zwölf Metern Höhe klettere – hangele – ich wie ein ungeschicktes Äffchen von Schlaufe zu Schlaufe, die rettende Plattform in Sicht. Angekommen, sichere ich mich nach einem Karabiner-check-up mit meiner Kletterpartnerin ab und schaue mich um.

Hochseilklettergarten Skyrope

Marie Tysiak

Auf der anderen Seite der sternförmig angeordneten Kletteranlage, die aus Holzpfählen und allerlei Hindernissen besteht, klettert Bernd, Kletter-Guide der Skyrope-Anlage, in Rekordtempo über ein Netz aus dicken Tauen. Neidisch beobachte ich seine Geschicklichkeit, was er bemerkt und mit einem Grinsen goutiert, ähnlich breit wie der Smiley, den er mit einem Filzstift hinter den Namen auf seinen Helm gemalt hat.

Seit über zehn Jahren hat die Hochseilkletteranlage Skyrope in Bad Harzburg für Kletteraffen, und solche die es werden wollen, geöffnet. Die Ropes-Cours-Trainer Anett und Bernd sind seit fast genauso langer Zeit am Start und führen mit Kletterbegeisterung durch die Team- und Einzelelemente des Parcours im Grünen. Wem die zwölf Meter zu hoch sind, hat auch die Möglichkeit, sich in drei bis sechs Metern Höhe zu beweisen. Hätte mir wahrscheinlich auch gereicht! Aber als sich die gesamte Klettermannschaft auf der großen Plattform versammelt hat, zeigt sich, dass sich der Aufstieg gelohnt hat.

»Bidde sehr, euch nach!«, zeigt Bernd, mit nordischem Akzent, auf den Abgrund neben sich. Durch eine Magnetkonstruktion gesichert, sollen wir „einfach neben die Pladdform treten“, um im freien Fall wieder unten anzukommen. Kostet Überwindung, aber lohnt sich. Genau wie die Big Swing, die einen in neun Metern Höhe in Tarzan-Style an einem Seil in die Bäume schwingen lässt. »Ab ins Grüne!«, ruft Bernd, lässt das Seil los und ich schwinge davon.

Von allen Sicherheitsgurten befreit

Kein Wunder, nach einem solchen Tag. Da kommt es mir entgegen, dass eine der besten Abendessenadressen in Bad Harzburg nur wenige Gehminuten entfernt ist. Das Plumbohms bietet neben Bio-Suiten und Ferienwohnung auch ausgezeichnete Gastronomie: Mir ist nach deftig. Die extravaganten Burger mit Süßkartoffelpommes sind zu empfehlen, dazu ein kaltes und recht mildes Altenauer Pils (»So sagenhaft wie unser Harz«). Die meisten Zutaten für die Gerichte kommen direkt aus der Region.

Satt, ausgepowert, tiefenentspannt vom Saunagang. Zufrieden und um eine Zecke erleichtert liege ich abends im Bett, wobei meine Füße sich nach wie vor etwas schwerelos anfühlen, als ich die Augen schließe. Was soll es morgen sein? Zip-Lining, Canyoning, Rafting, Kanufahren? Die Adrenalin-Tour ist noch nicht vorbei!

Mehr Informationen: Mehr Infos zum Harz gibt es hier und hier.

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?