Florida erfindet sich mit schöner Regelmäßigkeit neu – dabei bleibt der »Sunshine State« das ideale Terrain für einen Roadtrip. Text: Ralf Johnen

In der Andy Rosse Lane herrscht Gedränge. Dann erklingt Applaus. Bald darauf beobachten wir, wie sich derselbe Menschenstrom, der eben noch hektisch auf dem Weg zur Küste war, deutlich langsamer zurück landeinwärts bewegt. Grund für den Trubel ist der Sonnenuntergang, den die Urlauber hier auf Captiva Island bejubeln. Manchmal drängen sich in trägem Sinkflug Pelikane ins Bild, dann wieder sind es rhythmisch auf- und abtauchende Delfine. In diesen Momenten wird es besonders laut am Golf von Mexiko. Wir selbst empfinden auch ohne die lebenden Requisiten eine Euphorie. Schließlich sind es 25 Grad an einem Januarabend. Und die Sonne wird hier in Südflorida auch im Winter ihrer allabendlichen Galavorstellung nicht müde.

Sanibel Island ist perfekt, um abzuschalten

Über eine kaum wahrnehmbare Brücke fahren wir zurück auf die größere Nachbarinsel. Auch Sanibel ist einer dieser Jubelorte: schneeweiße Strände an der Grenze von Tropen zu Subtropen. Kein Haus, das höher als eine Palme ist. Und ein großflächiges Naturreservat, in dem Alligatoren träge in der Sonne liegen, während Rosalöffler Beifall heischend ihre unförmigen Schnäbel in den Wind halten. Mit ihrer angenehmen Ereignislosigkeit ist Sanibel Island ein ideales Revier zum Ankommen.

Blick auf einen Strand auf Sanibel Island

Nagel Photography/Shutterstock.com

Nach drei Tagen des Müßiggangs und nach dem soundsovielten Zackenbarsch (»Grouper« ist die lokale Spezialität) können wir es aber kaum erwarten, die Insel über die buckelförmige Brücke zum Festland zu verlassen. Schließlich ist der Roadtrip die amerikanische Reiseform schlechthin – und das soll er auch bleiben.

Erste Station ist Matlacha Island (sprich MEL-LA-SCHEE) vor den Toren von Fort Myers, wo Besucher aus Übersee immer noch ein wenig wie Exoten beäugt werden. Bis 1998 verdienten die Einwohner ihr Geld mit der Fischerei. Doch als der Bestand der Meeräschen immer dramatischer zurückging, wurde der Fang kurzerhand verboten. Die Fischer verloren von einem Tag auf den anderen ihre Existenzgrundlage. Ihre bunten Hütten aber sind geblieben. Mittlerweile haben sie in Person von Künstlern und Galeristen dankbare Nachnutzer gefunden.

Refugium für Künstler: Matlacha Island

Die Insel ist kaum länger als einen Kilometer – und ihre Oberfläche ist von Kanälen zerfurcht. Dennoch lebt hier das alte Florida wie an kaum einem anderen Ort: Auf der einen Seite der Kanäle wuchern Mangroven, auf der anderen wippen Bötchen in den Wellen. Mit sicherem Abstand zum Boden hat sich in mancher Palme ein Fischadlerpärchen ein Nest eingerichtet. Leoma Lovegrove geht mit Blick auf diese Szenerie ihrer Arbeit nach. Das bedeutet konkret: Kokosnüsse heranzuschaffen, diese mit knallbunten Florida-Motiven zu verzieren und somit den Betrieb der größten Kokosnusspostkartenfabrik der Welt zu gewährleisten.

Verspielter Briefkasten auf Matlacha Island in Florida

Nadezda Murmakova/Shutterstock.com

Eine Idee, die dem Paradiesvogel einige Berühmtheit verschafft hat. Seitdem empfängt die Künstlerin im Garten ihres Anwesens auch Besucher. Kindern spendiert sie ein Eis. Mit uns plaudert sie über das Leben auf Matlacha und den Wandel der Zeit.

»In Florida«, so ihre Erkenntnis, »nothing lasts forever.«

Obwohl also in Florida nichts ewig währt, kann es dennoch authentisch sein. Mit diesem Zwischenfazit fahren wir durch bis nach Naples.

In Naples ist das Geld zu Hause

Das Städtchen der Superreichen ist nur eine Stunde entfernt – und doch könnte der Tapetenwechsel kaum drastischer sein. Auf den Straßen stehen feine Limousinen britischer Herkunft, deren Besitzer in geräumigen Freiluftrestaurants ihre pastellfarbene Garderobe zur Schau stellen. Es dominiert der Zungenschlag des Mittleren Westens. Auch im Urlaub ist man gerne unter seinesgleichen.

Eingangsweg zum Ocean Beach in Naples in Florida

Olga Yudina/Shutterstock.com

Nach diesem kurzen Intermezzo begeben wir uns auf die Suche nach »the real Florida«, der Wildnis also, die trotz aller Golfplätze und Shopping Malls hinter den Ortsschildern von Naples abrupt beginnt. Nach wenigen Kilometern sehen wir im Collier-Seminole-Statepark die ersten Schilder, die auf den Florida-Panther hinweisen – eine hochgradig gefährdete Spezies, obwohl die Everglades die Erhaltung vorhandener Biotope zumindest auf dem Papier sichern. Gleichzeitig aber zieht das Etikett Nationalpark mittlerweile so viele Besucher an, dass die Parkplätze an den wenigen zugänglichen Orten fast immer überfüllt sind.

In Evergaldes City geht’s in die Mangrovenwelt

Gerade noch außerhalb des Nationalparks finden wir an der Westflanke ein verschlafenes Dorf vor: Everglades City. Hier begeben wir uns an Bord eines Pontonbootes, das uns durch die Mangrovenwelt der 10000 Islands führt. Ein Pensionär im Tarnanzug stellt sich als Captain Gerry vor. Nach zehn Minuten weist er uns auf zwei Manatees hin, die gutmütig dreinblickenden Rundschwanzseekühe.

Danach nimmt er Kurs auf eine Sandbank, wo sich eine Kolonie Weißpelikane über den Winter einquartiert hat. Bevor wir wieder an Land gehen, sehen wir abermals Fischadler (»Ospreys«) und Delfine. Es ist eine herrliche Tour – vor allem im Vergleich zu den lärmenden Luftkissenbooten, die andernorts die sensiblen Biotope zerpflügen. Kein Roadtrip durch Florida aber ist perfekt ohne Fahrt über den Overseas Highway. Also lassen wir die Everglades am nächs­ten Tag hinter uns. Auf dem Weg nach Süden erhaschen wir einen Blick auf die Skyline von Miami. Bald aber gehen die uniformen Vorstädte in eine Inselwelt über.

Die Florida Keys gehören bei einem Florida-Trip dazu

Das lang gezogene Key Largo weckt Erinnerungen an die goldenen Zeiten von Hollywood, beeindruckt uns sonst aber wenig. Danach werden die Inseln kleiner und das Wasser blauer. Auf Islamorada schlägt die anfängliche Enttäuschung in karibische Begeisterung um. Den Abend verbringen wir in der »Lorelei Cabana Bar«. Mit Blick auf die untergehende Sonne bestellen wir köstliche Thunfisch-Nachos und Frozen Margaritas.

Am nächsten Morgen passieren wir in aller Frühe die Seven Mile Bridge. Wir wollen vor allen anderen auf Bahia Honda Key sein, eine Insel, die als State Park vollständig unter Schutz steht. Vor Ort erklimmen wir die Überbleibsel der zweistöckigen Brücke, auf der – lange vor den Autos – die Eisenbahn bis nach Key West rollen konnte. Hier oben bekommen wir eine Vorstellung davon, wie die Keys mal gewesen sein müssen: einsam, wild, fragil und von entrückter Schönheit.

Vogelperspektivenblick auf die Seven Mile Bridge in Florida

pisaphotography/Shutterstock.com

Auch Key West besitzt einen Rest dieser Charakterzüge: Die historischen Holzhäuser mit ihren umlaufenden Veranden, frei umherstolzierende Hähne, die üppige Vegetation und Lebenskünstler, die in einem wiederkehrenden Schema auch hier der untergehenden Sonne zujubeln – all das ist charmant. Am schöns­ten aber ist Key West in der tropischen Nacht. Wenn die Kreuzfahrer zurück an Bord und die meisten Motoren abgeschaltet sind, entfaltet sich ein Gefühl der Abgeschiedenheit, das der gute Ernest Hemingway schon zu schätzen wusste, ehe es auf Key West Strom gab. Anders als »Papa«, der seine Drinks bei »Sloppy Joe’s« zu sich zu nehmen pflegte, entscheiden wir uns für den »Green Parrot«, wo wir wahrhaftig mit Einheimischen ins Gespräch kommen.

Letzte Stationen: Miami und Palm Beach

Zurück auf dem Festland, fällt uns am nächsten Tag sofort auf, wie hart Miami arbeitet – vor allem an sich selbst. Floridas Metropole ist heute Mittelpunkt eines 5,5 Millionen Einwohner zählenden Ballungszentrums. Die Stadt aber möchte nicht bloß groß sein. In South Beach bemerken wir, dass die letzten baufälligen Art-déco-Juwelen renoviert sind. Die pastellfarbenen Anstriche und die Neonreklamen strahlen heller denn je zuvor.

Noch mehr staunen wir über Wynwood, das vor anderthalb Jahrzehnten ein tristes Lagerhallenviertel ohne Zukunft war. Dann hat 2002 der Ableger der Kunstmesse Art Basel seinen Siegeszug in Miami angetreten, mit dem Ergebnis, dass sich hier um die 60 Galerien einquartiert haben. In ihrem Gefolge kamen Restaurants, Clubs und Bars. Seitdem ist Miami hip.

Für die Fortsetzung eines Roadtrips wirkt das nicht motivationssteigernd. Doch wir haben noch ein letztes Ziel: Palm Beach, ein kleines Barriereeiland, auf dem jeder einflussreiche amerikanische Clan ein Domizil besitzt. Hier treffen wir Rick Rose, der lange Zeit in Deutschland gelebt hat und hier nun mit seinem Partner ein Bed & Breakfast betreibt. Als Tour Guide ist er zudem mit einigen Geheimnissen des Geldadels vertraut. Rick zeigt uns die Anwesen der Pulitzers und der Vanderbilts, danach die Winterresidenz von Donald Trump.

Rick witzelt, dass das FBI hier über unsere Aktivitäten bereits vor uns selbst Bescheid wisse. Der vielen reichen Promis wegen. Später schlendern wir die Worth Avenue entlang, wo die Tiffanys und Brionis dieser Welt ihre Geschäfte treiben. Ich frage Rick, womit man denn in Palm Beach so seine Zeit verbringe.

»Es gibt so gut wie jeden Tag einen Wohltätigkeitsball«, sagt er augenzwinkernd.

Am Abend sitzen wir im »Breakers« – dem ultimativen Grand Hotel Floridas, wo wir in der Bar einen Gimlet trinken. Das Ambiente erinnert stark an die Fernsehserie »Mad Men«. Auch die Ostküste Floridas besitzt Orte, die uns zum Jubeln bringen können.

Anreise. Mit Air Berlin von Düsseldorf nach Fort Myers oder Miami, mit Lufthansa von München nach Miami oder ab Frankfurt nach Tampa, ab etwa € 600. www.lufhansa.de, www.airberlin.com

Mietwagen. Zum Beispiel über Sunny Cars, 14 Tage ab € 380 inklusive aller Versicherungen, Steuern und Gebühren. www.sunnycars.de

Unterkunft. Sanibel Island: Island Inn Hotel & Resort. Hübsches und übersichtliches Resort mit voll eingerichteten Zimmern direkt am Strand, ab € 169, 3111 W. Gulf Drive, Sanibel.
Key West: Cypress House Hotel, 120 Jahre altes Baudenkmal, das zu einem stilvollen Hotel mit tropischer Vegetation umgebaut wurde, ab € 188, 601 Caroline Street, Key West.
Miami: Grand Beach Hotel, durchgestyltes Hotel direkt am Strand, dessen Zimmer mit Südbalkonen freie Sicht auf sowohl den Atlantik als auch auf Downtown Miami bieten. Ab € 139, 4835 Collins Ave., Miami Beach.
Palm Beach: Grandview Gardens, charmantes Bed & Breakfast in subtropischer Umgebung unter deutschsprachiger Leitung, ab € 140, 1608 Lake Ave. West Palm Beach.

Sonstiges. Das Atelier von Leoma Lovegrove: 4637 Pine Island Rd, Matlacha. Bootstouren in Everglades City.

Shopping. Die beste Adresse für gigantomanische Shopping-Trips ist Sawgrass Mills, eine Mall mit über 350 Geschäften. 12801 West Sunrise Blvd., Sunrise.
Der wohl breiteste und weißeste Strand ganz Floridas ist in Fort Myers – perfekt für ausgedehnte Faulenzer-Tage. Mehr Infos über Fort Myers und Sanibel Island hier. Weitere Infos. www.fla-keys.de, www.miamiandbeaches.de, www.palmbeachfl.com, www.visitflorida.com/de Der Autor hat gerade in der Reihe »MERIAN momente« einen Reiseführer über Florida geschrieben. Die hier geschilderte Reise kann bequem in zehn bis 14 Tagen absolviert werden.

Sie wünschen mehr Informationen über den südöstlichsten US-Bundesstaat? In unserem Reise-Guide Florida gibt es viele weitere Infos rund um die Destination Florida. Dazu hier klicken.

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