Ein Fundgruben-Bazar, eine herzliche Gastfreundschaft, Schlemmereien bis zum Abwinken und ein Berg, auf dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint: All das und noch vieles mehr ist Teheran! In der Stadt erlebe ich einen Iran, dessen Geschichte nicht oft genug erzählt werden kann. Text: Celina Fuhrmann

Wenn man einen Iraner in Deutschland fragt, woher er kommt, dann lautet die Antwort meistens: »Ich komme aus Persien.« Warum viele Menschen lieber Persien anstatt Iran sagen? Nun, weil sich Persien nach einem prächtigen Königreich anhört und das Wort Iran in den Nachrichten oft mit Atomabkommen, Zoff mit Israel und einem unheimlichen islamischen Gottesstaat in Verbindung gebracht wird. Schade eigentlich, denn so bleibt vielen Reisefreunden ein Land verborgen, das es zu erkunden lohnt. Wenn ich gefragt werde, dann antworte ich nur zu gerne, dass ich aus dem Iran komme oder besser: aus Teheran. Am liebsten berichte ich von den Straßen Teherans, dem Herzstück der Nation.

Kaved Boulevard in Teheran

Roozbeh Eslami

Hier treffen Menschen, die leben und Menschen, die versuchen zu überleben, aufeinander. Sie laufen nebeneinander her, als sei es das normalste der Welt – und das ist es hier auch: Ein nigelnagelneuer Porsche parkt neben einem Peugeot, der sich halb verrostet und ohne Heckscheibe nach dem fünften Versuchen erbarmt und endlich anspringt. Top gestylte, perfekt geschminkte Frauen, denen das bunt gemusterte Kopftuch, das Rusari, ab und zu provokant vom Kopf rutscht, laufen neben Frauen, deren Augen man gerade noch so durch die kleinen Schlitze des schwarzen Tschadors erspähen kann. Fantastische Blumen, Berge und Naturoasen kämpfen sich durch Müll- und Smogschichten.

Teheran ist der Spiegel der Seele des ganzen Landes

Azadi Tower in Teheran

Shayan Hefzi

Was ich an Teheran mag? Ganz einfach: Diese Stadt ist authentisch. Hier ist nichts künstlich – abgesehen von den operierten Nasen der Frauen. Die sind mittlerweile weltbekannt und zählen nicht mehr zu den Vorurteilen, sondern eher zu den Tatsachen. Jedes Jahr legen sich über 40.000 Iraner für ihre Schönheit unters Messer.

Die meisten Iraner sind wirklich nett und extrem gastfreundlich. Tarof, eine spezielle Art der Gastfreundlichkeit, ist ein fester Bestandteil der iranischen Kultur. So richtig beschreiben kann man diese Höflichkeit zwar nicht, man spürt sie aber deutlich. Wie bei einem Pingpong-Match diskutiert man abwechselnd über die unterschiedlichsten Anstandsformen. Ungefähr so ereignet sich ein Gespräch, wenn es darum geht, wer zuerst durch die Türe gehen darf: »Nach Ihnen.« – »Nein, nach Ihnen.« – »Ich bitte Sie, gehen Sie zuerst.« – »Ich bin Ihrer doch gar nicht wert, Sie gehen zuerst.« Manchmal kann das sehr lange dauern, bis sich einer ein Herz fasst und etwas beschämt durch die Tür schreitet. Das mag eigentümlich sein, ist im Iran aber gang und gäbe – ein wichtiger Teil der Kultur.

Junge Frauen im Iran spazieren auf Bürgersteig

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Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen in Teheran ist – neben dem Essen – das Spazieren, und das am liebsten in den frühen Abendstunden. Dann blüht die Stadt in einem Lichtermeer auf. Viele bunte Lampions erleuchten die Straßen, die teilweise mit Blumenbeeten und Skulpturen übersät sind.

Überall sind Menschen auf der Straße unterwegs. Alte Bäckereien erhitzen in ihren Öfen auf circa drei Quadratmeter Ladenfläche »Nun Sangak« oder »Nun Barbari« – beides so lecker, dass der Spruch »Es gibt nur noch Wasser und Brot« sich fast schon nach einer paradiesischen Begebenheit anhört. Während das Barbari ein dickes, luftiges Fladenbrot ist, wird das Sangak-Brot traditionell auf einem Bett aus kleinen Flusssteinchen gebacken und ist dadurch dünner und knuspriger.

Teheran bei Nacht

Mehrshad Rajabi

Ein Paradies für Entdecker: der Basar-e-Tajrish

Vom Bäcker geht es weiter an vielen kleinen Shops vorbei zur Taxistation. Unser Ziel: der Basar-e-Tajrish im Tajrish-Viertel. Bis 22 Uhr kann man hier viele kleine Läden erkunden. Es gibt frisches Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und ganze Körbe voll mit den verschiedensten Hülsenfrüchten. Vieles darf man probieren, bevor man es kauft. Den besten Granatapfel- oder Melonensaft – natürlich frisch gepresst – trinkt man hier.

Großer Basar in Teheran

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Wer es gern eine Nummer größer mag, fühlt sich auf dem »Großen Basar« im südöstlichen Teil der Stadt pudelwohl. Nach meiner Erfahrung braucht man einen ganzen Tag und einen gefüllten Geldbeutel, um sich durch Kleidung, Schmuck, Bücher, Porzellan, Gewürze, Elektronik und sonstige Angebote zu kämpfen. Hier wird man nicht nur fündig, hier bekommt man ernstzunehmende Entscheidungsschwierigkeiten. Auch, was das Essen angeht, gibt es viele leckere, aber preisgünstige Angebote. Neben einem Fisch-, Fleisch- und Gemüsemarkt reihen sich zahlreiche Restaurants aneinander.

Mein Favorit ist das Restaurant »Shamshiri«. Das Kabab Kubideh ist zum Dahinschmelzen, so zart und saftig. Unbedingt anschauen sollte man sich die Imam-Khomeini-Moschee. Sie grenzt an den südlichen Haupteingang des Basars an und ist sowohl von innen als auch von außen sehr beeindruckend. Am besten erreicht man den Basar mit dem Taxi oder mit der Metro, wenn man bis zur Station »15-e-Khordad« fährt.

Moschee in teheran, Iran

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Teherans schönste Ecke: Darband

Das Highlight für mich in Teheran ist der kleine Stadtteil Darband. Er liegt in den Bergen. Hier kann man es sich abends richtig gutgehen lassen. Und so kommt ihr am besten dahin: Kurz nach der Saadabad-Palastanlage der Pahlavi-Familie, die man unbedingt auch besuchen sollte (schönes Museum und tolle Parkanlage), wenn die Khiabun-e-Darband endet, fängt erst mal die lange Parkplatzsuche an. Kleiner Tipp: einfach etwas weiter unten am Tajrish-Platz parken und den Rest der Strecke mit einem Taxi hochfahren. Am Ende der Straße angekommen, beginnt der Wanderweg. Das ist der Teil der Stadt, den ich am meisten liebe. Hier treffen die verschiedensten Menschen aufeinander – alle auf demselben Weg mit dem gleichen Ziel: Freiheit erleben.

Darband in Teheran

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Während wir hochlaufen, kommen wir an kleinen Feuerstellen vorbei, wo Jugendliche einen frisch gegrillten Maiskolben für umgerechnet 50 Cent anbieten – lecker! Kurz gestärkt geht es weiter hoch und plötzlich stehen wir inmitten der Felsenlandschaft. Links graues Gestein, rechts von uns ein plätscherndes Bächlein, das sich seinen Weg durch das Gestein bahnt, vor uns eine faszinierende Welt mitten im Berg. Bunte Laternen leuchten farbenfroh, die kleinen Bergcafés und -Restaurants sind typisch persisch.

Unbedingt probieren: Lavashak

Selten gibt es Stühle, oft Teppiche. Man bekommt Ashe Reshte (eine dickflüssige Nudelsuppe mit vielen verschiedenen Kräutern und einer ordentlichen Portion Knoblauch), Kabab oder Dschudscheh (Kebab oder Hühnchen). Als Beilage gibt es Reis oder Brot. Man trinkt einen schwarzen Chai, Cola oder Dough, ein persisches Joghurtgetränk. Dazu raucht man eine traditionelle Shisha. Um mich herum, die Berge, so nah, dass ich sie von meinem Platz im Restaurant aus berühren kann.

Gestärkt geht es weiter den Berg hinauf. An der nächsten Kurve kann man am kleinen Straßenstand einen Nachtisch probieren: Lavashak.

Lavashak

eFesenko/Shutterstock.com

Das ist ein dünnes klebriges Fruchtmus, das sich ideal zum Naschen eignet. Knabbernd wandern wir den Berg weiter hoch. Kaum zu glauben, dass diese Wege vor einigen Jahren kaum genutzt wurden. Jetzt ist alles beleuchtet und strahlt. Es wandern Pärchen, Familien und Freunde gemeinsam Richtung Bergspitze. Sie erzählen, lachen, sind glücklich und frei. Oben angekommen steht die Zeit still – fernab von Politik, Alltag und Sorgen genießen wir die Aussicht auf ein Teheran, wie ich es kenne, meine Heimat.

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