Bahia – schon der Name klingt wie der eines Kinderbuches, in dem alles fein ist. Das kommt hin, denn der Bundesstaat im Nordosten Brasiliens gilt als die Gute-Laune-Kammer des Landes, wo der Leichtigkeit des Seins nur allzu gern gefrönt wird. Das liegt vor allem an der Musik. Aber nicht nur.

Wenn die ersten Strahlen der Sonne die pastellfarbenen Kolonialbauten im Pelourinho in neuem Glanz erstrahlen lassen, nur die Putzfrau eines Restaurants mit dem Umherrücken der klappernden Tische und Stühle die Stille durchbricht und die Touristen noch in ihren Hotelzimmern schlummern, wünsche ich mir, dass dieser Moment für immer mir gehört. Salvador. Salvador da Bahia. Endlich bin ich wieder bei dir.

Altstadt Pelourinho in Salvador, Brasilien

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Vor fünfzehn Jahren führte mich meine erste Brasilien-Reise unter anderem nach Salvador. Es war gleich meine Lieblingsstadt. Während ich die Mega-Metropole São Paulo damals unerträglich laut und wuselig und Rio de Janeiro viel zu sehr mit Touristen überlaufen fand, hatte ich mich in Salvador sofort verliebt. Die Leutseligkeit und gute Laune der Einheimischen, die hübsch restaurierten, bonbonfarbenen Kolonialbauten und die vielen Sandstrände – ja, es passte.

Pelourinho – Hotspot der Touristen in Salvador

Auch die brasilianische Politik fand Gefallen an Salvador. Wenn auch vor sehr langer Zeit. Mehr als 200 Jahre lang, von 1549 bis 1763, war die Stadt gar Hauptstadt Brasiliens. Die Kolonialherren aus Portugal bauten seinerzeit in vielen Regionen des Landes Plantagen, um zunächst Zuckerrohr und später Tabak zu ernten. Um die Arbeiten zu bewerkstelligen, schifften die Portugiesen 300 Jahre lang rund dreieinhalb Millionen Sklaven aus Afrika nach Brasilien. Viele von ihnen endeten auf den Plantagen im Hinterland im Nordosten des Landes. In Bahia. Und blieben. Heute sind rund 80 Prozent der Einwohner Salvadors Schwarze.

Salvadors Sahneschnitte, deretwegen heute das Gros der Touristen herbeischwirrt, ist die Altstadt. Genauer gesagt der Pelourinho. Der Stadtteil in der Cidade Alta (Oberstadt) ist das koloniale Herz der Stadt – und von zeitloser Schönheit.

Pelourinho in Salvador, Brasilien

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Manch einer in Salvador behauptet gar, den internationalen Durchbruch, den schaffte die Stadt und allen voran der Pelourinho durch den »King of Pop«, Michael Jackson. Der US-Sänger drehte hier 1996 Teile des Musikvideos »They don’t care about us« und verschaffte dem Viertel eine gehörige internationale Reputation, von der die Stadt noch heute zehrt.

Salvador verstehen ohne Capoeira – das geht nicht

Musik spielt eine große Rolle in Salvador. Sie liegt förmlich in der Luft. Die Rede ist nun nicht von Michael-Jackson-Sounds. Auch nicht vom Samba-Rhythmus. Wer wissen will, was den Zauber Salvadors ausmacht und warum die Stadt die Heimat und Hochburg des Kampfsporttanzes Capoeira ist, der sollte Mestre Nenel besuchen. Nenel gilt als König des Capoeiras. Das hat viel mit seinem berühmten Vater Mestre Bimba zu tun, der einer der kompetentesten und renommiertesten Capoeiristas seiner Zeit war und von den Bewohnern Salvadors ehrfürchtig »o Rei Negro« (»der schwarze König«) genannt wurde. Mestre Nenel hat sein Domizil, die Capoeiraschule »Filhos de Bimba«, in einer kleinen Gasse im Pelourinho. Ich möchte ihn kennenlernen.

Zwei Capoeira-Kämpfer in Salvador

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Mestre Nenel schiebt seinen jungen Kollegen zur Seite. Jetzt bin ich bei ihm, ein wenig nervös bin ich und druckse bei der Vorstellung ungelenk herum. Meine zuvor brav im Hotelzimmer gelernten Portugiesisch-
Vokabeln zur Begrüßung haben sich in Luft ausgelöst. »Bom dia. Como vai voce?« (Guten Tag, wie geht es Ihnen?), das schaffe ich gerade noch. Aber das war es dann auch. Mestre Nenel, ein freundlicher kleiner Mann im Alter von 58 Jahren, nickt milde-großväterlich, reicht mir die Hand und beginnt zu erzählen. Schon als Kind habe ihn der Capoeira fasziniert, sagt er, als er Platz genommen hat. Seit 1976, da war er 16 Jahre alt, sei er Capoeira-Lehrer.

Capoeira kämpfen oder tanzen – ganz wie man mag

Auf die Frage, was denn Capoeira eigentlich sei – eine Art der Selbstverteidigung, ein Spiel, ein Kampf, eine Sportart oder ein Tanz –, mag sich Mestrel Nenel nicht festlegen. Historisch gesehen sei es natürlich primär eine Selbstverteidigungsmaßnahme der versklavten Afrikaner in Brasilien gewesen, erläutert er. Erst später sei es ein identitätsstiftender Teil der afrobrasilianischen Kultur geworden. »Heute können wir Capoeira nicht auf ein einziges Merkmal herunterbrechen. Das entscheidet jeder für sich. Wenn du ein Capoeira-Kämpfer sein willst, dann bist du einer. Wenn du Capoeira als Mittel der Physiotherapie begreifst, dann ist das so. Und wenn du Capoeira für dich als Sportart oder Tanz definierst, dann ist das auch in Ordnung.« Aber in Bahia, das sei klar, schlägt das Herz des Capoeiras.

Mestrel Nene, Salvador da Bahia

Frank Störbrauck

Bahia, schon der Name klingt in den Ohren eines Unbedarften wie der eines Kinderbuches, in dem alles fein ist. Es ist aber nicht alles fein. Die Kriminalität ist immer noch – oder wieder einmal, ganz wie man will – hoch in Brasilien. Erst recht hier im Nordosten des Landes. Es ist eine Tragödie, die wie ein Damoklesschwert über diesem in so vielerlei Hinsicht liebenswerten Brasilien hängt. Nun könnte man die Hände in den Schoß legen, einen höchst umstrittenen Politiker wie Jair Bolsonaro ins Präsidentenamt wählen und sich sagen, die Politik möge es doch bitte richten.

Mestre Nenel will die Kinder von der Straße holen

Nicht so Mestre Nenel. Er packt an. Er will nicht zusehen, wie sich Verwahrlosung, Drogen und Kriminalität wie ein Krebsgeschwür in Bahia ausbreiten. Mit seiner Capoeiraschule will er etwas dagegen unternehmen. Rund 300 Kinder und Jugendliche sind im Rahmen eines sozialen Projekts »Mestre Bimba’s foundation« unter seine Ägide. Das Gros der Kids ist zwischen sechs und 14 Jahre alt, die meisten leben in den Vororten Salvadors. »Unser Anliegen ist es, die Kinder von der Straße zu holen und ihnen beizubringen, dass Gewalt und Drogen nichts in ihrem Leben zu suchen haben«, sagt Mestre Nenel. Capoeira sei perfekt dafür, um die Kinder auf den richtigen Weg zu bringen, davon ist er überzeugt.

Als ich später auf dem Weg zum Hotel bin, muss ich noch oft an die Worte von Mestre Nenel denken. Es müsste viel mehr Menschen wie ihn geben. Menschen, die eine Leidenschaft für etwas entwickeln, – sei es in der Musik, der Kunst, der Kultur, im Sport –, andere dafür begeistern und dabei gegen die Verrohung der Gesellschaft kämpfen. Ja, Brasilien braucht Menschen wie ihn, und Salvador kann stolz darauf sein, einen Bürger wie Mestre Nenel in seinen Reihen zu haben.

Bahia in Grün: Besuch im Nationalpark Chapada Diamantina

Am nächsten Tag verlasse ich Salvador. Ich nehme Kurs auf eine Region in Bahia, die ziemlich viele Brasilianer kennen, vielen Europäern aber gar nichts sagt: den Nationalpark Chapada Diamantina, rund 350 Kilometer westlich von Salvador gelegen. Chapada heißt auf Deutsch Hochebene und Diamantina, man ahnt es schon, Diamant. Rund 1.500 Quadratkilometer groß ist der Nationalpark – und bietet Natur- und Wanderfreunden in Bahia eine hinreißend malerische, von tiefen Canyons zerspaltene Tafelberglandschaft. Die Berge sind schon betörend schön genug, der Höhepunkt aber sind die Dutzenden Wasserfälle und die von ihnen gespeisten Naturpools, die der Chapada ihren ganz besonderen Charakter geben.

Naturpool in der Chapada Diamantina in Bahia

Frank Störbrauck

Erster Anlaufpunkt für Touristen ist Lençóis; ein herausgeputztes Städtchen, das im Zentrum restaurierte, bonbonfarbene Kolonialbauten aufbietet, die von einer glorreichen Vergangenheit erzählen. Früher nämlich, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde die Gegend von Diamantenschürfern und Glücksjägern aus aller Welt aufgesucht, auf der Suche nach dem schnellen Reichtum. Ein regelrechter Hype entstand um die Stadt, die Einwohnerzahl schwoll auf mehr als 30.000 an. Nach der Entdeckung großer Carbonado-Vorkommen in Südafrika zog die Karawane der Glücksritter allerdings weiter. Lençóis wurde seinem Schicksal überlassen und fristete fortan ein Dasein als Mauerblümchen.

Ohne Auto hat man keine Chance in der Chapada Diamantina

Mittlerweile, seit 1985, ist die Chapada ein Naturschutzgebiet, die Suche nach Diamanten streng verboten. Wer heute sein Geld in der Chapada verdienen will, bietet Touristen seine Dienste an. Denn: Man lebt hier – so wie auch anderenorts in Bahia – gut vom Tourismus. Im Sommer (dann, wenn bei uns Winter ist) kommen besonders viele Besucher her. Lençóis könne man ohne die Schönheit seiner Natur nicht verstehen, bedeutet mir mein Reiseführer Antonio José in der Lobby des in die Jahre gekommenen Hotels Portal Lençóis und marschiert auch schon los. Draußen wartet unser Fahrer.

Ohne Auto hat man in der Chapada keine Chance, all die Sehenswürdigkeiten zu besuchen, lerne ich schnell. Züge gibt es nicht, Busse fahren viel zu unregelmäßig, und zu Fuß kann man allenfalls Tageswanderungen unternehmen. Der Park besitzt so gut wie keine Infrastruktur. Wer sich hier ohne Guide auf den Weg macht, was man tunlichst unterlassen sollte, geht schnell verloren.

Landschaft in der Chapada Diamantina

Frank Störbrauck

Unser heutiges Ziel ist der Morro do Pai Inácio; ein 1.120 Meter hoher Berg, von dem man einen fantastischen Blick über ein Meer aus Plateaus genießen kann. Er gilt als Wahrzeichen der Chapada. Unser Fahrer, der zur musikalischen Untermalung Achtzigerjahre-Songs von A-ha, Duran Duran und Phil Collins schätzt, schmeißt den Sound an und drückt aufs Gaspedal. Nach rund 25 Kilometern über die Bundesstraße 242, die Salvador mit Brasilia verbindet, geht es über eine staubig-rote Sandpiste den Berg hinauf. Auf dem Parkplatz am Rande des Gipfelsteigs tummeln sich bereits die ersten Touristen. Der »Eintritt« auf den Berg kostet umgerechnet einen Euro, ein mittelleichter Steig führt in rund 20 Minuten auf den Gipfel.

Die Legende des Morro do Pai Inácio

Um den Berg ranken sich viele Legenden. Eine aber erzählt man sich besonders gern in dem Park. Und die geht so: »Papa Ignaz«, der Namensgeber des Bergs, war ein Sklave, der sich in die Frau seines Herren verliebte. Als der Herr eines Tages von der Romanze seiner Gattin erfuhr, war er erzürnt und ließ nach dem Sklaven rufen. Dieser bekam zeitig davon Wind und verabschiedete sich hastig von seiner Geliebten, denn er fürchtete den Groll seines Herrn. Zum Andenken übergab sie ihm einen Sonnenschirm, mit dem er auf den Berg flüchtete.

Doch schon nach wenigen Stunden war er auf dem Plateau des Berges gefangen, denn die Schützlinge seines Herrn waren ihm gefolgt. In seiner Verzweiflung sprang der Sklave mit dem Schirm vom Berg. Seine Verfolger sahen allerdings nur noch den Schirm den Berg hinabgleiten. Am Boden suchten und suchten sie nach der Leiche des Sklaven, aber vergeblich. Da sie davon ausgingen, dass er den Sprung unmöglich überleben konnte, gaben sie die Suche auf und berichteten ihrem Herrn davon. Dieser gab sich damit zufrieden und schloss das Kapitel ab. Wenige Tage später aber war die Frau des Herrn verschwunden. Was war passiert? In Wahrheit sprang der Sklave nicht in die Tiefe, sondern rettete sich auf einen Vorsprung und versteckte sich in einer Höhle. Und wenn der Sklave und die Gattin des Herrn nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …

Auf dem Gipfel beginnt die Suche nach dem perfekten Foto

Oben angekommen, ist eine wilde Fotografie-Orgie im Gange. An allen Ecken und Enden auf der Bergspitze, zwischen Kakteen und Steingeröll, zwischen Steig und Gipfelspitze tummeln sich Dutzende Besucher und wetteifern um das perfekte Selfie-Foto.

Plateau des Morro do Pai Inácio in Bahia

Frank Störbrauck

Ich habe gerade keine Lust auf Selbstinszenierung und schreite zum Aussichtspunkt am Ende der Plattform. Unvermittelt öffnet sich die Landschaft. Ich starre wie hypnotisiert auf das üppige Grün des Vale do Cercado, das sich scheinbar endlos seinen Weg durch die Landschaft pflügt. Immer wieder durchbrochen von den kantigen Tafelbergen. Allen voran die Bergmassive der Três Irmãos, der drei Brüder. So könnte ich noch Stunden hier sitzen. Einfach sitzen, schauen, jeden noch so leisen Windstoß auskosten. Hier ist Brasilien so, wie ich es liebe. Möge auch dieser Moment immer mir gehören.

Infos für eine Reise nach Bahia

Flug. TAP Air Portugal fliegt täglich von zahlreichen Flughäfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz über das Drehkreuz Lissabon nonstop nach Salvador. Ein Ticket in der Economy Class ist ab rund 450 Euro, in der Business Class ab rund € 1.700 zu haben.

Unterkunft. Villa Bahia, Luxus-Boutiquehotel im historischen Zentrum von Salvador im Kolonialstil. Das Hotel bietet große Zimmer (zwischen 28 und 40 Quadratmetern), die Einrichtung ist mit viel Liebe zum Detail ausgestattet: Himmelbetten, breite Holzpaneele, hohe Decken. Im Innenhof gibt es einen kleinen Swimmingpool. Chef des Hauses ist ein Franzose. Pro Nacht im DZ zwischen € 150 und 200. Largo do Cruzeiro de Sao Francisco, n 16/18 Pelourinho, Salvador – BA, Tel. 00 55 (71) 3322 4271.

Reiseleiter vor Ort. Dieter Herzberg, ein Auswanderer aus Deutschland, der heute in Lençóis lebt, bietet Führungen durch die Chapada Diamantina an. Kontakt via E-Mail: dieterherzberg@yahoo.com.br

Reiseleiter Dieter Herzberg aus Lecois

Frank Störbrauck

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