Wer die Türkei vom Sattel aus erlebt, sieht ein anderes Land. Eines, in dem der Tag mit dem Geräusch der ersten Pedalumdrehung beginnt und wo zwischen zwei Dörfer eine ganze Geschichte passt. Diese zehn Strecken erzählen von der Ägäis, der Riviera, von Kappadokien und den Etappen der Presidential Cycling Tour, die sich auch als Reise auf eigene Faust fahren lassen.
Es gibt diesen Moment in Alaçatı, wenn der erste Wind vom Meer durch die schmalen Gassen zieht und die weißen Häuser noch im Schatten liegen. Vor der Bäckerei stehen Räder an der Mauer, daneben zwei, drei Reisende mit einem Glas Çay in der Hand. Sie warten nicht auf etwas. Sie sind schon angekommen, auch wenn die Etappe gerade erst beginnt.
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Du legst uns als Quelle fest. Und wir dich in unserem Herzen. ♥So fühlt sich Radreisen in der Türkei an. Langsamer als das Land in Reiseführern wirkt, intensiver als jede Busrundreise, näher dran an dem, was zwischen den großen Sehenswürdigkeiten liegt. Wer von der Küste aus ins Hinterland fährt, hört das Glockenläuten einer Ziegenherde, bevor die Tiere überhaupt zu sehen sind. Wer abends in Köyceğiz ankommt, riecht den Granatapfelsaft, den eine ältere Frau am Marktstand presst, schon zwei Querstraßen vorher.

Foto: Go Türkiye
Die Türkei gehört zum europäischen Radwegenetz EuroVelo. Die Routen 8 und 13 verbinden Edirne, Kırklareli und Izmir mit dem Streckenverbund von Portugal bis Norwegen. Anfang Mai 2026 führte die 61. Presidential Cycling Tour über mehrere Etappen von Çeşme bis nach Ankara. Was die Profis in wenigen Tagen abspulen, lässt sich auch genießerisch fahren, mit Pausen für ein Mittagessen am Hafen oder einen Spätnachmittag in einer antiken Stadt.
Istanbul, der Bosporus und der Belgrader Wald
Die European Side Forests Route beginnt am Wasser. Vierzig Kilometer zwischen Bosporus und Belgrader Wald, der grünen Lunge der Metropole. Wer am frühen Morgen losfährt, sieht die Frachter im Halblicht ankern, hört das Gegacker der Möwen und spürt, wie die Stadt langsam aufwacht. Im Wald wird es kühl, der Asphalt verschwindet unter einem Dach aus Kiefern. Drei Stunden später steht man wieder am Ufer, mit einem ganz anderen Bild von Istanbul im Kopf als am Vortag aus dem Hotelfenster.
Maden Beach: Wenn der Lykische Weg zur Bergetappe wird
Der Lykische Weg ist eigentlich ein Fernwanderweg. Aber im Bezirk Kemer bei Antalya haben Streckenbauer ein achtzehn Kilometer langes Stück für Mountainbiker freigegeben, und es ist ein Stück mit Charakter. 1.115 Höhenmeter trennen den Start vom Ziel, einer kleinen Bucht namens Maden Beach. Die letzten Kurven vor der Abfahrt sind das, woran man sich noch Wochen später erinnert: rechts der Hang voller Pinien, links der Blick auf ein türkisfarbenes Meer, das sich bis zum Horizont zieht. Unten angekommen, schmeckt das Wasser anders.
Die Ägäis von Çeşme nach Selçuk: Wo Reisen leicht wird
Die erste Etappe der Presidential Tour eignet sich auch als sanfter Einstieg in eine eigene Reise. Sie führt durch die Halbinsel von Çeşme, vorbei an den Salinen von Alaçatı, durch Urla mit seinen Weinbergen und durch Seferihisar, die erste Cittaslow-Stadt der Türkei. In den Hinterlandstraßen wechseln sich Olivenhaine mit Feigenbäumen ab, hin und wieder versperrt ein Traktor den Weg, und das ist kein Problem, sondern die Erlaubnis, einen Moment zu verweilen.
Am Ende wartet Ephesus. Die antike Stadt ist mehr als ein Unesco-Welterbe, sie ist ein Maßstab. Wer nach hundert Kilometern auf dem Rad durch das Marmortor tritt und die Celsus-Bibliothek vor sich sieht, versteht zum ersten Mal, was Anreise bedeutet. Der Abschnitt gehört zur EuroVelo-8-Route und schließt damit an das gesamte europäische Streckennetz an.
Aydın bis Marmaris: Wenn die Berge ans Meer treten
Zwischen Aydın und Marmaris verändert sich die Landschaft im Stundentakt. Mal Küstenstraße mit Blick auf glitzerndes Wasser, mal schattiger Pinienwald mit Steigungen, die in den Waden brennen. Wer hier fährt, sollte Trainingskilometer in den Beinen haben und ein Faible für den Moment, in dem nach einer Passhöhe plötzlich das Meer auftaucht, fünfhundert Meter tiefer und in einem Blau, das in keinem Katalog gedruckt werden kann.
Marmaris selbst ist Hafen, Promenade und Ausgangspunkt für die nächste Etappe.
Marmaris bis Fethiye: Cittaslow und stille Buchten
Diese Strecke gilt unter Radreisenden als eine der schönsten des Landes. Sie führt an der Bucht von Gökova entlang, vorbei an der antiken Stadt Kaunos und durch Köyceğiz, eine weitere Cittaslow-Stadt mit ihrem ruhigen See und den Storchennestern auf den Dächern. In Göcek schaukeln die Yachten im Hafen, in den Tavernen am Wasser werden frische Doraden über Holzkohle gegrillt. Wer am Abend in Fethiye ankommt, sieht oft die Schirme der Paraglider in der Luft, die sich vom Berg Babadağ langsam ins Tal schrauben. Ein passenderes Sinnbild für entschleunigtes Reisen gibt es kaum.

Foto: Seval Torun
Patara bis Kemer: Auf der Türkischen Riviera
Patara ist nicht nur antike Stadt, dort liegt auch einer der längsten Strände des Mittelmeers. Hier beginnt die Etappe, die sich an der Küste entlang nach Osten zieht. Kaş erscheint nach wenigen Stunden, ein weißes Dorf mit blauen Türen, gebaut an den Hang, und ein Magnet für Taucher. In Demre steht die Nikolauskirche, jener Bau, in dem ein gewisser Bischof Nikolaus im vierten Jahrhundert wirkte und damit, ohne es zu ahnen, eine bis heute lebendige Legende begründete. Wenige Kilometer weiter liegen die Felsengräber von Myra. Die Route endet in Kemer, dort wo der Taurus mit seinen Zweitausendern direkt ans Meer tritt.
Köyceğiz, Ortaca und Dalaman: Die ruhige Tour
Wer eine entspanntere Strecke sucht, findet sie in der Provinz Muğla. Die Route startet in Ortaca und folgt dem Dalaman-Strom Richtung Küste. Am Iztuzu-Strand legen zwischen Mai und Oktober Caretta-Schildkröten ihre Eier ab, am Sarıgerme-Strand weht die Blaue Flagge. Das Klima erlaubt es, diese Tour das ganze Jahr zu fahren, eine Seltenheit am Mittelmeer und ein Argument für eine Reise im Februar, wenn Mitteleuropa noch im Mantel steckt.
Güvercinlik: Kappadokien aus einer neuen Perspektive
Kappadokien kennt man vom Heißluftballon. Vom Rad aus sieht die Region anders aus, intimer, langsamer. Die Route durch das Güvercinlik-Tal beginnt an der Burg Uçhisar, dem höchsten Punkt der Landschaft. Von oben fällt der Blick über die Tuffsteinkegel, die im Morgenlicht orange leuchten. Dann geht es bergab durch das Freilichtmuseum von Göreme, durch das Meskendir-Tal und das Dorf Çavuşin. Zwischen den Felsen wachsen Aprikosenbäume, in den Höhlen leben noch immer Menschen, und an einer Wegbiegung steht plötzlich ein Esel und schaut den Radfahrenden hinterher, als wären sie die Sehenswürdigkeit.

Foto: Lev Levin / Shutterstock
Ankara und der Lake Eymir: Das Land kommt zur Ruhe
Die letzte Etappe der Presidential Tour endet in der Hauptstadt der Türkei. Ankara wirkt nach Tagen an der Küste fast nüchtern, mit ihren breiten Boulevards und den Bauwerken der frühen Republik. Wer noch nicht genug hat, fährt weiter zum Lake Eymir am südlichen Stadtrand. Der See liegt eingebettet in eine hügelige Landschaft, an den Ufern stehen Tische und Stühle, die Leute angeln, picknicken, lesen. Ein Schlusspunkt, der so unspektakulär wirkt wie das Ende einer guten Reise oft ist: leise, zufrieden, im Wissen, dass sich die Pedale auch weiterdrehen würden, wenn man nur wollte.

Foto: Go Türkiye
Weitere Informationen zu Routen, Unterkünften und Anbietern stellt das Fremdenverkehrsamt der Türkei unter gocyclingturkiye.com bereit.
HÄUFIGE FRAGEN
Radreisen in der Türkei: Was vorab zu wissen ist
Welche Jahreszeit eignet sich am besten für eine Radreise in der Türkei?
An der Ägäis und der Türkischen Riviera bieten April bis Juni sowie September und Oktober die angenehmsten Temperaturen. Die Sommermonate werden für längere Touren zu heiß. In Kappadokien beginnt die Saison später und reicht bis in den Oktober, im Inland sind die Nächte selbst im Frühjahr noch kühl.
Kann das eigene Fahrrad mit ins Land genommen werden?
Die meisten Airlines transportieren Fahrräder gegen Aufpreis als Sondergepäck, eine Voranmeldung ist erforderlich. Alternativ stehen vor Ort Verleihstationen bereit, vor allem in Antalya, Izmir und Kappadokien. Spezialisierte Veranstalter bieten zudem geführte Touren mit Materialstellung an.
Wie schwierig sind die Routen für Gelegenheitsradler?
Das Streckennetz deckt alle Niveaus ab. Für Einsteiger eignen sich flache Küstenabschnitte und E-Bike-Touren in der Region Muğla. Sportlich Ambitionierte finden in den Mountainbike-Routen Kappadokiens und auf dem Lykischen Weg ihre Herausforderung. Viele Veranstalter bieten Etappen mit Gepäcktransport an, was den Einstieg erleichtert.
Welche Regionen sind besonders für E-Bike-Reisen geeignet?
Die Provinz Muğla und die Region um Selçuk verfügen über eine dichte Infrastruktur an Lademöglichkeiten in Hotels und Cafés. Auch in Kappadokien hat sich der E-Bike-Tourismus etabliert, da die Höhenunterschiede zwischen den Tälern sonst viele Touren ausschließen würden.
Was kosten geführte Radreisen in der Türkei im Schnitt?
Eine geführte Woche mit Halbpension, Gepäcktransport und Leihrad liegt je nach Standard zwischen 1.200 und 2.500 Euro pro Person. Individuelle Reisen mit eigener Routenplanung sind deutlich günstiger, erfordern aber mehr organisatorischen Aufwand bei Unterkünften und Logistik.


