»Weniger ist mehr«, so lautete das Prinzip von Ludwig Mies van Rohe – einem der bedeutendsten Architekten der Moderne und dem letzten Direktor des Bauhauses. Weniger ist mehr – das war das Prinzip der Schule, die von Weimar und Dessau aus in die Welt zog. Klare Formen, wenig Schnickschnack und Chichi. Ein sehr demokratisches Bauen. Ein Überblick über 100 Jahre Bauhaus in Deutschland. Text: Verena Wolff

2019 wird das 100. Gründungsjubiläum gefeiert: mit 670 Veranstaltungen an 354 Orten in ganz Deutschland. Es gibt Ausstellungen, Festivals, Theater, Performances und zahlreiche Veranstaltungen zu Architektur und Gestaltung, Kunst- und Kulturgeschichte sowie Bildung und Forschung. Sogar einen eigenen Bauhaus-Verbund hat man für das Jubiläum ins Leben gerufen. Und der hat eine Grand Tour der Moderne durch Deutschland aufgelegt. Sie zeigt die markantesten Beispiele der Architektur in der Republik und Vorreiter für alles, was modern und revolutionär war und ist.

100 Jahre Bauhaus: Kornhaus in Dessau

T. Franzen

Denn während die Wirkungsstätten der Architektur- und Designschule in Berlin, Dessau und Weimar waren, findet man die Gebäude überall. In ganz Deutschland und in vielen anderen Orten auf der Welt. Walter Gropius, ein Architekt aus Berlin, hatte im Jahr 1919 das »Staatliche Bauhaus« ins Leben gerufen – in Weimar. Die Idee: Die Verbindung von Handwerk, Leben und Kunst sollte wie eine Art Versuchslabor für eine neue, humanere Gestaltung der Gesellschaft sein. Das Bauhaus war eine lebendige Ideenschule und ein Experimentierfeld auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst, der Gestaltung, der Architektur und der Pädagogik.

 

Licht, Luft und Klarheit ins Hausinnere

Auch an vielen bedeutenden Gebäuden war Gropius als Architekt beteiligt: Schon 1911 errichtete er das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine (Niedersachsen). Damals wurde es in Auftrag gegeben als Schuhleistenfabrik. Der innovative Firmengründer Carl Benscheidt hatte offensichtlich kein Problem mit moderner Architektur, die Licht, Luft und Klarheit ins Innere brachte.

100 Jahre Bauhaus: Alfred-Fagus-Werk

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Sein ganzes Leben blieb Gropius seinen Prinzipien treu – das wird am letzten Gebäude des Berliners klar, dessen Fertigstellung er nicht mehr erlebte. Die »Glaskathedrale« steht im oberpfälzischen Amberg. Das Glaswerk, das ursprünglich Fertigungsstätte der Firma Thomas-Glas war, ist einer Basilika nachempfunden. Die Dachflächen und das Mittelschiff sind aus Beton und Glas gefertigt – wie so oft bei Gropius. Wichtig war damals vor allem die schnelle Wärmeabfuhr, die den Glasbläsern die Arbeit erleichtern sollte.

Neue Meisterhäuser in Dessau

T. Franzen

Von Mitte der 1920er Jahre an beschäftigte sich der Bauhaus-Gründer vor allem mit dem Massenwohnbau als Lösung für städtebauliche Probleme. Er ist damit der Urvater der Plattenbauten und Satellitenstädte. Er gehörte mit der Siedlung »Am Lindenbaum« zu den Architekten des Projekts Neues Frankfurt, entwarf die Siedlung Dessau-Törten, Dammerstock sowie Wohnblocks in der Siemensstadt und arbeitete beim Projekt Wannsee-Uferbebauung mit – beides ist in Berlin zu finden. Ebenfalls in der Hauptstadt: Die markante »Hufeisensiedlung« im Stadtteil Britz, die zwischen 1925 und 1933 nach Plänen der Architekten Bruno Taut und Martin Wagner sowie des Landschaftsarchitekten Leberecht Migge entstand.

Hufeisensiedlung in Berlin Britz

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Bauhaus-Architektur in Weimar, Krefeld, Aachen und Köln

In Weimar, dem Gründungsort des Bauhauses, gibt es weitere Sehenswürdigkeiten für Bauhaus-Fans: Das Haus am Horn war ein Musterhaus zur Bauhausausstellung 1923. Georg Muche plante es nach dem neuesten Stand der Technik. Das zweigeschossige Wohn- und Atelierhaus von Ernst Neufert, das ein Prototyp einer geplanten Holzhausserie sein sollte, ist in Weimar ebenso zu besichtigen wie das frühere Wohnhaus von Henry van de Velde, das Haus Hohe Pappeln.

Auch wenn Berlin die unbestrittene Hochburg für diesen Architekturstil ist, ist auch im Westen einiges zu sehen. In Nordrhein-Westfalen gibt es zahlreiche Gebäude und ganze Viertel, die vom Bauhaus inspiriert sind.

Bauhaus-Architektur: Zeche Zollverein in Essen

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So plante Ludwig Mies van der Rohe die einzigen Produktionsgebäude seiner Karriere für die Vereinigte Seidenwebereien AG, die 1920 von den Krefelder Textilfabrikanten Lange und Esters gegründet wurde. Auch das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen ist in einem typischen Gebäude untergebracht. Es wurde 1928 von Josef Bachmann entworfen und beherbergte einst die größte Schirmfabrik Europas. In Köln gilt vor allem das Villenviertel in Rodenkirchen als Schauplatz verschiedener Bauhaus-Architekten, die dort in der Top-Lage am Rhein moderne Häuser entwarfen.

Weiter südlich wird es dünner mit der Bauhaus-Architektur: Die evangelische Dreifaltigkeitskirche in Worms wurde zwischen 1955 und 59 nach Plänen von Otto Bartning und Otto Dörzbach wieder aufgebaut. In Stuttgart ist vor allem die Weißenhof-Siedlung ein Meilenstein des Neuen Bauens.

Weißenhofsiedlung in Stuttgart

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Unter der Leitung des späteren Bauhaus-Direktors Mies van der Rohe schufen Le Corbusier, J.J.P. Oud, Walter Gropius, Mart Stam, Victor Bourgeois, Josef Frank, die Brüder Taut, Hans Scharoun und Adolf Rading hier Häuser. Otto Haesler, Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod bauten zusammen mit Gropius und anderen in Karlsruhe in der Siedlung Dammerstock.

Feierlichkeiten in Berlin, Weimar und Dessau

Und wie feiert man den Bauhaus-Geburtstag nun? Natürlich ist in Weimar und Dessau viel los; dort, wo die Schule die längste Zeit beiheimatet war. Vor allem bekommen alle drei Bauhaus-Städte neue Museen. Damit entstehen mehr als 6500 Quadratmeter neue Ausstellungsfläche. In Thüringen soll am 6. April die Ausstellung »Das Bauhaus kommt aus Weimar« eröffnet werden – in der neuen Herberge. Im September zeigt das Bauhaus-Archiv in Berlin Exponate aus der eigenen Sammlung unter dem schlichten Motto »original bauhaus«. Im November schließlich soll in Dessau das neue Bauhaus-Museum mit der Schau »Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung« eröffnet werden.

 

 

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