Sie gehören zur Krone, aber nicht zu Großbritannien, mittelalterliche Maßeinheiten bestimmen moderne Gesetze – und der berühmteste Einwohner war ausgerechnet ein Exil-Franzose. Auf Guernsey, Sark und Herm geht man gerne seinen ganz eigenen Mittelweg, anstatt sich zwischen Gegensätzen aufzureiben. Diese Individualität steht den Kanalinseln prächtig zu Gesicht. Text: Jan Schnettler

Es klappert und scheppert, ganz so, als schleife jemand ein paar alte Blechbüchsen hinter sich her. Dazu das dumpfe, rhythmische Klopfen von Hufen auf Schotter und Lehm. Ein Pferd schnaubt. Eine Lanze lugt hinter der Wegbiegung hervor, zuerst die Spitze, auf und ab wippend, Zweige biegen sich dazu im Takt. Dann folgt gemächlich die geflochtene Mähne des stolzen Hengstes. Schließlich sind Ross und Reiter in voller Pracht zu erkennen. Das Gespann trägt die Farben einer der zehn Pfarreien, in welche die Insel seit Menschengedenken aufgeteilt ist, nämlich … – nun, so oder so ähnlich wird es sich wohl zugetragen haben, wenn vor Jahrhunderten ein Ritter um die Kurve trottete, die jetzt den Blick auf einen abrupt bremsenden handelsüblichen weißen Lieferwagen freigibt.

Jan Schnettler

Die Vorfahren der Gänseblümchen, die in den Seitenfugen des Steinmäuerchens am Wegesrand ihre Köpfchen keck gen Sonne recken, werden die Szene vielfach erlebt haben. Und die der Sträucher, Hecken und übrigen Pflanzen erst recht, denn sie sind es aufgrund der günstigen klimatischen Bedingungen schon immer gewohnt gewesen, nach Herzenslust zu sprießen. Genau deshalb gibt es ein Gesetz, das regelt, wann und wie Hecken zurückgeschnitten werden müssen, damit sie nicht in den öffentlichen Straßenraum hineinragen.

Und die dafür festgelegten Maße, da schwören die Einheimischen Stein und Bein, orientieren sich nun einmal bis heute in der Breite an einem Berittenen, der eine Lanze in der Hand trägt. Zwölf Fuß.

Irgendwo zwischen den Welten

Auf Guernsey und ihren benachbarten Kanalinseln Sark und Herm gehen die Uhren eben ein bisschen anders – bisweilen ticken sie sogar irgendwo auf halbem Wege zwischen Anarchie und Anachronismus hin und her. Nicht umsonst galt Sark bis 2008 als der letzte Feudalstaat Europas. Und mag die Normandie auch in Sichtweite liegen, mit Französisch kommt man hier trotzdem nicht weit – andererseits wiederum war der berühmteste Guernseyaner der hier allseits geschätzte Victor Hugo, ein Franzose im Exil. Teil der EU und des Vereinigten Königreichs ist man auch lieber nicht und fühlt sich selbst der britischen Krone nur in deren Eigenschaft als Oberhaupt des historischen Herzogtums der Normandie zugehörig.

Wer den leutseligen Einwohnern nur ein klein wenig zuhört, bekommt überhaupt schnell die tollsten Anekdoten zu Ohren, die – mitten im modernen Europa – wie Räuberpistolen aus dem Kuriositätenkabinett der Zeitgeschichte anmuten. Etwa die von den beiden streitbaren britischen Milliardären, die sich auf dem Eiland Brecqhou das letzte Schloss des 20. Jahrhunderts bauen ließen und neuerdings auf Sark im großen Stil Reben anpflanzen, einzig um, da schwören die Einheimischen ebenfalls Stein und Bein, den ihnen nicht allzu gewogenen Bauern das Acker- und Weideland abzuluchsen.

Weinbau als soziopolitisches Ränkespiel? Auch das gibt es wohl nur auf den Kanalinseln.

Immer für Überraschungen zu haben

Schon die Landschaft der Inseln ist ein liebenswürdiger Fall für sich, in Sachen Individualität pro Quadratkilometer schwerlich zu überbieten. Hier ein mild mäanderndes Wanderparadies mit Dolmen und Menhiren (sehenswert: das Ganggrab Le Dehus mit einem in grauer Vorzeit in den Stein geritzten menschlichen Gesicht), das dort unvermittelt in einen weißen Traumstrand übergeht, mal ein zerklüftetes Felspanorama, dann wieder eine mit Wildblumen und Reetdächern gesprenkelte Szenerie wie aus der Feder von Rosamunde Pilcher.

Ja, es gibt sogar ein Pilcher-Denkmal auf Sark, doch ist es mitnichten der Schriftstellerin, sondern einem Schiffbrüchigen gewidmet, der wider besseren Ratschlag der Einheimischen in einen Sturm segelte und umkam. Gut Ding, lautet seine Botschaft wohl, will Weile haben. Und die bieten Guernsey, Sark und Herm, ohne jemals lang zu werden. Dafür halten sie einfach zu viele kurzweilige Überraschungen bereit, die einen an jeder Ecke schmunzeln lassen. Wie die »ruettes tranquilles« – kleine Sträßchen, auf denen Fußgänger, Radler und Reiter Vorfahrt vor Autos genießen. Wie die nicht minder wunderbare Erfindung der »hedge veg« – kleine Selbstbedienungs-Stationen mit selbst angebautem Obst oder Gemüse am Wegesrand, wo jeder so viel zahlt, wie er gerade möchte.

Und nicht zuletzt wie die Tatsache, dass jeder Insulaner eine multitalentierte Wundertüte ist.

So kann es passieren, dass der Busfahrer auch gleichzeitig fürs Fremdenverkehrsamt arbeitet und abends in einer Shantyband musiziert. Oder dass Herms Inselmanager zugleich die Rolle des Dorfpolizisten und des Pfarrers bekleidet.

Weitaus mehr zu sehen als nur Kühe und Strickwaren

Berühmt ist Guernsey (neben seiner laxen Steuergesetzgebung) für seine Kühe, sein Granit, aus dem die Stufen vor St. Paul’s Cathedral in London gefertigt wurden, sowie seine Strickwaren. Ursprünglich war der »Guernsey« ein etwas kratziger Wollpullover für Seemänner, längst sind natürlich auch andere Kleidungsstücke wie Mützen und Schals mit dem speziellen Strickmuster im Angebot.

Im Fabrikverkauf von Le Tricoteur in Rocquaine Bay kann man dem kleinen Team um Inhaber Neil Sexton bei der Arbeit zuschauen und das eine oder andere der traditionsreichen Kleidungsstücke erstehen. Ebenso stolz sind die Einheimischen auf ihre Orchideen, Freesien, Klematis und die vielen wild blühenden Hasenglöckchen, die im Frühjahr nicht nur die »Bluebell Woods« im Süden von St. Peter Port in ein violettes Blütenmeer verwandeln.

Weit weniger bekannt ist, dass es auf der Insel auch das größte und am besten erhaltene antike römische Schiff außerhalb des Mittelmeers zu bestaunen gibt, die »Asterix«. Um 280 gesunken, legen die schwarzen Planken heute Zeugnis davon ab, dass die malerische, sich über etliche Hügel erstreckende Hauptstadt St. Peter Port mit ihrem immensen Tidenhub von zwölf Metern schon in grauer Vorzeit ein wichtiger Handelshafen gewesen sein muss.

Jan Schnettler

Dieser Tidenhub ist es auch, der Männern wie Justin De Carteret es ermöglicht, vor Herm und Guernsey weit rascher als andernorts die saftigsten Austern zu züchten, die dann in exquisiten Fischrestaurants wie dem Le Nautique des Schwaben Günter Botzenhardt aufgetischt werden. Und er ist es auch, der eine Fährüberfahrt auf die Nachbarinseln zu einer ereignisreichen Beobachtungstour macht, denn Delfine und Robben tummeln sich in den Wellen ebenso gerne und zahlreich wie die quietschbunten Papageientaucher.

Eine Insel ohne Licht?

Genügen auf Guernseys engen Gässchen, wo die Bürgersteige regelmäßig zum Ausweichen benutzt werden, bisweilen schon zwei Autofahrer, um einen kleinen Stau zu verursachen, geht es auf Sark und Herm noch weitaus gemütlicher zu. Während Herm sich voll und ganz dem entschleunigten Tourismus verschrieben hat – das einzige Hotel verzichtet auf Telefone, Fernseher und sogar Uhren, das Bleiberecht aller 79 permanenten Inselbewohner erlischt mit dem Eintritt ins Rentenalter –, ist Sark mit seiner Bevölkerung von knapp 492 stolz wie Bolle darauf, zum guten Teil selbstversorgend sowie komplett autofrei zu sein.

Jeglicher Transport erfolgt ausschließlich durch Pferde, Kutschen, Fahrräder oder Trecker – selbst der Krankenwagen wird von einem gezogen. Da passiert es schnell, oder besser langsam, dass man, sollte man einen allzu gemächlichen Klepper erwischt haben, von ungeduldigen Grundschulkindern auf dem Rad überholt wird, wenn man in Richtung von La Coupée dahinschleicht, dem 100 Meter hohen, windigen Grat, der die einzige Verbindung zur Halbinsel Little Sark darstellt.

Dort kann bis Jersey (über den ungeliebten Nachbarn spricht man auf Guernsey nicht, außer in Form von Witzen!) nicht mehr viel kommen, möchte man meinen, doch man sieht sich getäuscht: Wenn Inhaberin und Wirbelwind Elizabeth Perrée am Kamin im vielfach preisgekrönten und vom Michelin empfohlenen Hotel-Restaurant La Sablonnerie selbstgemachten Schlehen-Gin ausschenkt, könnte die Welt kaum noch mehr in Ordnung sein. Da braucht es dann auch keine Straßenbeleuchtung mehr: Sark, wo das Lehenssystem nach wie vor die einzige Form des Landbesitzes ist und das weitgehend autonom von Guernsey ist, hat sich einer weltweiten Initiative gegen Lichtverschmutzung angeschlossen und liegt nachts vollständig im Dunkeln.

Durchaus etwas düster, zumindest auf den unteren Etagen, kommt auch Hauteville House daher, Victor Hugos Wohnsitz in St. Peter Port während seines Exils auf Guernsey. Der Schriftsteller, der hier einen Teil seines Romans »Die Arbeiter des Meeres« über das harte Leben der Küstenfischer schrieb, baute es nach Gutdünken um und aus und legte dabei so manche skurrile Idee an den Tag – beispielsweise die, Türen für so ziemlich alles zweckzuentfremden, solange es ja nichts mit einer Verbindungsfunktion zum Nachbarzimmer zu tun hat. Je höher man in dem sinnbildlich immens aufgeladenen Herrenhaus steigt, desto luftiger und heller werden die Räume, bis man schließlich oben mit einer spektakulären Aussicht über den von der Museumsinsel Castle Cornet dominierten Hafen und die vorgelagerten Inseln belohnt wird.

Jan Schnettler

Hugos Licht-Schatten-Metaphorik indes ist ganz und gar nicht sinnbildlich für St. Peter Port, auch wenn es sich dort trefflich klettern lässt, steile Steintreppen hinauf, Terrassen und stufenförmig angelegte Gärten entlang, durch verwinkelte Gassen und Pfade, an Bauten der denkbar unterschiedlichsten architektonischen Stile vorbei (selbst wenn man die Befestigungsanlagen der Nazis, die die Kanalinseln im Krieg besetzt hielten, außen vor lässt). Doch lichtdurchflutet und farbenfroh ob all der bunten Wimpel und wunderbar gepflegten Blumenampeln ist die Hauptstadt bereits auf Meereshöhe.

Kulinarisch vielfältig und interessant

Die Melange der verschiedenen kulturellen Einflüsse schlägt sich selbstverständlich auch in der Küche nieder, die beim typisch britischen Pub-Food losgeht, anders als in Großbritannien nicht unüblich, dort aber nicht auch gleich wieder aufhört. Das Nationalgericht ist »Bean Jar«, ein Bohneneintopf, der über Nacht traditionell in den Öfen der Bäcker vor sich hin köcheln durfte. Das prächtige Angebot des Meeres reicht von Hummern über Jakobsmuscheln bis hin zu den seltenen Seeohren (»ormers«), einer Meeresschneckenart.

Doch auch auf festem Boden sind die Bewohner der Kanalinseln wahre Meister darin, Essbares am Wegesrand aufzustöbern – sie schöpfen allerdings auch von einem reich gedeckten Tisch der Natur. Auf Sark beispielsweise bietet das Stocks Hotel regelmäßig Touren mit einem »Forager« an, einem Experten für Nahrungssuche in freier Wildbahn, der unter Hecken, auf Wildwiesen und entlang der Küste allerlei Nahrhaftes aufzutreiben versteht. Die weltweiten Trends der Mikrobrauereien (probieren: die Craft-Biere und Real Ales der winzigen White Rock Brewery, die etwa im Pub The Cornerstone ausgeschenkt werden) und der Food-Festivals hat längst auch Guernsey erreicht, und würde man sich auf der Insel jetzt noch dazu aufraffen, die überall verfallenden Gewächshäuser wiederzubeleben, ließe sich sicherlich noch ein Quäntchen mehr aus der wachsenden Popularität örtlich produzierter Lebensmittel machen.

Jan Schnettler

Familiäre Atmosphäre anstelle von großer Hotelkette

Wo bitte soll man nächtigen auf einer Insel, die sich so wunderbar zwischen den Extremen eingenistet hat? Klar, mit einem Fünf-Sterne-Boutique-Hotel wie dem Old Government House wird man nicht danebenliegen. Doch man könnte es mit einem etwas anderen Mittelding versuchen. Dem kleinen, aber mächtig feinen, inhabergeführten und noch nagelneuen Ziggurat auf halber Höhe der historischen Constitution Steps etwa, mit lediglich drei Sternen auf dem Papier – aber eben auch dem mit Leidenschaft verfolgten Ansatz, sich durch familiäre Atmosphäre, guten Service und marokkanisch inspirierte Küche von der Anonymität der großen Hotelketten-Bunker abzuheben. Und wenn man sich dann auf der großen Sonnenterrasse oder in einem der putzigen kleinen Strandhäuschen zum Essen niedergelassen hat und die Sonne über St. Peter Port untergeht, dann braucht es keinen Stein und Bein schwörenden Einheimischen mehr, um zu verstehen, dass es sich sehr passabel aushalten lässt auf den Inseln zwischen den Welten.

Detaillierte Infos finden Sie in unserem Guernsey-Reise-Guide.

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