Zwei Freunde, drei Länder, zwölf Kilogramm Gepäck und über 13.000 Höhenmeter – ein Perspektivenwechsel zwischen Oberallgäu und Südtirol. Text und Fotos: Sebastian Münter und Dominic Paulsen

»Lust, die Alpen zu überqueren?« Meine Wandereinsätze lassen sich an zwei Händen abzählen und dauerten stets weniger Stunden als eine Hand Finger hat. Warum sollte ich, der noch nie eigene Wanderschuhe besaß, so bekloppt sein und völlig untrainiert die Alpen überqueren wollen? Zu spät! Ich sitze schon im Zug nach Oberstdorf. Der Überredungskünstler neben mir hat gut lachen, immerhin ist er ein Jahr zuvor schon über die Pyrenäen durch den Norden Spaniens bis nach Santiago de Compostela gepilgert und um einiges bewanderter als ich. Meine Zehen winden sich nervös in warmer Merinowolle, unbewusst ahnend, was da auf sie zukommen mag. Im Wanderführer wird die erste Etappe bis zur Kemptner Hütte als die leichteste beschrieben: »Wer hier schon Probleme hat, sollte auf den Rest verzichten«, heißt es da aufbauend. In Gedanken springt dieser Satz auf Schriftgröße 48, als wir die ersten Wasserläufe queren müssen und der steinige Hang seitlich teilweise mehrere Hundert Meter abschießt …

Der Berg ruft

Schon bei unserer Ankunft wird klar, dass meine Münchner Kollegen mit der einfachen Aussage »ist ganz schön dort« deutlich untertrieben haben. Wir sehen die ersten Gebirgsausläufer schon aus dem Zug, und die ersten zwei Stunden unserer Route durch das Trettachtal und den Weiler Spielmannsau sind wir umgeben von einem atemberaubenden Bergpanorama, blauem Himmel und saftig grünen Wiesen, auf denen gerade eine Unmenge an Paraglidern zur Landung ansetzen.

Sebastian Münter & Dominic Paulsen

Wenn man mit dem Gleitschirm so schnell vom Berg herunterkommt, kann es hinauf ja auch nicht so schwierig sein. Der zurückgelassen gedachte Schweinehund scheint sich dann aber doch in meinen Rucksack geschlichen zu haben. Hoch über der Trettach wird der Aufstieg immer steiler und steiler, und die einfache Frage, wann denn die verdammte Hütte endlich kommt, will einfach nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Vorbei an dem kristallklaren Christlesee,  machen wir endlich Rast an der Wallfahrtskapelle Maria am Knie. Frisch gestärkt und nach weiteren schweren Aufstiegen erreichen wir Stunden später endlich unser Refugium auf 1.844 Höhenmetern – die Kemptner Hütte.

Leere im Kopf

Tag zwei. Die Nacht war kurz, doch nicht minder erholsam. Nach der vorabendlichen Erschöpfung fühle ich mich weit fitter als erwartet. Von wegen! Bereits nach der ersten Viertelstunde Aufstieg geht mir ganz schön die Pumpe. Eine der ersten Lektionen, die ich beim Wandern lerne: Höre auf deinen Körper! Nach einer kurzen Pause und angepasstem Tempo geht es weiter. Langsam finde ich mich ein in das monotone, fast meditative Voreinandersetzen der Füße. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf dreht sich zunehmend langsamer und verblasst bald gänzlich. Nur die  sekündlich wiederkehrende Frage des nächsten sicheren Tritts nimmt Augen und Geist in Beschlag. Das ist auf Dauer wunderbar erholsam. Nur ab und an halte ich inne und fülle die entstandene Leere mit atemberaubenden, sich ständig ändernden Aussichten. Jeder Blick eine Erinnerung im Großformat. Nach unserem ersten Schneefeld erreichen wir das Obere Mädelejoch und die mit einem einfachen Blechschild markierte Grenze zu Österreich

Sebastian Münter & Dominic Paulsen

Von den Alpen in die Sahara

Die Luft der Memminger Hütte auf knapp 2.300 Höhenmetern ist zwar frisch, aber noch nicht zu dünn, sodass wir den steilen Aufstieg über Geröll und Schnee gut meistern. Nachdem wir das letzte Stück der Seescharte durchsteigen, bietet sich ein Ausblick, den man kaum in Worte fassen kann – ein einmaliges Panorama über die schneebedeckten Kalkalpen, strahlender Sonnenschein und das am Fuße der Berge seidig grün glänzende Lochbachtal. Der unvergessliche Ausblick entschädigt für den langen und zähen Abstieg hinab zur Oberlochalm. Dort angekommen, blicken wir während unserer Brotzeit (halbe Brotzeit für mich, drei für Sebastian) auf die zurückliegenden Gipfel. Lang kann es jetzt nicht mehr sein bis Zams.

Wie jeden Tag irren wir auch hier wieder. Inmitten unseres letzten Abstiegs durch ruhige Nadelmischwälder und das felsige Zammer Loch sind alle Wasserreserven aufgebraucht. Binnen Minuten werden die letzten zwei Stunden unserer Alpenetappe zu einer gefühlt vierstündigen Sahara-Durchquerung. Über Stunden geht es fast ohne Schatten in Serpentinen nach Zams. Die eiskalte Cola am Ziel gewinnt souverän den Preis für das beste Getränk der Reise.

Rückwärts ins Ziel

Der lange Abstieg von gestern hat mich zermürbt. Mein rechtes Fußgelenk brennt bei jedem Schritt. Die Schmerztablette zum Frühstück – reine Makulatur. Keine zwei Stunden nachdem uns die Gondeln der Venetbahn auf den Krahberg gebracht haben, machen sich meine Oberschenkel bemerkbar. Trotz des einmaligen Ausblicks vom Panoramaweg über Prutz im Inntal hinweg bis zum Kaunertaler Gletscher schaffe ich es gerade so auf dem mehrere Hundert Meter langen Holzsteg über tauwassertriefendes Gelände bis zur Galflunalm. Aber auch eine längere Rast ändert nichts an meinen übersäuerten Beinen.

Die Abstände, in denen ich eine Pause brauche, werden von hier an immer kleiner. Schließlich schaffe ich keine 200 Meter, ohne mich für fünf Minuten hinzusetzen. Und Dominic trägt schon meinen Rucksack. Kurz vor Wenns, dem Talort der heutigen Route, dann eine weitere Erkenntnis. »Da musst du halt Etappe machen!«, ruft mir ein Mittfünfziger mit Blick auf mein schmerzverzerrtes Gesicht altklug zu. Sagt es und verschwindet hinter der nächsten Ecke in einem wohltemperierten Reisebus. Die letzten 30 Minuten ins Tal schaffe ich dann doch zu Fuß. In zwei Stunden. Rückwärts und in Tippelschritten. Dominic hat das Video.

Glück muss man haben

Mein Aufstieg beginnt in Mittelberg am Ende des Pitztals. An den Ausläufern des über 1.700 Meter hohen Mittelbergferners vorbei geht es steil hinauf zur Braunschweiger Hütte. Hätte ich hier schon geahnt, was in den kommenden vier Stunden passiert, ich wäre direkt wieder umgekehrt. Die ersten zwei Stunden sind fast ein Kinderspiel, vorbei an gemütlichen Bänken, die zum Ausruhen einladen, und einem kleinen Wasserfall, geht es über eine steile Felswand hinauf zur Hütte. Der Ausblick von gut 2.760 Metern verschlägt mir den Atem: ein unbeschreibliches Panorama des Mittelbergferner Gletschers erstreckt sich vor einem strahlend blauen Himmel. Allen Warnungen zum Trotz, dass das Wetter hier jederzeit umschlagen kann, entscheide ich mich für die Überquerung des Rettenbachjochs auf 2.990 Metern.

Den mit Drahtseilen gesicherten Aufstieg schaffe ich mühelos, allerdings schlägt das Wetter innerhalb weniger Minuten völlig um. Meine Sicht vom Joch aus beträgt wenige Meter, meine Schweizer Mitwanderer sind im dunklen Gewitternebel verschwunden, und entfernt sind leise die Warnsignale der Bergwacht zu hören, unverzüglich abzusteigen. Voller Panik laufe ich den Pass hinunter zum Restaurant Rettenbachgletscher. Aufgrund des Unwetters ist kein weiterer Abstieg möglich, mein Puls würde das eh nicht zulassen. Auf den nächsten Bus wartend kommt mir tiefenentspannt ein Franzose entgegen mit nur einem Ski in der Hand. »Was für ein Glück, ich habe oben am Joch einen Ski gefunden und bin in 5 Minuten runtergekommen.« – Glück muss man haben.

Sebastian Münter & Dominic Paulsen

Mit Kaffeebohnen über die Grenze

Während Dominic das Gewitter bezwang, hatte ich mir nach der Kapitulation meiner Beine einen Ruhetag gegönnt und wartete in der rustikalen Talherberge Zwieselstein. »Beim Abstieg die Schritte nicht größer als Kaffeebohnen«, lautete der Rat eines ansonsten wortkargen Einzelgängers, der die letzte Nacht allein im Biwak auf dem Tiefenbachgletscher verbracht hatte. Kurz nach dem Aufbruch in Zwieselstein, durch die letzten Ausläufer des Ötztals hindurch, kommen die Zweifel. Werden meine Beine heute durchhalten? Was, wenn ich irgendwo da oben, mitten im Berg, schlapp mache?

Ich treffe eine folgenreiche Entscheidung. Nach einem schattigen Wäldchen und einem Dutzend störrischer Almkühe, die partout den Weg nicht räumen wollen, geht es entlang des quirligen Timmelsbachs hoch bis auf 2.474 Meter zum Timmelsjoch. Unter uns auf italienischer Seite wartet schon das malerische Passeiertal. Müssen wir da wirklich ganz runter?, denke ich noch und setze die erste Kaffeebohne. Dann noch eine. Und noch eine. Es klappt. Die Beine machen mit. Bis zum Schluss. Glück pur durchströmt meine Adern! Dieser Triumph über mich selbst, mein persönlicher Höhepunkt der Tour.

Glücklich in Südtirol

Der Weg ist das Ziel, und gemeinsam ist vieles leichter. Wer hätte gedacht, dass die Alpenüberquerung ein so überwältigendes Erlebnis werden würde. Die unzähligen Auf- und Abstiege, die körperlichen Herausforderungen und die beispiellosen landschaftlichen Eindrücke führen uns ins paradiesisch anmutende Südtirol, welches uns mit schier endlosen Weinstöcken und mediterranem Klima willkommen heißt. Neben der Erinnerung an ein unvergessliches Abenteuer bleibt die Erkenntnis, dass die eigenen Grenzen weiter sind als gedacht. Es ist der nächste Schritt und nicht der Blick auf den Berg, der einen voranbringt. Ganz zu schweigen von der  Natur. Wow! Wir haben die Alpen überquert. Und was kommt als Nächstes? Ich hätte da schon eine Route vor Augen – sie liegt in Nordspanien.

Route. Gewandert sind wir auf einem Teilstück (Oberstdorf–Meran) des Europäischen Fernwanderweg E5.

Wanderführer. Fernwanderweg E5: Konstanz–Oberstdorf–Meran/Bozen–Verona. 31 Etappen, 248 Seiten, Bergverlag Rother, 14,90 Euro.

Tipp.
Mitgliedschaft im Deutschen Alpenverein. Neben dem Versicherungsschutz spart man so bei den Hüttenübernachtungen bis zur Hälfte des Preises. ​

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