Manchmal macht einem im Urlaub die eigene Schusseligkeit einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Wie Kleinigkeiten über das Scheitern oder Gelingen einer Reise entscheiden. Text: Ralf Johnen

Die Sonne scheint. Das Herbstlaub leuchtet. Und im Hintergrund schimmern die Gipfel der Rocky Mountains. So habe ich diesen Oktobertag wahrgenommen, bis ich etwa 45 Kilometer nördlich von Denver einen fensterlosen Konferenzraum betrete. Dort soll ich mir ein halbstündiges Video über die Vorzüge und Tücken unseres 32 Fuß langen Wohnmobils ansehen, mit dem wir in den kommenden Tagen Colorado erkunden werden. Ich lerne: Mehrere Trakte des etwas ungelenken Gefährts lassen sich im Stand ausfahren. An Bord gibt es drei Glotzen, einen riesigen Kühlschrank, Schlafgelegenheiten für ein halbes Dutzend Personen und so weiter. Hallo Amerika!

Als der Abspann des Filmchens läuft, betritt Martin den Raum. Ein bedächtiger Eidgenosse, der vor langen Jahren die überbevölkerte Alpenrepublik gegen die Weite der Rockies eingetauscht hat. Ob wir noch mehr wissen müssen, fragt er in unverfälschtem Schwyzerdütsch. »Och«, erwidere ich, »nicht wirklich«. Doch wir interessieren uns für zusätzliches Equipment. Campingstühle, einen Grill, Mountainbikes. Solche Dinge. Schließlich möchten wir die Möglichkeiten eines Recreational Vehicle (RV) kompromisslos ausschöpfen.

Kurz zum Bio-Supermarkt und ab geht die Tour

Martin bittet um ein wenig Geduld und verschwindet in seinem Büro. »Komisch, dass hier an einem Samstagvormittag so wenig los ist«, sage ich zu Stefan. Nach einer Weile kehrt Martin zurück. Etwas umständlich erklärt er, dass Veränderungen bevorstünden. Erst nach einer Weile rückt er mit der Info raus, dass wir die letzten Kunden seien, die ein RV ausleihen. Und streng genommen nicht nur für heute. Sondern für immer. Die Firma gebe die Leihsparte auf, da sie nicht genug abwerfe. Wobei noch nicht feststehe, was das für ihn genau bedeute.

Das ganze Equipment übrigens habe er schon eingeladen. »Das könnt ihr umsonst haben. Ihr seid ja die letzten Kunden.« Wir bedanken uns überschwänglich, streicheln das Wohnmobil und wünschen Martin schon mal alles Gute, auch wenn wir uns ja wahrscheinlich noch mal sehen würden bei der Rückgabe in einer Woche. »Hoffentlich«, erwidert er. »Und euch eine sichere Fahrt.«

Mit etwas Verspätung verlassen wir den Hof in Longmont und steuern einen Bio-Supermarkt an, um den Kühlschrank aufzufüllen.

Wohnmobil

Ralf Johnen

Die Welt ist wieder in Ordnung. Wir passieren Denver und nehmen den Interstate 70 Richtung Westen. Stefan ist der Draufgänger von uns beiden, also übernimmt er die erste Schicht am Steuer. Es geht ziemlich steil bergan. Ich staune über die vielen Villen an den Flanken der Rockies. »Wie damals im Denver Clan«, sinniere ich.

Das Thermometer zeigt 34 Grad Fahrenheit an – eine ziemlich kalte Angelegenheit

Die Steigung nimmt kein Ende. Nachdem Stefan, ein erfahrener Motorjournalist, zunächst noch etwas zögerlich das Fahrverhalten und die Bremswege des rollenden Domizils erkundet hat, gewinnt er an Selbstvertrauen. Bald haben wir uns daran gewöhnt, mit 75 Meilen pro Stunde über den I-70 zu bürsten. Soll das Ding doch wackeln, wie es will.

In Silverthorne verlassen wir den Interstate. Ein Kaffee könnte nicht schaden. Wir lernen, dass wir uns in einem Skiresort auf 9000 Fuß befinden. Fast so hoch wie die Zugspitze. Das Thermometer zeigt 34 Grad – Fahrenheit. Nach der Pause muss ich ans Steuer, wobei ich von meiner Vergangenheit als Kurzstrecken-Lkw-Fahrer profitiere. Wir kommen vorbei an Schneewänden, an martialisch aussehenden Auslauframpen für Lastwagen, am Promi-Örtchen Vail und werden dabei trotz gewissenhafter Beachtung der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit regelmäßig von schnaubenden Sechsachsern überholt.

Colorado-Landschaft

Ralf Johnen

Als es dunkel wird, sind wir noch 100 Meilen von unserem Ziel entfernt. Ich werde beim Aufstieg zum Colorado National Monument ohne Tageslicht auskommen müssen. Vor der serpentinenreichen Passstraße hatte man uns gewarnt, die sei vielfach ungesichert und nicht das ideale Trainingsterrain. Aber wir sind so im »Flow«, dass Furcht keine Rolle spielt. Vor dem Trip durch Colorado haben wir uns lange nicht gesehen. Wir hören Hiphop und reden, wobei wir zu unserem eigenen Erstaunen Martins Schwyzerdütsch imitieren. Gegen 21 Uhr erreichen wir unseren Stellplatz.

Westernstädte, Geisterstädte und verschrobene Gestalten

Die kommenden Tage sind ein atemloser Traum: tiefe Canyons und hohe Berge, die Gesteinsformationen des Colorado Plateau, schmucke Westernstädtchen, eine Ghost Town, alte Eisenbahnen, gemütliche Bergdörfer, der Million Dollar Highway, angenehm verschrobene Gestalten – und immer wieder diese Bergpanoramen mit den gelb leuchtenden Espenwäldern. Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Male parken wir am Wegesrand für einen spontanen Fotostopp.

Am fünften Morgen lassen wir es uns besonders gut gehen. Schon im 6.30 Uhr checken wir in der Freilufttherme von Pegosa Springs ein, wo wir in einem wohltemperierten Becken der Selbstauflösung der Morgennebels beiwohnen. Nach einem üppigen »organic breakfast« machen wir uns selbstzufrieden – und mit der üblichen Verspätung – auf den Weg in Richtung Osten, wo der Great Sand Dunes National Park auf uns wartet. Doch bei aller Disziplin können wir es nicht lassen: Als wir wieder so einen Ausläufer der Rockies durchqueren, müssen wir einfach anhalten. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Es ist inzwischen ein perfekt einstudierter Bewegungsablauf.

Devils Kitchen in Colorado

Ralf Johnen

Der RV ist bewegungsunfähig. Selbstverschuldet.

Beim vierten Mal wundere ich mich ein wenig, als ich den Schlüssel ins Zündschloss stecke. Er lässt sich nicht bewegen. Weder zaghaft, noch mit Gewalt. Ich blicke zu Stefan. Er blickt zu mir. Etwas hilflos taste ich meinen Körper ab. In meiner rechten Hosentasche finde ich den Autoschlüssel. In der linken: nichts, denn mein privater Schlüsselbund, den ich immer am Körper trage, baumelt am Zündschloss. Genau genommen ist es mein Fahrradschlüssel, der tief und fest darin verankert ist. Nach etlichen Befreiungsversuchen bricht er ab.

Die anschließende Bestandsaufnahme fällt nicht sonderlich rosig aus: Das RV ist bewegungsunfähig. Wir haben keinen Mobilempfang. Pegosa Springs liegt 45 Meilen hinter uns. Zudem befinden wir uns im Land der Bären und Berglöwen. Einen Moment lang blenden wir die Realität einfach aus: Wir klappen die Campingstühle aus, blicken auf die Berge und drehen uns nur um, wenn ein Lkw vorbeibrettert. Dann fällt Stefans Blick auf die Mountainbikes, die seit einigen Tagen nutzlos in ihrer Halterung hängen.

Bald sitzen wir im Sattel, nur mit unseren Pässen und zwei Küchenmessern im Rucksack. Man weiß ja nie. Nach einer halben Stunde sehe ich Bewegung im Display. Sofort krame ich Martins Visitenkarte hervor und wähle seine Nummer. Er geht persönlich ran. »Hallo«, sage ich. »Ralf und Stefan hier.« Ob er sich noch an uns erinnere. Wir seien seine letzten Kunden. Und es gebe da eine Situation.

Muss etwa ein Hubschrauber aushelfen?

Ohne erkennbaren Zynismus lauscht er meiner Schilderung. Das könne teuer werden, höre ich den Eidgenossen sagen. Doch es müsse nicht unbedingt so kommen. Bei blockiertem Zündschloss gelte es den Wagen im Falle einer Bergung anzuheben. Denkbar seien der Einsatz eines Spezialfahrzeugs oder ein Helikopter. Er murmelt etwas, das sich wie »10 000 Dollar« anhört und gelobt umgehend zurückzurufen.

Nach einer weiteren halben Stunde löst Martin sein Versprechen ein. Es werde jemand kommen, zuvor jedoch benötige er unsere möglichst exakten Koordinaten und eine Kreditkartennummer. Im Übrigen interessiere es ihn, wie die Sache ausgeht. Ich bedanke mich überschwänglich, wobei mir zu spät auffällt, dass ich wieder in den Schweizer Dialekt verfallen bin.

Auf der Fahrt zurück rapportiere ich. Stefan runzelt die Stirn, als er die Zahlen hört. Ansonsten ist er angenehm gelassen. Am Wohnmobil klappen wir die Campingstühle wieder auf. Ich fühle mich wie Cary Grant in einer Schlüsselszene von »Der unsichtbare Dritte«: Hoffnungsfroh blicke ich jedem Auto entgegen, das sich nähert.

Jim, der Retter in der Not

Endlich hält ein weißer Pickup mit getönten Scheiben, doch es dauert noch ein paar Minuten, bis ein Mann aussteigt. Lange Haare, langer Bart, schwarze Klamotten, noch schwärzere Sonnenbrille. Er heißt Jim und glücklich sieht er nicht aus. Ich berichte von dem Malheur, will kurz etwas erklären, erkenne aber, dass Jim keinen wirklichen Redebedarf hat. Er rüttelt und schüttelt am Zündschloss herum, dann trottet er wortlos zurück zum Auto. Wir geben ihm Privatsphäre. Erst nach einer Stunde bringe ich ihm eine Cola, um ihm kurz über die Schulter zu schauen. Etliche Bohrerwechsel später höre ich das Orgeln des Motors. »Der Fahrradschlüssel ist pulverisiert«, lässt Jim wissen. Jetzt dauere es nicht mehr lange.

Colorado mit dem Wohnmobil

Ralf Johnen

Kurz darauf springt der Motor an. »Sind 100 Dollar okay für Dich?«, fragt Jim. Ich will ihn umarmen, in die Luft springen und im Kreis tanzen. Doch ich bleibe cool. »Sure, man«, sage ich knapp. Er brummt noch etwas wie »stets zu Diensten«. Dann zischt er ab.

Am frühen Abend erreichen wir die Great Sand Dunes. Unser Stellplatz entpuppt sich als Hort amerikanischer Folklore: Barbecue, Feuer, Country Music und Bier. Wir verarzten uns mit einer Gallone IPA, die wir uns im Bergdorf Ouray haben abfüllen lassen. Zufrieden wie selten blicken wir auf die unwirkliche Landschaft. Die restlichen Tage verlaufen ohne Zwischenfälle. Bis wir bei der Rückgabe des Vehikels nach Martin fragen. Er ist nicht da. Und er wird auch nicht wiederkommen.