Malediven? Das kam für unseren Autor nie infrage. Er wusste, dass er das Wasser mit Lebewesen würde teilen müssen, die ihm als Stadtbewohner nicht behagten. Nach einem Aufenthalt im Mirihi Island Resort sind alle Ängste beseitigt. Nun ist er gar bereit für die nächste Zündstufe. Text: Ralf Johnen

Ich fixiere eine mit Muscheln gefüllte Schale, die etwa 90 Zentimeter unter meiner Nase steht. Wieder denke ich darüber nach, warum es mich nie auf die Malediven gezogen hat. Dann erklingt ein asiatisch angehauchter Gongschlag. Einmal, zweimal, dreimal. Weil ich auf dem Wunschzettel für die Massage in der Kategorie Anwendungsstärke diesmal »medium« angekreuzt habe, unterbreche ich meinen Gedankengang für einen Moment. Ich mache mich auf ernsthafte Schmerzen gefasst.

Als sich die kräftige Indonesierin an die Arbeit macht, knackt die Wirbelsäule anfangs tatsächlich. Doch der beträchtliche Druck der »Muscle Relax Massage« wird durch Öle gelindert, die das beruhigende Aroma von Zitronengras in sich tragen. Allmählich stellt sich ein Wohlgefühl ein, das nach 60 Minuten intensiver Behandlung die Züge einer Wiedergeburt annimmt. Kurz darauf sitze ich in einem Liegestuhl unter einer Palme, blicke auf den Indischen Ozean und nippe an einer winzigen Tasse Ingwertee. Meine Nervosität habe ich vergessen. Fast. So weit also lässt sich das ganz gut an mit der Entspannung.

Nach der Massage geht es zum Tauchen

Doch richtig wohl ist mir immer noch nicht bei dem Gedanken, dass ich gleich Taucherflossen und Schnorchel anziehen werde. Schließlich hatte ich die Liste landestypischer Meeresbewohner nicht umsonst sorgfältig studiert, die vom Black Tip Shark bis zum Ammenhai mehrere kapitale Raubfische von bis zu 300 Zentimetern Körperlänge ausweist.

Angestellter im Mirihi Island Resort

Mirihi Island Resort

Und diese, so hatte ich recherchiert, können den Stress verängstigter Badeurlauber in Form elektrischer Impulse spüren. Mit wackligen Knien melde ich mich bei Chris, einem gutmütigen Flamen, der hier im Mirihi Island Resort die Tauchschule leitet. Ich könne schon mal in meine Maske spucken, sagt Chris. Er komme dann gleich. Ich halte das für einen dieser Insiderwitze, die Hasardeure zur Verunsicherung der Außenwelt teilen – egal, an welchem entlegenen Flecken der Erde sie sich gerade aufhalten.

Also laufe ich schon mal zum glasklaren Ozean, dessen türkisgrüne Farbe meinen Augen schmeicheln mag, aber die mich nicht darüber hinwegtäuschen wird, dass ich ihm misstraue, diesem Ozean. Mit einigem Unbehagen gehe ich zum makellos weißen Strand, der von wohlgeformten Palmen gesäumt wird. Menschen sehe ich keine. »Warst du überhaupt schon mal schnorcheln«, fragt Chris, als er sieht, wie ich zum zweiten Mal umkippe, während ich mir die blauen Taucherflossen anzulegen versuche. »Ja, ja«, antworte ich knapp. Das sei aber ein Weilchen her. Okay, dann solle ich ihm einfach zum Hausriff folgen, sagt der Belgier.

Tauchen auf den Malediven

Ralf Johnen

Eine Stunde später habe ich zwar ein bisschen Salzwasser geschluckt. Doch ich habe auch bunte Papageienfische gesehen, grazile Hornhechte und einen grimmig dreinblickenden Drückerfisch mit ausgeprägten Schneidezähnen. Genug, um alle Aquarien der Welt zu füllen. Zwischen den Korallen habe ich die Tentakel eines Oktopus gesichtet, ja sogar eine Meeresschildkröte hat sich die Ehre gegeben. Und zu guter Letzt ist uns ein leibhaftiger Hai begegnet.

Wellen sind hier weit weg

Als ich frisch geduscht auf der Terrasse meines Wasserpavillons sitze, werfe ich erneut einen Blick auf die Korallenformationen, die bis unter mein Domizil reichen. Eigentlich, hatte ich noch am Morgen zu mir selbst gesagt, sollte es doch genügen, all diese wunderlichen Kreaturen von hier oben aus zu beobachten. Auch von der Treppe, die hinunter zum Wasser führt, kann ich die Liste landestypischer Fische fast durchdeklinieren – bis auf die Raubfische, die sich hier den Bauch aufschlitzen würden. Von dieser konservativen Herangehensweise aber rücke ich Schritt für Schritt ab, während ich am frühen Abend zu Fuß die Insel umrunde.

Mirihi Island Resort

Mirihi Island Resort

Der Umgang mit der Zeit hier irritiert mich anfangs, denn obwohl sich das Mirihi Island Resort westlich von der Hauptstadt Male befindet, ist es hier eine Stunde später. Bestimmt noch so ein Taucherscherz, denke ich mir und belasse es dabei. Mit 350 mal 50 Metern werden die Ausmaße des Eilands angegeben, das sich in geschützter Lage im Süd-Ari-Atoll befindet. Anders als am Westrand des Atolls brechen hier keine meterhohen Wellen. Weil die Insel so klein ist, breitet sich trotz permanenter 28 bis 32 Grad nicht die Schwere tropischer Hitze aus.

Zum Barbeque schauen Baby-Haie vorbei

Unter diesen Umständen ist auch ein Barbecue willkommen, das vor allem Honeymooner gerne buchen. Mit Blick auf die untergehende Sonne verkosten sie das Angebot lokaler Spezialitäten: Yellow Fin Tuna, Oktopus und Hummer. Als ich in direkter Ufernähe Schwimmbewegungen und kleine, aufgestellte Flossen sehe, frage ich eine Hotelangestellte, um was es sich denn da handelt. »Ach«, sagt sie, »das sind Baby-Haie.« Die lernen hier das Jagen. Doch schon jetzt beunruhigt mich das nicht mehr wirklich.

Am nächsten Morgen wage ich mich zu einer Schnorcheleinheit ins Wasser. Alleine. Selbstbewusst kraule ich binnen Sekunden hinaus bis zum Ende des Bootsanlegers, wo eine kleine Traverse zum Hausriff führt. Doch als ich mich auf die Suche nach dem Hauswrack machen möchte, identifiziere ich unter den Meeresbewohnern den Drückerfisch, den Chris gestern ob seiner kräftigen Schneidezähne eigens herausgestellt hat.

Das Tier mustert mich mit kritischem Blick, als wollte es sagen: »Mach dich vom Acker, solange du noch kannst.« Ich aber lasse mich nicht beeindrucken und schwimme weiter.

Wird aus dem Asphalt-Cowboy doch noch ein Abenteurer? Selbstzufrieden begebe ich mich für zwei Stunden in die Hängematte, wo ich abwechselnd die Schattierungen des Wassers und die Wolkenformationen beobachte.

Erst zu Fabian an die Bar, dann ins Restaurant Dhonveli

Am späten Abend widme ich mich einem anderen Thema, zu dem ich bislang keinen Zugang hatte: Rum. Fabian, ein gebürtiger Kölner, bietet Variationen des Zuckerrohrschnapses aus aller Welt in Kombination mit Kreationen des hauseigenen Patissiers an. Sein erklärtes Ziel ist die Erzeugung einer Geschmacksexplosion auf dem Gaumen risikobereiter Feinschmecker, was ihm noch nicht immer zu seiner vollständigen Zufriedenheit gelingt. Doch der ehemalige Barmixer ist fest entschlossen, weiter zu experimentieren. Schließlich handelt es sich um das, wonach die Gastronomie im Eventzeitalter mehr denn je lechzt: ein Alleinstellungsmerkmal. Champagner oder Gin könne schließlich jeder. Kleine Extravaganzen dieser Art zählen eben zum makellosen Verwöhnprogramm des Resorts.

Im Restaurant Dhonveli fährt Chefkoch Felix Bamert derweil Abend für Abend ein opulentes Buffet mit wechselndem Schwerpunkt auf. Ich stärke mich am Sushi-Stand, wo ich mit Mohamed Shareef ins Gespräch komme. Der General Manager hat meinen anfänglichen Kampf mit dem Wasser ebenso diskret beobachtet wie meine Vorliebe für den Saft der Passionsfrucht, der mir fortan ungefragt zum Frühstück serviert wird. Shareef arbeitet seit mehr als zehn Jahren auf der winzigen Insel, wo das gesamte Personal gleichzeitig lebt.

Sushi im Mirihi Island Resort

Mirihi Island Resort

Was andernorts ein Gefühl der Beklemmung hervorrufen kann, wirkt im Mirihi Island Resort ganz natürlich: Das Eiland ist extrem schön, doch die Anstrengungen zur Realisierung eines High-End-Luxus sind nicht unerheblich. Frei nach der Maxime, dass zufriedenes Personal die Grundvoraussetzung für glückliche Gäste ist, fördert Pächterin Amy Stierli die partielle Überschneidung der Lebenswelten. Am späten Nachmittag etwa rücken junge Männer auf dem Fußballplatz der Insel an: Kunstrasen, zehn Mal 20 Meter.

Zu Besuch auf der Nachbarinsel Fenfushi

Einmal im Jahr treten hier die Besten gegen das Team eines Nachbarresorts an. Zur Vorbereitung engagiert die fußballverrückte Schweizerin einen ehemaligen Nationalspieler der Malediven, der das Team im Kurzpassspiel drillt. Zuletzt wurde das Team des Hotels Conrad mit 9:2 geschlagen. Ein Fußballplatz befindet sich auch auf Fenfushi, was im Jargon der Touristiker als »local island« bezeichnet wird. Knapp 1.000 Menschen leben hier auf einer Fläche von 300 mal 900 Metern. Und die Kontraste zu Mirihi und den rund 105 weiteren Inseln des Atolls könnten größer kaum sein. Zwar haben sich die Insulaner inzwischen an Besucher gewöhnt, doch Schüchternheit liegt in ihrem Naturell.

Fußballspieler auf den Malediven

Ralf Johnen

Wie überall auf den Malediven, werden auf Fenfushi die Regeln des Islam streng eingehalten. Frauen aber tragen auf den Schotterwegen nicht nur Kopftuch oder Schleier, sondern auch Sonnenschirme, mit denen sie die Häupter ihrer Kinder vor der Hitze schützen. Besucher ernten nicht selten ein verlegenes, aber herzliches Lächeln. Viele Männer arbeiten am Nordende der Insel in einer Werft, wo die traditionellen Holzboote der Malediven hergestellt werden.

Geschäfte und das eine Café der Insel sind denkbar minimalistisch, lediglich das gepflegte Schulgebäude zeugt von einer Art Aufbruchstimmung – auch wenn die Wände von Parolen geziert werden, die in unseren Ohren eher martialisch klingen. Das Mathe-Kollegium etwa lässt wissen: »Lernen ist kein Kinderspiel. Ohne Schmerz können wir nicht lernen.« Die einzige Sehenswürdigkeit von Fenfushi ist auf Anhieb nicht zu erkennen: Es ist die inzwischen von einem Schutzbau überdeckte Moschee, deren Alter auf wenigstens 800 Jahre taxiert wird. Sie liegt direkt gegenüber vom Fußballplatz, der von Palmen eingerahmt ist und dessen Untergrund aus reinem Sand besteht.

Auf zu dem Ort, wo die bis zu 12 Meter langen Walhaie leben

Der Besuch der »local islands« ist eine Erfahrung, die sich immer weniger Touristen entgehen lassen möchten. Auch wenn die Visite zur Demut anregt und ohne voyeuristische Empfindungen vonstattengeht, fürchten Skeptiker negative Konsequenzen. Der sanfte, freundliche und disziplinierte Islam der Malediver könnte negativen Einflüssen ausgesetzt werden. Auch eigneten sich die vielen Boote für die Einfuhr unerwünschter Produkte.

Am nächsten Morgen sitze ich wieder an Bord eines Dhoni. Diesmal aber steht mir eine Erfahrung bevor, die mir noch vor Tagen Herzrasen bereitet hätte. Ziel ist ein Ort in der Nähe mehrerer unbewohnter tropischer Inseln, deren Lage sie am äußersten Rande des Atolls meterhohen Wellen aussetzt. Auch die Boote anderer Resorts suchen die ominöse Stelle auf, weil die Lage am Außenriff für außergewöhnlichen Planktonreichtum sorgt – die Lebensgrundlage der bis zu zwölf Meter langen Walhaie.

Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass ich freiwillig im offenen Meer von einem Boot springen würde. Doch die Erfahrungen der Vortage lassen mich die Ängste des Stadtbewohners vergessen. Als der Stewart das Zeichen gibt, stürze ich mich mit Flossen in die Fluten. Ich werde von einer extremen Strömung erfasst, doch ich behalte die Ruhe und erkunde die Unterwasserlandschaft.

Fische

Ralf Johnen

Falscher Alarm, heißt es nach 20 Minuten. Mehr als zwei Stunden lang nehmen wir unterschiedliche Fährten auf – ohne Erfolg. Bis Mohammed aufschreit: »Manta, Manta.« Binnen Sekunden sind wir im Wasser. Als ich mich gerade akklimatisiert habe, schwimmt eines der Tiere unter mir durch. In fünf Metern Entfernung, oder vielleicht in sechs. Bald kommt ein zweiter Riesenrochen. Mithilfe bedächtiger Flügelschläge scheinen beide miteinander zu tanzen. Das Schauspiel dauert fast ein halbe Stunde. Erst nachher merke ich, dass ich die ganze Zeit unter Wasser geatmet habe.

Zum Abschied ein Festmahl im Restaurant Muraka

Am Abend berichte ich Chris von meinen Erlebnissen, der seine These bestätigt sieht: Ganz langsam muss man sich an das Unterwasserleben gewöhnen. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten sei Tauchen kein Macho-Ding mehr, bei dem der eine den anderen mit immer neuen Rekorden überbieten muss. »Auch wenn es schade ist, dass ihr keine Walhaie gesehen habt.« Die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit liege bei über 80 Prozent. Nach dem erneuten Sieg über ein Trauma gönne ich mir am Abend ein Festmahl.

Restaurant Muraka im Mirihi Island Resort

Mirihi Island Resort

Das Restaurant Muraka ist wie die Bungalows ins Wasser hinein gebaut, hier diniert man à la carte mit Blick auf die untergehende Sonne. Unabhängig davon, ob Celebrities oder Industriekapitäne an den Tischen sitzen, kommt hier jeder barfuß hin. Mirihi Island ist keine Insel der Prätentiösen. Hier wird jeder gleich behandelt. Hummer-Ravioli und Wagyu-Beef mit Mango-Pinien-Risotto munden formidabel. Zum Dessert gibt es zur Feier des Tages einen Champagner von Laurent Perrier. Die verbleibenden Tage widme ich mich ganz meiner neuen Leidenschaft. Wenn mir am Hausriff ein Hai begegnet, winke ich ihm. Doch mein Gruß wird nicht erwidert. Das nächste Mal, schwöre ich mir, wage ich mich ans Tauchen heran. Auf eine Muscle-Reflex-Massage muss ich ja deshalb nicht verzichten.

Tipps zur Anreise

Anreise. Male, die Hauptstadt der Malediven, wird mehrmals wöchentlich nonstop von Condor und Lufthansa angeflogen. Die Preise beginnen bei  594 Euro. Der Weitertransport mit Trans Maldivian Airlines gehört oft zum Arrangement. Bei individueller Anreise kostet der Flug ca. 420 Euro. Dazu gehört eine kurze Erfrischung in einer Privatlounge am Flughafen.

Hotel. Die Insel Mirihi ist eine von über 1.000, die gemeinsam die Malediven formen. Sie befindet sich südwestlich von Male im südlichen Ari-Atoll. Die Insel beherbergt das Mirihi Island Resort mit 37 Villen, von denen fast alle auf Pfählen im Wasser errichtet wurden. Bei Doppelbelegung kosten sie zwischen ca. 535 Euro (Mai/Juni) und ca. 1.307 Euro (Weihnachten, Silvester) pro Nacht, Halbpension kommt auf 90 Euro p. P. und Tag. Zum Resort gehören zwei Restaurants und zwei Bars. Bei der Einrichtung wurde bewusst auf Fernseher verzichtet, das WLAN aber funktioniert gut. Kanus, Surfboards und Schnorchelausrüstung werden kostenlos vermietet. Taucher können Exkursionen zu 40 Tauchspots unternehmen – dazu gehört auch die Tour zu Walhaien und Mantarochen. Weitere Infos zum Resort gibt es hier.

Den reisen EXCLUSIV-Guide gibt es hier.


 



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