Fjorde, Buchten, Mittelerde, Elfen, Hobbits, singende Maoris und selig kauende Schafe. Neuseeland ist ein Sehnsuchtsort am Ende der Welt. Text: Carolin John

 

Die Serpentinen schlängeln sich fadendünn über die dunkelgrünen Hügel auf der Nordinsel. Rechts eine Felswand, links der Abgrund. Kathy gibt Gas. Wir überholen einen Radfahrer, der in seinen Helm Strohhalme wie kleine Antennen gesteckt hat. Kathy lächelt: »Don’t ask me why!« Wir fahren durch eine Landschaft wie im Fantasy-Film. Berühmt geworden durch die Verfilmung der »Herr der Ringe«-Saga, in der Frodo und die Elben im märchenhaften Auenland ungestört vom Bösen lebten. Vom ewigen Grün wandert der Blick immer wieder auf die Anzeige der Uhr. Fünf Minuten vor zwei. In wenigen Minuten müssen wir in Hakikino sein. Als das Land flacher und die Bäume weniger werden, sehen wir in der Ferne das Meer. Hier muss es irgendwo sein. Straßenschilder gibt es nicht. Und tatsächlich, auf einem Schotterplatz steht eine ältere, weißhaarige Frau, eingehüllt in einen Umhang aus Federn. Um den Hals trägt sie eine aus bunten Perlen genähte Kette. Sie öffnet ein hölzernes Tor und nimmt uns mit in eine Welt, zu der man ohne sie keinen Zutritt hätte.

»Mana« – das Vermächtnis der Maori

Die Frau im Federgewand ist Denise, eine Maori. Sie führt uns zu Fuß hinauf auf einen Hügel, hinter dessen Kuppe uns eine Handvoll weiterer Maori erwarten. Sie tragen Gewänder aus gewebten Muka-Sisal, andere tragen Jeans und Hemd. Als die Maori uns sehen, beginnen sie zu singen. Die Klänge fühlen sich an wie eine warme Umarmung. Nach dem Willkommensgruß sind wir dran, auch wir sollen etwas singen. Danach kommen die Maori auf uns zu und umarmen uns. Sie geben uns den traditionellen Stirn-Nasen-Kuss: Zweimal berührt man sich an der Stirn, zur Verschmelzung des Geistes; einmal für die Toten und einmal für die Lebenden. Dann berühren sich zweimal die Nasen, die Verschmelzung des Atems und Einswerdung.

»Kultur muss gelebt werden«, haucht Denise, »sonst existiert sie nur noch als tote Buchstaben in Büchern.«

Ihre Stimme klingt weich wie eine schöne Ballade. Wir werden Zeugen des Haka, des Kriegstanzes, der Zubereitung von traditionellen Speisen und der Heilkunst von Ara, einer Art Schamanin. Ara stammt aus einer angesehenen Maori-Familie, ihr Bruder ist Arzt, der andere Informatiker, ein weiterer Lehrer, ihre Schwester Profilerin bei der Kriminalpolizei. Ara drückt ein Blatt auf meine Hand. An der Verfärbung des Blattes liest sie das Wohlbefinden ab und erkennt Krankheiten. Das Blatt zeige den »inner-spirit« an. Ara gehört zur »healing-connection«, sie drückt meine Hand und lächelt. Waren die Maori auch die ersten Siedler in Neuseeland, wurden sie später als Minderheit von den Kolonialherren enteignet. Die Maori trugen es mit manna. »Manna« – Würde, Selbstwertgefühl, Vergebung. Erst nachdem 1987 Maori als Amtssprache anerkannt worden ist und Entschädigungen bezahlt wurden, erfuhr das Selbstbewusstsein der Maori einen neuen Schwung.

Maori in Neuseeland

ChameleonsEye/Shutterstock.ocm

Zum Abschied stehen die Maori in einer Reihe. Wir gehen an jedem Einzelnen vorbei und verabschieden uns mit einem Stirn-Nasen-Kuss. Als ich bei Ara ankomme, umarmt sie mich und flüstert mir etwas ins Ohr. Sie sagt etwas von einer »gentle soul«, und dann sagt sie noch etwas über meine Lebenssituation, meine Ängste und meine Zerrissenheit. Ich wundere mich, ob ihr das auch die Blätter erzählt haben. Auch Kathy flüstert sie etwas ins Ohr. Bewegt, glücklich und ein bisschen verwirrt verlassen wir das spirituelle Kleinod.
Unsere nächste Station sind die Marlborough Sounds auf der Südinsel und der Beweis, dass Neuseeland vielleicht die letzte Wildnis des Planeten ist. Liebenswert wild. Wir besuchen Wendy Gamble, ein neuseeländisches Unikat, eine Dame mit einem ganz speziellen Hobby …

»Einer muss es ja tun!« – Unterwegs mit einer Possum-Fängerin in den Marlborough Sounds

Wer in der Natur lebt, stellt Fallen auf. Wendy Gamble kniet sich auf den kühlen Waldboden. Zu ihren Füßen: grüne Farne, moosige Findlinge und verschlungene Wurzeln. Über ihr: riesenhafte Bäume, durch deren dichtes Blätterdach diffus das Licht fällt. In den Wipfeln und zwischen den Farnen zwitschern die Vöglein. Hinter den Bäumen beginnt der Kieselstrand, das Ufer des Fjords, der in Neuseeland Sound heißt. Wir sind mitten im Nirgendwo auf der Südinsel Neuseelands. Aus ihrer Tasche zieht Wendy ein Döschen mit weißem Pulver. Ihr Lockmittel. Sie hat es selbst gemischt: aus Mehl, etwas Zucker und Milchpulver. Das Pulver schüttet sie über die Baumrinde. Zwischen den Wurzeln am Fuße des Baumstamms platziert sie die Falle. Dann knotet sie noch einen violetten Stofffetzen an einen der unteren Äste. »Das mache ich, um die Falle wiederzufinden – bei all den Bäumen.« Wendy Gamble ist Possum-Fängerin in der Wildnis der Marlborough Sounds.

Possum in Neuseeland

Samantha Hopley/Shutterstock.com

Zum Zeitvertreib. Und als Zubrot zur Rente. Die Marlborough Sounds sind eine sehr einsame Gegend. Nur ein paar Tausend Menschen leben hier an den Fjorden, in den Wäldern. Der nächste Nachbar wohnt eine Bootstunde entfernt.

»Die einen finden es schrecklich. Die anderen beneiden mich. Ich mag die Einsamkeit. Und es gibt immer was zu tun.«

Vor Sonnenaufgang schnappt sich Wendy am nächsten Tag einen Eimer und einen Pflock. Mit großen Schritten durchkämmt sie den unwegsamen Wald. Sie kontrolliert die Fallen gerne zeitig. Und sie hat Glück. Gleich in der ersten sitzt ein Possum. Wendy Gamble blickt einige Sekunden still auf den possierlichen Feind, dann stöhnt sie kurz. »Possums sind eine Plage. Sie verspeisen seltene Singvögel, fressen bedrohte Baumarten kahl und vermehren sich sagenhaft schnell. «Früher hat die neuseeländische Regierung sogar Prämien für die Erlegung der Possums bezahlt, weil diese sich, meist versehentlich, an den Kiwis, den geliebten Wappentieren Neuseelands, vergreifen.

Der Kiwi ist den Neuseeländern heilig. Der kleine Kiwi-Vogel ist ein liebenswerter, unschuldiger Tropf mit kugeligem Körper, flugunfähig, singt auch nicht – und ist dennoch beinahe ohne Feinde, wenn das Possum nicht wäre! Und deshalb tötet die rüstige Rentnerin das den kleinen Kiwi potenziell bedrohende Possum mit einem präzisen Schlag. Mit schnellen Handgriffen, als zupfe sie Gras aus lockerer Erde, rupft Wendy Gamble büschelweise das grau-weiße Fell vom Possumleib. »Man muss es rupfen, solange es noch warm ist. Sonst bekommt man das Fell nicht ab.« Büschel für Büschel füllt sie den Eimer mit dem hellen Flausch. Für ein Kilo Fell bekommt sie 100 neuseeländische Dollar, etwa 60 Euro. Der Ertrag einer Woche. Das Fell schickt sie auf die Nordinsel oder nach Canterbury, zu Possum Pam. Dort wird das Fell mit Merinowolle verwebt und zu Pullovern, Hausschuhen und sogar Dessous verarbeitet. Sie löst den Knoten der violetten Stofffetzenmarkierung und schiebt sie in ihre Rocktasche. Dann marschiert sie weiter. Zur nächsten Falle.
Nicht nur den Possums, auch Katzen ist man in Neuseeland nicht immer wohlgesinnt. Vertilgen doch auch sie leidenschaftlich gerne zwitschernde Piepmatze. Ein neuseeländischer Parlamentarier erzählte einst im Wahlkampf vor laufender Kamera und nicht ohne Stolz, wie er eine Katze ins Feuer schmiss. Erst als er die Miene seines Gegenübers sah, relativierte er schnell: Aber das Feuer sei schon fast ganz erloschen gewesen. Dabei sind die Neuseeländer im Grunde ihres Herzens ein sehr friedliches Volk. Vielleicht sogar das friedlichste Volk des Planeten, das versucht, das Gleichgewicht in allem zu bewahren – in der Natur, zwischen den Menschen und zwischen Natur und Mensch. Nicht umsonst nennt sich der Neuseeländer, wenn man ihn fragt, welcher Landsmann er sei, stolz »Ein Kiwi!« – nach dem tollpatschigen Vogel. »Desch isses!« – Der Traum von der Traube.

Zu Besuch bei zwei Auswanderern in Martinborough

Unweit der Marlborough Sounds, am untersten Zipfel der Nordinsel, lebt Kai Schubert. Er ist nur ein halber Kiwi. Und dennoch liebt er Neuseeland. Nicht wegen der Einsamkeit, wie Wendy, sondern wegen des Weins. Er sitzt vor seinem roten Cottage auf einer Holzbank. Auf dem von Sonne und Regen gebleichten Tisch stehen ein paar Weinflaschen, Gläser und Weißbrot. Hinter dem Cottage beginnt sein Weinberg. Kai ist einer von jährlich tausend Deutschen, die nach Neuseeland auswandern und versuchen, ihre Träume in ein neues Leben zu verwandeln. 1998 verließ er, zusammen mit seiner Frau Marion Deimling und einem großen Traum, seine schwäbische Heimat – und fand sein Glück.

»Wir wollten einen außergewöhnlichen Pinot keltern.«

Auf der weltweiten Suche nach dem idealen Boden fanden sie in Martinborough die besten Weine. »Aber die Winzer hier in Neuseeland, hatten wir den Eindruck, wussten gar nicht so genau, was sie da tun. Also mussten die Trauben unglaublich gut sein.« Kai schlendert zum Weinberg. Er zwickt eine Traube von der Rebe und probiert die Frucht. »Wir wussten sofort: Desch isses.« Mittlerweile gehören ihnen 40 Hektar. Und die schwäbischen Winzer haben Erfolg. Bei einer Blindverkostung gewann der Schubert-Wein überraschend den zweiten Preis. Seither folgt eine Auszeichnung und Trophäe auf die nächste. Kai Schubert lässt etwas Pinot Noir ins Glas plätschern. Dann nimmt er einen Schluck, schließt die Augen und lächelt. Ein bisschen so, als sei er in einen süßen Rotweintraum gefallen.

Wein von Kai Schubert

Patricia Hofmeester/Shutterstock.com

Der Traum schmeckt nach roten Früchten, Pflaumen, schwarzem Pfeffer und Eichenfass. Blättrig, elegant, geschmeidig, lebendig und intensiv. Unter grünem Blätterdach tanzt eine Frau barfuß beim Toast-Martinborough-Weinfestival zum Rhythmus von Brooke Fraser. Ihr langer Rock und ihre Arme schwingen baumelnd um ihren Körper. Wenige Meter von der Tanzflächenwiese entfernt liegt ein Paar auf der Picknickdecke. Die Weingläser stehen wie zwei schiefe Türme auf dem unebenen Boden. Jeder Grashalm ist unter der neuseeländischen Sonne zu goldig pieksendem Stroh geworden. Ich lasse mich ins zwickende Gras fallen und denke an die Maori und die Worte, die Ara mir leise ins Ohr sprach, als wir uns verabschiedeten. Sie schwirren mir durch den Kopf. Nirgendwo scheint es mir in diesem Moment schöner als in der Nachmittagssonne auf der Rückseite des Erdballs zu liegen, in den Himmel zu schauen und mit einem Pinot-Noir-Geschmack auf der Zunge sich so frei zu fühlen.

Es sind nicht die Weinberge, nicht das aus der Schriftstellerfantasie entsprungene Auenland, das in Neuseeland sein reales Pendant gefunden hat, nicht Mittelerde und nicht die rauen, einsamen Strände, Buchten und Fjorde, die Neuseeland zu einem magischen Ort, irgendwie spirituell und unvergesslich machen. Es sind die Menschen, die Musik und die »Energie«, wissen die Maori. Kein Ort auf der Welt gibt dem Menschen so viel Energie und gleichzeitig Gelassenheit wie Neuseeland.

Infos. www.newzealand.com/de

Hoteltipp. Museum Hotel, 90 Cable Street, Wellington 6011, Tel.: +6448028900. www.mu­seumhotel.co.nz

Anreise. Air New Zealand fliegt täglich ab London-Heathrow über Los Angeles und fünfmal wöchentlich über Honkong. Zubrunger gibt es ab neun deutschen Flughäfen: hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt a. M., Stuttgart, München, Dresden, Berlin und Hannover. www.airnewzealand.de

Nicht versäumen. Hautnah die Maori-Kultur erleben, auf der »Waimarama Food of the Chiefs Tour«. Emotional berührend, rational unbeschreiblich. Umfasst drei Stunden inklusive einer typischen Maori-Mahlzeit. 1 bis 5 Personen. Buchung über: Denise Prentice, Waimarama Maori Tours, Tel.: +64 21 057 0935, E-Mail: info@waimaramamaori.com, www.waimaramamaori.com

 

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