Metropolen blühen, modernisieren und verändern sich. Havanna nicht. Havanna altert. Kubas Hauptstadt zu betrachten, ist, wie in einen Spiegel zu blicken und all das zu sehen, was hätte sein können. Schwermut über verlorene Träume, vergangene Tage und bittersüße Vergänglichkeit. Text: Carolin John

Salz kommt von der Brandung wie ein Atem, den der Wind hineinträgt in die alte Stadt. Das Salz zersetzt die Farbe der Fassaden, nicht nur an den Häusern am Malecón; der Mauer, die Havanna vor dem karibischen Meer trennt. Auch die Häuser in La Habana Vieja, Havannas Altstadt, bröckeln. Das ist nicht so schlimm, weil sie 1982 zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt wurde, und jetzt restauriert wird.

Auf der Häuserwand im Stadtteil Vedado, das wir durchqueren, um ins Zentrum Havannas zu kommen, steht in hellblauer, rot umrahmter Schrift: Libertad. Freiheit. Unerreichbar hoch ruht der Schriftzug über den Köpfen der Vorbeischlendernden. Ein Schriftzug, der mir vielleicht auch deshalb so sehr auffällt, weil es sonst auf Kuba keine öffentliche Werbung gibt. Mit Ausnahme für die Revolution.

»Weißt du«, sagt Juri, »all die großen Worte wie Freiheit, Revolution, Tod und Sozialismus sind auf Kuba verstaatlicht. Die Regierung braucht sie in ihrem Kampf gegen die imperialistischen Feinde.«

Miete zahlt man keine

Juri ist Student der Germanistik in Havanna, hat Kuba aber noch nie verlassen. »Haben wirklich alle Menschen in Deutschland fließend heißes Wasser? Fernsehgeräte? Kühlschränke?« »Warum fragst du das, Juri?« »Weil es nicht selbstverständlich ist«, sagt er. »Ich habe einen Kühlschrank, der tagsüber kühlt und nachts taut, weil abends der Strom abgestellt wird. Meine Dusche ist ein Wassertrog.«

Das Haus, in dem Juri mit seiner Familie lebt, hat drei Stockwerke. Der Eingang wird überdacht von einem Vorbau, der auf zwei Säulen ruht und als Balkon dient. Die alte Villa ist umgeben von einer Mauer und einem Eisentor. Im Vorgarten stehen Palmen und andere tropische Gewächse. Juris Eltern zahlen wie die meisten Kubaner keine Miete. Seit der Mietreform aus den 1960er-Jahren, mit der die Mietzahlung zur Abzahlung umgewandelt wurde, bei der nach 20 Jahren Zahlung das Haus in den Besitz der einstigen Mieter überging, sind heute nahezu alle Bewohner Eigentümer. Der Verkauf der Immobilie ist verboten, nur sterben und vererben ist erlaubt. Im Haus steht die Stille. Alle Uhren gehen falsch. Aber sie gehen. »Wie leben die Kubaner?«, frage ich. »Bescheiden, aber ohne materielle Not.«

Das Grundgehalt für Lehrer und Bauarbeiter ist sehr niedrig

Das Handelsembargo gilt bis heute.  John F. Kennedy hatte es 1962 verhängte. Es verbietet jeglichen Handel, den Export von kubanischem Zucker und den Import amerikanischer Nahrungsmittel und Ersatzteile. Ein  Mangel an fast allen Gütern des täglichen Bedarfs setzte in den 1990er-Jahren ein. Damals erhielt Kuba nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine Unterstützung mehr vom sozialistischen Bruderstaat.

Die monatliche Grundversorgung der Kubaner wird seit 40 Jahren über ein Rationierungssystem reguliert. Es ist nach einem Zahlen- und Buchstabenschlüssel festlegt, wer an welchem Tag wie viel in den Bodegas kaufen darf. Das sind die staatlichen Lebensmittelläden. Bis heute ist die ausreichende Versorgung nur durch zusätzliche Zuwendungen durch in die USA emigrierte Verwandte möglich. Weil sich kaum ein Kubaner leisten kann, außerhalb essen zu gehen, gibt es nur wenige öffentliche Restaurants oder Cafés. Weil das kubanische Grundgehalt für einen Lehrer ebenso wie für einen Bauarbeiter bei etwa 200 kubanischen Pesos liegt, was etwa acht Euro entspricht, gibt es in Havanna auch so gut wie keine Geschäfte mit Luxusgütern.

Restaurants gibt es kaum, erstklassige Events schon

Havanna besticht weit mehr mit seinen zahlreichen hochkulturellen Events wie Ballett, Tanztheater, Jazzkonzerte, Jam-sessions und klassische Konzerte im Nationaltheater, in der Kathedrale oder in der Festung El Morro. Von der Festung genießt man zudem besonders bei Sonnenauf und -untergang einen tollen Blick über ganz Havanna und den Malecón. Historische Orte wie der Platz der Revolution laden zum Nachdenken über die Geschichte ein. Und darüber, wie man das Leben wohl am besten führen sollte.

In den Altstadtgassen Havannas verbergen sich bezaubernde kleine Hinterhöfe und Klostergärten. Auch das Nationale Kunstmuseum, das Museo Nacinal de Bellas Artes, ist unbedingt einen Besuch wert. Hier sind die bedeutendsten Werke kubanischer Künstler wie René Portocarrero oder Amelia Peláez versammelt. Abends bietet das Floridita, Ernest Hemingways einstiges Stammlokal, den bestimmt wirklich berühmtesten Daiquirí Havannas, Livemusik und die Möglichkeit, mit Einheimischen und in der Mehrheit wohl Touristen ins Gespräch zu kommen.

Herz-Operationen kosten nichts

Als einziges lateinamerikanisches Land bietet Kuba einen kostenlosen Bildungsweg, vom Kindergarten bis zur Universität. Rund sechs Prozent der Kubaner haben einen Hochschulabschluss, in Deutschland sind es acht Prozent. Ebenso vorbildlich ist das kubanische Gesundheitssystem. Bei Behandlungen von Netzhaut- und Augenerkrankungen sowie Hauterkrankungen gelten kubanische Mediziner als weltweit führend. Ein Problem stellt lediglich die Versorgung mit medizinischen Gerätschaften und Medikamenten dar. Man bekommt auf Kuba eine kostenlose Herz- oder auch Brustoperation, aber kein Aspirin zu kaufen. »Und sonst?« »Sonst passiert hier kurzfristig nichts.« »Und langfristig?« »Das möchten alle wissen. Und niemand weiß es.«

Szenenwechsel. Über den Dächern von Havanna, auf der Dachterrasse des Hotel Plaza, drückt Maikel die Play-Taste. Und bringt sich in Position. Während Marc Antoni aus dem Kassettenrekorder singt, bringt uns Maikel die drei Grundregeln des Salsatanzens bei: »Make yourself free! Relax! And: Dance!« Alles, was ich noch erfahre, ist: Körpermitte fest, Chaka-Chaka mit den Schultern, weich in den Knien, abwechselnd die Hüfte raus, bam-bam. Un–dos–tres.

Der Rest ist: Tanzen statt Nachdenken. Maikel, 29 Jahre, ist Musiker, Tänzer der Casa Musica und Salsalehrer.

»Die Deutschen sind sehr korrekte Menschen«, schmunzelt er, »einige hätten von ihm sogar wissen wollen, in welchem Winkel sie den Arm halten sollen.«

Beim Salsa gilt: sich lockermachen

Dabei sei Tanzen ein Gefühl. Un–dos–tres. Was er über Fidel Castro denke, möchte ich wissen. »Castro?«, fragt er ein wenig belustigt und ein wenig trotzig, »Castro ist mir egal.« Er spiele keine Rolle mehr im Leben der jungen Menschen.

Warum? Maikel beantwortet die Frage mit Schulterzucken. Chaka-Chaka. Stillstehen akzeptiert er nicht. »Fast alle wünschen sich, dass sich etwas verändert.« Und dennoch seien sogar kubanische Dissidenten sicher, dass selbst die Landsleute, die schon auf gepackten Koffern sitzen, ihr Vaterland mit Waffen gegen amerikanische Übergriffe verteidigen würden.

Unweit des Friedhofes von Havanna, dem Cemente-rio de Colón, einem Ort aus weißem Marmor, unter dem eine Million Menschen beerdigt liegen, sitzt John Lennon als Bronzefigur auf einer Parkbank. Ein älterer Kubaner tritt plötzlich aus dem Schatten der Bäume hervor und holt etwas aus seiner Tasche.

Ein Brillengestell mit zwei kugelrunden Gläsern, das er – geschäftstüchtig – anschließend der Bronzestatue auf die Nase schiebt. Auf einer kleinen Tafel vor der Parkbank, zwischen John Lennon und dem Kubaner, stehen die spanischen Worte aus dem Refrain von Imagine: »Dirán que soy un sonador, pero no soy único.« – »You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one …«

Einreise. Man benötigt neben einem noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepass ein Touristenvisum, das man über den Reiseveranstalter erhält oder online über das kubanische Konsulat in Berlin anfordern kann.

Anreise. Air Berlin (ab Düsseldorf, Berlin und München) und Condor (ab Frankfurt a. M.) fliegen dreimal wöchentlich nach Varadero: Condor zusätzlich einmal wöchentlich nach Havanna. Die Flugdauer beträgt knapp zwölf Stunden.

Unterkunft. Hotel Nacional: Etwas erhaben thront das 1930 erbaute Hotel, in dem einst halb Hollywood logiert hat, auf einem Felsen über dem Malecón. Calle 21, Ecke Calle 0, Vedado, Havanna.

Infos. Kubanisches Fremdenverkehrsamt. Kaiserstraße 8, 60311 Frankfurt a.M.; Tel.: 069 28 83 22.

 

 

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