Auf Reisen sollte man ja fremde Speisen und Getränke kosten. Hat sich unser Autor Philipp Eins gedacht – und auf einer Reise durch Vietnam einen sehr seltsamen Kaffee kennengelernt. Das Besondere: Die Bohnen werden vor dem Brühen fermentiert. Und zwar im Darm von Schleichkatzen.

Etwas ratlos halte ich die braune Tüte in der Hand. Auf dem Etikett ist ein knuffiges Tier abgebildet. Es sitzt auf einem Berg roter Kaffeekirschen und verschlingt sie genüsslich. »Weasel Coffee«, steht über dem Bild. Ein hübsches Mitbringsel, und vietnamesischer Kaffee soll ja ausgesprochen gut sein. Die Frage ist nur: Was hat das Wiesel auf den Kaffeekirschen zu suchen?

Die bittere Wahrheit erfahre ich bei einem kurzen Google-Check auf meinem Smartphone. Das »Weasel« ist in Wirklichkeit kein Wiesel, sondern eine Katze, genauer gesagt: Eine Schleichkatze. Und der Kaffee wird aus ihren – Achtung, festhalten! – halb verdauten Kaffeebohnen hergestellt.

Katzenkaffee aus Vietnam

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Kurz gesagt: Der Kaffee vor mir besteht aus gemahlener Katzenscheiße.

Völlig absurd. Muss ich haben. In meinem Appartement werfe ich die Tüte in meine Reisetasche. Dann beginne ich zu grübeln: Wie kann man aus Scheiße Gold, also in diesem Fall Kaffee machen? Und was macht diese Bohne zur vietnamesischen Delikatesse? Über einen Reiseveranstalter bekomme ich den Kontakt zu jemandem, der es wissen muss: Mr. Chin.

Mr. Chin ist Herr über 200 Schleichkatzen

Ich treffe ihn im Royal Saigon Hotel in der Innenstadt. Mit blau kariertem Flanellhemd und tarnfarbenem Cap erinnert er mich eher an eine Farmer aus Iowa. Doch in Wahrheit ist er Herr über 200 Schleichkatzen, denen er auf einer Farm nördlich von Saigon regelmäßig Kaffeekirschen vorsetzt.

Schleichkatze - Katzenkaffee aus Vietnam

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Die unverdaut wieder ausgeschiedenen Bohnen werden gewaschen, gemahlen und an Luxushotels verkauft, so wie das Royal Saigon Hotel. 1.000 US-Dollar kostet das Kilo – das ist der 50-fache Preis meiner Tüte vom Markt. Es wird viel gepanscht, meint Mr. Chin.

»Wenn wir ein Kilo Kaffeebohnen verfüttern, können wir nur zehn bis 15 Prozent der Ausscheidungen weiter verwenden«, erklärt er.

Der Ertrag an Wieselkaffee ist also recht gering. »Wir produzieren auf unserer Farm gerade mal eine Tonne pro Jahr.«

Die Familie von Mr. Chin vertreibt seit 30 Jahren Wieselkaffee. Auf die Idee kam sein Vater ganz zufällig. »Er hat die Kaffeeplantage eines Verwandten besichtigt«, erinnert sich Mr. Chin. Damals gab es dort Katzen, die in den Wäldern lebten und die Bohnen aßen. »Jeden Morgen ging der Verwandte in den Wald und sammelte die ausgeschiedenen Bohnen, ganz traditionell per Hand.« Es kam nur eine kleine Menge zusammen. »Mein Vater beschloss, ein Geschäft daraus zu machen.«

Mr. Chin mit seinem Katzenkaffee

Philipp Eins

Mr. Chin bestellt beim Kellner einen Aufguss seines Wieselkaffees. Zum Probieren. Der Aufguss kommt prompt. Statt einer Kanne wird ein Gebilde aus ballonförmigen Glaskolben serviert, unter denen eine Flamme brennt. Ein japanischer Syphon, sagt Mr. Chin. Dreimal wird der Kaffee durch die Kolben gejagt, um den Geschmack zu verfeinern. Der Kaffee aus dem Raubtierdarm ist etwas für Feinschmecker – aber warum?

Das Geheimnis sind die Verdauungsenzyme im Darm

»Eigentlich gibt’s gar kein richtiges Geheimnis«, sagt er. Er verfüttere den besten Bio-Kaffee aus der Region, dazu bestes Hähnchenfleisch. »Und dann ist da noch der Verdauungsprozess der Wiesel«, so Mr. Chin.

»Sie produzieren eine spezielle Säure in ihrem Darm, das macht den Kaffee so besonders.«

Die Verdauungsenzyme im Darm der Schleichkatze fermentieren also die Kaffeebohnen vor der Röstung– so ähnlich wie bei einer guten Zigarre. Das bringt dem Kaffee seinen milden Geschmack.

Nachdem die Bohnen 20 Minuten lang gefiltert wurden, schenkt der Kellner endlich den Kaffee aus. Vor mir in der Tasse schwimmt eine kleine braune Pfütze, kaum mehr als ein üblicher Espresso. Nur, dass dieser Schluck satte fünf Euro kostet. Ich rieche, koste – und trinke ganz normalen, vielleicht etwas dünnen Kaffee.

Katzenkaffee aus Vietnam

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Der Kaffee aus dem Katzendarm – einfach nur ein Hype? Keine Ahnung. Für mich reicht morgens jedenfalls weiterhin der ganz normale Kaffee aus dem Espressokocher. Dem kann auch Mr. Chin eine Menge abgewinnen. »Normalerweise trinke ich morgens Kaffee mit Kondensmilch«, sagt er. »Den Wieselkaffee trinke ich nur zu besonderen Anlässen.« Alles andere wäre auch einfach zu teuer. »Nur wenn Freunde oder die Familie zusammenkommen – dann ist es okay.«

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