»Stell dir eine wunderschöne Frau vor. Eine Frau, die natürlich schön ist, Temperament und Rhythmus hat und dazu gut kocht. Eine, die unterhaltsam ist, die Ruhe bewahrt und geheimnisvoll sein kann. Die Frau, das ist Guadeloupe. Und mit mir wirst du sie kennenlernen.« Das waren Alains erste Worte, als ich in Guadeloupe ankam. Text: Jennifer Latuperisa-Andresen

Sein Finger umrandet die Umrisse der Insel Guadeloupe, die tatsächlich wie ein Schmetterling ausschaut, wenn man sie von oben betrachtet. »Das hier sind zwei Inseln, zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können. Basse-Terre ist die jüngere Insel, natürlich und wild. Das hier ist Grand-Terre, die ältere Insel. Etwas gesetzter und ruhiger. Und dort, wo sich die Inseln fast berühren, liegt Pointe-à-Pitre, unsere Hauptstadt. « Mehr Fakten müsste ich nicht wissen, meint Alain, als er mich an meinem Hotel absetzt. Es wäre eh besser alles persönlich zu sehen und zu erfahren. Deshalb soll ich mich ausruhen, damit es morgen früh losgehen kann. Nun gut, aber ein Absacker in der Bar wird jawohl erlaubt sein.

Die Rhythmische. »Voulez-vous danser avec moi?« Ich runzele die Stirn. Schaue beschämt zu Boden. Mein Französisch ist so schlecht, dass der gute Mann Zeichensprache anwenden musste, bis ich verstand, dass er mit mir tanzen wollte. Mit mir? Hier? Niemals. Denn obwohl ich mich in einer Diskothek durchaus zu den üblichen Klängen bewegen kann, versagt mein Können definitiv bei allen lateinamerikanischen Rhythmen. Salsa, das kann ich nicht. Und den landestypischen Gwoka? Leider auch nicht! Erst recht nicht bei diesem Publikum, wo jeder Tänzer auf der überfüllten Tanzfläche nicht nur mit seinem Partner im Gleichschritt tanzt, sondern auch weiß wohin mit dem linken Fuß. Nein, ich bleibe sitzen, danke. Aber ich gucke zu, denn Guadeloupe begrüßt mich mit Lebensfreude, und mir wird klar, dass die Menschen hier Rhythmus im Blut haben.

»Der Tanz gehört zu unserem Leben. Wir tanzen gerne, wir tanzen viel«, erklärt mir Alain am nächsten Tag.

Wie schön, denke ich.

Unterwegs durch Basse-Terres heißeste Ecken

Die Temperamentvolle. »Möchtest du Canyoning machen, oder lieber zum Krater wandern?«, fragt mich Laurence, die mit ihrem Mann Eric in Saint-Claude »Vert Intense« betreibt und damit geführte Touren durch Basse-Terres heißeste Ecke anbietet. Alain hat mich hier abgesetzt. In den Wald müsse er nicht unbedingt gehen, da gäbe es andere, die das besser könnten, hat er gesagt und Laurence liebevoll angelächelt.

Schmal und kurvenreich zieht sich die Straße zum Soufrière das Gebirge hinauf. Irgendwann geht es mit dem Auto nicht weiter. Nun heißt es, die Wanderschuhe schnüren, die Regenjacke in den Rucksack packen und dem brodelnden Krater entgegenmarschieren. Der Wald, durch den wir laufen, ist so dicht, dass ich den Himmel, der über uns thront, nicht erkennen kann. Dafür tropft es von den Baumwipfeln. Es scheint, als kennt Laurence jeden Stein und jedes Blatt. Umso weiter man hinauf kommt, desto glitschiger der Tritt. Wir befinden uns im Regenwald. Das Atmen fällt schwerer als im Dampfbad, aber dennoch klettern wir weiter bergauf.

Zehn von zwölf Monaten regnet es in den Urwäldern, die sich die Soufrière hinaufziehen, Guadeloupes aktivem Vulkan, der von den Einwohnern liebevoll »alte Dame« genannt wird. Zwischen dem üppigen Grün der mannshohen Farne und der wuchernden Schlingpflanzen wachsen lila, gelbe und rote Blüten. Insekten schwirren am Kopf vorbei, und das Gequake der Frösche schwillt hier und da zu einem wahren Konzert an.

Nach zwei Stunden ist es vollbracht. Aussicht? Leider nein, ist doch Himmel plötzlich nebelverhangen, und wir können leider nur bis zum nächsten Busch sehen. Aber bei klarer Sicht soll man von hier die kleinen Inselchen des Les-Saintes-Archipels und ganz in der Ferne sogar Dominica erkennen können. Der Anstieg bis zum Kraterrand ist dann noch einmal eine ganz schöne Kletterei, aber es lohnt sich – immerhin ist es ein umwerfendes Gefühl, einmal auf einem echten Krater zu stehen und zu wissen, dass es unter einem temperamentvoll brodelt. Einziges Manko: der Schwefelgeruch. Atemberaubend, im wahrsten Sinne des Wortes.

Welcher Strand ist wohl der schönste?

Die Entspannte. Wildes Abenteuer links, zuckersüße Traumstrände rechts – Guadeloupe ist sozusagen das Rundumpaket unter den kleinen Antillen. Wer auf Basse-Terre entspannen will, fährt zum Wasserfall »La Cascade aux Ecrevisses«. Das natürliche Wasserbassin ist angenehm warm. Und Alain besteht darauf, dass ich hier schwimme. Das Plätschern des Wasserfalls ist beruhigend, die umherkrabbelnden Krebse dagegen eher nicht. Wer Französisch lesen kann, ist klar imVorteil, immerhin heißt er Wasserfall der Flusskrebse.

Aus Angst, mich könnte einer kneifen, springe ich aus dem Wasser. »Quatsch«, sagt Alain, »fangen und kochen – so machen wir das.« Ah ja. Da finde ich die Aussicht auf Strände schon reizvoller. Deswegen zeigt mir Alain jeden einzelnen, denn er sagt:

»Jeder Strand in Guadeloupe ist unterschiedlich. Wir haben schwarze Strände, bronzefarbene, Kieselstrände, Rasenstrände – du musst sie alle sehen, um entscheiden zu können, welcher dir am besten gefällt«, sagt Alain, zieht sein T-Shirt aus und legt sich in die Sonne.

Als ich ihn fragend ansehe, sagt er nur: »Was wir auf Guadeloupe auch gut können, ist entspannen. Zeit für eine Pause.« Erst am Ende meiner Reise, nachdem ich Basse-Terre und Grand-Terre umrundet habe, kann ich mir ein Urteil machen. Der schönste Strand ist für mich Corniche d’Or – die Goldküste. Aber wie soll man sich da auch festlegen: vom Wind gebogene Palmen, kilometerlanger Sandstrand, türkisfarbenes Wasser – welcher soll da schon der schönste sein?

Was essen wir denn Leckeres?

Die Köchin. Mit dem Euro wird bezahlt. Schließlich heißt der Präsident Nikolas Sarkozy und die Hauptstadt Paris, auch wenn Pointe-à-Pitre von der Ile de France und 6750 Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Und wofür ist Frankreich neben der Mode und dem Eiffelturm bekannt? Genau, für die Küche. Und die ist auf Guadeloupe noch spannender als auf dem Festland.

Grund dafür ist der afrikanische Einfluss. Wer im Restaurant Clara zu Mittag speist, sieht gleich, dass dies ein feines Plätzchen für exzellente Küche ist. Gäste warten an der Bar bei einem Aperitif, während Clara Lesueur durch das halb offene Restaurant schwebt, um die Gäste zu begrüßen, zu beraten und zu bedienen. Und dies mit so einer charmanten Art, dass man schon bevor man einen Bissen probiert hat, weiß, dass man wiederkehren will. Clara ist eben eine Entertainerin, die zwölf Jahre in Paris lebte und sich dort dem Jazztanz verschrieben hat. Als sie davon genug hatte, kehrte sie in ihre Heimat zurück und eröffnete an der Promenade von Sainte Rose ein Restaurant. Als das Essen serviert wird, könnten wir tanzen vor Glück.

Salade de Coffre, eine lokale Spezialität aus Kofferfisch, gefolgt von Schwertfisch auf Curryspiegel mit Reis und gegrilltem Gemüse. Ein Traum. Die Gewürze, die Farben, die vielen verschiedenen und dennoch passenden Geschmäcker, die sich im Mund zu einer unglaublichen Köstlichkeit entwickeln. Und jeder Fisch fangfrisch aus dem Meer. Und kein Essen ohne Rum. Alain sorgt dafür, dass ich ihn in all seinen Facetten probiere.

»Rum ist unser Grundnahrungsmittel«, sagt Alain, während er der Verkäuferin in der Destillerie »Le Domaine de Séverin« die Flasche aus der Hand nimmt und uns augen zwinkernd einschenkt.

Mir und ihm. »Dies ist der beste Rum der Welt«, erklärt er, »denn im Gegensatz zu den Rumsorten der anderen Karibikinseln ist unserer nicht aus Melasse. Das sind doch nur Reste. Rum aus Guadeloupe ist aus ausgepresstem Zuckerrohrsaft«. Qualität, die man schmeckt, auch wenn ich meinen gerne mit Cola und Limette trinke. Für Alain unverständlich.

Picknick inmitten eines Unesco-Weltkulturerbes

Die Natürliche. Das Schiff schippert langsam auf die Bäumchen zu, die vor der Küste von Basse-Terre mitten im Meer stehen. Ein Wald aus Mangroven. Schwarze, graue und rote Mangroven. Nicht, dass man den Unterschied sehen würde. Aber Jean-Louis kennt ihn. Er ist heute mein Kapitän und fährt mich in die Lagune der Mangroven, ein Unesco-Weltnaturerbe. Alain staunt. Hier war er noch nie. »Ich habe schon davon gehört, wie schön es sein soll, es aber nie geschafft, hierherzukommen. «

Und tatsächlich. Wie Kleckse liegen die Kolonien von Mangroven mitten in der Lagune und überleben im Salzwasser und auf Sand. Zudem bieten sie den perfekten Lebensraum für Krebse. Und so sieht man die handflächengroßen Krabbler vom Boot aus die Bäumchen emporklettern. Doch was wäre ein französischer Ausflug ohne ein Picknick? Deswegen hält Jean-Louis an einer Miniinsel, wo wir an Land gehen. Am goldenen Sandstrand bereitet er die Picknickdecke aus, während Alain das Baguette schneidet. Kleine Einsiedlerkrebse wandern am Strand entlang, während wir bei Camembert Beaujolais den Blick über die Lagune schweifen lassen. Ein Schwarm Möwen thront im Baum neben uns, und es klingt so, als würden die Vögel über uns kichern. Ich blicke auf das türkisfarbene Meer, lausche der Musik der Natur und bin ganz verzaubert.

Die Geheimnisvolle. Zu guter Letzt, noch bevor mein Flug zurück zum Pariser Charles-de-Gaulle-Flughafen geht, will mir Alain noch etwas zeigen, das er symbolisch für Guadeloupe sieht. Wir laufen vom Hafen, an dem Jean-Louis nach der Mangroventour geankert hat, in ein Waldgebiet. Der Boden ist feucht, und die Atmosphäre ist leicht düster. Mitten im nirgendwo steht ein zerfallenes Haus, und in ihm wächst ein bengalische Feige oder auch Banyanbaum genannt. Die Wurzeln des Baums haben die Wände zerstört, der Baum hat das Dach eingerissen und ist zu einem majestätischen Gewächs herangewachsen. Ein zauberhafter, verwunschener Ort.

»Diesen Baum haben die Sklaven bei ihrer Befreiung aus diesem Gefängnis gepflanzt. Er sollte ein Symbol des Lebens sein.«

Ich bin verzaubert, dieser Ort hat eindeutig etwas Magisches. Als wir am Flughafen stehen, sagt Alain: »Eine facettenreiche Frau, diese Guadeloupe, oder? Eine echte Schönheitskönigin. Ich bin so stolz auf sie und möchte sie allen zeigen.«

Anreise. Seit November 2011 fliegt Air France vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle einmal die Woche nach Guadeloupe. Damit ist ein Flughafenwechsel in Paris nicht mehr nötig. Ab Paris-Orly noch zehn Mal die Woche.

Info. Fremdenverkehrsbüro von Guadeloupe, Postfach 140212, 70072 Stuttgart, Tel.: 0711 5053511,

Inselerkundung. Ein Mietwagen ist Pflicht, denn die Strecken zwischen den sehenswerten Punkten sind lang. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens empfiehlt es sich, erst auf Grand-Terre zu nächtigen und dann nach Basse-Terre umzuziehen.

Beste Reisezeit. Mit ihrem angenehm warmen Klima eignet sich Guadeloupe ganzjährig als Reiseziel.

Schlafen. Guadeloupe ist auf dem Gebiet der Luxushotels noch ausbaufähig. Das Vier-Sterne-Hotel Creole Beach auf Grand-Terre hat einen schönen kleinen Strand, ist aber nicht mehr als gute Mittelklasse. Das Abendessen sollte man meiden. Ab € 170 im DZ pro Nacht inkl. Frühstück.

Die drei kleinen Bungalows von Les Bananes Vertes auf Basse-Terre sind einfach, aber liebevoll eingerichtet mit dem nötigen Komfort für Selbstversorger. Die Häuser gehören Laurence und Eric von Vert Intense. Ab € 60 pro Nacht bei einer Buchung von 7 Nächten. Lässt sich somit auch ideal mit den Aktivitäten (z. B. Canyoning) von Vert Intense kombinieren.

 

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