Usbekistan sieht aus, als würde man auf Schritt und Tritt der schönen Sheherazade und dem grausamen König Shahriâr begegnen. Zwischen schlanken Minaretten und gewaltigen Kuppeln scheint die Welt stehen geblieben zu sein. Text: Markus Grenz

»Erzähle Sheherazade«

Es wird berichtet, dass der König Shahriâr, Herrscher des prächtigen Samarkand, von seiner geliebten Frau betrogen wurde und nach ihrer Hinrichtung jeden Abend ein neues Mädchen als Braut ausstattete, um sie am nächsten Tag dem Henker auszuliefern. Bis die bildschöne Tochter des Wesirs dem Morden ein Ende bereiten wollte. In der Nacht bat sie, ihm noch eine Geschichte erzählen zu dürfen. Er sagte: »Erzähle Sheherazade«, und die Tochter des Wesirs begann: »Es war einmal ein Wanderer in der Wüste und der hieß Sim, Sohn des Noah. Nach der großen Überschwemmung legte er sich in den Sand zum Schlafen und träumte von 300 brennenden Fackeln. Als er wieder aufwachte, gründete er eine Stadt in Form des großen Schiffes; so, wie die Fackeln im Boden steckten. Dann ließ Sim einen Brunnen graben und nannte  ihn ›Oh, wie ist das wohltuend‹ (›Chejwak‹).«

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In Itchan Kala, der historischen Altstadt von Chiwa, kann man »Chejwak « heute noch sehen. Er liegt so versteckt am nordwestlichen Teil der gewaltigen Burgmauer, die den alten Teil der Stadt umschließt, dass man meinen könnte, die Stadtväter würden sich ihrer Wurzeln schämen. Dabei rasteten hier in der Karawanserei die durstigen Kaufleute mit ihren Kamelen, die auf der Großen Seidenstraße den Weg nach China, oder in die andere Richtung, zum Kaspischen Meer, angetreten hatten. Und da aus Wasser bekanntlich Leben entsteht, sollte dies auch in der Oase nicht anders sein, die zwischen den Wüsten »Kizilkum« (»Roter Sand«) und der »Karakum« (»Schwarzer Sand«) eingeklemmt ist. Gewachsen ist eine Stadt, in der man auf Schritt und Tritt vermutet, der schönen Sheherazade über den Weg zu laufen.

Hat man sich als Kind in der Fantasie den Orient ausgemalt, dann wird er möglicherweise so oder so ähnlich ausgesehen haben.

Durch enge Gassen schlängelt man sich vorbei an wunderschön restaurierten Lehmziegelhäusern, sieht bärtige Männer durch kunstvoll geformte Torbögen ihre Gärten betreten und schlanke Minarette in den Himmel wachsen, die auch als »Leuchttürme« für die Karawanen gedient haben. Überall lugen kleine und große Kuppeln hervor, manche schlicht aus Stein geschlagen, andere in sattem Dunkelgrün oder Türkis. Ganz klein kommt man sich vor dem Portal der größten mittelalterlichen Koranschule in ganz Mittelasien, der »Medrese Muhammed Amin Khan«, vor. Blaue Majolika (Kacheln) und glasierte Lehmziegel lassen den Betrachter über ihre raffinierten Ornamente und Muster staunen. »Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass jedes Einzelteil mit einer kleinen Zahl gekennzeichnet ist«, erklärt uns unser Führer Shavkat und tippt zur Bestätigung auf so ein kleines Nümmerchen. Dann lässt er die Zeigefingerspitze ein wenig weiterwandern, und uns fällt ein kleiner Nagelkopf auf, der aus der Keramik herausschaut. »Jedes Teil wurde zusätzlich noch festgenagelt«, schildert Shavkat. Bis zu 50 Grad im Sommer und minus 40 Grad in strengen Wintern würden auch hierzulande die Fliesenleger vor unlösbare Probleme stellen. Mir persönlichen reichen schon die 30 Grad aus, die das Thermometer für diese frühen Abendstunden anzeigt. Und als ich mir die Verkaufsstände ansehe, wird mir beim Anblick der angebotenen russischen Pelzmützen noch wärmer. Ob die Händler da nicht umsonst warten? Nicht nur, dass die Nachfrage nach so warmen Kopfschutz wohl kaum in die Touristenzeit fallen dürfte. Auch in der Hauptreisezeit sind die Besucher rar.

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In Sachen Tourismus ist Usbekistan noch ein Entwicklungsland.

In Zeiten der Sowjetunion floss der Strom der Neugierigen von selbst. »Vor dem Kollaps der UdSSR und der Selbstständigkeit 1991 kamen im Jahr rund eine Million Menschen zu uns«, erzählt mir Ziroat Rasulva. Die resolute Mittfünfzigerin ist seit Jahrzehnten in der Branche, kennt die Jahre vor der Zeitenwende in der Planwirtschaft der Sowjetunion. Nun, als Direktorin einer großen Reiseagentur, muss sie selbst für Kundschaft sorgen. »Und das ist unser Problem in Usbekistan: Wir wissen, wie man Touristen beherbergt, aber nicht, wie wir welche ins Land locken«, schildert sie. 60.000 ausländische Besucher im Jahr schätzt sie, reisen durch ihr Land. Eine verschwindend geringe Zahl. Länder mit »Stan« in der Endung stehen derzeit in der Reisegunst der Westler nicht besonders hoch im Kurs. Dabei punktet Usbekistan mit einer abwechslungsreichen Landschaft und vor allem den historischen Bauten. »Wir haben rund 900 architektonische Schätze und über 2.000 archäologische Highlights«, stellt die Usbekin fest – ein Land wie aus dem Märchen.

 

»Erzähle mir weiter von der Geschichte des Landes«,

forderte König Shahriâr die schöne Sheherazade auf, und die Tochter des Wesirs begann erneut: »Es begab sich, dass zwei Kaufleute aus dem Reich des Papstes unterwegs waren zum großen Herrscher Kublai Khan. Niccolò und Matteo waren ihre Namen. Der Khan schickte sie zurück mit dem Auftrag, die größten Geistlichen ihres Landes herzu – führen. Außerdem brachten sie mir den Sohn des Niccolò. Seine Name war Marco und er sollte künftigen Generationen Kunde von der Großen Seidenstraße geben.« Als Niccolò und Matteo Polo in den 1260er-Jahren auf ihrer ersten Asienreise ganze drei Jahre in Buchara verbrachten, ahnten sie noch nicht, dass Sprössling und Neffe Marco rund 50 Jahre später als Erster den Begriff prägen sollte, der bis in die heutigen Tage Träume von endlos langen Kamelkarawanen wecken sollte: die Seidenstraße.

 

»Wir befinden uns hier in der Mitte der Hauptroute, rund 6.300 Kilometer vom chinesischen Xian entfernt«,

berichtet unser Führer Shavkat, während um uns herum Helfer in einem der vielen Karawansereien in Buchara herumwuseln und wir den obligatorischen grünen Tee der Gastfreundschaft aus den Pialas, den henkellosen Tassen, schlürfen. Stück für Stück schichten die Händler die geknüpften Teppiche und gewebten und bestickten Sumaks übereinander. Als kleine Miniatur begegnen uns immer wieder die Muster, die wir bereits an den prächtigen Gebäuden gesehen haben. »Die Karawanen durften nicht irgendwo lagern, sondern wurden von den Karawan-Bashis, den Führern, in den mehr als 60 Karawansereien der Stadt untergebracht. Hier wurde gehandelt und sich für die Weiterreise gerüstet«, erklärt uns Shavkat und deutet auf den großen Hof, der umgeben ist von sandsteinfarbenen Mauern und hohen Gebäuden mit den markanten Spitzbogeneingängen. Hier lässt es sich auch noch bei den derzeit 40 Grad aushalten. Doch der Aufenthalt in den Karawansereien war begrenzt. Die ausländischen Händler, die wie die beiden Polos aufgrund politischer Wirren oder Kampfhandlungen hier länger »kleben« blieben und sich in einigem Abstand von den Einheimischen ansiedeln mussten, bauten sich gleich selbst die eigenen Unterkünfte und knüpften weiter am großen Netz der Seidenstraße. So wuchsen die Städte.

Wir brechen auf und erkunden die verwinkelte Altstadt, die sich wie ein geschütztes Biotop innerhalb der alten Festungsmauern erhalten hat. Denn im einstigen Reich Dschingis Khans sind die Zeugen der Vergangenheit noch lebendig.

Wie in einem Freilichtmuseum reihen sich die gigantischen Medresen mit ihren Respekt einflößenden Portalen, den großen Innenhöfen und breiten blauen Kuppeln neben die hohen und reich verzierten Minarette und wunderschön, mit glasierten Mosaiken und Backsteinen gestalteten Moscheen. »Manche sind noch in Betrieb, aber große Ansammlungen von Gläubigen duldet unsere Regierung nicht. Rund 90 Prozent der Usbeken sind Moslems, aber nur knapp 20 Prozent von ihnen streng praktizierend «, erläutert unser Führer den bislang sanften Weg, den der Islam nach dem Ende des Kommunismus und den Unruhen im Jahr 1999 genommen hat. Die Mischung aus Strenge und Würde, der man in vielen islamisch geprägten Ländern auf Schritt und Tritt begegnet, findet man in Usbekistan ebenso wenig wie verschleierte Frauen oder den allerorts präsenten Ruf des Muezzins.

»Die Herzen der Usbeken sind offen«,

unterstreicht unser Führer, der eigentlich gebürtiger Tadschike ist. Wo sollte man dies besser spüren als dort, wo das historische Herz Usbekistans am stärksten schlägt?

Rund 300 Kilometer entfernt von Buchara liegt die nächste berühmte Seidenstraßenstadt Usbekistans, das legendäre Samarkand. Wer hierher kommt, der besucht auch den Ort, der mit Fug und Recht als einer der schönsten Plätze der Welt gelten darf, der Registan-Platz (»Sandplatz«). Verglichen mit den drei gewaltigen Koranschulen, die an den beiden Seiten und am oberen Ende atemberaubend in den Himmel ragen, wirken die Usbeken zwischen ihnen wie Lego-Männchen. Frauen in ihren langen Obergewändern, den »Köylaks«, schlurfen in »Irinkas«, russischen Filzpantoffeln, umher, werfen Fremden neugierige Blicke zu, während sie herzhaft in eine »Samsa«, eine Fleischpastete, beißen.

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Usbekistan macht durstig, und so genieße ich die Aussicht mit einem Schluck kühlem Wasser am Platzbrunnen. Um mich herum höre ich Familien schnattern, beobachte die Reisenden aus dem ganzen Land mit ihren usbekischtürkischen, russischen oder asiatischen Gesichtszügen. Und ziehe die Aufmerksamkeit durch mein europäisches Aussehen auf mich. Im schwarzen Anzug setzt sich das Familienoberhaupt bei über 40 Grad an meine Seite und stellt sich mir als Bachtior vor. Da ich keiner Turksprache mächtig bin, müssen wir uns mit Zeichen behelfen. Als die Mutter die Kamera zückt und Bachtior meine Mütze für ein Foto aufzieht, gerät die ganze Sippe aus dem Häuschen. Und als ich auch noch Bachtiors traditionellen quadratischen »Kalpoc« auf meinen viel zu großen Kopf quetsche, kennen die Kinder kein Halten mehr. In Usbekistan ist nicht nur die Kulisse märchenhaft.

Und nach der 1001. Nacht sagte die schöne Sheherazade zum König von Samarkand: »Ich habe dir nun alle meine Geschichten erzählt. Du kannst mich nun köpfen lassen«. Doch Shahriâr ordnete ein Freudenfest an, und das ganze Land nahm daran teil.

Anreise. Aeroflot fliegt fünfmal die Woche von Berlin über Moskau nach Taschkent. Flüge ab Düsseldorf, Dresden, Frankfurt a.M., Hamburg, Hannover, München und Stuttgart sind ebenfalls möglich. www.aeroflot.com

Veranstalter. Globalis Fernreisen hat eine achttägige Rundreise in Usbekistan ab € 1295 im Angebot. Die Tour »Seidenstraße – Eine zauberhafte Reise entlang historischer Route« passiert die Städte Taschkent, Samarkand, Buchara, Chiwa und Urgench. Informationen unter Tel.: 06187 48 048 40 oder im Internet unter www.globalis.de.

Info. Generalkonsulat der Republik Usbekistan, Jahnstraße 15, 60318 Frankfurt am Main. Tel.: 0900 17 45 07 69, www.gk-usbekistan.de

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