Wie war das noch mal? Die Wüste ist ein lebensfeindlicher Ort? Schwer zu erreichen und noch schwerer, wieder herauszukommen? Im namibischen Swakopmund sieht das anders aus. Die Dünen beginnen gleich hinter der Stadtgrenze und lassen sich auf entspannten Tagesetappen erkunden – mit Adrenalinkick, tierischen Details und sonderbaren Klängen. Text: Christoph Karrasch

Normalerweise habe ich nichts dagegen, nach oben zu schauen und nichts als den blauen Himmel zu sehen. Doch jetzt gerade reicht mir das nicht. Es brummt und dröhnt, sogar der goldgelbe Sand, auf dem ich sitze, vibriert spürbar. Irgendwo da oben muss es also gleich zum Vorschein kommen, das Flugobjekt. Ein Flugzeug oder Helikopter. Ist ja nichts Ungewöhnliches, viele Urlauber gönnen sich einen Rundflug über die mächtigen Sanddünen der Namibwüste bei Swakopmund.

Die Lage der Kleinstadt an der namibischen Atlantikküste ist ideal für alle, die sich die gute Infrastruktur der Stadt gefallen lassen wollen, aber gleichzeitig echtes Wüstenfeeling erleben möchten. Ausflüge in das scheinbar endlose Sandmeer sind eine Leichtigkeit, da der 30 Kilometer lange Dünengürtel dort beginnt, wo Swakopmund seine südliche Grenze zieht. Direkt neben dem Stadtzentrum türmt sich am tosenden Ozean feinster Sand aus Quarzmineralien auf. Langsam gebe ich auf. Es kommt und kommt einfach kein Flugzeug. Schließlich unterbricht Raymond meine Suche, indem er in mein Blickfeld läuft: »Leg mal dein Ohr auf den Sand, dann merkst du, woher das Brummen wirklich kommt.« Und tatsächlich: Es ist nicht der Himmel, der den monotonen Sound hervorbringt.

Namibwüste bei Skakopmund

WJRVisuals/Shutterstock.com

Die Namibwüste bei Swakopmund singt

Es ist die Düne, auf der ich sitze. »Wir nennen das Wüstengesang. Die Schwingungen entstehen durch die Bewegung von Milliarden von Sandkörnern – verursacht durch den Wind.« Was es alles gibt! Fasziniert starre ich Raymond an, der mir seine Hand reicht und mir aufhilft. Denn eigentlich sind wir zwei nicht verabredet, um über singenden Sand zu staunen, sondern um auf ihm die Düne herunterzubrettern. Raymond Inichab ist Sandboarder. Der Trendsport, der vermutlich einst von gelangweilten Snowboardern in Kaliforniens Sommer erfunden wurde, ist längst zur beliebten Freizeitbeschäftigung von Swakopmunds junger Generation geworden.

Was bequemen Menschen wie mir sofort auffällt: Einen Skilift gibt es hier in der Wüste nicht, man muss sich die Abfahrt erst durch einen kräftezehrenden Aufstieg verdienen. Schon bald schmerzen die Waden, weil die Füße mit jedem Schritt weiter in die Düne einsacken. Der stramme Atlantikwind sorgt außerdem dafür, dass sich der Sand binnen Sekunden in sämtlichen Körperöffnungen einnistet. Es knirscht zwischen den Zähnen und scheuert zwischen Lid und Augapfel. Raymond schüttelt seine Dreadlocks und ruft: »Was für ein wunderbarer Tag zum Boarden! « Nun ja. Immerhin, denke ich, bin ich kein blutiger Anfänger, sondern bereits Snowboard-erprobt. »Was deine Balance angeht, sind das gute Voraussetzungen«, bestätigt Raymond. »Aber den Rest, den du vom Snowboarden kennst, kannst du im Prinzip direkt wieder vergessen.«

Surfen auf der Sanddüne

Sand habe nämlich eine gänzlich andere Beschaffenheit als Schnee, deshalb sei es zum Beispiel keine gute Idee, sich wie beim Snowboarden auf das vordere Bein zu stützen. »Du musst Zweidrittel deines Gewichts nach hinten verlagern, sonst bleibst du stecken und landest auf der Nase.« Gut zu wissen. Doch schon der erste zaghafte Versuch an einem kleinen Hang lässt mich meinen übertriebenen Respekt vor den Dünen abschütteln. Denn Sand reagiert auch viel träger als Schnee, was die Abfahrt langsamer und geschmeidiger macht. Die kratzigen Körner in meinen Ohrmuscheln und Nasenlöchern sind bald vergessen, und wir brettern für den Rest des Nachmittags über große und kleine Pisten – den Wind im Gesicht und den großen, blauen Ozean stets als Kulisse im Blickfeld.

Swakopmund selbst ist herrlich unaufgeregt. In Ufernähe fühlt sich das 40 000-Einwohner-Städtchen dank der dauerhaft frischen Brise wie ein Nordseebad an, entlang der Hauptstraße hat es durch zahlreiche Fachwerkhäuser einen süddeutschen Touch. Denn: Ja, die Überbleibsel aus der deutschen Kolonialzeit sind hier noch immer zu erkennen. An den Häusern prangen Schilder wie »Café Treffpunkt«, hängen Schaukästen mit Konzerttermine vom »Swakopmunder Männergesangverein von 1902« – und direkt in der Ortsmitte steht das »Swakopmund Brauhaus«, in dem deutsch gegessen und gesprochen wird.

Historisches Gebäude in Swakopmund

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Ob die Stadt nun aber – wie oft flachsend behauptet wird – die südlichste deutsche oder doch eine echt namibische Stadt ist, ist letztlich eine Frage der Perspektive. Der afrikanischstämmige Raymond hat viele Freunde mit deutschen Wurzeln, findet aber: »Von der älteren Generation abgesehen, wird hier kaum deutsch gesprochen.« Und die Deutsch-Namibierin Christiane Borg, die das gemütliche »Swakopmund Guesthouse« leitet, stimmt zu: »Die Stadt ist sehr afrikanisch. Afrikaans und Englisch sind die Hauptsprachen, wir Deutsch-Namibier sind in der Minderheit.« Da aber viele Deutsch-Namibier in der Dienstleistungs- und Tourismusbranche arbeiteten, habe Swakopmund in der Außenwahrnehmung manchmal immer noch diesen deutschen Touch.

Auf geht’s zu den Little Five

Und so kommt es eben vor, dass die Kellnerin im Restaurant unvermittelt auf Deutsch fragt, ob »alles gut« sei, oder die Einheimischen im Supermarkt »four Brötchen« bestellen. Alles ist miteinander verschmolzen. Johannes Jauernig ist ein weiterer Spezialfall. Der Mittvierziger ist ein echter Allgäuer, der vor zehn Jahren nach Namibia ausgewandert ist. »Naja, hängen geblieben trifft es wohl eher«, sagt er. Nachdem er seinen Banker-Job für eine ausgiebige Afrikareise an den Nagel gehängt hatte, verliebte Johannes sich in das Land, blieb und schulte zum Tourguide um. Ich treffe den Mann mit Pferdeschwanz und orangegetönter Sonnenbrille am Morgen nach meinem Sandboarding-Ausflug erneut in der Namibwüste bei Swakopmund.

Wir wollen uns in den Dünen auf die Suche nach den »Little Five« begeben. Johannes erzählt: »Die meisten Urlauberkommen natürlich wegen der »Big Five« nach Namibia, den großen Tiere oben im Etosha-Nationalpark. Wir kümmern uns dagegen um die kleinen Exemplare, darunter Wüstenchamäleon, Dünengecko und Sandviper, die heimliche Königin der Wüste.« Zugegeben: Offiziell gibt es die »Little Five« nicht. Sie sind eine Erfindung von Johannes’ Chef Tommy Collard, der die Tiergruppe Ende der 90er-Jahre ins Leben rief, um beim Blick aufs Detail auch mal den kleinen, faszinierenden Lebewesen der Namib eine Chance zu geben.

Es ist das Reich der Viper

Es ist an diesem Morgen noch frisch im Königreich der Viper. Der Sturm vom Vortag hat die Dünen glattgebügelt, alle Spuren sind maximal vom Vorabend. Wir sehen die Abdrücke von Maus und Kaphase, von Tunnelspinne, Schakal und Hyäne. Johannes freut sich: »Die Buschmann-Zeitung wurde gerade frisch geputzt.« Er hält mit einem Laserpointer auf den Sand, um die Temperatur zu messen. Das Display zeigt 20 Grad. »Bei 40 Grad Bodentemperatur ist die Aktivität am höchsten«, erklärt der Guide, »das ist etwa um zehn Uhr. Danach wird es den Tieren schnell zu heiß.«

Schakal in der Namibwüste

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Wir fahren ein paar Hundert Meter mit dem Allradjeep ins Innere der Namibwüste bei Swakopmund, als Johannes plötzlich auf die Bremse tritt und wie von der Hyäne gebissen aus dem Wagen springt. Zehn Meter weiter links beginnt er, ein großes, tiefes Loch zu graben – bestimmt 40 Zentimeter tief. Und dann plötzlich hält er etwas in der Hand. Er winkt mich in den Schatten hinter den Jeep, bevor er seine Hand öffnet. »Die Haut des Dünengecko ist ziemlich sonnenempfindlich und durchsichtig. Siehst du seine Wirbelsäule? « Urgs. Ja, sehe ich. »Das Tier nimmt den Großteil seiner benötigten Feuchtigkeit über die Haut auf, daher ist sie so dünn.«

Der Dünengecko – ein wunderschönes Tier

Als ich genau hinschaue, sehe ich, dass die transparente Haut in vielen, zarten Farben schimmert. Ein wunderschönes Tier, dessen Spur Johannes lediglich durch eine kleine Unregelmäßigkeit in der wellenförmigen Struktur des Sandes erkannt hat. Beeindruckt von seinen Adleraugen, lasse ich mich weiter über die Dünen ruckeln. Dann ein kurzer Stopp beim Wüstenchamäleon inklusive Mehlwurmsnack, den der Guide immer im Weckglas bei sich führt. Das fünf Zentimeter große Chamäleon wirkt fast zutraulich, als es nur einen halben Meter von uns entfernt seine Zunge in Richtung Mehlwurm rausschnellen lässt. Nur die Sandviper (auch Zwergpuffotter genannt), das inoffizielle Oberhaupt der »Little Five«, scheint ein paar Starallüren zu haben. Sie lasse sich in der Regel sehr bitten, komme nur selten zum Vorschein, hatte Johannes bereits angekündigt.

Doch in einem grünen Busch entdeckt er schließlich Spuren. Eindeutig eine Schlange, man erkennt die frischen Schuppenabdrücke im warmen Sand. Johannes schaut mit seiner metallenen Hakenstange zwischen das Grün, als es plötzlich zischt und pufft. »Sie warnt mich, ich solle sie gefälligst in Ruhe lassen «, sagt Johannes. Dann kommt sie gemächlich zum Vorschein: eine ausgewachsene, etwa 30 Zentimeter lange Sandviper. Sie bewegt sich in S-Form seitwärts durch den Sand und krümmt sich zwischendurch immer wieder, um ihre Angriffsstellung zu betonen. Als sie für einen Moment still hält, erkennen wir an ihrem Bauch, warum sie sich schützen will. Die Königin erwartet tatsächlich Nachwuchs. Bald wird ein weiteres kleines Wesen in dieser vermeintlich lebensfeindlichen Wüste Namib zu atmen beginnen. Ein Prinzenbaby, das schon bald durch die Büsche zischt und pufft – in diesem sandigen Königreich, das brummt und singt.

Tipps zur Anreise und zum Übernachten

Anreise. Direkt von Frankfurt a.M. nach Windhoek fliegt nur Air Namibia,. Alternativ bietet South African Airways die Route via Johannesburg an, Von Windhoek gelangt man mit dem Auto in etwa viereinhalb Stunden nach Swakopmund.

Hotels. Gemütlich und familiär ist das in Weiß gehaltene Swakopmund Guesthouse, DZ ab € 100 inkl. Frühstück, . Eines der traditionsreichsten Häuse im Stadtzentrum ist das Hansa Hotel, DZ ab € 120 inkl. Frühstück.

Sandboarding. Hata Angu Cultural Tours, vier Stunden kosten € 24 p. P. inkl. Snacks und Getränken.

»Little five «-Tour. Living Desert Tours, fünf Stunden kosten € 45 p. P. inkl. Abholung vom Hotel und Getränken.

Den reisen-EXCLUSIV-Guide finden Sie unter: www.reisenexclusiv.com/guide-namibia

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