Einmal im Leben in der Antarktis, das war immer mein Traum. Unerwarteterweise ist es nun wahr geworden. Als Fotograf und Reiseleiter bin ich seit ein paar Jahren für diverse Spezialreiseveranstalter tätig. Als eine Kollegin kurzfristig ausgefallen ist, wurde ich gefragt, ob ich einspringe, was natürlich für mich keine Frage war. Text: Gerald Nowak

Es ist gerade erst hell geworden, als der siebte Kontinent vor uns liegt. Ich bin zum Eisbergtauchen in der Antarktis. Langsam schiebt sich das Schiff zwischen den riesigen Eisplatten hindurch. Einige der Passagiere stehen dick vermummt an Deck, um diese faszinierende Kulisse hautnah zu erleben. Die Kälte der Antarktis ist deutlich zu spüren. Obwohl wir Hochsommer haben, weht ein eisiger Ostwind. Eine Anlandung ist heute Vormittag nicht möglich. Die Außentemperatur beträgt minus acht Grad Celsius und über den Himmel jagen grauen Wolken. Zu kalt für einen Landgang.

Landschaft, Panorama in der Antarktis

Gerald Nowak

Um uns eine Alternative zu bieten, manövriert der Kapitän der Plancius uns durch die Eisfelder. Riesige Eisschollen zerbersten unter dem Bug der Plancius, die ihre Eisklasse 1D unter Beweis stellt. Zwei Meter dicke Eisschollen zersplittern wie Styropor unter ihrem Bug. Gegen 14 Uhr schläft der Wind ein und es wird spürbar wärmer, obwohl das Thermometer immer noch minus 6 Grad zeigt.

Expitionsschiff-Teilnehmer in der Antarktis

Gerald Nowak

Catherine, unsere Tauch-Expeditionsleiterin kommt zu uns und verkündet, dass sie einen windgeschützten Platz gefunden hat: »Wir haben einen Eisberg ausgemacht, der auf Grund liegt. Hier können wir tauchen. An den treibenden Eisbergen wäre das zu gefährlich, denn bei Wind fangen die schnell mal an zu rollen. Das will keiner von Euch erleben!«

Catherine, White Planet Expedition

Gerald Nowak

Fragend sehen wir uns an. Wie kann ein Eisberg rollen, von dem 85 Prozent unter Wasser liegen? Catherine erklärt: »Durch die Strömungen und den Wind kann selbst ein großer Eisberg aus dem Gleichgewicht geraten. Ist dann ein Taucher an der falschen Stelle, wird es schnell lebensgefährlich.«

Ausrüstung für einen extremen Einsatz

Im Nu sind Kamera und Tauchequipment vorbereitet. Um hier abzutauchen, erfordert es besondere Ausrüstung. Sie muss den extremen Bedingungen Stand halten, denn noch immer ist es eisig kalt. Wir trotzen der Kälte und es geht hinaus zum ersten Eisberg-Tauchgang. Von Weitem sieht der ausgewählte Eisberg noch grau und unscheinbar aus, doch als wir mit dem Zodiac näher kommen, stehen wir vor einem bläulich leuchtenden Eisklotz.

Eisberg in der Antarktis

Gerald Nowak

Im Nu sind wir unter Wasser und erkunden den Eisberg. Die Wand des gewaltigen »Eiswürfels« ist golfballartig geformt. Überall finden wir kleine Spalten und Höhlen. Ein Traum von einer Fotokulisse. Ich kann mich gar nicht sattsehen an dieser eisigen Schönheit. Die Zeit unter Wasser verfliegt und bis ich mich versehe, sind 45 Minuten vergangen. An der Oberfläche spüre ich meine Finger kaum noch, dennoch muss mein Tauchbuddy noch einen Moment als Model verharren. Ich schieße noch ein paar Halb-und Halb-Aufnahmen, denn der eisige Wind hat tausende Eiszapfen an den Eisberg gezaubert, die ich unbedingt einfangen möchte.

Eisbergtauchen in der Antarktis: faszinierendes Erlebnis

Gerald Nowak

Jetzt an der Oberfläche spürt man die Kälte gleich dreifach, denn der Wind lässt selbst das salzige Wasser sofort an Maske und Kopf gefrieren. An einen Landgang ist nach diesem Tauchgang nicht mehr zu denken. Finger, Füße und Gesicht brennen vor Kälte. Keiner hadert mit diesem Umstand. Das, was wir gerade unter Wasser erlebt haben, ist den augenblicklichen Kälteschmerz mehr als wert.

Pause vom Eisbergtauchen in der Antarktis: Zwischendurch auch mal ein Landgang

Die kommenden Tage tauchen wir an weiteren Eisbergen. Auch eine Felswand steht auf der Agenda, doch so einen faszinierenden Eisberg wie beim ersten Tauchgang bekommen wir nicht mehr vor die Linse. Die Landgänge sind ebenfalls beeindruckend. Die hügelige Landschaft ist wie von einer dicken weißen Zuckerschicht überzogen. Wohin man auch schaut liegen Robben oder Pinguine herum. Besonders beeindruckend sind die dicken Weddellrobben, die man leicht mit den ähnlich aussehenden Krabbenfresserrobben verwechselt.

Nahaufnahme des Gesichts einer Robbe in der Antarktis

Gerald Nowak

Beide sind hellgrau mit dunklen Flecken. Nur die Gesichter unterscheiden sich deutlich. Während die Weddellrobben hundsartige Gesichter haben, sind die Gesichter der Krabbenfresserrobben katzenartig. Leider begegnet mir unter Wasser kein Seeleopard. Das sind die größten Räuber der Antarktis. Ein Tauchgang mit diesen Tieren ist eine besondere Herausforderung. Sie werden nicht umsonst als gefährlich eingeschätzt. Bis zu 500 Kilogramm schwer und extrem schnell sind sie. Pinguine müssen sie besonders fürchten, denn die sind die Lieblingsspeise der Seeleoparden. Ein Grund mehr, wieder einmal herzukommen.

Diffuses Licht am Abend – und plötzlich erscheinen Buckelwale, Pinguine, Delfine und Robben

Für den letzten Abend in der Antarktis hat sich die Crew einen besonderen Ausklang für uns einfallen lassen. Das hintere Außendeck ähnelt einem Biergarten. Überall stehen Biertische und Bänke. Gleich mehrere Grills wurden aufgestellt. Trotz arktischer Kälte ist die Atmosphäre angenehm entspannt. Der Himmel ist bedeckt, doch das Meer so ruhig wie noch an keinem anderen Tag unserer Reise. Das Essen ist lecker, die Stimmung ausgelassen. Es gibt Bier und Glühwein, je nach Gusto. Die Sonne ist schon lange verschwunden hinter dem Horizont, dennoch herrscht immer noch ein diffuses Zwielicht.

Ausblick vom Expeditionsschiff auf das Panorama in der Antarktis

Gerald Nowak

Plötzlich ist das Pursten von Walen deutlich zu vernehmen. Gleich ein Dutzend Buckelwale schwimmen direkt neben dem Boot. Fast zwanzig Minuten gleiten sie neben der Plancius im Wasser – und plötzlich gesellen sich auch noch Delfine hinzu.

Flossen von Buckelwalen in der Antarktis

Gerald Nowak

Dazwischen immer wieder Pinguine und gelegentlich Robben, die ihre Köpfe aus dem Wasser strecken. Keiner spricht mehr ein Wort. Alle starren nur noch gebannt auf das Meer. Es fühlt sich fast nicht real an – eher wie ein Traum. Wäre das jetzt ein Walt-Disney-Film, würde ich nur schmunzeln und alles als Märchengeschichte abtun. Doch die Szenerie, die wir gerade erleben, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Es ist einfach nur schön. Danke, Mutter Natur!

Infos zum Eisbergtauchen in der Antarktis

Eine Reise auf der Plancius oder einem ihrer Schwesterschiffe ist ab 9.500 Euro zu buchen. Flüge kommen separat hinzu. Der Hafen ist in Ushuaia, den man via Buenos Aires erreicht. Ein Zwischenstopp dort ist sinnvoll, denn wer eine Reise in die Antarktis unternimmt, sollte mindestens einen zusätzlichen Tag in Ushuaia einplanen, da das Schiff nicht auf verspätete Gäste wartet.

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