Malerische Landschaften neben atemberaubenden Wolkenkratzern, geschichtsträchtige Gebäude neben blinkenden Neonreklamen und historische Friedhöfe neben hippen Restaurants: Nur in Georgia liegen die aufregendsten Kontraste so nah beieinander. Kein Wunder eigentlich, dass auch Hollywoods Filmindustrie den Staat für sich entdeckt hat. Text: Jessica Kohlmeier

Georgia schreibt Filmgeschichte

Ganz ehrlich: An Georgia habe ich bis jetzt nie gedacht, wenn ich in die Vereinigten Staaten gereist bin. Immer lockten lautere Staaten: das verrückte Kalifornien, das sonnige Florida, das weltmännische New York. Der »Peach State«, der sich im Südosten der USA an den Atlantik schmiegt, ist ganz anders. Es sind vor allem die Farben, die mich in den ersten Momenten innehalten und staunen lassen: Neonbunte  Reklametafeln bewerben die beliebtesten TV-Shows, das leckerste Eis oder den besten Vintagestore der Stadt. Scharlachrote Ahornbäume säumen ganze Straßenzüge, und die Sonne versinkt über endlosem Marschland vor einem rosablauen Horizont.

Jessica Kohlmeier

Kein Wunder, dass immer mehr Filmstudios Georgia für sich entdecken – und ihre Blockbuster und Serien hier drehen anstatt in Hollywood: »Die Tribute von Panem«, »The Walking Dead«, »Captain America «, »Stranger Things«, »Spiderman« oder »The Fast And the Furious« sind in Georgia entstanden. Doch kein Film prägt die Hauptstadt Atlanta mehr als »Vom Winde verweht«. An vielen Orten ist die Geschichte des Klassikers spürbar, im »Georgian Terrace Hotel« zum Beispiel wurde 1939 die Pre-Premiere-Party gefeiert. Tausende Menschen säumten damals die Peachtree Street, um Vivien Leigh und Clark Gable zuzujubeln – das rauschende Fest dauerte, ganz ungeplant, drei volle Tage lang. Und im »Margret Mitchell House« an der Crescent Avenue spazieren Fans jeden Tag ehrfürchtig durch das Apartment, in dem die Autorin den Roman verfasste. Ein gebrochener Fuß fesselte Margret Mitchell an die Wohnung, die Langeweile brachte sie zum Schreiben.

Eine Filmtour durch die City

Schon an meinem ersten Tag in der Stadt merke ich: Eigentlich kenne ich Atlanta doch viel besser als gedacht. Brücken, Gebäude und Plätze wirken vertraut – Filmtour-Guide Clyde Cauthen erklärt mir, dass das berühmte Drehorte sind. Die Jackson Bridge zum Beispiel erkenne ich als »The Walking Dead«-Fan sofort. Hier ist Hauptdarsteller Rick in der ersten Folge der Erfolgsserie entlanggeritten und musste erkennen, dass während seiner Zeit im Koma eine Zombie-Epidemie ausgebrochen ist. Weil nur wenige Autos vorbeifahren und ein tiefer Nebel Atlanta in mysteriöses Licht taucht, fühlt es sich tatsächlich ein bisschen nach Endzeitstimmung an.

Elliot Anderson

Nicht für Clyde: Der ist bester Laune und deutet mit ausgestrecktem Arm in die Ferne. »Nirgendwo ist der Blick über Atlantas Skyline so spektakulär wie von hier!«, versichert er. Dort hinten, wo die Wolkenkratzer in den Nebel ragen, liegen beliebte Attraktionen wie das Coca-Cola-Museum oder das National Center for Civil and Human Rights jeweils nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die Filmtour bietet Clyde schon seit vier Jahren an, doch er ist aufgeregt wie am ersten Tag. Möglich, dass ich in diesem Augenblick Atlantas größtem Filmfan begegne: Clyde weiß von jedem Projekt, das jemals hier gedreht wurde. Wenn er selbst im Kino sitzt, erkennt er alle Drehorte seines Heimatstaates. Während der Tourbus durch die Stadt zuckelt, zeigt er mir die Apartments von Al Pacino und Jennifer Lawrence: Viele Stars haben sich Zweitwohnungen gekauft, weil sie einen großes Teil des Jahres hier drehen.

Dörfchen wird zum Touri-Hotspot

So hat die Filmindustrie in Georgia viele Gegenden ganz neu belebt. Der Trubel um die Dreharbeiten hat aus verschlafenen Dörfern Touristen-Hotspots gemacht: Vom Film »Grüne Tomaten« etwa profitiert das 2.800-Seelen-Dorf Juliette noch heute, 25 Jahre, nachdem der Film hier entstanden ist. Tausende  Besucher lassen sich jedes Jahr im »Whistle Stop Café« frittierte grüne Tomaten schmecken, die übrigens überraschend köstlich sind. Und wer Senoia besucht, wähnt sich in Alexandria – einem der  Hauptschauplätze in »The Walking Dead«. Die Blechmauer, in die der Lkw in Staffel 6 kracht, die Bahnschienen, die die Darsteller auf dem Weg nach »Terminus« entlanglaufen: Das alles findet man hier. Selbst den Darstellern begegne ich in Form von verkleideten Touristen-Guides, die mit Perücken, Schmutz-Schminke und zerfetzten Klamotten viel Liebe in ihre Rollen stecken.

Vier Autostunden von Atlanta entfernt, ist vom Filmtrubel nichts mehr zu merken: In der Traumstadt Savannah, die als eine der schönsten der USA gilt, läuft das Leben ein paar Takte langsamer als im sprudeligen Atlanta. Entlang der Jones Street bestaune ich die »Million Dollar Homes« der Superreichen. Prächtige Bauten aus dem 18. Jahrhundert mit hölzernen Fensterläden und großzügigen Veranden bringen mich ins Schwärmen: So eins hätte ich auch gerne! Die Einwohner von Savannah sind stolz auf ihre ganz besondere Stadt – und auf deren Geschichte. Savannah ist die erste Stadt der USA, die 1733 auf dem Reißbrett entworfen wurde. Einem Schachbrett gleich verlaufen die Straßen parallel zueinander durch die Altstadt, statt schnöder Kreuzungen gibt es 22 liebevoll angelegte Mini-Parks, die »Squares« heißen. Studenten des nahe gelegenen Kunst-Colleges snacken Salate aus Pappschachteln, Paare fischen Softdrinks aus Kühltaschen, und eine junge Mutter vergräbt selig ihre Füße im Gras.

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»Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen«

Tourguide Sister V erzählt uns vom Civil War, wer ihre Helden sind und wie sie diesen Ort verändert haben. Und dann schleicht sich doch noch ein kleines Stück Filmgeschichte in die Tour: Auf dem Chippewa Square steht die Bank, auf der Forrest Gump einst mit seiner Pralinenschachtel saß. Die Tour endet an der Hafenpromenade, wo Touristen sich in Souvenir-Shops drängeln und der Blick über den Savannah River malerisch ist. In dieser Stadt könnte ich ewig bleiben. Wo mein Körper sich sofort entspannt, wenn mich die Südstaatensonne durch das Blätterdach über den Squares blinzeln lässt.

Wo an jeder Ecke eine Geschichte wartet: Abends kann man sich einer Ghost-Tour anschließen und um Spukhäuser herumschleichen, während der Guide mit Flüsterstimme Gruselgeschichten über die Menschen erzählt, die in der ganzen Stadt direkt unter unseren Füßen begraben liegen. Ich glaube ja nicht an Geister – aber im Dunkeln fürchte ich mich dann irgendwie doch. Und wer bei Leopold’s Eis essen geht, bekommt nicht nur die aufregendsten Sorten der ganzen Stadt, sondern gleich noch ein paar Geschichten serviert: Der ehemalige Besitzer der Eisdiele im Vintage-Look war Executive Producer beim Tom-Cruise-Film »Mission Impossible III«. Den Weg zum WC säumen Set-Fotos von ihm mit UmaThurman, Kim Basinger und Jennifer Lopez.

Jessica Kohlmeier

Auf zu den Trauminseln …

Schöner kann es eigentlich nicht werden, denke ich, während mein »Honey Almonds & Cream«-Eis in der warmen Sonne langsam an der selbst gebackenen Waffel heruntertropft. Doch ich täusche mich: Auf der Fahrt nach Süden brausen wir durch grünes Marschland, das bis zum Horizont reicht – und eine seltsam meditative Wirkung auf mich hat. Der Anblick ist so fremd, so ganz anders als die Landschaften, die ich von zu Hause kenne, dass ich sie stundenlang einfach nur anschauen und tagträumen könnte. Georgias Natur raubt mir immer wieder den Atem. Vom winzig-charmanten Saint Mary’s aus setzt unsere Fähre über zu den »Golden Isles«.

Bei den Einwohnern ist die Inselgruppe berühmt – ich dagegen habe das Gefühl, einen ganz anderen Planeten zu betreten. Seehafer, Fächerpalmen und immergrüne Eichen schließen sich auf der Insel zu einer dichten Vegetation zusammen, die mich ähnlich wohlig einhüllt wie eine Daunendecke. Ein kurzer Spaziergang führt zum Deich und eine hölzerne Treppe zu einem spektakulären Strand: So weit ich gucken kann, sehe ich makellosen Sand und das rauschende Meer. Heute weht ein frischer Wind über die Küste, doch man erzählt mir, selbst im Hochsommer sei es hier nie überlaufen – vielen ist die einstündige Fahrt mit der Fähre einfach zu mühselig für einen Tagesausflug.

Wie überall in Georgia gibt es auch hier Geschichte zu erleben: Im Westen der Insel steht Besuchern »Plum Orchard Mansion« offen. Das Herrenhaus auf einer ehemaligen Zuckerrohrplantage wurde 1898 von einer der reichsten Familien Amerikas erbaut und ist bis heute fast unversehrt. Ich kann im ersten Moment kaum begreifen, was ich sehe: In 30 Zimmern und 13 Bädern entdecke ich echte Tiffany-Lampen, einen drei Meter tiefen Swimmingpool und eine Küche so groß wie ein Einfamilienhaus. Als die letzte Besitzerin starb, ließen die Angehörigen ihre Pferde frei. Deren Nachfahren galoppieren bis heute wild über die gesamte Insel.

Urlaub auf Cumberland, Speisen auf Brunswick

Cumberland Island wird meine liebste Insel der »Golden Isles« bleiben. So empfanden wohl auch John F. Kennedy Jr. und Carolyn Bessette, die sich 1996 genau hier das Jawort gaben. Dabei bezaubert jede Insel für sich: Auf Saint Simons zum Beispiel gibt es Fahrradwege, über die sich das gesamte Eiland erkunden lässt, und fünf Golfplätze. Sea Island dagegen dürfen ausschließlich Gäste des Luxus-Resorts »The Cloister« besuchen, das sich über der Bucht majestätisch an den Hügel schmiegt. An einer bewachten Schranke werden Unbefugte vom Eintreten abgehalten – exklusiver kann man seine Ferien kaum verbringen. Marketingchefin Merry Tipton verrät strahlend, dass im Hotel 2004 der G8-Gipfel stattfand – und dass hier regelmäßig hochrangige Politiker, Geschäftsleute und Stars nächtigen. Meinen letzten Abend verbringe ich aber nicht im angeschlossenen Gourmet-Restaurant – dem einzigen in Georgia –, sondern lieber etwas legerer auf der benachbarten Insel Brunswick.

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Matthew Raiford, der schon im  Repräsentantenhaus kochte, hat hier das »The Farmer & The Larder« eröffnet. Mit einem Bier in der Hand lehnt er sich lässig an unseren Tisch und erzählt von seiner Philosophie: »Meine Eltern waren Farmer, sie haben alles selbst angebaut. Ich habe erst als Erwachsener gelernt, dass man Lebensmittel im Laden  kaufen kann.« Zu diesen Wurzeln möchte der Chefkoch nun zurück: »Jetzt kreiere ich nur noch Gerichte, die ich selbst gern essen würde – aus frischen Zutaten, die aus der Umgebung stammen.« Seine Liebe und Leidenschaft zu einfacher Küche aus hochwertigen Zutaten schmeckt man in jedem Gang.

Als wir das Lokal verlassen, treten wir auf eine breite Straße zwischen gelb und orange gestrichenen Häusern aus dem 18. Jahrhundert, vor denen hohe Palmen sanft in der Abendbrise schaukeln. Ein so verlassener, so harmonischer und stiller Ort, dass ich kurz glaube, ich stünde in einer Filmkulisse. Gut zu wissen, dass mich mein Gefühl trügt: Die Schönheit Georgias ist echt.

Georgia kompakt

In Amerikas Süden scheint die Sonne – in Georgia an 280 Tagen im Jahr. Eine Rundreise lohnt: Die schönsten (und unterschiedlichsten) Orte des »Peach States« liegen meist nur wenige Autostunden voneinander entfernt.

Anreise. Hauptflughafen ist der Hartsfield-Jackson Atlanta  Airport. Delta Airlines fliegt täglich mehrmals von Deutschland (z. B. Frankfurt a. M., Düsseldorf, Stuttgart) nach Atlanta, wo die Fluglinie ihren Hauptsitz hat. Achtung: Ein gültiges ESTA-Visum ist Voraussetzung für die Einreise in die USA. Hin und zurück ab ca. € 480 p. P.

Unterkunft. Das Hotel Indigo wurde von lokalen Künstlern und Innenarchitekten ausgestattet – und begeistert mit modernem Design. Es liegt zentral in Midtown, wo viele Theateraufführungen, Ausstellungen und Shows zu sehen sind. Das legendäre Fox Theatre aus den 1920er-Jahren liegt direkt gegenüber, das Georgian Terrace-Hotel nebenan. Ab ca. € 120 pro Zimmer und Nacht.

Touren. Lassen Sie sich führen. Überall in Georgia stehen Guides bereit, um geschichtsträchtige Ereignisse und Filmhintergründe zu erläutern – und die schönsten Geheimplätze zu verraten. Gerade im gastfreundlichen Georgia ist das leicht, die Guides lieben ihre Heimat – und ihren Job.

Infos.
exploregeorgia.org
Clyde Cauthen’s Filmtour in Atlanta
Sister V’s City-Touren durch Savannah

Unseren Georgia-Guide lesen Sie hier.

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