Sechs Jahre lang spien 100 Vulkane aus 300 Kratern ihr Lavameer über Lanzarote und begruben fast alles Leben unter sich. Das ist fast 300 Jahre her. Die erstarrte Magmamasse bedeckt rund ein Viertel der Insel. Eine surreale Landschaft ist das. Vor allem, wenn man Lanzarote mit den Augen César Manrique betrachtet. Text: Karolina Golab

Was ist denn das? Da fällt einem doch glatt die Kinnlade herunter. Lanzarote ist wirklich zum Staunen. Und César Manrique auch. Ich bin mir noch nicht sicher, wer von beiden mich mehr beeindruckt: Lanzarote, die Landschaft mit Persönlichkeit, daher Lancelot. Oder César Manrique, der Architekt, Maler, Bildhauer und Umweltschützer, der die Insel als sein Atelier betrachtet hat. Manrique ist Lanzarote, und Lanzarote ist Manrique.

Die Sache ist die: Lancelot hat im 18. Jahrhundert genug von dem Stoff geliefert, der die Fantasie Manrique zum Brodeln gebracht hat: Lava. Wohin man schaut, sieht man schroffe Steinformationen in rostigen, schwarzen und braunen Steinschattierungen.

Landschaft auf Lanzarote

Audronė Locaitytė

Straßen schlängeln sich häufig zwischen erstarrten Lavabrocken, Frauen tragen Schmuck aus Lava, selbst der Wein wird hier auf Lavafeldern angebaut. Dieses Magmameer wurde zur Spielwiese Manriques, den man findet, auch ohne gezielt nach ihm zu suchen: auf hohen Bergen, in tiefen Lavablasen, im Norden, Süden, Osten und Westen der Insel. Aber mal der Reihe nach.

Ein Mann mit Visionen hinterlässt Spuren

Manrique wurde in der Hauptstadt Arrecife 1919 geboren und verließ die Insel nur, um in Madrid das Malen zu lernen und in New York seine Kunst auszustellen. Glücklicherweise kehrte er in den 60er-Jahren zurück nach Lanzarote, zu einer Zeit, als sich die Kanarischen Inseln langsam für den Massentourismus öffneten. Manrique sah die Bausünden auf Gran Canaria und Teneriffa und war fest entschlossen, seine Heimatinsel nicht nur vor einem ähnlichen Übel zu bewahren, sondern sie zudem in einen der schönsten Plätze der Welt zu verwandeln. Doch ein Mann mit Visionen kommt ohne Macht und Geld nicht weit. Zufall oder Fügung: Ein Freund der Familie war Präsident der Inselregierung und verlieh dem Künstler die absolute Entscheidungsfreiheit in Ökologie- und Baufragen.

»Die Insel ist wie ein Garten, in dem die Saat seines [César Manriques] Wirkens aufging«, sagte Pedro Almodóvar über seinen Freund Manrique.

Das heißt im Klartext, dass auf Lanzarote nur traditionell gebaut werden darf, also höchstens zwei Stockwerke, wobei die Fensterläden, Türen und andere Applikationen an den gekalkten, geometrischen Häusern freundlich grün oder naturbelassen sein sollten.

Typisches Haus auf Lanzarote

A.Ruiz/Shutterstock.com

Dafür hat der Umweltschützer viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Nicht weniger Durchsetzungskraft kostete ihn die Verbannung von großflächigen Werbeplakaten oder anderen Störfaktoren der Landschaft.

Massentourismus war für Manrique ein Tabu

1992 verunglückte er bei einem Autounfall, nicht weit von seinem Haus in Tahíche. Den Besuchern seines früheren Wohnhauses und der heutigen Fundación César Manrique wird er wieder quicklebendig. Und nicht nur das. Seine Ideen haben immer noch eine frische Kraft, ganz wie vor fast 50 Jahren, als er ein Highlight auf der Insel neben dem nächsten schuf. 1970 etwa entdeckte er zufällig die Spitze eines Feigenbaums, der aus dem erstarrten Lavastrom bei Taro de Tahíche hervorragte.

»Wo der Baum leben kann, da kann ich auch leben«, dachte sich der Vorreiter der Surrealisten mit der grenzenlosen Fantasie und suchte die Besitzer des Grundstücks, die ihm gern ihr »wertloses« Stück Land überließen.

Der damals 50-jährige Künstler krempelte die Ärmel hoch und verband fünf Lavablasen miteinander zu einem unterirdischen Tunnelsystem, setzte oberirdische Räume und einen Garten darüber, so wie es gerade passte. Es gab ja keine Nachbarn auf dem uferlosen Lavaerguss, wo seine neue Behausung entstand. Kinnladenalarm. Die Lavablasenzimmer seiner Wohnhöhle mit der schroffen Struktur, einer Einrichtung der Seventies und der sphärischen Musik, die in allen Zimmer angenehm ertönt, erinnern an die angesagtesten Retro-Clubs. Ein Ort zum Chillen.

Pool in Cesar Manrique's home in Taro de Tahiche in Lanzarote

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Gleichzeitig schreit die hippe Behausung aber auch nach Party! Wer so wohnt, bei dem ist man Dauergast. Die ganze New Yorker Künstlerszene tummelte sich damals hier. Hollywoodstars und Architekten kamen, um dieses Wunder zu besichtigen und unvergessliche Partys zu feiern. Auch der spanische Regisseur Pedro Almodóvar war dabei. Es war eine Gelegenheit, seine Lieblingsinsel zu besuchen. Sein letzter Film »Zerrissene Umarmungen« hat er als Hommage an Lanzarote und Manrique gedreht.

Vulkane, Lava, Lanzarote

Es fällt leicht, sich in Lanzarote zu verlieben, wenn man nicht gerade nach dem Las-Vegas-Bling-Bling oder einer üppigen Vegetation sucht. Denn es gibt hier weder massentourismustaugliche Vergnügungsmeilen noch klotzige Hotelanlagen, noch gibt es hier besonders viel Grün, um nicht zu sagen gar nicht. Die Temperaturen liegen konstant zwischen 20 und 25 Grad Celsius, und die Passatwinde sorgen für eine angenehme Luft.

Frau am Steuer eines Autos auf einer Straße auf Lanzarote

Anna Utochkina

Dabei beheimatet die 20 Kilometer breite und 58 Kilometer lange Insel mehr Überraschungen,  als man es zunächst vermuten würde. Man muss sich ernsthaft fragen: Wieso nach Mexiko reisen? Wo doch Lanzarote jedes Kakteenfreundherz höher schlagen lässt.

Vor allem im Kaktusgarten bei Guatiza, César Manriques letztem Werk, in dem er an die 1400 Kakteen zwischen Teichen, Brunnen und Grotten in einem kesselartigen Steinbruch wie Zuschauer in einer Arena arrangiert hat.

Jardin de Cactus auf Lanzarote

Antonio Sessa

Wieso den Oman besuchen? Wo doch das Tal von Haria mit seinen 3000 Palmen wie eine orientalische Oase anmutet. Auch die Kykladen sind auf Lanzarote präsent, und die Erinnerung an Santorini wird angesichts der weißgekalkten Häuschen und der poetischen Kargheit wach. Wieso Australien?

An der Playa de Famara tummeln sich Surfer aus der ganzen Welt, so wild peitschen die Wellen vom Atlantik her. St. Tropez würde angesichts des edlen Yachthafens in Puerto Calero vor Neid erblassen.

Strand auf Lanzarote

Robert Bye

Und mal ganz ehrlich: Wieso nach Reisen zum Mond streben, wenn es doch den Vulkannationalpark Timanfaya gibt, der an die Mondoberfläche denken lässt. Ach was, denken! Die US-Astronauten testeten hier 1969 vor den Apollo-Flügen ihre bei der Mondlandung eingesetzten Fahrzeuge, und der »Planet der Affen« wurde genau hier gedreht.

Jameos del Agua ist die meistbesuchte Attraktion Lanzarotes

Man muss einfach hier gewesen sein, um die beruhigende Art der kargen Insel auf sich wirken zu lassen. Für Manrique war die Insel ein »ungezügeltes Kunstwerk ohne Rahmen«, für das es sich zu kämpfen lohnte. Manriques Pläne gingen daher weit über die praktischen Bauvorschriften hinaus, und seine kreative Hinterlassenschaft ist vielfältig und umfangreich. Er entwickelte Flaschenetiketten für Wein aus La Geria, dem lanzarotenischen Weinbaugebiet, schuf Mosaike und Gärten. Berühmt ist er aber für seine architektonische Kunst, die er in Felsen und erstarrte Lavaströme integriert.

Timanfaya National Park auf Lanzarote

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Jameos del Agua ist die meistbesuchte Attraktion Lanzarotes: ein an mehreren Stellen eingestürzter Lavatunnel, den Manrique – wie schon sein Haus in Tahíche – zu einem poetischen Mehrzweckort mit einem ästhetischen Nutzen umgestaltet hat. Es gibt hier einen Pool, ein Auditorium, Restaurant, Cafés und eine Bar, ja selbst Ausstellungsräume für das Zentralthema Lanzarotes: Vulkane.

Pool und Konzertsaal inklusive

Als Manrique im Norden der Insel auf den Lavatunnel stieß, wuchs hier kein Feigenbäumchen, der seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, sondern Müllschicht um Müllschicht. Die gut 200 Meter lange Grotte ist nur im Mittelteil von Gesteinsschichten bedeckt. An beiden Seiten befinden sich kesselförmige Einsturzöffnungen.

Jameos del Agua auf Lanzarote

Fominayaphoto/Shutterstock.com

Man gelangt auf holprigen Treppenstufen hinunter und trifft zunächst auf ein Restaurant, das von riesigen Farnen, Gummibäumen und Kakteen bestückt ist. In den Felsen haben sich einige Vögel eingenistet, die sich in die sinnliche Musik, die auch hier ertönt, einmischen. Weitere Treppenstufen tiefer gelangt man in eine Grotte mit natürlichem See, um dann wieder in den zweiten Kessel aufzusteigen, wo sich eine Oase eröffnet, wie man sie aus James-Bond-Filmen kennt.

Um den strahlend türkisfarbenen Pool, mitten in den weißgekalkten und geschwungenen Formen, gruppieren sich schlanke Palmen, Kakteen und pralle Papayas. Fehlen nur die Bikini-Schönheiten mit bunten Cocktails in der Hand. Außerdem befindet sich in einer weiteren Lavahöhle ein Konzertsaal, dessen Akustik mit nichts anderem zu vergleichen ist.

Kreativität und Genialität inmitten von Ursprünglichkeit

Die Stunden vergehen an solchen Orten wie im Flug. Dabei hat man noch nicht die oberirdische Anlage besichtigt, die Casa de los Volcánes, die wiederum mit einem Café, rundumlaufenden Terrassen, von denen man über das Lavameer zum Ozean hinüberblicken kann, bestückt ist und als Vulkanismus-Dauerausstellung fungiert.

Schwierig, angesichts so viel Einfallsreichtum die Kinnlade oben zu behalten. Dies ist auch so bei einem anderen Projekt Manriques, dem Mirador del Rio, einer Aussichtsplattform an der nördlichen Spitze Lancelots. Eigentlich wäre es ja nichts Besonderes. Panoramaausblicke gibt es ja bekanntlich überall dort, wo es Bergketten gibt. Und die Lage des Mirador del Rio liegt auf einer solchen Erhebung: 450 Meter über dem Meeresspiegel, mit abfallenden Steilklippen und einem atemberaubenden Blick auf die vorgelagerte Insel La Graciosa.

Graciosa from Mirador del Rio vista, Lanzarote,

chbaum/Shutterstock.com

Aber das ist nur die halbe Miete, denn Manrique hat hier so gekonnt ein Gebäude in den Felsen integriert, dass man es kaum vom Gestein unterscheiden kann. Durch einen schmalen, sich windenden Gang ohne Ecken und Kanten gelangt man in eine Cafeteria mit halbrunden Panoramafenstern, einer Art Brille für den Felsen. Draußen, an den gestuften Aussichtsterrassen, peitscht der Passatwind so stark, dass er einem die Haare vom Kopf wegzufegen scheint. Von hier oben sieht es so aus, als wäre sonst niemand vorher hier gewesen.

An Lanzarote ist alles ursprünglich, sauber und beruhigend – wenn man einmal die Hauptstadt ausnimmt. Ein von der Unesco geschütztes Biosphärenreservat. Im Timanfaya Nationalpark geht der Punkt für den größten Aha-Effekt ganz eindeutig an Lancelot. Die explosiven Vulkanausbrüche jener Mondlandschaft, die gerade mal 250 Jahre zurückliegen, waren die gewaltigsten der neueren Zeit. Um den Hauptkrater herum bildeten sich 100 neue Vulkane und spien mit vereinten Kräften so lange, bis ein Viertel der Insel mit Magma bedeckt war. Für Lanzarote wurde das Rad der Geschichte komplett zurückgedreht, denn sämtliche Vegetation verschwand auf einen Schlag.

Weiße Häuser in Landschaft auf Lanzarote

Alex Loup

Auf einem der noch heißen Feuerberge fantasierte er sich ein Restaurant zusammen

Eine eigenartige Landschaft ist das, weit geschwungene und völlig kahle Hänge, mit Asche übersät, gesprungene Kraterlöcher, überall liegt scharfkantige Lava in allen erdenklichen Formen und Schattierungen von Rosarot über Rostbraun bis Pechschwarz. Kinnlade. Aber Manrique wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch hier, an der Weltsehenswürdigkeit, seine goldwerten Hände im Spiel gehabt hätte. Auf einem der noch heißen Feuerberge fantasierte er sich ein Restaurant zusammen.

Highlight dieses Restaurants und Aussichtspunktes ist der natürliche Vulkangrill, eine Art Brunnen mit Grillrost, mit dauerhaft optimalen Gartemperaturen. Beugt man sich nur leicht vor, spürt man die heiße Luft, die die Feuerberge aus ihrem Inneren fauchen, im Gesicht, als wären sie noch lange nicht erloschen. Die Besucher stehen kreisförmig um den Grill und können es gar nicht verbergen, dass ihre Kinnladen kollektiv herunterfallen und somit dem Gespann, César Manrique und Lanzarote, ihren Respekt zollen.

Hotel. Vik Hotel Villa, C/Hnos Díaz Rijo 3, Urbanización La Bufona, 35500 Arrecife, Playa del Cable, Tel.: +34 928 815256, DZ ab 104 €/ pro Person inkl. Frühstück.

Autovermietung. Cabrera Medina, Aeropuerto de Lanzarote, 35550 San Bartolomé, E-Mail: cminfo@cabreramedina.com, Tel.: +34 928 846276,

César Manrique.
Fundación César Manrique, Taro de Tahíche, Tel.: +34 928 843138, Öffnungszeiten aller Manrique-Sehenswürdigkeiten sind in der Regel von 10-17 Uhr. Mehr Infos hier.

Buch. S. Lipps, »Lanzarote«, Polyglott; E. Fohrer, »Lanzarote«, Michael Müller Verlag, 19,90 €.

Filmtipp. »Zerrissene Umarmungen«, 2009, von Pedro Almodóvar ist eine Hommage an Lanzarote.

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