Es ist einer der isoliertesten Flecken Europas, und ohne Fußball wüsste wohl kaum jemand, dass diese 18 Inseln überhaupt existieren. Dabei punkten die Färöer-Inseln mit herzerwärmender Gastfreundschaft, einer intensiven Küche, beispiellosen Landschaften und einer tief verwurzelten Kultur. Ein Tag im Inselreich. Text: Ulrike Klaas

Frühstück im Naturparadies Gjógv. Steil und schroff werfen sich die Klippen gen Meer hinunter. Der Wind setzt immer wieder zu einem Pfeifkonzert an und rüttelt unbarmherzig an der Kleidung. Die Nordküste der Insel Eysturoy ist so zerfurcht wie das wettergegerbte Gesicht alter Menschen. Am Rand der Klippe steht eine gekrönte Holzbank: Auf ihr prangt in silbernem Messing eine Krone mit der Inschrift »Mary’s Bank 2005«. Kronprinzessin Mary von Dänemark hat dem kleine Dorf Gjógv auf der zweitgrößten Insel der Färöer 2005 einen Besuch abgestattet.

Die rund 50 bunten Häuser des Örtchens Gjógv, flankiert von einem der schönsten Naturhäfen des Inselreichs, schmiegen sich ins Tal. Die Sonne, die ab und an zwischen den vorbeiziehenden Wolken aufblitzt, erleuchtet die Dächer wie einen Spot. Hält der Wind kurz den Atem an, hört man leise den Bach plätschern, der das Dorf in zwei Teile spaltet. Einzig eine Katze belebt die Straße, die um zwei einsame Fische herumschleicht, die völlig ausgedörrt am Haken vor einem rostroten Haus auf ihren Verzehr warten.

Örtchens Gjógv

Ulrike Klaas

Ebenso einsam liegen die 18 Färöischen Inseln im Atlantik in einem Dreieck zwischen Schottland, Norwegen und Island. Völkerrechtlich gehören sie seit dem 14. Jahrhundert zu Dänemark. Als Däne sieht sich allerdings niemand, sondern als stolze Nachfahren der Wikinger, die ab dem neunten Jahrhundert hier siedelten. So haben sich die als zäh berüchtigten Färinger einen Autonomiestatus erkämpft – mit eigener Regierung, eigenem Parlament und eigener  Fußballnationalmannschaft.

Hier ist die Welt noch in Ordnung

Doch sonntagsmorgensstehen die Färinger nicht auf dem Rasen, sondern besuchen den Gottesdienst. Die ältere Generation sitzt einträchtig in der weißen Kirche von Gjógv und hört dem betagten Pfarrer zu.

»Die jungen Leute ziehen aus den Dörfern in die Hauptstadt Tórshavn und nach Dänemark oder Norwegen«,

erklärt Berger Samuelsen, der uns heute über die beiden Hauptinseln Eysturoy und Streymoy begleitet. Das Leben ihrer Vorfahren als Fischer oder Farmer in dieser so regenreichen und unwirtlichen Landschaft erscheint ihnen wenig reizvoll. Auf uns Urlauber jedoch wirkt diese dramatisch schöne und eindrucksvoll karge Landschaft wie die pure Idylle.

Pure Idylle: Saksun

Ulrike Klaas

Die Färöer entstanden vor 60 Millionen Jahren aus vulkanischem Gestein. Der Basaltboden gibt weder Bäumen noch Sträuchern Halt. Außer Rhabarber und Kartoffeln lässt sich kaum etwas anbauen. »Dieses Land fordert den Bewohnern alles ab«, sagt Samuelsen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass auf die insgesamt 50.000 Einwohner lediglich sechs Polizeistationen und ein Gefängnis für zwölf Insassen kommen.

»Bei uns schließt niemand seine Türen ab«,

sagt Berger Samuelsen. Kein Wunder: Trunkenheit am Steuer gehört zum schwerwiegendsten Delikt im Inselreich. Pure Idylle? Am Vorabend bei unserer Ankunft grasten Schafe und hoppelten Hasen neben der Landebahn im warmen Licht der schwächer werdenden Sonne. Ein Bilderbuchmoment. Wie launisch und unberechenbar das Wetter sein kann, werden wir Ankommenden eher früher als später am eigenen Leib erfahren. Dennoch sind die eigenwilligen Färinger ein glückliches Volk – es heißt sogar, sie seien das glücklichste in Europa. Und das in einer Gegend, wo so selten die Sonne scheint wie kaum irgendwo anders auf der Welt.

Zum Mittag gibt es Nordlicht

»Wir haben ein sehr gutes Leben«, sagt Birgir Enni. Den 65-jährigen Seemann treffen wir in der Hauptstadt Tórshavn auf seinem Schoner »Nordlicht«. Doch Birgir Enni ist nicht nur Seemann, sondern auch Maler, Musiker und vor allem ein großartiger Koch und Gastgeber.

Birgir Enni auf der Nordlicht

Ulrike Klaas

Er bekochte hier schon die Köche des Sterne-Restaurants Noma Kopenhagen oder den König von Dänemark. Was er uns zum Mittagessen in seiner kleinen Kombüse mit Sohn Havardur auf den Holztisch zaubert, ist ein fangfrischer Hochgenuss in urigem Ambiente: von geräuchertem schwarzem Heilbutt und Kabeljau über Miesmuscheln bis hin zum Seeigel. Noch heute holt der ehemalige Austerntaucher den Fisch persönlich vom Meeresgrund. Manches schmeckt allerdings gewöhnungsbedürftig.

Die färöische Küche ist deftig und teils – für den ungeschulten westeuropäischen Gaumen – etwas streng. Eine der Spezialitäten: verwester Fisch. Ein Brauch, der von den Wikingern beibehalten wurde, die auf diese Art den Fisch konservierten, um über den Winter zu kommen. Die Verwesung oder Vergärung, auf Färöisch »ræst« genannt, haben die Färinger zur Wissenschaft erhoben und bei Fisch und Fleisch in drei Stufen unterteilt: »Bleytræstur« ist noch harmlos zu nennen, »ræstur« deutlich pikanter, und bei der edelsten Aromastufe der Verwesung, »skarpræstur«, stockt einem der Atem. Ebenso wie beim Geruch des Walspecks, den Kapitän Enni aus dem Kühlschrank holt. Er schimmert rosa wie gefrorener Lachs, riecht allerdings streng nach Schweißfüßen. Der Geschmack ist dann zumindest milder, als der Geruch befürchten ließ, die Konsistenz wiederrum unangenehm gummiartig.

Bei Kritik am Walfang reagieren die Inselbewohner dünnhäutig

Das Thema Walfang ist unwiederbringlich mit den Färöern verbunden, lässt die Welt aufschreien und die Färöer genervt reagieren, die sich stets gezwungen fühlen, sich verteidigen zu müssen. »Grindadráp« heißt die Waljagd. Circa 800 Grindwale töten die Färinger im Jahr – im Kampf Mann gegen Tier. Vor allem diese Art der Tötung wird von den Gegnern stark kritisiert, die auf die Zeit der Wikinger zurückgeht. Zudem enthält das Walfleisch durch die Verschmutzung der Meere giftiges Quecksilber und PCB, sodass selbst die färöische Gesundheitsbehörde mittlerweile vor dem Verzehr warnt.

»Das vitaminreiche Walfleisch hat früher unser Überleben gesichert. Ich habe so viel Walfleisch in meinem Leben gegessen und lebe noch«,

sagt Enni unverdrossen. Zu Zeiten, als es noch keinen Supermarkt und Importware gab, musste man töten, was man essen wollte, sagt Enni. »Es geht hier um das Überleben an einem sehr schwierigen Ort, das hält zusammen«, sagt der Seemann. Autark zu sein, ist für die selbstbewussten Färöer seit jeher von großer Bedeutung. Noch heute verteilen sie das Walfleisch nach einem alten Verteilungsschlüssel. Tradition und die Liebe zu ihrem Land einen die Nation wie kaum eine andere auf der Welt.

Es fällt schwer, sich von Birgir Enni und seinen Anekdoten loszureißen. Als wir nach zwei Stunden gut gesättigt und mit reichlich interessanten Geschichten versorgt aus dem Inneren wieder auftauchen, hat sich der Himmel über dem Zentrum der Färöer zugezogen.

Hauptstadt Tórshavn

Ulrike Klaas

Tórshavn besteht aus bunten, teils grasgedeckten Häusern, einem Hafen und einer langen Straße, die vom Hafen wegführt. Auf nach Kirkjubøur – nordischer Kaffeeklatsch. Diese Straße führt uns nach Argír. Wie schon auf dem Weg nach Tórshavn in der Früh zeigt sich die Insel in voller Pracht. Spektakuläre Steilkliffs, Fjorde und hohe Berge. Dazwischen Täler wie aus einer Feensaga entsprungen mit immer verschiedenen Anordnungen von Fels, Stein und saftigem Grün – mal umhüllt von Nebel, mal durchzogen von Wasserfällen. Als hätte der Schöpfer zentnerschwere Findlinge samt grüner Farbe über die Hänge geschüttet, die ungehindert durch fehlende Vegetation ins Tal gekullert sind. Unser Ziel: das drei Stunden entfernte Kirkjubøur, wo uns Farmer Jóannes Patursson zum Kaffee erwartet.

Die Färöer sind ein Wanderparadies – nicht nur in den Sommermonaten, wenn die niedlichen Papagaientaucher zu Hunderttausenden im Gras hocken und brüten und die Touristen die insgesamt 800 Gästebetten im Inselreich bevölkern.

»Man kann sich darauf verlassen, dass das Wetter das ganze Jahr über unzuverlässig ist«,

sagt Berger Samuelsen, als uns das Wetter seinen unberechenbaren Charakter zeigt. Wir erreichen die erste Anhöhe, folgen stets den Steinpyramiden, die sich am Wegesrand auftürmen und auch bei plötzlich aufziehendem Nebel Orientierung geben. Unerbittlich peitscht der Wind uns den Regen ins Gesicht. »Das Wetter ist etwas, worüber wir reden können, das wir aber nicht ändern können«, sagt Samuelsenweiter.

Die Schafe sind das Gold der Insel

In all dem Regen und Wind steht, ungetrübt und gelangweilt Gras wiederkäuend, das Gold der Färöer. Über Jahrhunderte bildeten die Schafe die mit Abstand wichtigste Nahrungsquelle der Färöer. Das Schaf sichert das Überleben und prangt zudem als Logo auf der Bierflasche der örtlichen Brauerei. Fast doppelt so viele Schafe (80.000) wie Menschen leben hier. Dass die Färöer übersetzt »Schafsinseln« bedeuten, wundert nicht. Ihr Fell schillert in acht verschiedenen Farben, ist kratzig, aber schützt besonders gut gegen Kälte und Nässe.

Doch Designerinnen wie Gudrun & Gudrun, die in der Hauptstadt Tórshavn ihren Laden haben, machten die färöische Schafswolle zur international begehrten Designware. Ihre handgearbeiteten Kreationen schafften es in Modezeitschriften wie Elle und Vogue.

Designerin Gudrun & Gudrun

Urike Klaas

Schließlich erreichen wir völlig durchnässt, aber beseelt von der herben Schönheit der Natur die Farm von Patursson in Kirkjubøur. Der Farmer verspätet sich. Das Fußballspiel seines Sohnes dauerte länger als gedacht. »Fast jedes Dorf hat seine eigene Mannschaft«, erklärt er dann, als er sich zu uns in die Bauernstube gesellt. Die geschichtsträchtige »Roykstova«, erbaut vor 900 Jahren, hat er eigens für Touristen so belassen wie zu Zeiten seiner Vorfahren. Denn lieber als über Fußball redet Patursson über die Traditionspflege.

»Das Wissen unserer Vorfahren erleichtert uns das Leben in der Gegenwart«,

sagt er. Bereits in der 17. Generation bewirtschaftet er die Farm. Geschlachtet wird immer noch auf dem Hof, Kartoffeln und Steckrüben werden im eigenen Garten angebaut. »Uns ist die traditionelle Lebensweise wichtig. Wir wollen autonom bleiben und von dem leben, was uns die Natur schenkt«, sagt Patursson. Dennoch müssen auch die Farmer umdenken. Der Tourismus sichert das Überleben seiner Farm. Patursson bietet Führungen über den Bauernhof inklusive Kaffeetrinken in der urigen Bauernstube an.

Bauer Patursson

Ulrike Klaas

 

Lekkurt! Abends bei den Rubeksen

»Moderne Farmer« – so bezeichnen sich auch Anna und Óli Rubeksen, die uns zum Abendessen in ihr Haus eingeladen haben. Auf den Tisch kommt auch hier größtenteils, was der eigene Acker hergibt. Ihr Holzhaus ist typisch skandinavisch-modern eingerichtet. Óli arbeitet als Jugendschutzbeauftragter, Anna ist Krankenschwester. Ihre 150 Schafe und das Land versorgen sie in ihrer Freizeit.

Ab und an laden sie Touristen zum so genannten Heimablídni-Abend – übersetzt »Gastfreundschaft daheim«. Serviert wird »Memory Food«. Doch zunächst gibt es – wie sich das für einen anständigen Abend bei färöischen Freunden gehört – ein Aquavit zum Aperitif, und während wir Gäste am Glas nippen, schweift der Blick über den Hestfjord bis zu den vorgelagerten Inseln, die sich hinter den Panoramafenstern in Nebel hüllen. Mit ihrer herzlichen Art schafft das Gastgeberpaar es schnell, dass man ungehemmt die Schuhe auszieht und sich in die Küche zum Plausch gesellt.

Moderne Farmer: Anna und Óli Rubeksen

Ulrike Klaas

Das fünfgängige Menü ist ein Geschmackserlebnis. Die Fischsuppe mit Lachs und Lobster ist ein Gedicht. Gefolgt von Kartoffeln aus eigenem Anbau mit getrocknetem Fisch. Die Blutwurst vom Lamm und die Schafsbäckchen sind ebenfalls aus der eigenen Schlachtung. Als Zwischengang gibt es einen Happen kulturelles Erbe: die färöische Singtradition. Ein Chor aus zehn Personen stellt sich im Wohnzimmer auf und beginnt einen färöischen Balladengesang, der von alten Sagen und Helden erzählt. Traditionell wird dazu der Kettentanz getanzt – ein Reigen, der im restlichen Europa bereits im Mittelalter ausgestorben ist.

Einfach unverwechselbar

Als Hauptgang servieren Óli und Anna Schafskeule in Rhabarberblättern umwickelt und im Ofen über mehrere Stunden gegart. Der Geschmack: ungewöhnlich und überraschend eigenwillig – so wie die 18 meerumtosten Inseln, die einsam im Atlantik liegen. Wie schön, dass es noch Orte auf dieser Welt gibt, die überraschen. Die zwar sehr überschaubar sind an Größe, aber doch so unendlich vielseitig. Mit Bewohnern, die ebenso eigenwillig sind wie die Natur, in der sie leben. Gesegnet mit jenem herben Charme, der einen Aufenthalt so unverwechselbar macht.

Anreise. Mit dem Flugzeug von jedem größeren deutschen Flughafen nach Kopenhagen. Von dort aus weiter mit der färöischen Fluggesellschaft Atlantic Airways. www.atlantic.fo. Mit dem Auto von Dänemark aus (Hirtshals) übersetzen nach Tórshavn. Die Reederei Smyril Line fährt ganzjährig die Strecke Dänemark über die Färöer bis nach Island. www.smyrilline.de

Schlafen. Auf der Insel Eysturoy im Gästehaus Gjáargarður in Gjógv, www.gjaargardur.fo. In der Hauptstadt Tórshavn auf der Insel Streymoy im Hotel Føroyar. Hier hat auch schon die deutsche Nationalmannschaft genächtigt.  www.hotelforoyar.com

Info. Visit Faroe Islands, www.visitfaroeislands.com/de

Mehr Infos über wunderschöne Naturhäfen, eindrucksvolle Wanderungen und herzensgute Einwohner auch in unserem Färoer-Inseln-Guide.

Grüner geht nicht! Wer noch nicht genug gesehen hat: Ein Fotospaziergang über die Färöer Inseln.

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