Unzählige Fjorde, grüne Hügel und ein graublaues Meer an der Atlantic Road warten nur darauf, in all ihrer rauen Schönheit entdeckt zu werden. Mit dem Boot, Rad oder zu Fuß. Autor Andreas Dauerer hat sich ins Auto gesetzt und sich im Nordwesten Norwegens umgesehen.

Molde: graue Industriestadt, aber schöne Aussicht auf die Gipfel

Kaum angekommen und dem Mietautoschalter den Rücken gekehrt, prasselt auch schon norwegischer Regen in Strömen herab. Das nenne ich doch mal eine standesgemäße Begrüßung. Also nichts wie ab ins Hotel Fjordstuer mit Blick aufs Wasser – vom trockenen Zimmer aus. Molde, ich möchte es direkt vorwegnehmen, ist kein architektonischer Leckerbissen. Wie auch, schließlich fungierte die Stadt im Zweiten Weltkrieg teilweise als Hauptquartier der norwegischen Armee und wurde von deutschen Fliegern sehr in Mitleidenschaft gezogen.

Heute ist sie vor allem eine graue Industriestadt, besonders greifbar in der Hafengegend. Immerhin reihen sich ein paar nette bunte Häuser den Hang empor, die man bei einem Pflichtausflug auf den 407 Meter hohen Varden auch aus der Nähe betrachten kann. Von dort hat man endlich das Panorama vor Augen, wofür Molde berühmt ist.

Molde in Norwegen ist zwar eher eine graue Industriestadt – doch der Ausblick über den Fjord ist gigantisch.

Madrugada Verde/Shutterstock.com

Zumindest dann, wenn es nicht regnet. Glücklicherweise reißt der Himmel ein wenig auf, und der Moldefjord glitzert in der Abendsonne, während dahinter sich unzählige schneebedeckte Gipfel in einen graublauen Himmel bohren. Abends gibt es Kabeljau mit mexikanischer Salsa. Eine ungewöhnliche, aber durchaus raffinierte Kombination. Nach der Käseplatte geht dann nichts mehr. Höchste Zeit fürs Bett.

Trollstigen: Wasserfälle und Felsformationen

Regen und zwölf Grad. Aber der norwegische Himmel zeigt sich jetzt im Herbst sehr wechselhaft, reißt auf und dann, der Physik sei Dank, kommt genau das, was wohl jeder liebt: Regenbogen. Oder besser: Regenbögen. In keinem Land habe ich mehr von ihnen gesehen als hier in Norwegen, und ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn die bunten Ringe vor einem dunklen Himmel leuchten.

Norwegen ist auch das Land der Regenbögen – selten hat unser Autor Andreas Dauerer so viele von ihnen gesehen wie dort.

Andreas Dauerer

Auf in Richtung Åndalsnes und dann weiter nach Trollstigen. Da, wo der Legende nach die Trolle wohnen und man es mit dem Auto erst einmal im groben Zickzack auf 700 Meter über Null schaffen muss. Der Bauleiter war offenbar ein sehr großer Fan von Haarnadelkurven, oder die Trolle hatten ehedem keine Ahnung, wie man Treppenstufen in den Fels hämmern sollte. Dem Besucher bieten sich jedoch beim Befahren unzählige Blicke auf Wasserfälle und Felsformationen auf der einen und eine kilometerlange Aussicht tief hinein in das Tal auf der anderen Seite. Ein Genuss, vorausgesetzt, einem wird nicht schlecht dabei.

Oben angekommen, steht man dann schnell im Touristentrubel. Selfies mit Holztrollen sind sehr beliebt, natürlich kann man sie auch in allen Farben und Formen aus Stoff kaufen oder bei Kaffee und Kuchen dem Treiben zugucken. Anschließend läuft man auf einem perfekt ausgebauten Pfad zur Bergkante. Die erste Plattform spannt sich direkt über den kleinen Gebirgsfluss, der schnell zum Wasserfall wird und seinen Weg mit viel Getöse nach unten sucht. Schon hier ist die Sicht hervorragend, was jedoch auf der zweiten Plattform noch einmal besser wird.

Trollstigen in Norwegen ist eine der kurvenreichsten Straßen der Welt.

Andreas Dauerer

Unten schleppt sich ein Transporter nach oben, wahrscheinlich auf dem Weg in Richtung Geiranger, die Zickzack-Fahrbahn schält sich aus dem Berg vor einer bunten Talkulisse. Kurz frage ich mich, wie wohl Karl May die Szenerie beschrieben hätte, aber so lange habe ich gar nicht Zeit. Und im Gegensatz zu ihm sehe ich ja das, was vor mir liegt. Die Sonne blinzelt durch die Wolken und taucht das Tal in eine märchenhafte Grünpalette. Es wirkt fast schon surreal, und ich warte eigentlich nur darauf, dass sich eine Horde Trolle den Weg hinunter bahnt.

Atlantic Road, Håholmen

Mit Wind, Sonne, Regen und Regenbogen geht es weiter nordwärts ans Meer in Richtung Atlantic Road und Håholmen, einer kleinen Insel mit Hotel. Natürlich nicht direkt, sondern immer entlang der Küste. Zunächst nach Sylte und dann entlang des Harøyfjords gen Osten.

Haus in Norwegen an der Atlantic Road

Andreas Dauerer

Die Landschaft ist weich und sanft, grüne Hügel wechseln sich rechter Hand ab, und zur linken eskortiert mich eine zerklüftete Fjordlandschaft. Das Wetter bestimmt das Tempo. Licht und Schatten wechseln sich ab, und die Erde um uns herum scheint selbst dann zu leuchten, wenn wieder Regen unerbittlich gegen die Windschutzscheibe hämmert. Eigentlich könnte man minütlich aussteigen, die Wanderstiefel schnüren und einfach losmarschieren.

Aber ich fahre direkt weiter ins Fischerdorf Bud, das mir sehr ans Herz gelegt wurde. Allerdings bin ich zu spät dran. Die Sommersaison ist vorbei und der Winter noch nicht voll da, selbst die Gaststätten haben geschlossen.

Bud ist ein kleines, typisches Dorf entlang der Atlantic Road in Norwegen.

Andreas Dauerer

Also gibt es nur einen kleinen Snack im örtlichen Kiosk. Außergewöhnlich ist sie, diese Atlantic Ocean Road. Vor allem, wenn man sie von Vevang aus nach Kårvåg fährt. Dann kommt erst eine relativ gerade und dann gleich diese berühmte Brücke mit der schiefen Auffahrt, die sich über einen Teil des Kornstadfjords spannt.

Insel Averøy, Geitøya und Håholmen

Insgesamt reicht die Atlantikstraße gut acht Kilometer, immer wieder über kleine Inselchen und Brücken, bis man auf die große Insel Averøya gelangt.

Atlantic Road in Norwegen

Andreas Dauerer

Aussteigen, fotografieren, einsteigen, aussteigen, spazieren. So kann man locker auch zwei Stunden entlang dieser kurvigen Straße verbringen. Ich stelle das Auto in Geitøya ab, von hier geht es hinüber nach Håholmen. Wegen der spärlichen Nachsaison leider nicht mit dem Wikingerschiff , sondern mit einem schnellen Motorboot. Ehemals war auch Håholmen ein einfaches Fischerdorf gewesen. Aber dann konnten sie mit der zunehmenden Industrialisierung des Fischfangs nicht mehr überleben.

Anschließend fiel es dann Ragnar Thorseth in die Hände, einem Abenteurer und Lebenskünstler. Er war etwa der Erste, der vom norwegischen Måloy hinüber nach Lerwick auf den Shetland-Inseln gerudert ist. Oder eben mit dem Wikingerschiff Saga Siglar die Welt umsegelt hat. Ein Nachbau döst vor dem Hotel und wird gerne für Aus- und Überfahrten verwendet. Zusammen mit seiner Frau restaurierte Thorseth 1988 das ganze Fischerdorf. Heute gehört es zu den Classic Hotels, und man kann dem Leben des Abenteurers hier ganz gut nachspüren. Natürlich darf aber ein Gin Tonic ebenso wenig fehlen wie der traditionelle Klippfisch später im Restaurant.

Finnøya

Die Nacht war unruhig. Der Regen trommelte unaufhörlich an die dünnen Fenster, und der Wind rüttelte die Holzwände ordentlich durch. Ein herzhaftes Frühstück am Wasser entschädigt etwas, der anschließende Regenbogen am Horizont dann vollständig für die nächtlichen Strapazen. Danach heißt es: übersetzen und weiterfahren.

Auf der Atlantic Road in Norwegen muss leider auch mit Regen gerechnet werden – doch die unzähligen Regenbögen entschädigen.

Andreas Dauerer

Von Geitøya quer durch das Festland nach Hollingen und mit der ersten Fähre nach Aukra und von dort über Småge nach Finnøya – ebenfalls mit dem Schiff. Havstuer heißt das Hotel dort, direkt am Fähranleger. Interessant: Hier tummelt sich die größte Sammlung einheimischen Aquavits, alle 258 Exemplare liebevoll gesammelt von Stein Lystad, dem Hotelchef persönlich, der sein Wissen gerne an die Gäste weitergibt. Also tauche ich ein in eine jahrhundertalte norwegische Tradition. Und die ist streng reglementiert.

Finnoy in Norwegen

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Man nehme Kartoffeln aus hiesigem Anbau, lässt sie in spanischen Eichenfässern, in denen vorher Sherry oder Portwein gelagert wurde, fermentieren, und nach einer gewissen Zeit erhält man norwegisches Aquavit. Ich probiere drei Schnäpse, von weich bis ziemlich scharf. Darauf abgestimmt werden kleine Häppchen kredenzt. Hering auf Kartoffel, Wal auf Knäckebrot und ein hervorragender Schimmelkäse.

Die kleinen Gaumenfreuden harmonieren tatsächlich mit den unterschiedlichen Schärfegraden des Aquavits und machen fast schon Lust auf mehr. Allerdings steckt auch im norwegischen Aquavit jede Menge Alkohol, sodass ich nach drei Gläsern und ein bisschen Bier jetzt dringend das Abendessen brauche. »Könnt ihr denn guten Gewissens überhaupt Wal essen?«, fragt Chefkoch Lars. Eigentlich schon. Zumindest dann, wenn man die Bilder japanischer oder isländischer Walfänger gedanklich beiseiteschiebt.

In Norwegen genehmigt man sich gerne einen Aquavit – oder zwei.

Andreas Dauerer

Auf den Tisch kommen Grindwale

Hier kommen Grindwale auf den Teller, und die sind weder im Bestand gefährdet noch anderweitig bedroht. Und sie schwimmen nun einmal vor den hiesigen Küsten, deshalb kann ich das vertreten. Außerdem, so Lars, verwende er ohnehin nur lokale Zutaten, und der Fisch, egal, ob groß oder klein, gehört natürlich dazu. Dass dabei die Qualität nicht leidet, beweist Lars mit seinen Kreationen. Die Selleriesuppe mit kleinen Walstückchen riecht nicht nur hervorragend, sie schmeckt auch so.

Das anschließende Lammfilet auf Pilzgemüse mit Salbei-Soße ist ein Gedicht, das Fleisch zerfällt im Mund, und der Salbei gibt dem Fleisch noch einmal eine ganz frische Note.

Lammgericht auf Teller

Andreas Dauerer

Auch den Nachtisch beherrscht der Mann, der einst in Geiranger gelernt hat und ein Praktikum im Noma in Kopenhagen absolvieren durfte. Weißes Schokoladenmousse auf Teigtörtchen, dazu dunkles Schokoladenmousse mit Aquavit nebst Mangosorbet – alles in einer Qualität, die ich, Schande über mein Haupt, wirklich nicht nach Norwegen verortet hätte. Alles immer im Einklang der Wellen, die das Haus umspülen, und dem Aquavit, der als Schlummertrunk noch einmal kredenzt wird. Skål.

Ona

»God dag.« Hilde, Mitte 40 und mit leicht grau meliertem Haar, guckt kurz von ihrem Stuhl hoch. Im winzigen ehemaligen Fischerdorf Ona, gerade einmal eine halbe Stunde von Finnøya mit der Fähre entfernt, betreibt sie einen Laden für Norwegerpullis. Alle handgefertigt, versteht sich. Die Nadeln tanzen rhythmisch mit der weißen Wolle. Zusammen mit drei weiteren Frauen verstricken sie überwiegend weiche Alpakawolle zu traditionell norwegischen Mustern. »14 Tage brauche ich für einen Pulli«, sagt sie. Wenn nichts dazwischenkommt. Rein rechnerisch macht das insgesamt knapp 100 Pullover pro Jahr, die wir vier Frauen schaffen. Aber ehrlich gesagt – ich habe gar keine Ahnung«, lacht sie. Aber ihr Laden läuft.

Die Tagesausflügler schauen immer vorbei, wenn sie auf die Fähre warten, und weil direkt nebenan der Kiosk ist, sind es immer ein paar mehr. Aber so verschlafen Hildes Buchhaltung ist, so verschlafen zeigt sich der Ort, gerade jetzt in der Nachsaison. Eine Galerie mit Töpferkunst hat noch geöffnet, ansonsten rührt sich nichts. Die Insel durchwandert man in einer knappen Stunde, dann hat man alles gesehen. Über den Köpfen kreisen Möwen, und irgendwo im Hintergrund begleitet einen stets treu der rote Leuchtturm. Wer absolute Ruhe in einer idyllischen Umgebung braucht, der findet sie mit Sicherheit hier. Vor allem abseits der Saison.

Finya ist Norwegen-Idyll pur entlang der Atlantic Road.

Andreas Dauerer

Molde

Es geht zurück, zunächst im Dauerregen. Über die Insel Harøya, mit einem überaus schmucken Friedhof, hinunter nach Myklebust, dann auf die Fähre weiter nach Dryna, Midøya, Otrøya und dann mit der letzten Fähre von Solholmen gen Mordalsvågen und weiter nach Molde. Die Inseln zeigen sich munter abwechselnd grau und grün, wobei vor allem Otrøya, die größte in der Midsund-Region, mit ihren vergleichsweisen hohen zerklüfteten Bergen noch einmal mächtiger ist als die bisher gesehenen. Immer wieder durchdringt jetzt die Sonne die dicke Wolkendecke, und wie bestellt eskortiert uns ein Regenbogen bis nach Solholmen.

Plötzlich ziehen all die Fjorde, kantigen Felsen, die weiche immergrüne Hügellandschaft noch einmal vor meinem inneren Auge vorbei. Die Landschaften, Kälte, Schroffheit, der Regen, die unglaublichen Farben- und Lichtspiele, dazu liebenswerte Menschen und unzählige kleine alte Fischerdörfer, die sich nach und nach auf naturliebende Gäste eingestellt haben.

Auf dem Atlantic Road in Norwegen findet man auch in Europa noch seine absolute Ruhe.

Andreas Dauerer

Wer tatsächlich innerhalb Europas zur Ruhe kommen möchte, der findet hier im Nordwesten Norwegens das Paradies, Regenbogen inklusive.

Infos und Tipps für einen Trip zur Atlantic Road

Erste Anlaufstelle ist das Fremdenverkehrsamt unter für die Regionen im Nordwesten findet man Informationen auf dieser Website.

Anreise. Verschiedene Airlines, etwa Norwegian oder SAS, fliegen mehrmals täglich von deutschen Städten nach Oslo. Von dort geht es dann weiter nach Molde. Es gibt auch eine Flatrate fürs Fliegen innerhalb Norwegens, mehr Informationen findet ihr hier. 

Übernachtung. Die Classic Hotels haben im Nordwesten Norwegens ein feines Hotelnetz mit sehr charmanten Häusern aufgebaut. So übernachtet man auf kleinen und größeren Inseln, wird mal mit dem Wikingerboot übergesetzt oder kann sich in der größten norwegischen Schnapssammlung durchprobieren. Über die Seite können auch Pakete individuell zusammengestellt werden.

Den reisen-EXCLUSIV-Guide über die Region gibt es hier.

Auf Norwegens Atlantic Road finden Ruhesuchende wunderschöne Natur.

ELEPHOTOS/Shutterstock.com

 

 

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