Die Italiener haben es drauf, fantastisches Essen zu zaubern – daran besteht kein Zweifel. Dass mir an diesem eiskalten Herbsttag aber ausgerechnet zwei Italiener mein Mittagessen retten – nein, damit hätte ich hier an der westschwedischen Ostseeküste dann doch nicht gerechnet. Auf Hummersafari in Westschweden. Text: Christoph Karrasch

Vor zwei Stunden am Göteborger Hauptbahnhof war es noch wuselig um mich herum. Die Fähre, mit der ich über Nacht aus Kiel angereist bin, ließ im Hafen ihren letzten Dampf ab, bevor sie zur Ruhe kam. Seitdem ich die Fahrertür meines Mietwagens von innen zugemacht habe und losgefahren bin, ist in den Raum um mich herum Ruhe eingekehrt, sind die Straßen viertelstündlich schmaler geworden. Ich bin auf dem Weg zu meiner ersten Hummersafari in Westschweden.

Jetzt, da ich die Fensterscheibe nach unten kurbele, merke ich, dass es auch außerhalb der Fahrerkabine still geworden ist. Das Sackgassenschild an der schmalen Straße verrät, dass ich nicht viel weiter kommen werde. Im Hintergrund ragen bereits die zerklüfteten Felseninseln des westschwedischen Schärenufers aus der Ostsee. Ein paar rote Hütten bilden die Farbkleckse in dieser kargen Herbstlandschaft – und am Ende der Straße steht ein gelbes Holzhaus.

Holzhütte in Schweden

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Aus dem Haus kommen ein Mann und eine Frau. Wir grüßen uns mit einem kurzen Nicken und einem geflüsterten »Hallo« – so als ob keiner von uns diese Ruhe hier stören möchte. Das Klacken der Tür ist noch das lauteste in dieser Szene. Ich bleibe einen Moment stehen und schaue mich um.

»Komm schnell rein«, sagt Per Karlsson, als die Tür erneut aufgeht und er seinen Kopf durch den Spalt steckt. »Es ist frisch heute!« Der Himmel ist strahlend blau, die Luft ist kalt und klar. Ein wunderschöner Tag.

Dass wir heute überhaupt miteinander verabredet sind, war noch vor ein paar Jahren undenkbar. Per besaß hier in Grebbestad ein Möbelgeschäft, die Schnittstellen mit einem Reiseautor aus Deutschland waren also eher überschaubar.

Aus dem Möbelhändler ist ein Austernfischer geworden

Aber es hat sich über die Jahre ein bisschen was getan. Zusammen mit seinem Bruder Lars hat der Mittfünfziger sein Leben um die Jahrtausendwende komplett umgekrempelt. »Wir haben das Möbelgeschäft aufgegeben und uns dieses Haus am Meer gekauft.« Das Ziel: Austernfischen. »Die Voraussetzungen für den Start waren gut«, erzählt Per. »Das Haus steht direkt auf einer Austernbank.« Sowieso ist die Region für den Austernfang berühmt. Ich lerne, dass einige Experten sagen, hier in Kosterhavet, Schwedens einzigem maritimen Nationalpark, gebe es die weltweit besten Austern. Aber: Wegen der Muscheln bin ich heute gar nicht gekommen – sondern wegen der Hummer. Sie genießen in der Gegend noch Geheimtippstatus.

Kosterhavet in Schweden

UllrichG/Shutterstock.com

Auch von innen ist die gelbe Hütte der Karlssons komplett aus Holz, sie wirkt urig. Eine niedliche Küche, ein paar Korbstühle und in die Jahre gekommene Netze und Reusen füllen den Raum. »Hier, zieh das an«, sagt Per. »Das wird dich warm halten, wenn wir gleich rausfahren.« Wenig später stecke ich in einem neongelben Overall, der eine Kombination aus Wärmespender, Rettungsweste und Teletubbie-Kostüm ist. Dann besteigen wir Tuffa, eines der Boote, das Pers Bruder Lars soeben abfahrbereit gemacht hat.

Hummersafari in Westschweden: Herbst ist die richtige Zeit

Jedes Jahr im Herbst ist Hummersaison, sagt das Gesetz. Grundsätzlich wäre es auch möglich, ganzjährig zu fangen. Damit sich die Population allerdings immer wieder ausreichend erholen kann, sind die Hummersafaris der Karlssons, die sie inzwischen auch für Touristen anbieten, nur von Ende September bis Anfang Dezember erlaubt.

Als wir hinausfahren, ahne ich noch nicht, dass dieser ruhige Tag auch noch eine andere Seite hat. Eine raue. Eine bis zu 30 Grad geneigte. Vom Ufer aus sah das Wasser inmitten der graubraunen Schärenlandschaft so lieblich und zahm aus, jetzt sind die Wellen plötzlich enorm, das Boot schaukelt bedrohlich. Meine Orientierung habe ich schnell verloren – und auch beinahe mein Gleichgewicht. Gerade noch mal rechtzeitig an der Reling festgehalten. Lars Karlsson steuert Tuffa auf eine der zahlreichen bunten Bojen zu, mit denen das tiefblaue Wasser gespickt ist. Den Karlssons gehören die schwarz-roten, an ihnen sind ihre Hummerfallen befestigt.

Keine Frage, die Karlsson-Brüder sind ein eingespieltes Team

Mit einer Hakenkralle zieht Per die Boje ans Boot, spannt die daran befestigte Schnur über einen Seilzug und beginnt zu kurbeln. Als schließlich über 15 Meter Seil an Bord sind, kommt der Metallkorb zum Vorschein. Aber noch bevor ich irgendwas erkennen kann, winkt der Experte ab: »Das war nichts.« Er holt die Falle an Bord, und nun sehe auch ich, was wir gefangen haben: einen toten Hummer und zwei lebende, lädierte Krabben. »Ich schätze, dass die drei einen Kampf hatten«, sagt Per. »Und der Hummer hat verloren.«

Dann reinigt er den Tatort, füllt ihn mit Heringen, die als Köder für seine Beute dienen, und lässt das Drahtgehäuse zurück Richtung Meeresboden gleiten. So ist das Prozedere, das sich für die nächsten zwei Stunden wiederholt. Die Karlsson-Brüder sind gut eingespielt. Per kümmert sich um die Fallen, Lars steuert Tuffa von Boje zu Boje. Dabei hilft ihm das Echolot – es zeigt ihm Tiefe und Bodenbeschaffenheit der unter uns liegenden Wasserwelt an. So richtig passt das hochmoderne, digitale Gerät nicht hierhin, Tuffa ist ein fast schon historisches Gefährt. Der Holzkutter stammt aus dem Jahr 1952, er ist der ganze Stolz der beiden. Mit Tuffa hatten sie vor einigen Jahren auch ihre absolute Rekordfahrt.

Hummer im Meer

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»Sechs Hummer in einer Falle«, erzählt Per mit sichtbar breiter Brust. »Das war wirklich einmalig.« Insgesamt besitzen die Karlssons 50 Fallen, die meisten von ihnen sind in der Nähe von festem, steinigem Meeresboden platziert. Dort nämlich halten sich die Schalentiere am liebsten auf. Trotzdem:

»In der Regel fahren wir vier oder fünf Bojen an, um überhaupt mal einen Hummer zu finden. Ein halbes Dutzend in einer Falle – das war wirklich unser Lottosechser!«

Unser Glücksspiel verläuft heute nicht ganz so erfolgreich. Wir haben inzwischen zehn Bojen kontrolliert. Sie haben uns rund 20 Krabben beschert, die Per dankend eingesammelt hat – aber es ist nicht ein einziger Hummer dabei gewesen. Immerhin: Die See ist inzwischen wieder ruhiger geworden, das tut dem Magen gut. Aber was wird denn nun – beim gerade wieder gewonnenen Appetit – aus meinem Hummerlunch?

Auf der Rückfahrt gibt es Kaffee und Knäckebrot aus Seetang

Eine letzte Idee hat Per noch, schließlich möchte er mich nicht ganz ohne Erfolgserlebnis zurück an Land bringen. Er bittet Lars, einen kurzen Umweg zu fahren. An der Boje angekommen, der gleiche Ablauf: Hakenkralle, Seilzug, Kurbeln. Und tatsächlich! In der Falle befindet sich ein schwarz glänzender Hummer. Was für ein Prachtexemplar! Per präsentiert ihn stolz, sieht aber sofort, dass wir auch ihn nicht mitnehmen können.

»Schau mal«, sagt er und zeigt mir unzählige kleine Eier, die am Bauch des Tieres haften, bevor er es wieder in die Freiheit entlässt. »Sie ist schwanger.«

Auf der Rückfahrt über die inzwischen fast spiegelglatte, ruhige See serviert Per Kaffee und Knäckebrot aus Seetang. »Ich hätte dir heute gerne deinen Fang zubereitet«, sagt Per, fast ein bisschen entschuldigend. »Aber das ist die Natur. Man kann es nicht planen.« Wenig später ist die lange Tafel im Obergeschoss des gelben Holzhauses üppig gedeckt: Shrimpsalat, eine Käseplatte, lokales Bier aus Grebbestad – und als Hauptdarsteller ein leuchtend roter Hummer. Ich stutze. »Wo hast du den denn aufgetrieben?«, will ich von Per Karlsson wissen. »Ach, weißt du«, grinst er. »Wir lassen hier niemanden ohne Hummerlunch wieder gehen. Wir hatten noch fünf frische Exemplare von heute morgen – da war ich mit einem italienischen Ehepaar draußen.«

Plötzlich fallen sie mir wieder ein, der Mann und die Frau von vorhin, das knappe Nicken, der geflüsterte Gruß. Italiener sind ja bekannt dafür, den weltweiten Geschmack zu treffen. Dass sie mir aber ausgerechnet hier, in Westschweden, mein Mittagessen retten – das hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Grazie und tack så mycket.

Anreise. Von Kiel per Schiff nach Göteborg: Die Kabine kostet ab € 98 retour pro Person. Alternativ mit dem Flugzeug über Amsterdam nach Göteborg mit KLM, oder direkt mit der Lufthansa.

Übernachtung. Per und Lars Karlsson bieten auch ein B&B-Paket mit Hummersafari in Westschweden, Lunch und Übernachtung an, für € 255 p. P., Lohnenswert ist auch die Fahrt ins niedliche Fjällbacka, z. B. in das gemütliche »Stora Hotellet«, DZ inkl. Frühstück ab € 179. Hummersafari. Eine Ausfahrt mit dem Kutter kostet € 90 p. P.

Den reisen-EXCLUSIV-Guide finden Sie unter: reisenexclusiv.com/guide-westschweden

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