Ich fahre mit einem Monster-Truck über eine amerikanische Farm und werfe Kühe mit Orangen ab – wie Moorhuhnschießen, aber eben mit Kühen. Und dem Unterschied, dass die Kühe zum Glück nicht tod umfallen, sondern die Orangen verschlingen. In Orlando verschwimmen Illusion und Realität. reisen-EXCLUSIV-Redakteurin Ulrike Klaas ist in die Freizeitparks Orlandos abgetaucht.

Generation X-Box ganz vorn im Monster Truck kennt kein Erbarmen. Zum Glück scheinen die Watussi-Rinder ein dickes Fell zu haben. Bei Treffern zucken sie nicht einmal zusammen, sondern hasten zu den herabprasselnden Orangen. Dabei schenken sie sich nichts. Frauen und Kinder zuerst? Nicht mit Vater Watussi – sobald eine Orange aus dem Truck fliegt, kickt er mit seinen überdimensionalen Hörnern seine Frau und sein Kalb zur Seite und verschlingt sie gierig. Die Rinder leben auf der Orangen-Plantage »Showcase of Citrus«, circa eine Autostunde von Orlando entfernt.

Ein idyllischer Ort, wenn nicht Monster-Truck-Fahrer John eine Show veranstalten würde. So springt er plötzlich vom Truck, sprintet zum See mit Klebeband bewaffnet, weil er angeblich einen Alligator gesichtet hat. Oder er verteilt Eimer mit Orangen zusammen mit der Aussage:

»Wer es schafft, eine Orange auf ein Horn der Watussi-Rinder aufzuspießen, gewinnt etwas.« Ein Scherz?

Träume ich? Nein, ich bin ganz real in den Freizeitparks

Generation X-Box nimmt es definitiv ernst. Die zierliche Rasse wirkt mit den überdimensionalen Hörnern, als könne sie jeden Moment vornüberkippen. Auch die anderen schwarzweiß gefleckten Kühe, die frei auf dem Farmgelände herumlaufen, essen Orangen für ihr Leben gern. Ob beim Melken Milch mit Orangengeschmack herauskommt? Ganz skurril wird es, als wir dann die illustre Patchwork-Familie erreichen. Ein Zebra, zwei Esel und eine Büffelfamilie grasen einträchtig hinter dem Zaun.

Träume ich? Nein, ich bin hellwach, und schließlich befinde ich mich im Orange County, wo die Einwohner im 19. Jahrhundert mit dem Anbau der Orangen einen ansehnlichen Wohlstand erwirtschafteten. Dabei ist es schon längst nicht mehr die reale Welt, die Orlando zur beliebtesten Urlaubsdestination in den USA gemacht hat. New York, San Francisco oder Los Angeles müssen neben Orlando klein beigeben. 2013 reisten 59 Millionen Besucher in die Vergnügungsstadt, wo große und kleine Träume wahr werden. Mittlerweile bietet Orlando so viele Hotelzimmer an, dass fast alle Einwohner sich problemlos einmieten könnten. Rund 250 000 Einwohner treffen auf rund 115 000 Hotelzimmer. Den Freizeitparks sei Dank.

Zu Gast bei Mickey und Ariel in Walt Disney World

Mickey empfängt die Besucher mit offenen Armen. Ein kleines Mädchen, selbst stolze Trägerin von Mickey-Mouse-Ohren, schaut gleichermaßen geschockt wie bewundernd. Die Eltern knipsen, was der Auslöser hergibt. Diese Momentaufnahme wird zweifelsohne bald den Kaminsims der Familie zieren.

Mit Mickey Mouse fing alles an: 1928 erweckte Walt Disney die Figur zum Leben. Ein Mann mit ebenso viel Fantasie wie Ambition. Ein Traumflüsterer, -fänger und -konservierer. Vater von Mickey Mouse, Donald Duck, Goofy und Pluto – und all jenen Figuren, die heute noch durch die Traumwelten kleiner Kinder spazieren. Und Gründer von Disney World. Den riesigen Freizeitparks.

Heimlich, still und leise hatte Walt Disney Anfang der 1960er-Jahre ein Riesenareal in Orlando erworben. Nachdem das erste Disneyland im kalifornischen Anaheim ein sensationeller Erfolg wurde, wollte Disney nach Florida expandieren. Grundvoraussetzung für den neuen Vergnügungspark war ein passendes Klima, hatte Walt Disney doch Pläne für eine Dschungeltour.

Life in plastic, it’s fantastic!

Die gibt es noch heute: Zwischen üppigem Grün bahnt sich das Boot seinen Weg – vorbei an einer betagten Dschungel-Plastikwelt. Doch die Kleinen im Boot sind begeistert und zeigen dort auf die versteinerten Giraffen und hier auf die erstarrten Löwen. Visionär Walt Disneys Ziel jedoch war es, eine Welt für Kinder UND Erwachsene zu erschaffen.

»I don’t want the public to see the world they live in while they’re in the park. I want them to feel they are in another world.«

(»Ich möchte nicht, dass meine Gäste im Park eine Welt sehen, in der sie leben. Ich möchte, dass sie sich wie in eine andere Welt versetzt fühlen.«)

Tatsächlich: Wer von Orlando aus Richtung Disney World fährt, dem wird spätestens beim Passieren des Ortsschildes klar: Nun befindet man sich mitten im »happiest place on earth«, wie groß auf den Straßenschildern prangt. Die Reifen gleiten lautloser dahin. Die Schilder tragen Mauseohren, nicht ein Papierchen flattert umher, und die Bepflanzung am Seitenrand ist so akkurat, als sei sie mit dem Lineal gezogen. Es ist eine Fantasiewelt, die zweimal so groß ist wie Manhattan – und die sich zudem ständig weiterentwickelt. Aus vier in sich geschlossenen Themenparks, zwei Wasserparks, 30 Hotels und 70 000 Angestellten setzt sich die Disney’sche Welt zusammen. Stillstand? Gibt es nicht. Bis 2017 soll eine Avatar-Welt entstehen.

Der Platz für neue Traumwelten scheint unerschöpflich 

Bis dahin vergnügen sich die Parkbesucher beispielsweise im Magic Kingdom. Dort hüpfen kleine Mini-Mäuse mit bauschigen Prinzessinnen-Rüschenkleidern an den Händen ihrer Eltern über die Straßen. Kleinmädchenträume werden ebenso wahr wie lang gehegte Erwachsenenillusionen. Pünktlich um 15 Uhr steht die Disney Welt dann komplett Kopf. Die »Disney Dreams Come True Parade« zieht mit mitreißendem Beat die Prachtstraße bis zum Aschenputtelschloss hinauf. Irgendwann beginne ich mitzuklatschen und mitzutanzen, winke Pluto zu und freue mich unbändig, als er zurückwinkt. Wieder Kind sein! Dafür ist man tatsächlich nie zu alt!

Darsteller in Disneyland

Ulrike Klaas

Ich werde verfolgt, während ich durch die dunklen Hinterhöfe und tiefen Häuserschluchten New Yorks rase, gerate dabei in Hagelfeuer und Explosionen. Die dunklen Schatten sind mir hier stets auf den Fersen. Fast kann ich den Nervenkitzel nicht mehr aushalten. Doch Spiderman ist da, stets an meiner Seite, und boxt mich aus den ausweglosesten Situation.

Der pure Wahnsinn! Die perfekte Illusion!

Ich bin nach der Attraktion »Amazing Adventures of Spiderman« benommen und aufgedreht. Ich brauche anschließend etwas, um die rasanten Bilder zu verarbeiten, die sich noch immer vor meinen Augen abspielen. Ein phänomenales 3D-Filmabenteuer.

Doch wer in dem 1990 eröffneten Universal Orlando Resort Zeit verbringt, hat eigentlich keine Zeit. In den zwei Freizeitparks »Universal Studios Florida« und »Universal’s Islands of Adventure« sowie der Shopping- und Restaurantzone »Universal CityWalk« jagt eine Attraktion für Erwachsene die nächste. Nach dem Abenteuer mit Spiderman ziehe ich mit den Transformers in den Kampf – eine actiongeladene 3D-Fahrt, bei der mir fast Hören und Sehen vergeht. Auf der »Rocket«-Achterbahn rase ich in die Tiefe und stehe Kopf, während sich eine Playliste von Songs abspielt, die ich vorher zusammengestellt habe. Doch irgendwann wird Spaß zur Pflicht.

Erst Achterbahn, dann Hogwarts

In der Ferne entdecke ich die Spitzen von Hogwarts. Perfekt für eine ausgedehnte Pause. Ich bummele durch die »The Wizarding World of Harry Potter«, bestehen aus dem zauberhaften Dörfchen Hogsmeade mit der Dorfgaststätte »Die drei Besen«, wo man bei Butterbier und Kürbissaft die Potter-Welt auf sich wirken lässt. Der Bahnhof King’s Cross samt Hogwarts Express und der angrenzenden Winkelgasse mit ihren magischen Geschäften sind ebenso zu finden wie das von Weitem gesichtete Schloss Hogwarts, wo man auf Schulleiter Albus Dumbledore trifft. Auch der nächste Nervenkitzel lässt nicht auf sich warten. Und so begebe ich mich mit »Harry Potter auf die verbotene Reise«. Ich fliege auf Harrys Nimbus 2000 über das Quidditch-Feld. Und jage dem Goldenen Schnatz nach. Plötzlich flankieren mich Hermine und Ron, und wir rasen hinauf zum Schloss. Im nächsten Moment kämpfe ich gegen Todesser, die hinter den Bäumen auftauchen.

Und dann wird mir schließlich übel! Zu viel vorgetäuschte, rasante Realität. Ich muss die Augen schließen, kann Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten. Eine Achterbahn der Neuzeit – eine neuartige Kombination aus Live-Action, Robotertechnologie und Filmsequenzen. Es ist eine einzige Manipulation der Sinne und ein Spiel mit der Illusion, die unbändigen Spaß bereitet – jedenfalls all jenen, die einen robusten Magen vorzuweisen haben. Alle anderen sollten vielleicht nicht allzu viel feste Nahrung vor dem Besuch in den Freizeitparks zu sich nehmen. Amüsieren kann auf den Magen schlagen. Ich erhole mich bei den Simpsons in Springfield. Setze mich in Moes Taverne und gehe bei Krustys Burgerladen vorbei. Ein Muss für jeden Simpson-Fan! Ein schöner Schein – wie die gesamte Universal-Welt.

Forever Florida: Rasantes Naturschauspiel

Ist er echt? Oder aus Plastik? Fast möchte ich meine Hand ausstrecken und den Alligator berühren. Im letzten Moment fällt mir ein: Das hier ist die reale Welt. Meine Fantasie spielt mir dennoch einen Streich. Und ich sehe schon vor meinem geistigen Augen, wie der Alligator plötzlich in die Höhe schnellt und nach mir schnappt. Die illusionäre Welt der letzten Tage hat Spuren hinterlassen.

Ich bin ständig mit der Frage konfrontiert: Bin ich wach, oder träume ich? Doch dieses Naturschauspiel ist definitiv echt. Was für eine Stille! Eine Autostunde südlich von Orlando beginnen schließlich die Everglades – wenn auch die nördlichsten Ausläufer. Vor mir breitet sich die idyllische Sumpflandschaft des Lake Cypress aus; umringt von alten Zypressen, um die Spanisch Moos ein Mäntelchen gestrickt hat.

Disneyland Orlando

Ulrike Klaas

Rasant wird es dann trotzdem – schließlich sind wir in Orlando, wo ein Tag ohne Nervenkitzel in den Freizeitparks ein verlorener Tag ist. Guide Skip pflügt sodann mit dem Airboat über das Wasser. Zum Glück tragen wir Insassen Ohrenschützer. Denn das Luftboot lärmt, dass ich fast meine Gedanken nicht mehr hören kann. Skip stoppt plötzlich und zeigt nach vorne.

»Im Lake Cypress leben mehr als 1500 Alligatoren«, ruft er uns zu.

Auch dieser Alligator spielt toter Mann. Skip gibt wieder Gas. Und fast hat man das Gefühl, erneut in einer Achterbahn zu sitzen und schwerelos dahinzurasen; allerdings inmitten einer realen Traumkulisse. Die Traumwelten sind hier tatsächlich unerschöpflich. Schließlich befinde ich mich in Orlando – dem Ort, wo Träume Alltag sind! Dort wo die Freizeitparks zu Hause sind. Oder um es in Walt Disneys Worten zu sagen: »Spaß ist Amerikas wichtigster Export!«


Anreise
. Mit Lufthansa nonstop von Frankfurt a. M. nach Orlando. www.lufthansa.de

Unterkunft. Hyatt Regency Orlando. Luxuriöses Business-Hotel in guter Lage nahe den Themenparks sowie der Innenstadt. Eine Nacht im Doppelzimmer ab ca. € 230 inkl. Frühstück.
www.orlando.regency.hyatt.com

Themenparks. 1-Tages-Ticket vor Ort an der Tageskasse zu kaufen ist mit Abstand die teuerste Variante und bei dem großen Angebot an Reisebüropauschalen, Hotelpauschalen, Kombi-Tickets mit anderen Parks, Park-Hopper-Tickets, Spar-Tickets etc. nicht zu empfehlen. Die einfachste Variante und oft auch die billigste ist es, in Reisebüros die Tickets zu erwerben. www.universalorlando.com, www.disneyworld.disney.go.com.

Showcase of Citrus. Täglich geöffnet von 8 Uhr bis 17 Uhr, im Sommer bis 19 Uhr. Eintritt frei. Trinkgeld für den Guide wird empfohlen. www.showcaseofcitrus.com

Airboat auf dem Lake Cypress. AIRBOAT AUF DEM LAKE CYPRESS. Täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, sonntags geschlossen. Eine Stunde kostet für Erwachsene € 32 Euro, für Kinder € 25, der Eintritt zum dazugehörenden Wildlife-Park ist inklusive. www.wildfloridaairboats.com

Info. Visit Orlando, Tel.: 0800 1007325, www.VisitOrlando.com/de

Den reisen-EXCLUSIV-Guide finden Sie unter: www.reisenexclusiv.com/guide-orlando

 

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