Eigentlich war unsere Autorin Marie in der Namib auf der Suche nach Elefanten. Die Wüstenelefanten fand sie in Namibia jedoch nicht, dafür bescherten ihr die mitreißende Landschaft und die Menschen eine ganz besondere Reise.

»Rechts abbiegen.« Ich höre die vertraute weibliche Computerstimme von GoogleMaps. Fast setze ich aus Gewohnheit und blindem Vertrauen den Blinker und möchte das Lenkrad des massigen Allrad-Geländewagens rumreißen. Den Schulterblick habe ich mir in den vergangenen Wochen abgewöhnt. Autoverkehr auf den holprigen Sand- und Schotterpisten im Norden Namibias ist quasi nicht existent. Zum Glück biege ich nicht blindlinks ab. Der Blick aus dem rechten, weit heruntergekurbelten Fenster offenbart das Problem: nichts. Ein Meer aus nichts. Keine Straße, kein Haus, kein Schild.

Doch das Navi-Display zeigt eindeutig einen Weg an. Aber vor mir liegt nur rotes Geröll. Nicht einmal Reifenspuren sind zu erkennen. Ich halte an und mustere mich fragend im Spiegel. Schließlich gucke ich mir das Ganze genauer auf dem Navi an. Ergebnis: Wenn ich zur White Lady Lodge und den seltenen Wüstenelefanten möchte – und das möchte ich unbedingt –, gibt es nur diesen Weg. Laut Google-Maps. Also rein virtuell betrachtet.

Ein Roadtrip durch Namibia hält so manche Überraschung bereit.

Marie Tysiak

Ab ins Nichts

Kurze Zeit später setze ich den Blinker, mache doch den Schulterblick und biege rechts ab. »Ein bisschen weiter links, jetzt weiter da lang«. Mein kleiner GPS-Punkt soll bitte stets auf dem blauen Wegpfeil von GoogleMaps bleiben, dort, wo sich vor meiner Windschutzscheibe nur weite Wüste erstreckt. Aber was für eine wunderschöne Wüste! Pastellene Orange-, Rot- und – dank des Regens der letzten Monate – Grüntöne fließen über leichte Hügel, die hier und da mit einem immertrockenen Busch bespickt sind. Schnell musste ich in Namibia feststellen: Wüste ist nicht gleich Wüste. In dem Land, das fast vollständig von dieser Ökozone bedeckt ist, gleicht kein Fleck dem nächsten. Denn jeder Kilometer Wüste birgt eine andere Form, Farbe und Faszination.

Marie Tysiak

Mit Tempo 20 krieche ich auf die Berge am Horizont zu. »Später, wenn ich wieder in Deutschland bin, wird mir das städtische Autofahren wie ein Kinderspiel vorkommen«, denke ich mir auf meinem Weg querfeldein durchs Damaraland, bei dem ich gleich zweimal eine Rampe bauen muss, um ein ausgedörrtes, steil abfallendes und dazu noch sandiges Flussbett zu überqueren. Kurz darauf passiere ich ein paar verwaiste, hölzerne Rundbauten. Die Damara, die in dieser Provinz wohnen, sind vielerorts in die Städte gezogen. Der Ertrag der Böden für ihr Vieh und ihre Ackerwirtschaft reichte einfach nicht aus, um zu überleben. Hinter einem der Häuschen lugt ein verrostetes Autowrack hervor – das macht ja Mut … Doch kurz darauf finde ich Reifenspuren im kargen Boden. Die Fährte stimmt also!

Ein Oryx staunt neugierig, wohin unsere Autorin Marie denn in Namibia hinwill.

Marie Tysiak

Und dann die Enttäuschung

Wie eine Fata Morgana weist ein verstaubtes Schild den Weg zur »Brandberg White Lady Lodge« aus, hinter dem Eingangstor kommt mir ein Junge mit einem Eselskarren entgegen und winkt freundlich. Leicht irritiert grüße ich zurück. Hier scheint es nichts Ungewöhnliches zu sein, dass sich nach zwei Stunden Fahrt inmitten der Pampa plötzlich eine kleine Chalet-Anlage mit schönem Pool in die längst vergessene Landschaft schmiegt.

Nicht selten begegnet man in Namibia Menschen auf Eseln.

Marie Tysiak

Doch gleich beim Einchecken die Enttäuschung: Die Herde Wüstenelefanten, die in ihrer Art einzigartig ist und für gewöhnlich zu dieser Jahreszeit in der Nähe der Lodge siedelt, ist nicht da. Dieses Jahr sind sie einfach nicht gekommen. Das liegt vermutlich an der erstaunlich niederschlagsreichen Regenzeit in diesem Jahr – da sind die Elefanten nicht auf ihre üblichen Wasserstellen angewiesen.

Ich bin etwas enttäuscht. Auch wenn ich in dem privaten Erindi-Naturschutzgebiet bei Windhoek bereits Elefanten von ganz nah bestaunen durfte: Wüstenelefanten sind etwas ganz Besonderes. Schon lange existierten Mythen und Geschichten der Damara um diese Tiere, von denen Forscher lange nicht glaubten, dass es sie wirklich gibt. Denn: Wie sollten Elefanten in der Wüste überleben? Doch die Wüstenelefanten im Damaraland sind etwas kleiner als ihre herkömmlichen Artgenossen, und Sensoren in ihren übergroßen Plattfüßen spüren Wasser auf, auch wenn die Quelle in einigen Metern Tiefe unter der Erde liegt.

Im Damaraland traf Marie leider keine Wüstenelefanten an, dafür wurde sie aber hier im Erindii Schutzgebiet fündig.

Marie Tysiak

Der Louvre der Felsmalerei

Doch die Enttäuschung ist schnell verdaut. Eine atemberaubende und abenteuerliche Fahrt hierher, ein erfrischender, blau glitzernder Pool, ein grandioser Sonnenuntergang mit einem kalten Sundowner, die absolute Einsamkeit der Wüste – und schließlich bin ich auch für die morgendliche Wanderung in die Tsisab-Schlucht hergekommen. Das Brandbergmassiv, das sich kreisförmig inmitten der Wüste erhebt, ist der höchste Gipfel Namibias. In den Felsen, Schluchten und Höhlen hat früher das Buschvolk der San gelebt, die überall ihre Spuren hinterlassen haben. Der Brandberg trägt dank seiner rund 50.000 Felsmalereien deshalb auch den Spitznamen »Louvre der Felsmalerei« – einige der detailgetreuen Abbildungen von Kriegern, Antilopen und Giraffen sind Forschern zufolge über 25.000 Jahre alt! Leider wurden manche von ihnen durch unachtsame Touristen und Entdecker zerstört.

Marie Tysiak

Eine der schönsten und bekanntesten dieser Malereien, die »Weiße Dame«, liegt in der Tsisab-Schlucht unweit der Lodge und ist in einer mehrstündigen Wanderung – für namibische Verhältnisse – gut zu erreichen. Eigentlich ist die Dame ein Herr und auch nicht weiß, sondern schwarz, aber der Name des deutschen Entdeckers und seine Fehlinterpretation blieben bis heute bestehen. Genug Gründe, einem irrsinnigen Pfad in die Wüste zu folgen! Ein wenig muss ich dennoch über die Anreise grinsen, als ich zwischen den anderen Gästen der Lodge in der kleinen Sunset-Bar sitze, die schnuckelig aus Europaletten in den Berghang gebaut ist. Ein Roadtrip durch Namibia hält viele Überraschungen und Abenteuer bereit.

Im Damaraland geht die Sonne in Pastellfarben unter.

Marie Tysiak

Back on the Road

Zwei Tage später verlasse ich das zauberhafte Damaraland gen Norden, in der Hoffnung auf einen rauschenden Wasserfall an der nördlichen Grenze. Ich bete innerlich, dass er Wasser trägt. Der sandige Weg ist diesmal erkennbar, die verlassene Landschaft leuchtet wieder so schön pastellfarben. Kargheit kann so schön sein. Die Landschaft macht es vollkommen erträglich, dass man sich nur langsam und stets auf Schlaglöcher oder Sandfelder bedacht seinen Weg bahnt. Ja, dieser Zauber wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Bei ihrem Roadtrip durch Namibia passierte Marie auch das Erongo-Gebirge.

Marie Tysiak

Die Aussicht zu Seiten des holprigen Weges wird mit zunehmenden Breitengraden grüner und buschiger. Ab und an schafft es sogar ein großer Baum, hier zu überstehen. Nicht selten nutzt dann ein Oryx, eine wunderschöne Antilope und das Wappentier Namibias, den Schatten für ein wenig Schutz vor der gleißenden Sonne. Heute genieße ich die Gunst des Beifahrens, habe Safari-erprobt meine Kamera auf dem Schoß, das Fenster wie immer weit heruntergelassen und knipse hier und da. Mal die Landschaft, mal einen Hirten mit seiner Ziegenherde, mal eine vorbeistreifende Giraffenfamilie.

Manchmal dauert es Stunden, bis man bei einem Roadtrip durch Namibia ein Haus passiert.

Marie Tysiak

Als ich die Stadt Opuwo passiere, weiß ich plötzlich gar nicht mehr, wohin ich zuerst blicken soll. Auch wenn die Siedlung aus nicht viel mehr als zwei parallelen Hauptstraßen mit Tankstellen, Supermärkten und ein paar wenigen Geschäften besteht: Hier steppt der Bär. Ein Bild, das sich mein kleines Abenteurerherz nicht exotischer hätte vorstellen können. Barfüßige und barbusige Frauen des Himba-Stammes mischen sich zwischen die viktorianischen Hüte und Gewänder der Herero-Frauen. Kinder in Lendenschurz springen zwischen ihnen umher. Ein Mann in abgetragenen Chucks treibt eine Ziegenherde über die Hauptstraße und zwingt so den rostigen Truck, auf dessen Ladefläche sich dicht eine Gruppe Himba-Frauen drängt, zum Halten. Eine der Frauen, die diese hier typische Mitfahrgelegenheit gewählt hat, fällt fast vom Wagen – wird aber von einer anderen rechtzeitig festgehalten. Sie lacht, als ihr Blick meinen erschrockenen und faszinierten Ausdruck erfasst.

Die Himba gelten in Namibia als besonders schön. Ihre Haut reiben sie mit Ora-Lehm ein.

Oleg Znamenskiy/Shutterstock.com

Faszination Afrika

Bei der Durchreise durch Opuwo wird mir so richtig bewusst, was ich natürlich aus dem Reiseführer als Aussage, nicht aber als Gefühl kenne: Namibia ist ein Vielvölkerstaat. Bevor die Deutschen das riesige Land 1884 kolonialisierten und es »Deutsch-Südwestafrika« tauften, lebten hier fünf Hauptethnien weit verstreut. Eine Gruppe von ihnen, die Himba, hat es bis heute größtenteils geschafft, ihre Traditionen zu bewahren. Sie leben halbnomadisch im Norden Namibias und im Süden Angolas. Immer wieder passieren wir ihre kreisförmig angelegten Dörfer, die sie je nach Jahreszeit besiedeln. Was sie neben ihrer noch traditionellen Lebensweise als Jäger und Sammler zu einem Liebling ethnologischer Forschungen macht, hängt bestimmt auch mit ihrer auffälligen Erscheinung zusammen: Die meisten Menschen des Himba-Stammes waschen sich nicht. Nie.

Bei dem Besuch in einem Himba-Dorf in Namibia sei gewarnt – viele Touranbieter nutzen das Volk aus.

Marie Tysiak

Stattdessen reiben sie sich von Kopf bis Fuß – inklusive Haare – mit einer rot-braunen Creme aus Ockerfarbe und Butterfett ein, die sie vor der Sonne und vor Mücken schützt. Seit Jahrhunderten hat sich diese Methode bewährt, die Himba gelten als besonders schön und sind stolz auf ihre Traditionen! Von ihrer weichen, rot-braun schimmernden Haut zeigen sie viel, besonders die Frauen. Lediglich ein Lendenschurz aus Leder und Fell umschlingt die Hüfte, der Rest des Körpers ist behängt mit Schmuck aus Muscheln und Leder. An Haarpracht, Anzahl der Arm- und Beinreifen lässt sich Familienstand, soziale Position und vieles Weitere ablesen.

Ich habe im Vorhinein viel über die Himba gelesen – gerne wollte ich in meiner Zeit in Namibia eines ihrer Dörfer besuchen. Doch hierbei ist Vorsicht geboten. Viele Touranbieter, die einen Besuch im Himba-Dorf anpreisen, bereichern sich an den hohen Tourpreisen (die in Namibia üblich sind) und lassen den Himba oft nicht mehr als einen Sack Mehl da. Deswegen hatte ich auf eine Lodge, die mit einem angrenzenden Dorf kooperiert und einen nachhaltigen und spannenden Besuch bei dem Stamm ermöglicht, gehofft.

Eine Giraffenherde in der Kalahari in Namibia grast gemütlich im Schatten.

Marie Tysiak

Dort wo das Wasser rauscht

Opuwo habe ich schon lange hinter mir gelassen. Bis auf ein paar verlassene Himba-Dörfer habe ich seit einer Stunde nichts Menschengeschaffenes erblickt – immerhin ist Namibia eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Nun ist die Landschaft fast tropisch: grün und viel dichter bewachsen. Hinter einer Kurve steht plötzlich ein Segelflugzeug. Ich bin fast da. Wer möchte, überfliegt nämlich einfach die gigantischen Distanzen im Land. Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis nach Angola. Doch dort endet die Straße am Grenzfluss Kunene. Namibias Sehenswürdigkeiten sind nicht gerade offensichtlich gelegen, zugegeben. Doch hierfür lohnt sich hoffentlich die lange Anreise.

Die Epupa Falls krachen zwischen Namibia und Angola in die Tiefe.

Marie Tysiak

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, höre ich mein Handy aus der Hosentasche verlauten. Ja, das habe ich in der Tat! Ich lache – und schalte das Ding aus. Hier stehe ich nun. Am Ende Namibias, am Ende einer großen Reise, eines aufregenden Abenteuers. Nach Wochen in der Wüste blicke ich von meinem Aussichtspunkt auf den eindrucksvollsten Wasserfall, den ich je gesehen habe. Dahinter der dichte und unbewohnte Dschungel Angolas. Wie absurd die Situation nach all den schönen Wochen im Kargen scheint. Donnernd und braun prasselt das Wasser breit den Kunene hinunter: die Epupa Falls, die die beiden afrikanischen Staaten teilen. Wie eine Oase wird das Spektakel von Palmen eingerahmt, einige wackere Affenbrotbäume halten sich zwischen den Wassermassen an den Felsen. Überspannt wird alles mit unzähligen riesigen Regenbögen, die zeigen, wo sich das Sonnenlicht in den Abertausenden Wassertropfen bricht. Einfach magisch.

Marie Tysiak

Die Ovambo, die größte Bevölkerungsgruppe Namibias, pflegen zu sagen: »Nur im Vorwärtsgehen gelangt man ans Ende der Reise.« Wie wahr. Mich hat der Weg an ein grandioses Ende geführt, auch wenn er nicht gleich als Weg erkennbar war. Manchmal, und das gilt ebenso im Leben, muss man vorwärts gehen. Und blindlings abbiegen. Denn ich bin sicher, am Ende gelangt man an sein Ziel. Ich blicke verträumt auf die Epupa Falls. Welch‘ wunderschöne Gegensätze mir begegnet sind. Natur, Völker, was für ein atemberaubendes Land und was für ein berauschendes und traumhaftes Ende eines Abenteuers. Namibia, ich habe mein Ziel erreicht.

Nach Wochen Reise durch Namibia hat Autorin Marie endlich das Gefühl, ihr Ziel erreicht zu haben.

Marie Tysiak

 

Info.

Das Fremdenverkehrsamt von Namibia bietet online oder telefonisch weitere Infos zu einer Reise nach Namibia. Das Land eignet sich besonders für einen Roadtrip.

Anreise. Air Namibia fliegt täglich von Frankfurt per Nachtflug direkt nach Windhoek. Die Flugzeit beträgt 9,5 Stunden, und es gibt – sehr Jetlag-freundlich – keine Zeitverschiebung zu Deutschland.

Himbas. Das Serra Cafema Camp von Wilderness Safaris ganz im Norden des Landes bietet seinen Gästen spannende und nachhaltige Touren zu Himba-Dörfern an.

Den reisen EXCLUSIV-Guide zu Namibia findet ihr hier.

Ihr wollt noch mehr aus dem Land der unendlichen Weiten erfahren? Auch Redakteurin Ulrike weilte in dem  südafrikanischen Land. Ihre Bilderstrecke findet ihr hier.

Marie Tysiak

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