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»Freitauchen macht glücklich, mit nur einem Atemzug«, so schwärmte einst Natalia Molchanova. Die Russin war die erste Frau, die ohne Atemhilfe tiefer als 100 Meter getaucht ist. Apnoetauchen, so wie der Sport häufig bezeichnet wird, ist die Kunst, so lange, so weit oder so tief wie möglich mit nur einem Atemzug unter Wasser zu bleiben, ohne Tauchflasche oder sonstiges Equipment. Alles, was benötigt wird, sind Maske und Flossen, und auch die sind nicht unbedingt erforderlich.

Text: Bianca Klement 

Für Menschen, die das Reisen lieben, ist Apnoetauchen eine Möglichkeit, ein vollkommen fremdes Terrain zu erkunden: die Unterwasserwelt. Bei keinem anderen Sport kommen Meeresbewohner so nah an die Taucherbrille. Denn beim Freitauchen entstehen keine störenden Blasen und kein Lärm. Wer sich dem Sport hingibt, wird Teil des Ozeans. Unaufgeregt lassen sich Korallen beobachten. Wer genauer hinsieht, erspäht, wie orangefarbene Clownfische zwischen Anemonen hindurchhuschen, und sieht die lila-blauen Lippen von Riesenmuscheln aus nächster Nähe.

Apnoetauchen in Ägypten

Dudarev Mikhail/Shutterstock.com

Apnoetauchen: Tiefer, weiter, länger

Es gibt viele Gründe, Freitauchen einmal auszuprobieren: ein besseres Körpergefühl, keine kiloschwere Ausrüstung zum Herumschleppen und die Fähigkeit, sich lautlos unter Wasser zu bewegen. Freitauchen eignet sich für jeden, egal ob 17 oder 70 Jahre alt, Sportcrack oder eher Couch-Potato. Mit einem erfahrenen Coach an der Seite lässt sich der Sport binnen kurzer Zeit lernen. Die eigene Atemanhaltezeit verdoppelt oder verdreifacht sich dabei schneller als vermutet.

Solange einige wichtige Grundregeln eingehalten werden, ist Freitauchen ein sicherer Freizeitspaß. Dennoch gilt Apnoe als Extremsport, und die Rekorde der aktiven Wettbewerbsszene sind in der Tat atemberaubend. Bei Meisterschaften gibt es Disziplinen mit oder ohne Flossen, mit Gewichten, im Pool oder im Freiwasser. Alexey Molchanov hält mit 136 Metern den absoluten Weltrekord im Tieftauchen mit konstantem Gewicht (CWT). Alenka Artnik schafft es mit einem Atemzug in eine Tiefe von 123 Metern. Der Rekord in Statik, also nach einem Atemzug so lange wie möglich die Luft anzuhalten, liegt im offiziellen Wettkampf bei 11 Minuten und 35 Sekunden, aufgestellt von Stéphane Mifsud.

Freitaucher im Meer

DZiegler/Shutterstock.com

Tauchen für das Selbstvertrauen

Doch für viele Taucher geht es nicht um Rekorde, sondern darum, im Wasser zu sein, die Natur zu erforschen und sich selbst besser kennenzulernen. Denn Apnoe ist nicht nur ein physischer Sport, sondern eine Symbiose aus körperlichem und mentalem Training. Ein Tauchgang über 20, 60 oder 100 Meter oder das minutenlange Verweilen unter der Wasseroberfläche gelingt nur dann, wenn Körper und Geist in Einklang sind.

Apnoe verlangt, mentale Barrieren zu überwinden und Selbstvertrauen zu gewinnen. Wer öfter abtaucht und intensiver trainiert, bekommt eine höhere CO2-Toleranz. Denn tatsächlich löst nicht der Sauerstoffmangel den Reiz zu atmen aus, sondern der steigende Kohlenstoffdioxidgehalt im Blut. Der Fortschritt kommt von ganz allein. Erzwingen lässt sich nichts, denn Druck und Stress jeglicher Art sorgen für Anspannung, und die ist kontraproduktiv. Vielleicht ist der Sport deshalb gerade bei Menschen mit stressigem Alltag beliebt. Freitauchen schult die Geduld und lenkt den Blick bewusst auf das Jetzt. Training bedeutet auch, gezielt zu entspannen und loszulassen.

Apnoetaucher Adam Stern

Adam Stern

Apnoetauchen ist eine mentale Herausforderung

Egal ob Wettbewerb oder Spaßtauchen, im Vordergrund steht das Wohlbefinden. »Jeder Tauchgang, den man macht, sollte sich gut anfühlen«, sagt Adam Stern. Adam ist mehrfacher australischer Rekordhalter und gehört zu den wenigen Top-Athleten, die mit einem Atemzug tiefer als 100 Meter tauchen können. Er weiß, dass eine positive Einstellung die wichtigste Basis ist. Adam ist in der Szene so etwas wie ein Pop-Star. Mit seinen YouTube-Videos hat er bereits Tausende für die Philosophie und Techniken des Freitauchens begeistert. Regelmäßig organisiert er an den schönsten Tauchspots der Welt seine Deep Weeks, internationale Freitauchevents, bei denen Apnoe-Novizen mit Superstars der Szene wie Alexey Molchanov oder William Trubridge gemeinsam trainieren und von Profis lernen können.

»Man sollte immer mit positiven Gedanken abtauchen«, sagt Adam.

Denn je relaxter der Taucher ist, desto weniger Energie verbrennt er und desto länger bleibt er unter Wasser. Leistungsdruck, Ängste, Sorgen und Hektik sorgen für Stress und im schlimmsten Fall negative Gedanken. Die Muskeln spannen sich an, der Kopf rattert, und der Körper verbrennt mehr Sauerstoff.

 

Wasser ist unser Element

Wasser ist für uns Menschen kein fremdes Element, immerhin bestehen unsere Körper bis zu 80 Prozent aus dem kühlen Nass. Sobald das kalte Wasser beim Eintauchen über das Gesicht streicht, verändert sich die Wahrnehmung, und Urinstinkte werden geweckt. Genau wie bei Delfinen, Walen oder Robben verlangsamt der aktivierte Tauchreflex Herzschlag und Stoffwechsel. Mit jedem Tauchgang gewöhnt sich der Körper besser daran, sich mit dem Atemreiz zu arrangieren. Jeder zusätzliche Meter und jede gewonnene Sekunde bringen mehr Selbstvertrauen und Sicherheit.

Das Schönste am Freitauchen: Es lässt sich überall dort ausüben, wo Wasser ist. Als Hotspots gelten Dahab, Kaş oder Bali. Für die ersten Schritte braucht es allerdings keine Fernreise. In ganz Deutschland bieten zahlreiche Tauchschulen Apnoe-Kurse an. In heimischen Seen oder im Pool lassen sich Atemtechniken erlernen, dazu Wege zur schnelleren Entspannung und zur effizienten Bewegung im Wasser. Auch der VDST, der Verband Deutscher Sporttaucher, informiert und bildet in heimischen Gewässern nach höchsten Sicherheitsstandards aus.

Wie lebendig die Szene bleibt, zeigt Alexey Molchanov immer wieder: Im April 2026 stellte er am sibirischen Baikalsee einen neuen Eistauch-Rekord auf, 91 Meter auf einen einzigen Atemzug, sein 42. Weltrekord.

zwei Apnoetaucher im Wasser

Dudarev Mikhail/Shutterstock.com

Hier findet ihr mehr Informationen rund ums Freitauchen und zu den Deep Weeks von Adam Stern.

HÄUFIGE FRAGEN

Welche Voraussetzungen braucht man fürs Apnoetauchen?

Notwendig sind Schwimmsicherheit und eine normale körperliche Grundfitness, kein Hochleistungssport. Der Sport eignet sich für nahezu jedes Alter, ein erfahrener Coach senkt die Einstiegshürde deutlich.

Welche psychischen Voraussetzungen sind wichtig?

Entscheidend sind Gelassenheit und die Fähigkeit, loszulassen, denn Stress und Leistungsdruck verbrauchen Sauerstoff. Apnoe ist zu großen Teilen mentales Training und schult Geduld und Konzentration.

Ist Apnoetauchen gesundheitsschädlich?

Unter Anleitung und mit festen Sicherheitsregeln gilt Freitauchen als sicherer Freizeitsport. Riskant wird es allein oder ohne Partner, deshalb gilt die wichtigste Regel: niemals ohne Buddy tauchen.

Wo kann man Apnoetauchen lernen, ohne zu verreisen?

In ganz Deutschland bieten Tauchschulen Apnoe-Kurse in Pools und Seen an. Der Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) bildet nach hohen Sicherheitsstandards in heimischen Gewässern aus.

Welcher Film gibt Inspiration zum Freitauchen?

Der Klassiker ist Luc Bessons »Im Rausch der Tiefe« von 1988, angelehnt an die Rivalität der Apnoe-Pioniere Jacques Mayol und Enzo Maiorca. Aktueller und ebenso eindringlich ist die Dokumentation »The Deepest Breath« von 2023.

Mehr Unterwasser-Geschichten gefällig? Unser Autor Gerald Nowak taucht gerne ab – überall und zu jeder Jahreszeit. Seine spannenden Tauchgeschichten findet ihr hier.