Unsere Autorin Marie brach zu einem coolen Unterfangen auf: Im tiefsten Winter fuhr sie nach Russland, um mit der Expeditionsgruppe Wandermut eine neue Husky-Route im Norden des Landes zu finden. Wie ihr die 150 Kilometer und zehn Tage im Schnee gefallen haben? Lest selbst. Text: Marie Tysiak

Die Kälte.

Das war meine größte Angst vor diesem Abenteuer. Klingt absurd, wenn man all die anderen Faktoren dieser Expedition einbezieht. Aber immerhin reden wir hier von 30 Grad unter null. Russland im Winter ist jenseits des Gemütlichkeitsfaktors.

Russland im Winter ist jenseits des Gemütlichkeitsfaktors.

Marie Tysiak

Und doch bin ich hier. Rechts von mir weite Weiße. Links von mir das gleiche Spiel. Vorne wird die Aussicht nur durch vier auf- und abhüpfenden Hundepopos ergänzt, während der eisige Wind an meinem Schlitten rüttelt. Jeder kleine Hügel im Schnee lässt ihn knarzend ein paar Zentimeter abheben, so schnell rennen die vier fleißigen Vierbeiner um die Wette. Und doch ergreift mich die Kälte nicht, ich spüre sie nicht einmal.

Redakteurin Marie sah nichts außer weiße Weite zu allen Seiten auf ihrer Huskytour durch Russland.

Viktor Simonov

Wahnsinnig froh im Nichts zu sein

Gut, dass meine Sorge mich nicht abgehalten hat, denn ich bin heillos froh hier zu sein. Was ich gelernt habe: Kälte kann man besiegen. Mit ausreichend Equipment! Unter meinen Arktis-Stiefeln glühen aufladbare Einlegesohlen, auf die selbst die russischen Guides bereits zu Beginn auf Olgas Husky-Farm neidische Blicke geworfen haben. Zwei Paar Socken, an Beinen und Körper drei Schichten Thermo- und Merinowolle, darüber daunengefütterte Ski-Ausrüstung, eine Sturmhaube aus Fleece, Skibrille, Handschuhe und natürlich obligatorisch: die Uschanka. Das ist die klassische Russland-Pelzmütze, in meinem Fall hält auch das Kunstfell um die Ohren gut warm. Zwar habe ich eher Ähnlichkeiten mit einem Michelin-Männchen als einem echten Musher-Hundeschlittenführer, doch das macht nichts. Immerhin ist mir warm.

In Russland hat Marie gelernt: Kälte kann man mit ausreichend Equipment besiegen.

Marie Tysiak

Die Huskies und Ich

Und das Hundeschlitten-Fahren klappt erstaunlich gut. Gerademal zwei Tage Einführung auf Olgas Farm mit ihren 60 Schlittenhunden habe ich hinter mir – und ich gleite bereits am zweiten Expeditionstag wie ein Profi über den Schnee. Es scheint, als könnten die Hunde meine Gedanken lesen und wollten zeigen, dass sie nachwievor die führende Hand– bzw. Pfote – haben und nur aus Gefallen so tun, als verstünden sie meine stur auswendig gelernten russischen Richtungsbefehle: Just bleibt meine Husky-Hündin Ewa, vorne links im Vierergespann, plötzlich stehen, um an einem einsam aus dem Schnee blitzenden Busch zu schnuppern. Akai, mein Alpha-Rüde, direkt dahinter im Gespann, überrennt sie. Die Seile, mit denen die Hunde sorgfältig in das Geschirr gespannt sind, verhaken. Mein klappriger Schlitten wankt bedrohlich, als ich unsanft in die Hunde reinfahre. Denen macht das nichts aus – jetzt beschnuppern alle vier eifrig den Busch, der wie die erste Knospe im Frühjahr aus dem Schnee ragt. Na toll.

Eiskalt und rau geht es zu im Norden Russlands.

Viktor Simonov

Energisch und laut rufe ich den Hunden zu und nenne ihre Namen, genau wie Olga es mir erklärt hat. Nur so erlange ich den Respekt der Tiere. Mein Russisch-Vokabular besteht nach dem Training aus den Wörtern »los«, »stop», »gut gemacht«, »rechts«, »links« und »schneller«. Irgendwie passt keiner der Begriffe, doch nach kurzer Zeit scheint der Busch seine Verlockung verloren zu haben, die Hunde verlieren das Interesse und fangen wieder an zu rennen. Dass mein Rufen damit irgendetwas zu tun hat, bezweifle ich stark. Doch wie durch ein Wunder entzerrt sich sogar das Seil und meine vier treuen Begleiter fallen wieder in ihre alten Lauf-Positionen.

Querfeldein laufen die Huskys samt Schlitten durch Russland, unsere Autorin war mit dabei.

Viktor Simonov

Querfeldein

Ein kleiner Wald beginnt, dünn und grau sprießen die schmalen Stämme der Birken aus dem unberührten Puderzuckerschnee zu meinen Seiten. Meine Hunde folgen dem Pfad, der quer durch den Wald führt. Ich befinde mich in einer Kolonne aus insgesamt 10 Schlitten, vorne weg fährt ein Schneemobil und ebnet und plättet den hohen, weichen Schnee. Ein weiteres Schneemobil düst zwischen den Schlitten umher und hilft, falls sich mal ein Hund im Geschirr verheddert.

Sehen kann ich niemanden der anderen Expeditionsteilnehmer. Ich müsste meiner Berechnung nach der zweite Schlitten sein, doch die zarte Franzi mit ihren zugkräftigen Hunden führt nicht umsonst den Trupp an und dürfte mir gut einen Kilometer Voraus sein. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn hier draußen, alleine in der russischen Wildnis, ist es alles andere als langweilig. Zum einen muss ich mich ja eh auf den Schlitten und die Hunde konzentrieren.

Einsam war es im Norden Russlands, doch in keinem Fall langweilig, erzählt unsere Redakteurin.

Viktor Simonov

Die Eisfischer winken nach

Und zum anderen hat es fast etwas Meditatives an sich. Der eisige Wind scheint auch meinen Kopf leerzufegen – ich denke an nichts. Also an nichts Bestimmtes. Ich konzentriere mich auf mein Tun, ja. Und dann nehme ich hier und da eine Veränderung in der Landschaft war, so wie dieser Birkenwald. Oder die Ruine einer orthodoxen Kirche mit seinen eindrucksvollen Zwiebeltürmen, die ich vor etwa einer Stunde passiert habe.

Oder die vielen Eisfischer, als die erste Etappe mich gestern stundenlang über die dick zugefrorene Wolga geführt hat. Auf dem blanken Eis saßen sie da, dick eingepackt, die Angel in das winzige Loch, daneben die mickrige Ausbeute kleiner Fische und nicht selten eine Flasche Wodka. Die Männer guckten nicht schlecht, als unser Gespann aus sechzig Hunden samt Schlitten, Schneemobilen und wir Michelin-Männchen-Mushern vorbeisausten. Manchmal passieren wir sogar ein Dorf. Die bunten Holzhütten, von denen dicke Eiszäpfe hängen, erinnern fast an ein idyllisches Dorf in Skandinavien. Nur sind sie verlassen, die harten Winter im Norden Russlands haben viele Menschen in die Städte getrieben.

Verlassene Dörfer findet man viel entlang des Weges bei einer Husky-Tour durch den einsamen Norden Russlands.

Viktor Simonov

Zivilisation in Sicht

Hinter dem Wäldchen geht es plötzlich bergab, die Hunde hechten so schnell sie können hinunter. Es scheint als gäbe es nicht Schöneres für sie, als auf diese Weise neues Terrain zu erkunden. Nun kann ich in weiter Ferne in dem Weiß schon unser Domizil für die Nacht sehen – und auch Franzi, die ebendort gerade ihre Hunde abspannt.

Wenig später mache ich mit einem lauten Stop-Ruf vor der Holzhütte Halt, die der abblätternden Farbe zu urteilen mal kräftig grün am Seeufer geprangt haben muss. Jetzt ist der See meterdick zugefroren und von einer weichen Schneeschicht bedeckt – und neben dem alten Holzhäuschen ragt ein neues Haus empor. Aus dem Schornstein steigt Rauch auf. Während ich meine Hunde abspanne, aus ihrem Geschirr befreie und für ihr Nachtlager an ein Drahtseil zwischen zwei Bäume binde, trudeln ein paar weitere Gespanne ein.

Huskies fühlen sich bei kalten Temperaturen unter null Grad Hundewohl.

Viktor Simonov

Das Lager für die Nacht

Akai, der Alpharüde und somit Anführer meines Rudels, springt mich von der Seite an. Seine kräftigen Pfoten auf meinen Oberschenkeln spüre ich durch meine dicke Kleidung kaum. Mit seinen stahlblauen Husky-Augen schaut er mich an, und als ich den Blick halte, bellt er laut. Wie Olga es mir beigebracht hat, gehe ich zu jedem der Hunde, kuschle und knuddle sie – soweit das mit meinen klobigen Handschuhen möglich ist. Natürlich lobe ich sie auch für diese gute Arbeit heute. Immerhin  haben wir gemeinsam 25 Kilometer zurückgelegt. Für die Hunde ein Klacks. Später werde ich sie mit je zwei gefrorenen Hasenköpfe belohnen: Leibspeise und Protein-Booster für die Tiere. Flüssigkeit bekommen sie genug, indem sie einfach ständig in den Schnee beißen. Akai schleckt mir nochmal kräftig über die Skibrille, dann wende ich mich ab, um auch mich drinnen aus meinem Zeug zu befreien und mit einem heißen Tee einzuheizen. Die Hütte mit dem aufsteigenden Kaminrauch ist eigentlich eine Fischerhütte und wird uns für diese Nacht als Schlaflager dienen.

Des Nachts werden die Hunde bei unserer Husky-Tour draußen angebunden.

Marie Tysiak

Immer wieder untermalt ein Bell-Konzert der Hunde unser fröhliches Beisammensein. Wir haben am Rande des Sees ein Lagerfeuer entzündet, darauf brutzelt ein Riesenpott mit Fischsuppe. Tom, unser Expeditionsleiter, mariniert währenddessen die Fleischspieße und legt sie auf den Grill. Kein Wunder, dass die Hunde so aufgeregt sind, so wie das duftet. Gut gelaunt haben wir vierzehn Expeditionsteilnehmer und unsere russischen Guides es uns ums Feuer gemütlich gemacht. Die Flammen erhellen die roten Gesichter, die unter den Mützen hervorlugen. Die Fischsuppe wird ausgeteilt – und schmeckt himmlisch. Anton, einer unserer Guides, zaubert eine Flasche Wodka aus seinem Mantel hervor und beginnt, jedem einen puren Schluck Hochprozentiges in seinen Becher zu füllen. Manche Dinge sind eben gelebtes Klischee.

Taghelle Nacht

Ich wende meinen Blick zum See. Die Sonne ist schon lange untergegangen, dennoch liegt die weiße Oberfläche taghell vor mir. Es ist Vollmond, und zusätzlich zu dessen kräftigen Lichts und der Reflektion im Schnee beleuchten abertausende Sterne die weiße Winter-Wunderlandschaft um mich herum. Mich zieht die unberührte Schneefläche auf dem See wie magisch an und ich erhebe mich von meinem Holzstumpf am Feuer und stapfe auf den See zu. Knietief graben sich meine Stiefel bei jedem Schritt in das perfekte Weiß, das sich wie ein unbeschriebenes Blatt Pergament vor mir ausrollt. Hinter mir höre ich das Lachen ums Feuer und das aufgeregte Bellen der Hunde und denke an all die lieben Menschen, die ich auf dieser Reise getroffen haben. Und natürlich an meine vier neuen tierischen Freunde.

Da laufen die Huskies durch den Norden Russlands!

Viktor Simonov

Während ich mir meinen Weg zur Mitte des Sees bahne, werfe ich einen tiefschwarzen Schatten, so hell leuchtet es vom Himmel. Dick eingepackt plumpse ich in den Schnee und mache einen Schneeengel – ich stelle mir vor, wie neidisch jedes Kind im deutschen Nieselregenwinter gerade auf diesen perfekten Engel im russischen Schnee wäre. Dank der Kälte ist der Schnee ganz trocken und weich und man mag fast seinen Schlafsack raustragen und einfach hier draußen nächtigen. Mein Blick wandert den Himmel ab, ich erkenne hier und da ein Sternbild. Den Mond umrahmt ein heller Schein, fast wie ein Heiligenschein. Tatsächlich heißt dieses Phänomen – wenn sich das Mondlicht in den Eiskristallen bricht – Halo. Wunderschön.

Wenn sich das Mondlicht in den Eiskristallen bricht, dann bildet sich ein Halo.

Marie Tysiak

Das Ur-Menschliche in dir

Ein Satz kommt mir in den Sinn. Bevor ich diese Reise angetreten habe, hat mir ein ganz besonderer Mensch zur literarischen Vorbereitung Jack Londons »The Call of the Wild« geschenkt, mit einem persönlichen Zitat auf der ersten Seite. Während sich in dem Buch der Haushund Buck in ein Schlittenhunderudel integrieren muss und schließlich beim Rennen durch die Tundra des Yukons seine Freiheit findet, wünschte mir mein Schenker ein ähnlich bereicherndes Erlebnis: »Marie, magst auch du die Wildnis finden – hier: das Ur-Menschliche in dir; weit verschneit durch russische Landschaft gleiten, um am Ende reicher heim zu kommen«, stand dort auf der ersten Seite geschrieben. Oh ja, das tue ich. Und fast scheint es, als hörte ich Buck, der am Seeufer mit den anderen Hunden um die Wette bellt.

Abends ruhen sich die Huskies nach der Tour des Tages aus.

Viktor Simonov

Die Expeditionsgemeinschaft Wandermut unternimmt jedes Jahr mit Interessierten verschiedenste Expeditionen rund um den Globus. Mehr Informationen zu aktuellen Projekten von Wandermut findest du hier.

Tagelang durch eisige Kälte gleiten, das erwartet einen bei einer mehrtägigen Huskytour.

Viktor Simonov

 

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