Das Bauhaus lebt. Schlendert man durch Weimar und Dessau, entdeckt man die kreativen Spuren der Architektenschule des Ausnahmekünstlers Walter Gropius an jeder Ecke. Text: Carolin John

Als Walter Gropius vor bald hundert Jahren die Kunst- und Handwerksschule »Bauhaus« in Weimar gründete, löste er eine Revolution des Designs aus. Er brachte die Studierenden der bildenden Künste mit den Kunsthandwerkern zusammen, unterrichtete neben Architektur und Industriedesign auch gleich Kultur, verbannte das Wort »Kunst« aus dem Namen der ehemaligen Kunstgewerbeschule und taufte sie »Staatliches Bauhaus«. Nicht Architekten, sondern Künstler, international renommierte, wie Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lionel Feininger, rief er als Lehrer an sein Institut. Und Gropius provozierte die konservativen Stadtväter Weimars mit praktischer Progressivität. Er entzog der Architektur alles Luxuriöse und markierte den Beginn des nüchternen, sachlich-funktionalen, ja, des platten Bauens.

Zwar existiert das Bauhaus in seiner einstigen Form, als Hochschule, heute nicht mehr, doch seine Ideen leben weiter und haben sich ins Stadtbild eingeschrieben: Zahlreiche Gebäude in Thüringen erinnern an den Bauhaus-Stil und verdeutlichen mit Ausstellungen an den Bauhaus-Wirkungsstätten in Weimar und Dessau, aber auch in Jena, Erfurt und Apolda die Vielfalt dieser außergewöhnlichen Avantgarde-Schule. Wie etwa das »Haus am Horn«, am Horn 61 in Weimar – entworfen für die ers­te große Bauhaus-Ausstellung 1923, als das Vorzeigehaus für modernes Wohnen und Lifestylesymbol, kann das Haus am Horn heute noch bei Besichtigungen oder dortigen Ausstellungen besichtigt werden.

Gropius war alles andere als auf den Mund gefallen

Wer sich nach Weimar aufmacht, kann sich auf professionelle Spurensuche begeben und organisierten Radtouren oder Stadtführungen anschließen, die sich Walter Gropius widmen; oder Weimar und das Umland auf eigene Faust erkunden, sich vielleicht nur ein Bauhaus-Menü in der Weimarer Altstadt genehmigen oder selbst einen Stift in die Hand nehmen und Ideen – vielleicht zur Umgestaltung der heimischen Sitzmöbelanordnung – skizzieren. Und wenn es nicht klappt mit dem Zeichnen: nicht schlimm – auch Walter Gropius konnte nicht zeichnen.

Bauhaus-Museum in Weimar

Alizada Studios/Shutterstock.com

Während seiner Studienzeit schrieb er an seine Mutter: »Meine absolute Unfähigkeit, auch nur das Einfachste auf Papier zu bringen, trübt mir manches Schöne und lässt mich oft mit Sorgen auf meinen künftigen Beruf sehen. Ich bin nicht imstande, einen geraden Strich zu ziehen.« Zum Glück war Gropius ein exzellenter Theoretiker und begnadeter Rhetoriker, der bald praktisch Talentierte fand, die es verstanden, seine verbalen Erläuterungen zeichnerisch umzusetzen. Dass Gropius nicht auf den Mund gefallen war, bewies er auch 1922, als drei Jahre nach der Bauhaus-Gründung das industrielle Zeitalter die Künstler einholte und eine erste Wandlung der inhaltlichen Ausrichtung der Akademie erzwang. Anstatt zu grübeln, hielt Gropius ein neues, markiges Motto bereit. Fortan hieß es nicht mehr »Form folgt Funktion«, sondern »Ent-Eitelung« und »Ich-Überwindung«. 1925 siedelte die Akademie nach Dessau um, wo das nach Gropius’ Entwürfen entwickelte Gebäude – dem Rezept folgend: »Vergrößert die Fenster, spart an Wohnraum« – entstand, das zum Symbol für die Bauhaus-Schule geworden ist und mittlerweile zum Weltkulturerbe zählt.

In der Weltkulturerbeliste »Bauhaus und seine Stätten in Weimar und Dessau« findet sich auch das Gebäude der Bauhaus-Hochschule in Dessau. Ein Klotz aus Glas, Beton und Stahl, mit dem schnörkellosen Schriftzug »bauhaus«, der ikonografischen Charakter hat. Lange jedoch lag dieser Bau brach.

»Wir haben im Treppenhaus fast 40 Farben gefunden«,

erzählt der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Omar Akbar. Während der wiederkehrenden Renovierungsarbeiten sind offenkundig regelmäßig die Innenwände übermalt worden. »Die ersten Übermalungen gab es wahrscheinlich schon Ende der 1920er-Jahre.« Die Übermalungen sind nun fort und das Denkmal des frühen Industriedesigns zurückversetzt in den Originalzustand.

Zeit, die Hierarchien aufzulösen

Das Bauhaus um Walter Gropius in Weimar und später in Dessau, die einflussreichste Gestaltungsschule des 20. Jahrhunderts, die die Trennung zwischen Kunst und Handwerk beendete, war im Grunde ein eminent politischer, pädagogischer, als Reaktion auf die Zeit zu deutender Erneuerungsversuch. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stellte sich die erschütterte und kompromittierte Intelligenz die Frage, auf welcher geistigen Grundlage man weiterdenken oder neu zu denken beginnen sollte. Möglich schienen Walter Gropius nur die Reduktion auf die Elementarformen und die Auflösung der Hierarchien. Aus der sozialreformerischen, Gemeinschaft stiftenden Grundhaltung ging auch hervor, dass am Ende des Besuchs seiner Hochschule nicht die Beurkundung eines kreativen Standesdünkels mit akademischem Abschluss stand, sondern ein Gesellenbrief der Handwerkskammer.

»Nicht das Objekt, sondern der Mensch ist das Ziel«,

reflektierte Laszlo Moholy-Nagy 1929 die Ideen von Walter Gropius. Und die Menschen gilt es zusammenzubringen wie die Kunst und das Leben.

1928 gab Gropius die Leitung der Bauhaus-Akademie an Hannes Meyer ab, ehe dieser die Leitung Mies van der Rohe übertrug. 1932 wurde das Bauhaus auch aus Dessau vertrieben und 1933 von den Nationalsozialisten endgültig geschlossen. Gropius ging ins amerikanische Exil nach Harvard, Mies van der Rohe nach Chicago, andere fanden ihren Platz in Berkeley.

»Das Bauhaus war eine Idee«,

erklärte Mies van der Rohe bereits 1953. »Eine solche Resonanz kann man nicht mit Organisationen erreichen. Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten. Und das Bauhaus um Gropius veranschaulicht noch mehr: einen von der kreativen Idee initiierten historischen Prozess. Vor ihm gab es die Moderne noch nicht, nach ihm nichts anderes mehr.

Wer, wie, was, wo

Im Internet. Stiftung Bauhaus Dessau. Veranstaltungstipps und Hintergrundinformationen zu den Bauhaus-Gebäuden in Dessau. www.bauhaus-dessau.de

Vor Ort. Touristen-Information Weimar, Markt 10, 99423 Weimar, E-Mail: tourist-info@weimar.de, www.weimar.de
Touristen-Information Dessau, Zerbster Straße 2c, 06844 Dessau, Tel.: 0340 2041442, www.dessau-tourismus.de
Email: touristinfo@dessau-rosslau.de

Lesetipp. »Walter Gropius«. Hrsg. Peter Gössel. Taschen: Taschen Basic Art Series, 2009

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