Über 135.000 Cuban Americans leben in der Metropolregion New York. Ihre Musik hat eine lange Tradition in der Stadt, noch immer ist die Szene lebendig. Doch durch die Community geht ein Riss – was am Verhältnis zur alten Heimat liegt. Text: Philipp Eins

Kubanische Rhythmen in Manhatten

Ein Sonntagabend in Manhattan. Während Touristen durch Häuserschluchten zum Times Square drängen, sitzt Mario Zarate eine Querstraße vom Broadway entfernt an der Bar seines Restaurants Guantanamera und schenkt sich das zweite Glas Sekt ein. Jede Nacht treten auf der Bühne kubanische Musiker auf. Unter der Decke verwirbeln schwere Ventilatoren die stickige Luft. Die Wände sind mit karibisch-bunten Strandmotiven bemalt. Das Guantanamera gilt als Treffpunkt der kubanischen Musikszene in New York. Der 71-jährige Zarate – senfgelbes Jackett, Nickelbrille, die weißen Haare in den Nacken gekämmt – ist wie immer vor Ort.

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Die Stammgäste werden vom Chef persönlich begrüßt. »Ich kann verraten, wer hier alles schon im Publikum saß: Stars wie Eric Clapton, Roger Waters und Quincy Jones«, sagt Zarate mit rauchiger Stimme. »Sie kamen wegen der Musik. Weil die kubanischen Bands, die hier auftreten, einfach großartig sind.« Über 135.000 Cuban Americans leben in der Metropolregion New York. Ihre Musik hat eine lange Tradition in der Stadt, sie reicht bis in die 30er- und 40er-Jahre zurück. Damals trafen die kubanischen
Musiker Mario Bauzá und Chano Pozo auf den Jazztrompeter Dizzy Gillespie. Sie entwickelten den Afro Cuban Jazz. Noch heute treten kubanische Musiker mehrmals die Woche in den großen Jazzclubs Manhattans auf.

Zwischen Pollo al coco und Rum-Cola

Der Club Bonafide, in einem schmalen, von Bürohäusern eingefassten Altbau im Osten Manhattans, ist bekannt für Latin Jazz. Im Guantanamera spielt die Band an diesem Abend klassischen Son, eine ältere Form des Salsa. Die Stimmung unter den Gästen ist ausgelassen. Man bestellt Pollo al coco, Hühnchen in Kokossoße, dazu kubanischen Rum mit Cola. An den Tischen wird Englisch und Spanisch gesprochen.

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Viele kubanische Musiker in New York sind erst in den vergangenen Jahren in die USA gekommen. Die Erfahrungen der Flucht, die politische Lage in der Heimat – unter den Gästen im Guantanamera ist das kein großes Thema, sagt Zarate. »Kubaner sprechen nicht allzu viel über Politik. Sie haben schlechte Erfahrungen damit, sind vorsichtig.« Große Chance für kubanische Musiker. Während der Pause setzen sich die Musiker um einen Tisch neben der Bühne. Sie sind bereit zu reden. Der 34-jährige Gitarrist Yuniel Jimenez war schon etablierter Musiker, als er Kuba 2004 verlassen hat. Er war auf Tournee durch Spanien, als er entschied, dortzubleiben. Später, im Jahr 2008, zog er weiter in die USA. Hier gibt es die Möglichkeit, frei zu reisen und auf Tournee zu gehen, sagt er. »Das ist eine große Chance für mich.«

Große Chance für Kubaner

Zurück nach Kuba möchte Jimenez nicht mehr, so wie auch der 37-jährige Percussionist Manuel Alejandro. »Die Kubaner sind nicht frei, ich fühle mich dort nicht sicher«, sagt er. Alejandro kam 2003 als politischer Flüchtling in die USA. Sein Vater ist Arzt. Während der Regierungszeit der linksgerichteten Sandinisten wurde er in den 80ern nach Nicaragua geschickt. »Damals hat er am Telefon davon gesprochen, in die USA zu gehen. Der kubanische Geheimdienst hat das mitbekommen«, erzählt Alejandro. »Sie haben ihn nach Kuba gebracht und zwei Jahre lang eingesperrt. Nur wegen eines Telefonats!«

Seit Jahren ist die kubanische Community in New York uneins über ihr Verhältnis zur alten Heimat. Während die einen Kontakt halten, wollen andere nichts mehr von Kuba wissen. Auch in der Kunst- und Musikszene gibt es Spannungen. So wird der Geschäftsführerin des New Yorker Kulturinstituts Center for Cuban Studies von Exilanten vorgeworfen, dass sie Verbindungen zur Kulturszene in Havanna pflegt und ein Archiv mit Bildern aus der Zeit der Revolution unterhält, darunter Porträts von Che Guevara und Fidel Castro.

Jazz – ein Mix aus Rock und kubanischer Musik

Hinter dem Centro Cultural Cubano versammeln sich dagegen regimekritische Exilkünstler wie Paquito D’Rivera. Der 68-Jährige gilt als einer der berühmtesten kubanischen Jazzmusiker in den USA. Jazz, gemischt mit Rock und kubanischer Musik D’Rivera verwebt in seinen Stücken Jazz und Rock mit traditioneller kubanischer Musik. Bereits als Fünfjähriger bekam er Saxophonunterricht, später studierte er am Konservatorium von Havanna Klarinette und Komposition. 1973 gründete er die Band Irakere, mit der er durch die Welt tourte und auf den Jazzfestivals in Montreux und Newport Aufsehen erregte. Als erste kubanische Band gewann Irakere 1979 einen Grammy Award. Zwei Jahre später, 1981, beantragte D’Rivera während einer Spanien-Tournee Asyl in der US-Botschaft und zog nach New York. Da war er Anfang 30. Heute lebt D’Rivera in North Bergen, einer Stadt außerhalb New Yorks.

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»Ich bin zwar Kubaner, aber die Stadt hat mein Leben geprägt.«

Früher wohnten in seinem Viertel viele Kubaner. Die meisten von ihnen sind mittlerweile weitergezogen, nach Miami. D’Rivera aber ist geblieben. Sein Wohnhaus, ein zweigeschossiger roter Backsteinbau mit grünem Dach, liegt idyllisch am Hudson River, mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Das One World Trade Center ist in Nebel gehüllt. D’Rivera empfängt seinen Gast im Wohnzimmer. Es sieht aus wie in einem Museum: Überall stehen antike Trompeten, Posaunen und Hörner, außerdem ein Schlagzeug und ein Konzertflügel. Die Wände sind mit Fotografien prominenter New Yorker Musiker behängt. »Ich
bin zwar Kubaner, aber die Stadt hat mein Leben geprägt«, sagt er.

Der Vater von Paquito D’Rivera war klassischer Saxophonspieler. Eines Tages kam er nach Hause mit einer Schallplatte von Benny Goodman. Es war ein Live-Mitschnitt aus der Carnegie Hall von 1938. Dem kleinen Paquito waren die Melodien fremd. »Ich habe die Musik gehört und gefragt: Was zur Hölle ist das? Mein Vater meinte, das ist Swing, aus der Carnegie Hall – aus der Stadt New York«, erinnert er sich und lacht. Schon während seiner ersten Jahre als Musiker hat er sich nicht um feste Musikgenre geschert, sagt D’Rivera. Er glaubt, dass die Experimentierfreude den Erfolg kubanischer Musiker in New York ausmacht. »Die Salsa-Orchester klingen alle gut, aber sie klingen gleich. Kubanische Musiker haben einen eigenen Sound.« Manche glauben, dass Kuba der Schlüssel zum Golf von Mexiko ist. »Die Seefahrer legten früher in Havanna an, bevor sie weiterreisten – und brachten fremde Einflüsse nach Kuba, die unsere Kultur bereichert haben«, sagt D’Rivera.

Vom Musiker zum Aktivisten

Auch wenn die kubanische Musik ihn berühmt gemacht hat – nach Kuba reist Paquito D’Rivera nicht mehr. Der Kontakt zur Familie ist frostig. Seine Verwandten bitten ihn regelmäßig um Geld, haben aber immer noch ein Bild von Che Guevara im Wohnzimmer hängen. Er sendet ihnen keinen Cent. Jeder Dollar stützt in den Augen des Musikers das System des amtierenden Präsidenten Raul Castro. »Wir müssen verstehen, dass wir Kubaner für die Probleme in unserem Land verantwortlich sind – und auf die Straße gehen«, sagt er. Poveda wurde vom Musiker zum Aktivisten.

Der kubanische Musiker Roberto Poveda dagegen will selbst aktiv werden. Der 50-Jährige kam 1997 über Kolumbien nach Miami, 2006 zog er nach New York. In seinen Songs kombiniert er traditionelle kubanische Musik mit Jazz und Elementen aus Hip-Hop und afrikanischen Rhythmen. Poveda lebt in Brooklyn, einem multikulturell geprägten Stadtteil östlich von Manhattan. Seinen Proberaum hat er in Williamsburg, einem Bezirk, der von Bars, Clubs und einer lebendigen Musikszene geprägt ist. Wer ihn dort besuchen möchte, muss durch die Galerie Ad Hoc Art in der Frost Street hindurch. Sie liegt in einer ehemaligen Garage.

Foto: Philipp Eins

Musiker müssen reisen

An weißen Wänden hängen Leinwände mit neonfarbenen Graffitis. Roberto Poveda wartet an der Hintertür, die zu einem abgedunkelten Raum führt, vollgestellt mit Mikrofonen, Keyboards, E-Gitarren, Verstärkern und einem Schlagzeug. Früher hat Poveda mit seiner Band in einem Container proben müssen. Besonders im Winter war es dort eisig kalt – ungewohnt für einen Kubaner. Dass er seine Heimat verlassen hat, bereut der Musiker dennoch nicht.

»Ich bin gegangen, weil ich mich in Kuba ohnmächtig fühlte. Die Gesellschaft ist sehr repressiv«, sagt Poveda. »Die Regierung gibt dir keine Chance, dein Leben zu verbessern – und zum Beispiel zu reisen. »Musiker müssen aber reisen, um zu wachsen, sich zu entwickeln, meint er. Als Poveda in den 80er-Jahren mit seiner damaligen Freundin nach Kolumbien kam, hat er die Vielfalt der lateinamerikanischen Musik kennengelernt. Der Umzug nach New York hat ihn verändert. »Als Musiker in New York musst du die ganzen Eindrücke filtern, die du hier bekommst. Das macht etwas mit deiner Arbeit«, sagt Poveda. Er spielt zwar nicht ganz andere Songs, nur weil er in einem arabisch geprägten Viertel wohnt. »Aber wenn du den ganzen Tag arabische Musik um dich hast, bleibt davon etwas hängen. Es ist die Stimmung, die meinen Gesang und meine Melodien beeinflusst.«

In Kuba Zeichen setzen

Vor Kurzem hat sich Poveda der Instar-Bewegung von Tania Bruguera angeschlossen. Die kubanische Künstlerin wird seit Ende 2014 von der Regierung verfolgt. Damals plante sie eine Performance auf der Plaza de la Revolución in Havanna. Dort, wo Fidel Castro früher seine politischen Kundgebungen abhielt, sollten Bürger öffentlich und durch ein Mikrofon sagen, wie sie sich die Zukunft Kubas vorstellen. Mit der Aktion wollte sie ein Zeichen für die Meinungsfreiheit setzen – die von der kubanischen Regierung unterdrückt wird. »Die Instar-Bewegung geht uns alle etwas an, ob Musiker oder Zuhörer«, meint Poveda. »Wir müssen den Menschen in Kuba klarmachen, dass sie das Recht haben, anders zu denken. Dass es auch okay ist, der Staatsführung zu widersprechen – und sich ohne Angst frei zu äußern.« Tania Bruguera, die mittlerweile in die USA ausgereist ist, hat ihn zum Aktivisten gemacht, sagt Poveda. Er möchte in Zukunft selbst nach Kuba reisen und sich engagieren. Und nicht mehr nur als Musiker für ein New Yorker Publikum spielen, das sich für die politischen Verhältnisse in seiner Heimat kaum interessiert.

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Reisetipps

Info.
Von Berlin aus fliegen United Airlines nonstop nach New York. Hin- und Rückflug gibt es bereits ab € 470. Auch viele andere Airlines bieten Direktflüge von Deutschland nach New York an. Hin- und Rückflug mit Air Berlin kosten ab Frankfurt zusammen ab € 450.

Kubanische Musik.
Das Restaurant Guantanamera bietet jeden Abend Livemusik, dazu können Gäste kubanische Speisen bestellen. Das Guantanamera liegt in der 939 8th Ave und ist vom Times Square in Manhattan gut zu erreichen. Der Eintritt ist frei.

Der Club Bonafide liegt in der 212 East 52nd Street, im Osten von Manhattan. Kubanische Jazzmusiker wie Roberto Poveda treten hier regelmäßig auf. Die Bar serviert lateinamerikanische Cocktails und Longdrinks.

Essen und Trinken.
Eines der ältesten kubanischen Restaurants in New York ist Victor‘s Café, gelegen in der 236 West 52nd Street. Spezialität des Hauses ist Ropa Vieja, ein kubanisches Gericht, bei dem gekochtes Rindfleisch zerrissen und über Reis oder mit Tortillas gegessen wird.

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