Auf einem echten Segelschiff kommt das Beste überraschend. Denn der Wind interessiert sich nur wenig für den festgelegten Reiseplan. Ihn nicht einzuhalten, gehört deshalb schon seit Jahrhunderten zum guten Ton für Meeresabenteurer. Am Ende hat man vielleicht weniger gesehen, dafür aber mehr zu erzählen. Wie man mutig das »achte Weltwunder« durchquerte, sich von einem Blinden durch die Karibikinseln führen ließ und von dem Mast tagelang nichts anderes sah außer Meer, Sterne, Delfine und die Cocktailbar …     Text: Inna Hemme

»Die Meere sind zum Segeln da, nicht um Ziele zu erreichen«, prangt in Lettern auf dem großen Programm-Faltblatt in meiner Schiffskabine. Aha. Ist ja eine tolle Weisheit. Aber nicht für mich gemacht. Mich interessiert nämlich vielmehr, wann wir den ersten Karibikstrand ansteuern. Ich bin schließlich nicht Mark Twain, mein Abenteuergeist beschränkt sich darauf, einmal auf den Mast zu klettern. Und zwar gesichert.

Acht Tage werden wir das Meer auf der Star Flyer kreuzen, einem der größten Passagiersegelschiffe der Welt. Die Route unseres Viermasters: San-Blas-Inseln in Panama, Cartagena in Kolumbien und die Karibikinseln Aruba und Curaçao. Dafür müsste ich mindestens fünfmal verreisen, um das alles zu sehen. Aber wir, wir schaffen das auf einer Reise. Denke ich zumindest noch bei der abendlichen Einschiffung in Pa­na­ma-Stadt.

Erster Reisehöhepunkt: Panama Kanal. Eine Legende öffnet ihre Schleusen

Doch auch ein Meerweg kann steinig sein. Um in die Karibik zu gelangen, müssen wir erst einmal den oft als achtes Weltwunder bezeichneten Panamakanal durchqueren – eröffnet 1914, etwa 82 Kilometer lang, und dessen Bau 28.000 Menschenleben forderte. Er verbindet als Meisterwerk des Kanalbaus den Pazifischen Ozean mit dem Karibischen Meer. »Früher musste man durch die Magellanstraße, wenn man von der Ost- zur Westküste Nordamerikas wollte. Durch den Panamakanal wurde dieser Weg um ganze 20.000 Kilometer verkürzt«, erläutert Kapitän Klaus Müller frühmorgens, als ich mich verschlafen frage, ob sich das zeitige Aufstehen gelohnt hat.

Star Flyer durch die Karibik

Star Flyer

Es ist sechs Uhr am Morgen, die meisten Passagiere haben sich bereits mit ihren Kameras an Deck versammelt, um das Spektakel zu beobachten. Manche wollen auf Nummer sicher gehen und fuchteln gleich mit drei Kameras herum. Wir steuern auf Miraflores zu, die erste von drei Schleusenanlagen des Kanals. Über Tauenden wird das Schiff auf beiden Seiten mit vier Loks verbunden, die uns bei einem lauten Signal in die erste Kammer ziehen. In diesem Moment bleibt sogar mir, einem von Technik eher unbegeisterten Zeitgenossen, der Atem weg. 13 Millionen Liter Wasser pro Minute dringen in die Kammer und heben so das Schiff an. Sogar die Arbeiter an der Schleuse zücken ihre Handykameras, als die Star Flyer mit ihren weißen Segeln wie ein Schwan auf dem steigenden Wasserspiegel hin und her schaukelt. Sie sind hier eben eher Containerschiffe gewohnt.

»Und wann sind wir am ersten Strand?«, frage ich ungeduldig den Kapitän. Er lacht. Und ich verstehe nicht, warum …

Segelschiff oder Privatyacht? Die Star Flyer ist beides

So geht es den ganzen Tag, und es bleibt genug Zeit, um die anderen Passagiere kennenzulernen. Amerikaner, Kanadier, Franzosen, Deutsche, Schweden – es gibt mehr Nationalitäten als Cocktails an der Tropical Bar. Die meisten scheinen sich zu kennen, sie unterhalten sich angeregt über das »letzte Mal«. Kein Wunder: Die Wiederholerquote auf der Star Flyer liegt bei über 60 Prozent. Einmal Segler, immer Segler. Ein Pärchen aus Hamburg erzählt mir, sie wären jedes Jahr dabei: »Hier fühlt man sich wie auf einer Privatyacht. Wir fahren Häfen an, wo große Kreuzfahrtschiffe niemals hinkommen würden, feiern Grillpartys an menschenleeren Stränden.«

Was sie genau meinen, leuchtet mir am zweiten Tag ein, als wir endlich San Blas erreichen, eine Kette aus 365 Inseln vor der nordöstlichen Küste Panamas.

Pelikan in der Karibik

Star Clippers

Nur zehn Prozent davon sind von Kuna-Indianern besiedelt, einer aus rund 50.000 Menschen bestehenden Ethnie. Zum ersten Mal aussteigen! Und das auf einem winzigen, palmengesäumten Eiland mitten im türkisfarbenen Meer. Eine Insel, die man in zehn Minuten umlaufen kann. Ich treffe einen alten Mann, der mir unbedingt sein »Zuhause« zeigen möchte. Hier wäre die Schule für die Kinder, und hier das Boot, das er selbst gebaut hat. Ach, und hier Pepo, sein Hund. Am Ende des Spaziergangs fragt er mich, wie alt ich sei, er sähe nichts. Erst jetzt fällt mir auf, dass er blind ist und einfach nur seine Insel auswendig kennt. Erlebt man so etwas auf einem Kreuzfahrtschiff? Ich denke nur: Von mir aus könnten sie mich gleich ausschiffen. Doch es geht weiter. Nach Kolumbien.

Auf hoher See beginnt der schönste Teil der Reise

Sieht aus wie Miami Beach, denke ich, als wir uns nach einem kompletten Tag auf See dem Hafen von Cartagena de Indias nähern.Und das soll eine der ältesten Stadt Kolumbiens sein? Ihre fast 500 Jahre alte Geschichte sieht man ihr erst an, wenn man durch die Altstadt schlendert, die mit ihren bunten Häusern und mit Blumen gesäumten Holzbalkonen fast schon wie Disneyland aussieht. Nur in echt. Abends tanzen hier alle Salsa in engen Gassen, während auf den Dachterrassen der hypermodernen Strand-Wolkenkratzer Maracuja-Cosmopolitans serviert werden. Das ist der coolere Stadtteil für die Einwohner.

Am Tag fünf dreht plötzlich der Wind. Ein starker Passat weht uns entgegen, die Star Flyer kann kein einziges Segel setzen, schleicht mit nur fünf Knoten anstatt der geplanten zwölf voran. »Aruba muss ausfallen, wir kommen nicht schnell genug voran«, sagt Kapitän Müller. Und dass sich unsere Reise um mindestens einen Tag verzögern wird, bis wir in Curaçao den Flug zurück nach Deutschland nehmen können. Ein Fluch, denke ich am Anfang. Ein Segen, denke ich am Ende. Denn: Die vier Seetage – und damit hätte ich vorher niemals gerechnet – werden zum schönsten Teil dieser Reise.

»Was will man auf Aruba, wenn man auf diesem Schiff sein kann?«, schmunzelt der Kapitän. Erst jetzt verstehe ich, was er meint.

Abends erzählt der Kapitän Geschichten in der Schiffsbibliothek

Wir albern beim Minigolf an Deck herum, klettern auf den Mast in das 15 Meter hohe Krähennest und hören dem Kapitän jeden Abend in der Schiffsbibliothek bei seinen Erzählungen zu, wie Seefahrer früher mit Sonne, Mond und Sternen navigierten. Und wie die legendäre Pamir 18-mal das gefürchtete Kap Hoorn umsegelte, bevor sie tragisch 1957 sank. Es fühlt sich wieder an wie damals, als es noch kein Internet gab und keine Not-Bingo-Meisterschaften bei schlechtem Wetter. Und als man sich noch als Kind den ganzen Tag darauf freute, abends den Geschichten von Opa zuzuhören. Natürlich noch ohne den Sundowner zum Sonnenuntergang.

Star Flyer

Star Flyer

Ein wenig hat das Schiff etwas von der Arche Noah. Es gibt einen Arzt, einen Ingenieur, einen Fischer, eine Näherin, eine Wahrsagerin – heißt: Selbst wenn wir irgendwo stranden, sind wir zumindest umfassend versorgt, und der Anwalt kann die selbst ernannte Wahrsagerin verklagen, falls sie uns den falschen Rettungstag prophezeit. Ab und zu bespricht der Kapitän etwas mit den jungen Matrosen. Wahrscheinlich ist es so etwas wie: »Hattest du auch diese Spiegeleier zum Frühstück?«. Ich bilde mir aber ein, sie planen mutige Seefahrtsmanöver. Ja, die abendlichen Geschichten vom Kapitän lassen auch die eigene Fantasie beflügeln. So stark sind die Wellen dann aber doch nicht.

Meist gehört uns das Meer ganz allein

Es geht langsam und ohne Zwischenfälle weiter. Ab und zu begleitet uns ein Delfinschwarm, sonst gehört uns das Meer ganz allein.

Delfine in der Karibik

Star Clippers

Als wir am letzten Abend im Klüvernetz liegen und die Sonne hinter den fast schon durchsichtigen Segeln langsam ins Meer fällt, zeichnen sich am Horizont die Umrisse von Curaçao ab. Der Tag, auf den wir gefühlt eine halbe Ewigkeit gewartet haben. »Laaand!«, ruft jemand. Doch keinen scheint es wirklich zu freuen. »Umdrehen!«, ruft ein anderer und spricht uns allen aus der Seele. Ich muss wieder an den Zettel in meiner Kabine denken: »Die Meere sind zum Segeln da, nicht um Ziele zu erreichen.« Wir hatten unser Ziel leider erreicht.

Reise. Das Segel-Kreuzfahrtschiff Star Flyer (115 Meter lang, fasst 170 Passagiere) der Reederei Star Clippers hat zwei Pools, Bibliothek, Bar und Restaurant. Zur Reederei gehören noch die baugleiche Star Clipper und der Fünfmaster Royal Clipper, das größte Passagiersegelschiff der Welt. Die beschriebene Panamakanal-Route mit Ziel St. Maarten und Stopp auf den Britischen Jungferninseln, 14 Tage, ab € 3640 inkl. Verpflegung, Ausflüge extra.

Star Clippers Kreuzfahrten GmbH. Konrad-Adenauer-Straße 4, 30853 Langenhagen, Tel.: 00800 782 725 47,

 

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