Eine Stadt. Tausend Möglichkeiten: ausschweifendes Nachtleben, ellenlange Sandstrände, obendrein ausreichende Shoppingmöglichkeiten und eine sehenswerte Kunstszene. Nun bewirbt sich Miami noch um eine Green Card. Womit? Einem öffentlichen Fahrradverleih-System, Nationalparks und einem neuen grünen Bewusstsein. Grünes Miami. Text: Ulrike Klaas

Wir cruisen durch Miami South Beach. Den Sitz tiefer gelegt, eine Hand am Lenker und ab und an die Hand lässig zum Gruß gehoben – das ist die amerikanische Art des Fahrradfahrens. Guerby gibt die Route vor, und wir folgen wie eine gesittete Entenfamilie brav hintereinander weg.

Strand von Miami

Ulrike Klaas

Plötzlich entsteht Chaos, Guerby hat vergessen, per Handzeichen die Richtungsänderung anzuzeigen. Erst im letzten Moment schwenken wir alle nach links. »Sorry, guys«, ruft Guerby zu uns rüber, schenkt uns sein lässiges Grinsen und macht ein Zeichen, dass wir ruhig alle näher kommen sollen. In Miami teilen sich Biker eine Fahrbahn mit den Autofahrern. Kein Gehupe und lautes Geschimpfe, man fährt gemütlich nebeneinander her. Fragende Blicke ernten wir allerdings schon. Dass jemand freiwillig in der Mittagssonne auf einem Fahrrad über den Ocean Drive radelt, passiert wohl noch nicht allzu oft.

Dabei gibt es mittlerweile 1.000 Räder zum Ausleihen für jedermann. Im März 2011 hat Miami Beach als eine der wenigen Städte der USA einen öffentlichen Radverleih ins Leben gerufen. Die »Deco-Bikes« stehen verteilt im berühmten Art-Déco-Viertel. Rund 100 olivegrüne Stationen, die mit Solarenergie betrieben werden. Grünes Miami.

Achtung, grüne Welle!

Miami schwimmt auf der grünen Welle: Die Pläne für öffentliche Verkehrsmittel wurden in den letzten Jahren ausgebaut und zahlreiche Initiativen für saubere Straßen und Wasserläufe ins Leben gerufen. Zudem hat Miami die besten Voraussetzungen für grünen Tourismus, denn gleich zwei Naturreservate umgeben die Stadt. Der Everglades Nationalpark mit seiner einzigartigen Sumpflandschaft, der zum Unesco-Welterbe zählt, und der Biscayne National Park mit seinem Mangrovenwald und einem lebendigen Korallenriff. Auch in der Hotellerie wächst das ökologische Bewusstsein, den Verbrauch von Energie und Wasser einzusparen oder mit saisonalen Produkten der Region die Gerichte zu kreieren.

Die Ampel gibt uns grünes Licht. »Guerby, grüner wird’s nicht!«, reiße ich unseren Fahrrad-Guide aus seinen Tagträumen. Weiter geht es den Ocean Drive hinunter, die berühmteste Straße von Miami Beach – vorbei an Art-déco-Gebäuden, die Miami Beach erst das typisches Gesicht verleihen.

»Fast 1.000 historische Bauten sind es hier im Distrikt«, ruft uns Guerby noch zu, bevor die nächste Straßenecke ihn verschluckt.

Die meist blau-, grün- oder rosa-pastellfarbenen Fassaden sind völlig symmetrisch und würfelförmig aufgebaut. Zudem sind viele mit Glasbausteinen, Flachdächern und Neonlichtern versehen. Ebenfalls typisches Element: die Fenster tragen Augenbrauen. Die kleinen Vorsprünge sollen Sonnenstrahlen abhalten, wie Tentakeln ungehindert ins Innere zu kriechen. Denn die Gebäude stammen aus den 1930er- und 1940er-Jahren, wo Klimaanlagen ebenso unvorstellbar schienen wie Handys.

Miami

Ulrike Klaas

Bei einem Gebäude stutze ich. Kenne ich es nicht irgendwoher? Ein hoher schwarzer Zaun aus Messingstäben, zu dessen Eingang mehrere Steintreppenstufen führen und hinter dem sich eine pompöse Villa erhebt, umsäumt von hohen Bäumen, deren Äste und Blätter sich schützend um das Haus ranken. »Gianni Versace hat hier gelebt. Heute ist das ein Luxushotel«, antwortet Guerby auf meinen fragenden Blick hin.

Auf die Zwölfe

Weiter geht’s kreuz und quer durch den District bis Guerby sein Bike vor einem Boxclub parkt. Sollen wir jetzt etwa bei seiner täglichen Trainingseinheit Zuschauer spielen? Den Körper zu stählen, scheint in Miami eine öffentliche Angelegenheit zu sein. Die Freiluft-Outdoor-Gyms direkt an der Flaniermeile waren mir auf dem Hinweg schon aufgefallen. Und ausnahmslos alle, die dort Gewichte stemmten oder Klimmzüge im Sekundentakt absolvierten, schienen aus einem Fitnessvideo entsprungen. Im Boxclub riecht es nach Schweiß und Muff. Die Augen müssen sich erst an das Dämmrige gewöhnen. Nun fallen mir die vielen Fotos an den Wänden auf, die immer die gleiche Person zeigen: die Boxlegende Muhammad Ali. »Hier hat Ali früher trainiert«, erklärt Guerby. Nach diesem kurzen Stopp schwingen wir uns wieder aufs Rad und biegen zurück auf den Ocean Drive. Ich weiche Joggern und anderen Bikern aus. Miami bewegt sich.

Am nächsten Tag hoffe ich, dass sich möglichst nichts bewegt. Ohne mit der Wimper zu zucken, liegt der Alligator ein paar Meter entfernt im saftig grünen Gras. Die Augen starr auf einen Punkt gerichtet, dabei so unergründlich und pechschwarz, dass sie fast durchsichtig wirken. Wie lange seine letzte Mahlzeit wohl schon her ist? Guide Miles weiß, wie Alligatoren ticken. Über Lautsprecher gibt er sein Wissen zum Besten: »Stell dir vor, du bist der Einzige in deiner Straße mit einem Pool. Viele Leute kommen vorbei – Schlangen, Frösche, Vögel. Ihr genießt die gemeinsame Zeit – aber irgendwann bekommst du einen Riesenhunger und musst leider einen von ihnen essen«, erzählt Miles.

Und die Moral von der Geschichte? »Ein Alligator ist und bleibt ein Bösewicht.« Ähm, könnten wir jetzt bitte weiterfahren?

Zum Glück zockelt in diesem Moment das Bähnchen weiter und setzt seine Fahrt durch den Everglades-Nationalpark fort. Kleine und größere Wasserpools wechseln sich mit weiten Steppen und kleinen Bauminseln ab. Das Zirpen der Grillen und Quaken der Frösche schwillt an manchen Stellen zu einem wahren Konzert an, um dann plötzlich in leise Hintergrundmusik zu wechseln, so, als habe einer den Lautstärkeregler heruntergedreht. Die Luft duftet wie eine frisch gemähte Wiese nach einem Regenschauer im Sommer.

Ein Evergreen – die Everglades

Es gibt verschiedene Arten, die Everglades, das größte subtropische Wildnisgebiet der Vereinigten Staaten, zu erkunden: zu Fuß, mit dem Rad oder eben mit einer Bimmelbahn. Es ist ein grünes Paradies, nur 45 Autominuten entfernt von der quirligen Metropole, und erstreckt sich auf einer Fläche von 6.000 Quadratkilometern in der Südspitze des Bundesstaats Florida. »Oh look, the bird with the golden slipper«, erschallt Miles Stimme plötzlich aus dem Lautsprecher. Der Schmuckreiher mit edlem Schuhwerk fliegt mit langsamem grazilen Flügelschlag über die weite Ebene hinweg.

Zwischen rund 1.000 verschiedenen Arten von Pflanzen, Orchideen, Farnen und an die 100 unterschiedlichen Baumarten leben rund 400 Vogelarten und 60 Amphibien- und Reptilienarten. Aber auch 40 Säugetierarten wie Schwarzbären, Rotluchse und der Florida-Panther sind hier zu Hause. Die schwarze Python fühlt sich im Sumpfgebiet so wohl, dass sie sich zu einer gigantischen Plage vermehrt hat. Über sie kursieren Legenden von krokodilfressenden Ungetümen, die das Sprichwort: »Ich bin so satt, ich könnte platzen«, allzu ernst nehmen und nach dem Verzehr des Alligators einfach platzen. Da waren die Augen wohl größer als der Appetit. Oder war es nicht doch ein Krokodil, das die Python gefressen hat? Wie auch immer. Die Everglades sind jedenfalls der einzige Ort der Welt, wo Alligatoren und Krokodile im selben Lebensraum ihr Unwesen treiben.

Alligatoren sind wahre Naschkatzen und können nur im Süßwasser existieren. Krokodile dagegen lieben es salzig und tummeln sich bevorzugt dort, wo der River of Grass in der Florida Bay in den Atlantik mündet. Zudem leben im Naturreservat Millionen Moskitos. Diese scheinen sich bei den subtropischen Temperaturen pudelwohl zu fühlen. So wird die landschaftliche Sumpf-Idylle von permanenten Klatschgeräuschen unterbrochen – die über die weite Ebene sich leise davonstehlen bis sie vollends verschwinden. Eines steht fest: Versumpfen werden wir hier nicht!

Everglades Nationalpark

Ulrike Klaas

Zurück in die Stadt

Zurück im Großstadtdschungel: Chef-Köchin Julie Frans präsentiert uns stolz ihr Naturreich – ihren Kräutergarten im Hotel The Palms. Zwar durchquert man ihn mit vier großen Schritten längs und vier Schritten quer, aber der Begeisterung der Teilnehmer, die sich an diesem Mittwoch zur Führung eingefunden haben, tut dies kein Abbruch. Da werden iPhones gezückt, die Kinder vor Basilikum, Zitronenmelisse und Salbei positioniert und Bilder für das Familienalbum geschossen.

»Oh look, this is a garden«, ruft eine Frau begeistert aus, die mit ihren beiden Kindern an der Hand auf die kleine Gruppe zusteuert. Eine Zwei- und ein Vierjähriger, die noch nie einen Garten gesehen haben? Na ja, besser spät als nie.

Julie sammelt Kräuter in einem kleinen Körbchen und bereitet – begleitet von Ohs und Ahs der Teilnehmer – neben dem Gärtchen einen köstlichen frischen Wassermelonen-Feta-Salat zu und mixt die Kräuter darunter. »Im Restaurant versuche ich, fast ausschließlich mit saisonalen Produkten aus der Region zu kochen«, erklärt sie – und das kommt bei den Gästen an. So stehen Köstlichkeiten wie Hummer mit Avocado und Palmherzen oder Rindercarpaccio mit Parmesan, Baby-Rucula und Kapern auf der Speisekarte.

Grünes Bewusstsein sprießt zwar hier in Miami nicht wie Unkraut, aber das zarte Pflänzchen kann bei guter Pflege zumindest wachsen. 

Anreise.  Mit airberlin nonstop neunmal die Woche von Deutschland nach Miami. Von Düsseldorf sechsmal die Woche, ab Berlin-Tegel drei Flüge die Woche. www.airberlin.de

Dèco-Bikes. Die Deco-Bikes können an etwa hundert Stationen im Art-Déco-Distrikt zwischen 1. und 85. Straße gemietet werden. 30 Minuten kosten circa € 3 bei Einmalnutzung. Wer öfters durch Miami radeln möchte, kann für 24 Stunden für circa € 10,50 ein Bike mieten oder gleich für fünf Tage (€ 37,50). Man kann überall mit Kreditkarte bezahlen. www.decobike.com

Touren Everglades. Vom Shark Valley-Eingang (circa anderthalb Stunden von Miami entfernt) mit dem Bähnchen, dem Bike oder zu Fuß den Nationalpark erkunden. Shark Valley ist täglich von 8.30 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet circa € 7,50 p. P. (Ticket gilt dann für sieben Tage und alle Eingänge zum Park). www.nps.gov/ever

Hotel. Stylisches Luxushotel direkt am South Beach: The Palms Hotel, 3025 Collins Avenue, Miami Beach, FL 33140. Eine Nacht im DZ kostet ab € 270 inklusive Steuer, ohne Frühstück. www.thepalmshotel.com

Info. Mehr Infos zum Thema grünes Miami auch beim Greater Miami Convention & Visitors Bureau, www.miamiandbeaches.com

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