Wo Tradition wortwörtlich auf Moderne trifft, ist die Geburtsstätte einer schlecht erzählten Geschichte. Es ist das beschriebene Bild, eben diese Floskel, die niemanden mehr zur Neugier anregt. Ja, es werden glitzernde Wolkenkratzer neben uralten Tempeln erbaut. Und ja, die Jugend vollführt vererbte Rituale mit dem Smartphone in der Hand. Aber wenn es nun so ist? Wenn in einem Land wie Südkorea nun das Technische, das Quietschbunte, das Laute und das Optimierte auf etwas trifft, was man seit Jahrhunderten streichelt wie eine alte Eiche im Garten, dann darf man sie doch benutzen, die Phrase, die dem Literaturprofessor die Haare im Nacken aufstellt: Willkommen in Südkorea, dem Land, wo die Moderne und die Tradition so aufeinandertreffen wie beim animierten Spiel Clash of Clans.  Text: Jennifer Latuperisa-Andresen

Gesundheit als Mitbringsel

Als Friedeman aus seinem Korea-Urlaub wiederkehrte, steckten ihm Nadeln in den Händen. Ausgetauscht wurden diese nach Bedarf mit kleinen Moxakegeln, getrocknetes chinesisches Beifußkraut, die, auf den Akupunkturpunkten seiner Hand platziert, eine angenehme Wärme produzieren. Beides Heilmethoden mit einer Tradition, dass man meinen könnte, Adam hätte Eva zur Entspannung schon Kakteennadeln in die Finger gestochen. (Dies war jetzt zum Zwecke der Unterhaltung leicht überspitzt dargestellt. Die koreanische Handakupunktur wurde etwa im Jahr 1971 entwickelt.)

Es ist Akupunktur. Nur kleiner, filigraner und an der Hand. Wobei die Hand der Spiegel des Menschen ist. Die Fingerkuppe des Mittelfingers symbolisiert beispielsweise den Kopf und der Daumen ein Bein. Da steht er nun, mein guter Freund, der Mathematiker, und philosophiert über die Heilung eines gestörten Systems anhand von 14 Mikromeridianen. Als der Inbegriff der Rationalität hatte er seinen Urlaub angetreten. Als Esoterik-Anfänger kehrte er zurück. Das ist nicht abwertend gemeint, eher erstaunt. »Ja«, sagt er, »das macht Korea mit einem. Es reduziert dich auf deine Existenz und erhebt gleichzeitig deinen Geist.« Ich versuche, das zu verstehen, während die erste kleine Nadel sich in meinen kleinen Finger bohrt. »Ji-u hat sich ihren Gehirntumor damit behandelt«, erzählt mir mein guter Freund ganz nebenbei, während er die Nadeln aus dem Behältnis fischt. Aha. Skepsis steigt in mir auf.

Koreawissen kompakt verpackt

Wer ist diese ominöse Ji-u? »Sie hat mir alles beigebracht, was ich über Korea wissen musste, und dabei habe ich viel gelernt, beispielsweise wie ähnlich unsere Kulturen sind. Geteiltes Land, Disziplin, Ordentlichkeit und Pünktlichkeit. Deutsche und Koreaner ticken schon im gleichen Rhythmus, auch wenn es auf den ersten Blick wie ein unfassbarer Kontrast wirkt.« Und er kommt ins Erzählen, er überschlägt sich vor Begeisterung über die Höflichkeit und Freundlichkeit der Menschen und erzählt von einem Ritual beim Abendessen, wo man sich zu Tisch immer gegenseitig Komplimente zuschiebt, um die Konversation schön lebendig zu halten.

Südkorea hat es geschafft, dieses Kompliment kann man einwandfrei formulieren, sich von einem Bauernstaat in ein hochmodernes Land zu katapultieren. Wobei hochmodern sozusagen untertrieben ist, insbesondere wenn man sich in Seoul umschaut.

Eine Stadt, die vor mehr als sechzig Jahren nur 1,5 Millionen Einwohner zählte. Heute ist die Stadt bei zehn Millionen.

Früher – als man sich noch darauf konzentrierte, Felder zu bestellen, wohnten nur 30 Prozent der Bevölkerung in Städten. Heute sind es 90 Prozent der Koreaner. Seoul ist pickepacke voll. Und wächst und wächst.

Ehemalige Reisfelder sind modernen Hochhäusern gewichen. Die Stadt optimiert ihr Leben auf derart »smarte« Weise, dass man dies mit einem staunenden und einem erschreckten Auge beobachten kann. Man muss sich vorstellen, sagt Friedeman, dass irgendwann – wenn die Welt so weit ist – die ersten Roboter wahrscheinlich in Korea hinter der Kasse stehen werden oder die Gärten begrünen.

In keinem Land ist das Internet so schnell wie in Südkorea.

Mit den Ämtern und Behörden kann man per Smartphone kommunizieren (oh, das ist was für mich, denke ich, die es hasst, für ein Nummernschild drei Stunden Schlange zu stehen). Auch das Einkaufen kann am Mobiltelefon stattfinden, indem man sich durch den virtuellen Supermarkt shoppt und sich darüber freut, dass am Abend die Lebensmittel für das Abendessen vor die Tür geliefert werden.

Suhyeon Choi

Ohne Smartphone – undenkbar

»Mir wird schon bei dem Gedanken ganz anders, dass Google ständig weiß, wo ich mich befinde mit meinem Smartphone«, sagt Friedeman. Darüber machen sich die Koreaner aber keine Gedanken. Datenschutz ist dort kein Thema und weicht eher der Idee des optimierten Lebens.

So ist das Mobiltelefon der verlängerte Arm, das Sprachrohr, ja gar ein Mediator.

Ohne Apps kann der Alltag der Koreaner nicht mehr stattfinden. So regeln Pärchen beispielsweise ihre Zweisamkeit mit der App »Between«, die in Korea ein Riesenerfolg ist. Für Touristen sehr praktisch sind Apps, die anzeigen, wo sich der Bus, in den man steigen möchte, gerade befindet, oder wie voll es in den U-Bahnen zurzeit ist. Immerhin hat Seoul das längste U-Bahn-Netz der Welt mit rund 990 Kilometern.

Das traditionelle Korea

Friedeman hat sich den Fortschritt angesehen. Er hat sich in der »neuen« Welt bewegt, die ihm aber ein wenig Angst eingejagt hat. Unbedingt wollte er dieser Welt, also während seines Aufenthalts, den Rücken kehren, und das Korea sehen, was nebenbei existiert. Das ebenso gepflegt wird. Das alte. Das mit einem beispiellosen Respekt behandelt wird. Allein bei einem Familienessen würde man dies immer spüren, hat ihm Ji-u erzählt. Der älteste Mann am Tisch hat seinen festen Platz in der Mitte und bekommt auch zuerst sein Essen serviert. Und sie als jüngste Frau am Tisch bekommt immer zuletzt ihre Speise. »Das war schon immer so, das ist so, und das wird immer so sein.«

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Nach Empfehlungen von Ji-u hat sich Friedeman auf einen sogenannten Templestay eingelassen. »Oh, das wäre nichts für dich«, beginnt er die Erzählung. »Allein das frühe Aufstehen wäre für dich eine Qual gewesen.« Und tatsächlich, wenn ich ihm so lausche, wird mir klar, dass man für einen Besuch im bud­dhistischen Kloster in Südkorea durchaus belastbar sein muss. Denn neben dem zeitigen Aufstehen gehört zu dem geregelten Tagesablauf selbstverständlich körperliche Arbeit und die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Ich, was für Friedeman anscheinend sehr bedeutend und bereichernd war, allerdings auch ein schmerzhafter und verstörender Prozess.

Ein Templestay hat Tradition in Korea, so fanden damals Pilger in kleinen und einfachen Tempelanlagen Schutz. Heute ist es mehr als nur Kost und Logis. Es ist eine Einführung in das buddhistische Tempelleben mit Meditation, Teezeremonie, Kampfsport und selbstverständlich viel Ruhe. »Mein Tempel Mihwangsa war genau so, wie ich mir das vorgestellt habe. Wunderschön lag er an einem Berghang unter einem fast schon dramatischen Felsplateau.«

Das Essen – alle Geschmacksrichtungen, alle Farben

Friedeman wechselt von einer euphorischen Stimmung in eine besinnlich ruhige, und man merkt sofort, was dieser Aufenthalt und das Beisammensein mit den Mönchen ihm bedeutet hat. »Das kann ich nur jedem empfehlen«, sagt er, und mir ist, als würde ich eine Träne in seinen Augen erkennen. »Und was ich dort auch bemerkt habe – es geht auch ohne Fleisch.« Denn die Kost in den Tempeln ist vegetarisch, oft sogar vegan. Verschiedene Kräuter und Salate werden mit Reis gemischt und als Mahlzeit gereicht. »Mein größtes Problem dort beim Essen ist mir fast peinlich,« erklärt mir Friedemann, »denn wichtig ist, dass jeder nur exakt so viel in sein Schälchen lädt, wie er auch essen kann – die Schale muss am Ende komplett geleert sein, damit keine Abfälle entstehen.«

In Korea ist Harmonie ein wichtige Motivation, die auf mehreren Ebenen angestrebt wird. So auch in der Küche. Ein Gericht muss ästhetisch aussehen.

Die Farben, die wiederum auf den fünf Grundelementen basieren, sind aufeinander abgestimmt, ebenso die Nährstoffe wie die Aromen salzig, süß, bitter und sauer, die immer vorkommen sollten.

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Und auch wenn die japanische Küche oder die kantonesische oder malayische einen Siegeszug in den europäischen Speiseplänen vollführt hat, ist die koreanische Küche selbst für die weltoffenen Deutschen noch ein fast unbeschriebenes Blatt.

Von Kimchi wird man schon mal gehört haben, die Spezialität aus eingelegtem und mit Chili gewürztem Chinakohl. Wer bisher noch nie Bulgogi probiert hat, sollte dies schnellstmöglich nachholen. Davon habe ich mich persönlich überzeugt, denn seine Schwärmerei machte mir den Mund wässrig! Zarte marinierte Rindfleischscheiben, die am Tischgrill zubereitet werden. Nun mein absolutes Lieblingsessen.

Um Straßenimbisse, übrigens, sollte man in anderen Ländern häufig besser einen Bogen machen, in Korea ist dies aber ein Pflichtstopp.

So musste sich Friedeman auf Geheiß von Ji-u durch Tteokbokki (Reiskuchenwürstchen mit scharfer Chilisoße) und Eomuk-Spieße (Fischteig und Gemüse) kosten. »Eine Offenbarung«, sagt er nur. Und ich glaube es ihm.

Das Paradies entdeckt

Mittlerweile sieht meine Hand aus wie ein Nadelkissen. Ich bilde mir auch schon ein, dass mein Wehwehchen am Knie sich verzogen hat, als Friedemann noch den wahren Schatz aus seinen Erfahrungen kramt. »Und weißt du, was noch großartig war? Todmüde die Stufen am Sonnenaufgangsfelsen auf der Insel Jeju-do hochzusteigen. Um dann auf dem Felsplateau zu hocken und die Sonne über den Pazifik aufgehen zu sehen. Die Menschen haben sich plötzlich in den Armen gelegen. Es war ergreifend. Obwohl das natürlich jeden Tag passiert, kam es mir so vor, als würde die Sonne sich nur für mich in ihrem schönsten orangenen Kleid zeigen.«

Jeju liegt im Süden Koreas und ist über das Tor Busan, die zweitgrößte Stadt, sehr gut zu erreichen. Auch für die Koreaner ist die subtropische Vulkaninsel etwas ganz Besonderes, hat Ji-u Friedeman erklärt. Die Insel hat eine eigenständige Kultur, die fast wie ein Gegenentwurf zum Festland ist. Denn dort auf dem Eiland gelten Männer als unfähig, und die Damen verdienen das Geld und haben das Sagen. Gebetet wird dort zu den inseleigenen Göttern an schamanistischen Altaren (der Schamanismus ist übrigens die meistpraktizierte Religion in Südkorea), und der Dialekt ist so fremd, dass Festlandkoreaner fragend dreinblicken.

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Doch Jeju-do ist auch vom Himmel geküsst, was seine Schönheit betrifft, und deswegen ein beliebtes Urlaubsziel für Einheimische. Die Strände sind breit und von glasklarem türkisblauem Meer umspült. Es gibt mysteriöse Höhlen, aus denen sich einst die Lava ins Meer ergoss, und der »Teich des Himmels« ist ein dreistufiger Wasserfall, der in seiner einzigartigen Pracht den Niagara-Fällen locker Konkurrenz machen kann.

Überraschend und skurril wird es im Jeju Love Land. Prüde sind sie anscheinend nicht, die Koreaner. »Mir trieb es teils die Schamesröte ins Gesicht«, berichtet Friedemann. Denn das Love Land ist ein Skulpturenpark, der in Sachen Sexualität die gesamte Bandbreite zeigt. Zwischen deftig, kitschig und höchst pornografischen Skulpturen tummeln sich Touristen, verliebte Pärchen und ältere Koreaner, die häufig kichernd davor verweilen und sich sichtlich unterhalten fühlen.

Am Puls der Popkultur

Das ist auch ein Teil der koreanischen Kultur, die insbesondere durch ihre originelle Popkultur berühmt ist. Das hatte Ji-u Friedeman schon beim ersten Treffen erzählt. Nicht umsonst werden in viele Länder TV-Konzepte exportiert.

Diese Kreativität speist sich aus der Neugier und der Offenheit der Bevölkerung.

Man verweilt zwar noch in den alten Mustern, traut sich aber, ganz weit über den Tellerrand zu blicken. Niemand in Korea denkt, dass der Fortschritt das Sterben der Traditionen verursacht. Denn diese werden wie ein Schatz gehütet, während Großkonzerne Erfindungen auf den Plan bringen, welche die Welt zwischen faszinierend bis neidisch und kopfschüttelnd hinterlässt. Umweltfreundliche Städte werden zukunftsweisend ausgestattet, beispielsweise mit einem Tunnelsystem für den Müll, der den Abfall wie ein riesiger Staubsauger wegsaugt. Mit den Nachbarn tauscht man sich über interne soziale Netzwerke aus, und der Hausmeister wird per Video-Chat über den tropfenden Wasserhahn informiert.

»Eigenartig, bedenkt man, dass der alte Mann neben mir an der Bushaltestelle wahrscheinlich noch frierend und hungernd den Koreakrieg erlebt hat. Und jetzt neben mir steht und sich über mich Europäer wundert, der hilflos auf den Bildschirm starrt.« Weltoffen hatte dann der alte Mann Friedeman gefragt: »Do you know touchscreen? It’s easy. I show you!« Ja, in Südkorea trifft Tradition auf Moderne. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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